Der Geniale Mensch
I
Was ist Genie? Keine geringere als diese Frage wird in dem Buche: «Der geniale Mensch» von Hermann Türck aufgeworfen. Mit der Erkenntnis der Genialität ist wohl zugleich diejenige eines der allerwichtigsten Weltprobleme verknüpft. Denn Genialität ist geistige Zeugung. Und wer auf modern naturwissenschaftlichem Standpunkt steht, der kann in der geistigen Zeugung, in der seelischen Produktivität nichts anderes sehen als eine höhere Stufe der Produktivität in der Körperwelt. Wie entsteht aus dem Mutterorganismus ein neues Individuum? Wie entsteht im Laufe der geistigen Entwickelung der Menschheit ein neues geistiges Gebilde: eine musikalische Komposition, ein Gedicht, ein neues Werkzeug, oder sagen wir nur ein neuer Witz? Dies sind für die moderne Weltanschauung durchaus verwandte Fragen. Auf das Schöpferische, auf das Hervorbringen, auf das Zeugen kommt es beim Genie an. Was schon da war, geistig zu verarbeiten und weiter zu überliefern, dazu bedarf es keines Genies. Man kann alles Wissen der Welt in seinem Kopfe herumtragen — wenn man keinen neuen Gedanken hat, hat man kein Genie. Und man braucht gar nicht viel zu wissen — wenn einem etwas einfällt, und sei es nur eine neue Art, sich die Krawatte zu binden, hat man etwas Genialisches an sich. Man darf nicht verkennen, daß in den groBen Genies, auf denen der Fortgang der Kultur beruht, nicht eine besondere mystische Gabe vorhanden ist, sondern nur eine Steigerung derjenigen geistigen Fähigkeit, die in jedem Neu-Ersinnen auftritt. Genie ist in diesem Sinne eine allgemein-menschliche Eigenschaft. Bis zu einem gewissen Grade hat jeder Genie. Und diejenigen, die man im eigentlichen Sinne geniale Menschen nennt, haben nur höhere Grade dieser allgemein-menschlichen Eigenschaft. Die geniale, produktive Fähigkeit der Seele steht der bloß kombinierenden Verstandesbegabung gegenüber. Diese bringt nichts Neues hervor, sondern weist den Gedanken, die aus dem Genie stammen, nur die rechten Bahnen, gibt ihnen den Platz im Gedankensystem, den sie einzunehmen haben.
Der geistreiche Poseur Franz Brentano hat in einem interessanten Schriftchen «Das Genie» (Leipzig 1892) richtig darauf hingewiesen, daß das Genie eine allgemein-menschliche Gabe ist. Nur verwechselt er leider das Spezifische des Genies, die Zeugungsfähigkeit, die Produktivität mit der bloß kombinierenden, also eigentlich impotenten Fähigkeit des Geistes. Er sagt: «Wir haben die verschiedenen Gebiete durchmustert, wo man von genialen Erscheinungen spricht. Den weiten Abstand, der den Schachspieler vom Dichter und musikalischen Komponisten trennt, haben wir durchmessen, überall war die Antwort die gleiche. Keine Eingebung eines höheren Geistes haben wir in ihnen zu erblicken, immer führt die tiefere Untersuchung auf Fähigkeiten, die der Art nach übereinstimmend in allen Menschen gefunden werden, und auf Ideenverbindungen, die nach denselben Gesetzen wie bei uns erfolgen. Es gibt kein unbewußtes Denken, welches beim Genie zum bewußten hinzukäme. Im Gegenteil finden wir das Genie in gewissen Fällen nur weniger denkend sich betätigen, indem es eines Teiles der Arbeit, nämlich der kritischen Nachbesserung, wegen der Vorzüglichkeit der ersten Gedanken überhoben. ist. Hiernach erweist sich der Abstand zwischen Genie und gemeinem Talent geringer, als man häufig glaubt. Und in der Tat besteht zwischen dem einen und andern keine Kluft, sondern wir finden Zwischenformen, und jeder größere Unterschied erscheint durch Übergänge vermittelt» (S. 37). Dieser Bemerkung liegt die Beobachtung zugrunde, daß die Genialität eine allgemein-menschliche Fähigkeit ist, nicht eine mystische Gabe besonders bevorzugter Individuen.
Eine unbefangene Beurteilung der hier in Betracht kommenden Erscheinungen ist nur möglich von dem Standpunkte der modernen Wissenschaft aus. Solange man daran festhielt, daß alle Menschen nach einem bestimmten idealen Vorbilde geschaffen sind, konnte man nichts anderes tun, als sorgsam nach den Unterschieden suchen zwischen dem Durchschnittsmenschen und demjenigen, der in irgendeiner Richtung von dem Durchschnitte abweicht. Die neuere Naturwissenschaft kennt kein Bild eines vollkommenen Menschen. Es gibt für sie nicht zwei einander vollkommen gleiche Individuen; und zwischen Gesundheit und Krankheit, zwischen dem Genie und dem Idiotismus, zwischen selbstloser Gesinnung und Verbrechertum und so weiter kennt sie keine festen Grenzen, weil diese Erscheinungsweisen des Seelenlebens durch unzählige Zwischenstufen allmählich ineinander übergehen. Wie schwer es zum Beispiel ist zu sagen, wo gesundes Seelenleben aufhört und Irrsinn anfängt, beweist der Umstand, daß auf die Notwendigkeit einer Reform der Irrengesetzgebung hingewiesen wird, weil man die Prinzipien ungenügend findet, nach denen die Irrenärzte heute entscheiden, ob ein Mensch wegen Geisteskrankheit von der übrigen Gesellschaft abzuschließen ist. Das gesunde Seelenleben geht durch eine Modifikation seiner Kräfte ganz allmählich in ausgesprochenen Wahnsinn über. Die einfache Sinneswahrnehmung des gesunden Menschen entspricht niemals ganz den beobachteten Tatsachen, sonst könnten zwei Personen nicht zuweilen von einem und demselben Ereignis, das sie gesehen haben, ganz verschiedene Berichte geben. Von dieser Veränderung der wahrgenommenen Tatsachen durch unsere Sinnesorgane bis zu der offenbaren Illusion, wo unsere Wahrnehmung von den äußeren Eindrücken ganz verschieden ist, und von da bis zur Halluzination, wo ein Sinnesbild ohne äußere Veranlassung vorhanden ist, besteht ein allmählicher Übergang. Illusionen und Halluzinationen sind krankhafte Erscheinungen, die aber Bestandteile eines sonst gesunden Seelenlebens bilden können. Erst wenn die Sinnestäuschungen von der menschlichen Urteilskraft nicht mehr durchschaut, sondern für Wirklichkeit gehalten werden, fängt der Wahnsinn an. Aber dieser kann zunächst nur vorübergehend sein. Es gibt Menschen, die unter dem Eindrucke heftiger Gemütsbewegungen vollkommen die Erscheinungen des Wahnsinns zeigen, während sie sonst als geistig gesund gelten müssen. Ein Gleiches ist zu sagen von den Erinnerungsvorstellungen. Bei der sogenannten Aphasie, die auf einer Erkrankung in den vorderen Hirnpartien beruht, tritt Sprachlosigkeit ein, weil der Mensch trotz vollkommener Gesundheit der Sprachorgane und: der Urteilskraft die Erinnerung an die Wortvorstellungen verliert. Von dem mangelhaften Erinnerungsvermögen bis zum Auftreten der unser ganzes Seelenleben zerstörenden Erinnerungsfälschungen; von der Phantasievorstellung bis zu der krankhaften Zwangsvorstellung finden sich wieder alle möglichen Übergänge.
Ebensowenig wie es eine feste Grenze zwischen dem sogenannten normalen Geist und dem Wahnsinnigen gibt, kann man eine solche zwischen der Durchschnittsbegabung und dem Genie finden. Jeder Kalauer, jeder Einfall, der aus einem Durchschnirtskopf entspringt, beweist, daß der Mensch nicht bloß Beobachtungen registriert, sondern produktiv ist. Bei dem Genie ist die Erfindungsgabe nur eine reichere als beim Durchschnittsmenschen. Vollkommen werden geniale Schöpfungen nur, wenn der Erfindungsgabe ein entsprechendes Maß von Talent zur Seite steht, das dem Genie die Herrschaft über seine Ideen sichert. Verliert es die letztere, so wird es von seinen eigenen Gebilden wie von fremden Gewalten beherrscht. Deshalb kann, wenn die Erfindungsgabe einseitig ausgebildet ist und von keiner registrierenden, ordnenden Seelenkraft unterstützt wird, das Genie in Wahnsinn übergehen. Aus dem Umstande, daß hervorragende Menschen und Irrsinnige oft Abnormitäten in der Schädelbildung zeigen, daß Klima, Temperaturverhältnisse, Rasse, Vererbung in ähnlicher Weise auf beide wirken, schließt Lombroso auf eine Verwandtschaft des Genies mit dem Ikrsinn, ja, er geht so weit, das geniale Schaffen sich als eine besondere Äußerung einer epileptischen Veranlagung zu denken, weil Epileptiker und Genies in gleicher Weise an Schwindelanfällen und Wutausbrüchen leiden. Bei genauerer Untersuchung stellt sich aber heraus, daß sich nur für die geschilderten Individuen mit einseitig genialer Veranlagung Ähnlichkeiten mit den Irrsinnigen aufzeigen lassen, während man bei bedeutenden Menschen mit harmonischer Ausbildung aller Geisteskräfte, wie Raphael, Shakespeare, Goethe, nicht eine krankhafte Hirntätigkeit, sondern einen höheren Grad von Leistungsfähigkeit des Zentralnervensystems annehmen muß. Lombroso erklärt aber nicht das geniale Schaffen, sondern nur einzelne Erscheinungen im Seelenleben jener Individuen, bei denen Talent und Genie einander nicht das Gleichgewicht halten.
Auch das Verbrechertum kann ja vom Standpunkte der modernen Naturwissenschaft aus begriffen werden. Nicht um das einzelne Verbrechen kann es sich handeln, sondern um das ganze Seelenleben des Verbrechers. Man hat in neuerer Zeit nachgewiesen, daß sich bei den Verbrechern aller Völker gewisse gemeinsame physische und geistige Eigenschaften finden. In diesen haben wir den Erklärungsgrund für die verbrecherische Neigung zu suchen. Falsch erscheint es, wenn einzelne Forscher diese Neigung auf eine besondere Form von Geisteskrankheit, den moralischen Irrsinn, zurückführen. Denn bei Menschen mit ausgesprochenem Mangel an moralischen Begriffen finden sich immer auch Fehler in der Urteilskraft und im Gefühlsleben. Diese Ansicht wird sich ebenso die Strafgesetzgebung wie die Pädagogik zunutze machen müssen.
Von diesem Gesichtspunkte aus möchte ich Hermann Türcks Buch betrachten.
Es behandelt in folgenden Abschnitten den «genialen Menschen»: Künstlerisches Genießen. Philosophisches Streben. Praktisches Handeln. Shakespeares «Hamlet». Goethes «Faust». Byrons «Manfred». Schopenhauer und Spinoza. Christus und Buddha. Alexander, Cäsar, Napoleon. Darwin und Lombroso. Stirner, Nietzsche und Ibsen.
II
Wie beim physischen Befruchtungsakt sich zwei Prinzipien vereinigen, ein männliches und ein weibliches, so auch bei der Hervorbringung, die durch den genialen Menschen bewirkt wird. Der Künstler, der Philosoph: sie nehmen ihren Stoff von außen auf und bringen aus sich die künstlerische, die philosophische Gestaltung, die Form hinzu. Ich glaube mit diesem Satze nicht bloß ein Bild ausgesprochen zu haben, sondern etwas, was im Zusammenhang der Naturerscheinungen seine gute Begründung hat. Die monistische Wissenschaft wird einst die Brücke schlagen von den Beobachtungen, die Hertwig auf Korsika über die Befruchtungsvorgänge der Lebewesen gemacht hat, zu den Erscheinungen, die dem Psychologen das Problem des Genies vorweist.
Im Befruchtungsvorgang folgt das Lebewesen einem physischen Trieb. Dennoch besorgt es sozusagen nicht seine eigenen selbstsüchtigen Geschäfte, sondern diejenigen der Gesamtnatur, es geht mit seinem Tun über die Sphäre seines Selbsterhaltungstriebes hinaus. Wenn wir bildlich sprechen dürfen, so können wir sagen: im Befruchtungsvorgang gebraucht die Natur eine List. Sie setzt in den Menschen einen Trieb, durch den eine selbstlose, unegoistische Handlung dennoch aus eigennütziger Begierde vollzogen wird. Die Wollust des Befruchtungsvorganges ist die selbstsüchtige Befriedigung an einer Handlung, die nicht auf das Selbst, sondern auf die ganze Welt geht. Ein Ähnliches bemerken wir auch am Genie. Durch sein Schaffen befriedigt es im höchsten Grade sich selbst. In diesem Schaffen liegt die höchste geistige Wollust. Dennoch liegt das Ziel dieses Schaffens nicht in der Beförderung des eigenen Selbst, sondern in der Mitwirkung an den großen Daseinsnotwendigkeiten der Weltordnung. Auf dieser höchsten Daseinsstufe des Menschen, im genialen Wirken, ist er aus Selbstsucht selbstlos. Hier fallen Egoismus und Altruismus zusammen, in einer höheren Einheit.
Dieses hat Hermann Türck übersehen. Statt auf den Punkt hinzuweisen, auf dem in der Genialität der Egoismus in Selbstlosigkeit umschlägt, statuiert er einen Gegensatz. Er sagt, der Gegensatz zwischen Genie und gewöhnlichem Menschen besteht in der Selbstlosigkeit des ersteren und in dem Egoismus des letzteren. Der Mensch, der sich nicht in egoistischer Sorge den Einzelheiten des Lebens hingibt, sondern ohne Rücksicht auf seine eigensüchtigen Zwecke sich in den ewigen Gang der Dinge objektiv einlebt: der soll genial sein. «Die Objektivität, die Liebe, das rein sachliche Interesse ist es, die den genialen Menschen dazu bringt, sich in einen Gegenstand zu vertiefen, sich ganz seinem Eindruck hinzugeben» ($.15). «Objektivität, Liebe ist das Geheimnis der Genialität, also auch der künstlerischen Intuition. Der Künstler liebt den Gegenstand, den er anschaut, er will seine Existenz, und infolgedessen betrachtet er ihn nicht einseitig, nicht nur auf gewisse Merkmale hin, die ein praktisches Interesse haben, sondern allseitig, nach allen Richtungen hin, die für die Existenz des Dinges selbst wesentlich sind. Im Walde sieht er nicht, wie der Holzhändler, nur einen Begriff, eine Summe Geldes, nein, er liebt das Ding, den Wald selbst» (5.17 £.). «Ist Genialität gleichbedeutend mit Objektivität oder Selbstlosigkeit, so wird das praktische Verhalten des genialen Menschen dahin zielen, alles, was zu tun ist, mit ganzer Seele zu tun, mit voller Hingabe an das Werk selbst, sei es, was es sei» (S.55). Man sieht, überall macht Hermann Türck denselben psychologischen Fehler. Er hat eine Tatsache richtig beobachtet, nämlich die, daß das genialische Handeln den Charakter der Selbstlosigkeit an sich trägt; aber er sieht nicht zugleich, daß diese Selbstlosigkeit dem Genie eine sich bis zur geistigen Wollust steigernde Befriedigung gewährt. Das Charakteristische am Genie ist die Höhe seiner Kultur, die ihm gestattet, an den höheren Notwendigkeiten der Natur ein ebensolches Interesse zu haben wie der Holzhändler an der Summe Geldes, die ihm sein Wald bringt.
Ich bin von tiefem Mißtrauen erfüllt gegen die Menschen, die viel von Selbstlosigkeit, von Altruismus sprechen. Mir scheint, gerade diese Menschen haben kein rechtes Gefühl für das egoistische Behagen, das eine selbstlose Handlung gewährt. Die Menschen, die behaupten, man solle nicht an dem Zufälligen, Unwesentlichen, Zeitlichen des Daseins kleben bleiben, sondern nach dem Notwendigen, Wesentlichen, Ewigen streben: sie wissen nicht, daß das Zufällige und Zeitliche sich in Wirklichkeit von dem Ewigen und Notwendigen gar nicht unterscheidet. Und das genialische Verhalten ist gerade dieses, das aus dem Zufälligen, Unbedeutenden überall das Notwendige, Bedeutende hervorzaubert. Türck sagt: «Wo das persönliche Interesse, wo die Subjektivität, wo die Selbstsucht ins Spiel kommt, geht die Wahrheit zum Teufel. Sind also Selbstsucht, Subjektivität und Lüge verschwistert, so ist der Gegensatz der Selbstsucht, die Liebe, das reine sachliche Interesse, die Objektivität aufs engste verbunden mit der Wahrheit» ($.4). Nein, und dreimal nein! Wo das persönliche Interesse, die Subjektivität, die Selbstsucht eines Menschen so veredelt sind, daß er nicht an der eigenen Person allein, sondern an der ganzen Welt Anteil nimmt, da ist allein Wahrheit; wo der Mensch so kleinlich ist, daß er nur durch Verleugnung seines persönlichen Interesses, seiner Subjektivität die großen Geschäfte der Welt zu besorgen vermag: da lebt er in der schlimmsten Daseinslüge.
Ganz anschaulich wird Hermann Türcks Irrtum an seiner Behandlung des Goetheschen Faust. In Faust hat Goethe die genialische Persönlichkeit dargestellt. Die Hingabe an die Magie soll nur ein Symbol für die Hingabe an die ewigen Mächte der Welt sein. Solange Faust diese magische Kraft des Genies in sich fühlt, solange vermag ihm Mephistopheles nicht beizukommen. Er kümmert sich nicht um die zeitlichen Sorgen des Daseins. Er ist in das Ewige vertieft. Da tritt die Sorge an ihn heran. Sie macht ihn erblinden. Jetzt soll er keinen Sinn mehr haben für die ewigen Mächte, Jetzt geht er in den zeitlichen Sorgen des Daseins auf. In einer Alltagstätigkeit findet er seine Befriedigung. Ich bin mit Hermann Türck vollständig darin einverstanden, daß die Sorge die größtmögliche Veränderung in Faust hervorbringt. Türcks Interpretation ist geistreich. Sie beweist aber genau das Gegenteil von dem, was Türck beweisen will. Faust war, bevor die Sorge an ihn herangetreten ist, gegenüber allem Zeitlichen in völliger Sorglosigkeit. Er wollte das Ewige haschen. Als die Sorge über-ihn kommt, lernt er den Wert des Zeitlichen, der unmittelbaren alltäglichen Daseinsziele schätzen. Das Zeitliche wird ihm nun das Ewige. Das unmittelbare Dasein gewinnt für ihn einen unendlichen Wert. Es kann die Spur von seinen Erdentagen nicht in Äonen untergehen. Er sucht eben nicht mehr aus egoistischem Gelüst ein jenseitiges Ewiges; ihn gelüstet jetzt, in selbstlosem, diesseitigem Schaffen sich zu befriedigen. Als ihn der Schein nicht mehr blendet, als er erblindet, geht ihm im Endlichen das Ewige auf. Die meisten Menschen sind das ganze Leben hindurch blind, Faust erblindet am Ende. Aber das Erblinden Fausts hat einen ganz anderen Sinn als das der meisten Menschen. Diese können ihr ganzes Leben lang das Ewige nicht sehen, weil ihr Egoismus zu eng, zu beschränkt ist, um überhaupt zu diesem Ewigen vorzudringen. Sie hängen in ihrer Blindheit an dem Zeitlichen. Faust hängt sein ganzes Leben lang nicht an diesem Zeitlichen, weil er einem Trugbild des Ewigen nachjagt; am Ende des Lebens hängt er sich an das Zeitliche. Er wird da also scheinbar wie die meisten Menschen. Er erblinder. Aber das Motiv, warum er sich an das Zeitliche hängt, ist ein ganz anderes als bei den meisten Menschen. Er hat den unendlichen Wert dieses Zeitlichen, seinen Ewigkeitswert erkennen gelernt. Früher glaubte er, die ganze Welt müsse nur für ihn da sein, um ihn zu befriedigen. Deshalb will er durch die Kraft der Magie zum höchsten Genusse sich erheben. Am Ende findet er, daß er in dem Tun für die Welt den höchsten Selbstgenuß findet. Die Selbstlosigkeit befriedigt erst seine aufs höchste gesteigerte Selbstsucht.
Hermann Türcks Betrachtungsweise ist also einseitig. Deshalb kann er auch zur Würdigung solcher Menschen wie Stirner nicht kommen. Ihm ist Stirners Weisheit Antisophie. Stirners Verherrlichung des Einzigen ist ihm Ausfluß des bornierten Egoismus. Er bemerkt gar nicht, daß gerade solche Geister das im höchsten Maße anstreben, was er vom Genie fordert: Wahrheitsliebe. Sie wollen nicht die heuchlerische Daseinslüge kultivieren, als wenn der Mensch auf der höchsten Stufe seines Daseins sich völlig seines Selbst entäußerte, um selbstlos zu wirken. Nein, diese Menschen wollen nichts weiter als wahr sein, wahr gegen sich und wahr gegen alle Welt. Hinweg mit der Lüge, als wenn es eine Selbstentäußerung, eine Selbstlosigkeit gäbe um ihrer selbst willen. Es gibt selbstlose Menschen, die in hingebungsvoller Liebe ihr Leben hinbringen. Aber es ist nicht wahr, daß sie dies durch Aufgeben ihres Selbst tun. Sie lieben, weil ihnen die Liebe einen höchsten Selbstgenuß bereitet; sie lieben, weil es ihnen Wollust ist, sich hinzugeben. Und wenn ein Gott aus Liebe die Welt geschaffen hätte, so hätte er es getan, weil er in dieser Selbstentäußerung zugleich eine göttliche Wollust, einen göttlichen Selbstgenuß empfunden hätte.
Türcks Buch ist ein höchst verdienstvolles. Es regt an. Aber in der rechten Weise wird nur der durch dasselbe angeregt, der die gegenteiligen Folgerungen von denen des Verfassers zieht. Der Dualismus von Egoismus und Altruismus, von borniertem und genialischem Individuum, den Türck vertritt, muß in einen Monismus aufgelöst werden. Nicht selbstlos soll der Mensch werden; das kann er nicht. Und wer sagt, er kann es, der lügt. Aber die Selbstsucht kann sich bis zu den höchsten Weltinteressen aufschwingen. Ich kann die Angelegenheiten der ganzen Menschheit besorgen, weil sie mich ebenso wie meine eigenen interessieren, weil sie zu meinen eigenen geworden sind. Der «Eigene» Stirners ist nicht das bornierte Individuum, das sich einkapselt und die Welt Welt sein läßt; nein, dieser «Eigene» ist der wahre Repräsentant des Weltgeistes, der sich die ganze Welt als sein «Eigentum» erwirbt, um so die Angelegenheiten der ganzen Welt als seine eigenen zu behandeln. Erweitert euer Selbst nur erst zum Welt-Selbst, und dann handelt immerzu egoistisch. Seid wie das Hökerweib, das Eier auf dem Markte verkauft. Nur besorgt nicht das Eiergeschäft aus Egoismus, sondern besorgt das Weltgeschäft aus Egoismus! «Unser ganzes Kunststück besteht darin, daß wir unsere Existenz aufgeben, um zu existieren», sagt Goethe. Und Hermann Türck interpretiert das so: «Unser ganzes Kunststück besteht darin, daß wir unsere selbstsüchtige und persönlich beschränkte Existenz aufgeben, um erst wahrhaft, in erhöhter Weise zu existieren.» Ich möchte aber so interpretieren: «Unser ganzes Kunststück besteht darin, daß wir unsere nur an engen Interessen hängende und interessierte Existenz aufgeben, um mit den höheren Interessen zu existieren, in ihnen unsere selbstsüchtige Befriedigung zu finden.»
Nun wird gewiß mancher kommen und sagen: das alles sei nur sophistisch. Ich deute nur die Selbstlosigkeit in einen höheren Grad von Selbstsucht um. Mag sein. Aber ein solcher sollte bedenken, daß aller Fortschritt des Erkennens in der Umdeutung vorher falsch angesehener Tatsachen beruht. Wer den Darwinismus nur als eine umgedeutete Bibel ansehen will, der mag es tun. Ihm ist nicht zu helfen. Auf ihn kann aber auch nicht gerechnet werden, wenn es sich um wahre Erkenntnisfragen handelt. Es ist einfach nicht wahr, daß irgendein Mensch selbstlos sein kann. Wahr ist aber, daß seine Selbstsucht sich so veredeln kann, daß er Interesse nicht nur an seinen eigenen, sondern an den Angelegenheiten der ganzen Menschheit gewinnt. Predigt den Menschen nicht: sie sollen selbstlos sein, aber pflanzet in sie die höchsten Interessen, auf daß sich an diese ihre Selbstsucht, ihr Egoismus hefte. Dann veredelt ihr eine Kraft, die wirklich in dem Menschen liegt; sonst redet ihr von etwas, was es nie geben kann, was aber die Menschen nur zu Lügnern machen kann.