Das Chaos

Vor einiger Zeit ist ein höchst merkwürdiges Buch erschienen, das mit ähnlichen literarischen Erscheinungen seines Genres in der Gegenwart das Schicksal teilt, viel zu wenig beachtet zu werden: «Das Chaos in kosmischer Auslese» von Paul Mongré. Es verdient aber ein anderes Schicksal. Wer ungeblendet durch Zeitvorurteile das Buch durchnimmt, wird finden, daß es heute wenig gibt, was so anregend, ja, für den, der sich intensiv für die höchsten Daseinsfragen interessiert, sogar aufregend wirkt. Der Verfasser bekennt, in philosophischen Dingen eigentlich Dilettant zu sein. Er hat keine gründliche Belesenheit in der philosophischen Literatur. Deshalb geht er auch nicht mit der Befangenheit an die Lösung seiner Aufgabe wie viele unserer philosophisch geschulten Zeitgenossen. Das gibt dem Buche etwas Philosophisch-Naives. Paul Mongré gesteht, daß nicht seine Persönlichkeit es ist, die zu dem Problem hingetrieben hat, sondern daß ihn sozusagen das Problem überwältigt hat, daß es an ihn herangetreten ist und ihn nicht losgelassen hat, bis er eine Stellung, ein Verhältnis zu ihm gewonnen hat. Das hat etwas viel Natürlicheres, als wenn jemand durch einen philosophischen Bildungsweg zu einer solchen Aufgabe kommt. Wer von der Philosophie als solcher ausgeht, bei dem müssen wir uns nur allzu oft fragen: wäre dieser Mann denn überhaupt zu seinen Fragen gekommen, wenn er zufällig nicht Philosoph, sondern sagen wir Mediziner oder Chemiker geworden wäre? Und wenn wir dann die Schriften einer solchen Persönlichkeit lesen, dann werden wir immer wieder und wieder durch alles mögliche an diese Frage erinnert. Bei Paul Mongré ist das nicht der Fall. Wir werden vielmehr stets gemahnt, wie machtvoll die aufgeworfenen Fragen auf der Menschenseele lasten, wie sie, gleichgültig was wir sonst im Leben treiben, uns quälen, wie das Verhältnis, das wir zu ihnen gewinnen, unendlich einflußreich für unser Lebensglück ist.

Der Verfasser kommt von der Mathematik her. Das verrät sich in jedem Satze. Mathematisch ist seine ganze Denkweise. Nun hat diese Denkweise ebensoviel Vorteile wie Nachteile. Die Schlußfolgerungen der Mathematik tragen eine mustergültige Zuverlässigkeit in sich. Wer mathematisch geschult ist, wird auch dann, wenn er über andere Dinge nachdenkt, nach ebensolcher Zuverlässigkeit streben, wie er sie von seiner Wissenschaft her gewohnt ist. Aber das mathematische Denken bereitet Klippen. Es hat als solches unmittelbar mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Es ruht auf Voraussetzungen, die rein ideal sind. Wenn ein Punkt in einer Ebene sich so bewegt, daß seine Entfernung von einem festen Punkte immer dieselbe bleibt, dann entsteht ein Kreis. Und von dem Kreis gelten alle die Gesetze, die wir durch die Mathematik kennenlernen. Alle diese Gesetze wären auch richtig, wenn es in der Wirklichkeit nirgends einen Kreis gäbe. Jedenfalls sind die Gründe, warum wir diese Gesetze für richtig halten, ganz anders als diejenigen, aus denen wir die Richtigkeit irgendeines wirklichen Vorganges behaupten. Die Mathematik ist gewissermaßen ein großes Gedicht. Wenn ich den pythagoreischen Lehrsatz beweisen will, so messe ich nicht die beiden Katheten eines rechtwinkligen Dreieckes und dann die Hypothenuse, um zu beweisen, daß das Quadrat über der letzteren gleich der Summe der über den beiden ersteren ist. Ich beweise das mit mathematischen Mitteln an einem rein idealen Gebilde. Dennoch muß sich an einem wirklichen rechtwinkligen Dreieck das, was ich rein gedanklich festgestellt habe, rechtfertigen. Ich entscheide in der Mathematik über Verhältnisse in der Wirklichkeit, ohne diese erst zu fragen. Und sie gibt mir stets bezüglich aller Folgerungen recht, wenn sie meine Voraussetzungen erfüllt. Wenn irgendwo ein rechtwinkliges Dreieck oder ein Kreis vorhanden sind, dann erfüllen sie die Gesetze, die ich, ohne erst die Wirklichkeit zu fragen, über sie festgesetzt habe. Das scheint den meisten Menschen so selbstverständlich. Wer aber tiefer geht, für den enthüllt sich hier eine große Frage. Es ist doch jeder davon überzeugt, daß die mathematischen Gesetze, die er sich hier mit seinem Erdenkopfe ausgedacht hat, auch auf dem Mars gelten. Er hat aber die Verhältnisse auf dem Mars gar nicht danach gefragt. Wir erdichten mathematische Gesetze, und die Wirklichkeit ist immer so gut, sie uns zu erfüllen.

Von der Sicherheit, die gerade durch diese Stellung der Mathematik zur Wirklichkeit ihren Urteilen innewohnt, ist jeder Mathematiker erfüllt. Der Chemiker ist nicht in der gleichen Lage. Er kann die Eigenschaften von Wasserstoff und Sauerstoff in ihrer Trennung noch so gut kennen; wie sie sich verhalten, wenn sie in Zusammenhang gebracht werden: darüber muß ihn erst die Wirklichkeit belehren. Und er ist sich, wenn er die Grundlagen seiner Wissenschaft beachtet, immer bewußt, daß er im Unsicheren tappt. Er muß immer erst die Wirklichkeit fragen. Allerdings, wenn er sein Erfahrungsfeld ausdehnt, so nähert er sich in bezug auf die Sicherheit seiner Urteile bis zu einem gewissen Grade der mathematischen. Aber das ist doch immer nur ein Annähern.

Ich will nun zunächst gar nicht darüber sprechen, was es eigentlich ist, was die mathematischen Urteile von denen über wirkliche Dinge unterscheidet. Und auch davon nicht, ob es noch anderes in unserm Leben gibt, was ebensolche oder ähnliche Sicherheit in sich trägt wie die Mathematik. Aber von den subjektiven Denkgewohnheiten wollte ich sprechen, die den Mathematiker unterscheiden von demjenigen, der in einem andern Wissenszweige sich betätigt.

Der Mathematiker ist daran gewöhnt, nur sich, nur seine Denknotwendigkeiten zu fragen, wenn er Entscheidungen trifft. Und er ist ebenso daran gewöhnt, seine Wahrheiten in der Wirklichkeit unbedingt gültig zu finden. Mit solchen Gefühlen betritt er im Grunde jede Sphäre, in die ihn das Leben führt.

Und mit solchen Gefühlen betritt Paul Mongr& den Boden der großen Daseinsfrage. Das ist seine Gefahr. Es ist zweifellos, daß seine Schlußfolgerungen für diese höchsten Daseinsfragen maßgebend sein werden, wie der pythagoreische Lehrsatz für die Wirklichkeit maßgebend ist, wenn für jene Schlußfolgerungen die Voraussetzungen der Wirklichkeit ebenso zutreffen wie für den pythagoreischen Lehrsatz. Ja, wenn dieses «wenn» nicht wäre!!! Erdichtet mathematische Zusammenhänge. Es gibt für euch zwei Möglichkeiten. Entweder in der Wirklichkeit sind irgendwo solche Voraussetzungen, wie ihr sie macht, dann könnt ihr auch die Folgerungen, welche die Wirklichkeit aus diesen Voraussetzungen zieht, in euer mathematisches Netz einspinnen. Erfüllt euch aber die Wirklichkeit eure Voraussetzungen nicht, dann schwebt ihr mit euren mathematischen Erdichtungen im Leeren. Aber das eine wie das andere schadet der Wahrheit eurer Behauptungen gar nichts. Der pythagoreische Lehrsatz bliebe wahr, auch wenn er in keiner Wirklichkeit sich erfüllte. Die Wahrheit des Mathematischen ist also in dieser Hinsicht von der Wirklichkeit gar nicht abhängig. Der Mathematiker hat es somit lediglich mit sich selbst zu tun.

Was beweist das alles? Ich glaube, sonnenklar geht daraus hervor, daß etwas wahr sein kann, ohne daß durch diese Wahrheit über die Wirklichkeit erwas ausgemacht ist. Bei den großen Weltproblemen greifen wir aber unbedingt in die Wirklichkeit hinüber. Wir fühlen uns gar nicht gefördert dadurch, daß wir sagen können: wenn gewisse Voraussetzungen zutreffen, dann sind gewisse Folgerungen unbedingt notwendig. Wir wollen wissen, ob und inwiefern die Voraussetzungen zutreffen. Ich bleibe bei dem Beispiel des pythagoreischen Lehrsatzes. Er ist wahr. Er ist erfüllt, wenn es rechtwinklige Dreiecke in der Welt gibt. Damit bin ich zufrieden. Ist das aber ebenso der Fall, wenn ich nach dem Ursprung des Menschen frage? Hat ihn ein Gott geschaffen? Hat er sich aus niederen organischen Wesen entwickelt, so wie der Darwinismus feststellt? An solchen Fragen bin ich ganz anders interessiert als an den mathematischen. Ich muß, wenn ich nicht an aller Einsicht verzweifeln soll, an die Voraussetzungen selbst heran. Und kann ich nicht, dann muß ich eben an meiner Einsicht verzweifeln. Dann muß ich mir eben sagen: ich wandle im Dunkel durch die Welt, ohne zu wissen, was ich bin, woher ich gekommen, was aus mir werden soll. Ich möchte in einer paradoxen Form dem Mathematiker sagen, wober das kommt. Es kommt davon, weil er Mathematiker ist und nicht rechtwinkliges Dreieck. Als Mathematiker interessiert ihn sein Satz. Wenn er aber rechtwinkliges Dreieck wäre, so wäre ihm nicht nur die Wahrheit dieses Satzes interessant, sondern auch das wirkliche Zutreffen der Voraussetzungen. Ich stehe als rechtwinkliges Dreieck dem Mathematiker gegenüber. Der sagt sich: wenn dies Ding existiert, so muß es dieses Gesetz erfüllen. Damit bin ich, das rechtwinklige Dreieck, nicht zufrieden. Ich will über dieses «wenn» mich erklären. Zur «Wahrheit» will ich noch etwas anderes.

In keinem anderen Falle wie das rechtwinklige Dreieck dem Mathematiker gegenüber ist nun aber der Mensch dem mathematischen Denker gegenüber. Das zu übersehen, ist nun gerade ein mathematischer Denker zu sehr geneigt. Er glaubt leicht: er könne über das Weltproblem wie über Aufgaben der Mathematik sprechen. In diesen Fehler verfällt Paul Mongré. Ein Beispiel. Er bringt den auch schon anderwärts geltend gemachten Gedanken vor: «Wegen der Relativität unseres Messens fallen die absoluten Maße der Raumgebilde nicht in unser Bewußtsein — wir würden nichts davon merken, wenn das Weltall seine wirklichen Dimensionen plötzlich hundertfach vergrößerte oder verkleinerte, da an dieser Gesamtveränderung sowohl die zu messenden Objekte als auch unsere Maßstäbe teilnehmen. Soll das nun etwa heißen, das Weltall wäre wirklich, im transzendent realistischen Sinne, ein beliebig aufschwellender oder einschrumpfender Gummiball? Nein, sondern nur, daß jenseits unserer relativen Größenwahrnehmung der Begriff räumlicher Größe überhaupt gegenstandslos wird.» Das ist mathematisch gedacht. Aber nehmen wir an, jemand ginge nun weiter und ziehe aus diesem unzweifelhaft wahren Gedanken den Schluß: wenn außer unserem Bewußtsein alles seine Gültigkeit ebenso verliert wie die Maßbestimmungen es zu tun scheinen, so könnte es auch richtig sein, daß wir innerhalb unseres Bewußtseins uns mit Recht als von niederen Organismen abstammend betrachten; außerhalb aber könnte ein Dämon walten, der die Menschengebilde äfft. Für mathematisches Denken ist gegen das Ziehen eines solchen Schlusses gar nichts einzuwenden. Wenn er gültig wäre, dann hätte ich es immer nur mit Schlußfolgerungen, mit Wahrheiten zu tun, die für mich — innerhalb meines Bewußtseins — gelten; außerhalb desselben läge die endlose Möglichkeit — für mich das Chaos, über das ich nichts weiß, über das ich nicht einmal reden darf, ohne mir klarmachen zu müssen, daß ich über das hinausgehe, was ich behaupten darf. Zweierlei wäre dann sicher. Ich hätte Wahrheiten; diese gelten für mich. Sie gelten aber für nichts außer mir. Ich suche die Gesetze, nach denen die Dinge wirken, die vor meinen Sinnen ausgebreitet sind; ich suche die Gesetze meines eigenen Wirkens. Aber außer mir könnte das alles nicht so sein, wie es mir erscheint. Da könnte statt der Gesetze des Lichtes ein Dämon wirken, da könnte statt meiner psychologischen und physiologischen Gesetze, nach denen ich den Fuß zum Vorwärtsgehen lenke, ein Dämon sein, der ihn vorwärts schiebt. Dies ist das eine. Das andere ist: ich kenne die Grenzen, bis zu denen meine Wahrheiten reichen. Ich baue mir innerhalb dieser Grenzen eine gesetzmäßige Welt auf. Und dennoch sage ich: bis hierher und nicht weiter. Der Mathematiker sagt: ich messe die Dinge. Sie haben in bezug auf meinen Maßstab diese bestimmte Größe. Wenn alles und damit mein Maßstab wächst, dann bin ich am Ende. Weiter darf ich nicht gehen. Und für mich sind wir an einem entscheidenden Punkte. Hat es denn überhaupt einen Sinn, von Größe zu sprechen, wenn wir nicht messen können? Was soll es heißen: das Weltall wird größer, wenn gar nichts seine frühere Größe behält? Ist ein Weltall wirklich größer geworden, wenn nichts seine ursprüngliche Größe behalten hat? Ist eine Größe überhaupt vorhanden, ohne daß sie mit einer andern verglichen wird? Wenn es aber keinen Sinn hat, von Größerwerden zu sprechen, wo nicht gemessen wird, ist es dann nicht zugleich sinnvoll, das Messen unbedingt dort gelten zu lassen, wo eben gemessen wird? Oder in weiterer Perspektive: Wenn es keinen Sinn hat, von einer tierischen Abstammung des Menschen außer unserer Welt zu sprechen: ist es denn nicht zugleich richtig zu sagen, es hat unbedingten Sinn innerhalb dieser Welt und kann gar nicht anders sein?

Wollte ich alle die mathematisch gedachten Einzelheiten besprechen, welche Paul Mongré vorbringt, so müßte ich selbst ein Buch schreiben, mindestens so stark wie das seinige. Ich will aber nur seine Denkweise charakterisieren. Dazu wird es genügen, eine möglichst einfache Sache in dem Sinne zu behandeln, der seine ganze Betrachtungsweise beherrscht. In der Erfahrungswelt, in der wir leben, sehen wir den Sohn auf den Vater, auf den Sohn den Enkel folgen. Dieses Folgen stellt sich im Zeitablauf dar. Wenn wir nun diesen Zeitablauf betrachten, ist in demselben keine andere Folge denkbar als die: Vater - Sohn — Enkel? Denkbar ist auch eine andere. Wir können uns vorstellen, daß es irgendeinen Weltbeschauer gebe, der nicht wie wir vorwärts, sondern rückwärts sehe, also: Enkel — Sohn — Vater. Wieder einen anderen Beschauer könnten wir denken, der folgenden Ablauf sehe: Sohn — Enkel — Vater, einen weiteren: Enkel — Vater — Sohn. So stellt sich, was wir sehen, nur als ein Spezialfall von anderen möglichen, in abstrakto denkbaren Fällen dar. Dehnen wir nun diese Betrachtung in der mannigfachsten Weise auf die ganze uns vorliegende Erfahrungswelt aus, so können wir uns vorstellen, daß alle Geregeltheit, die wir als kosmischen Zusammenhang wahrnehmen, nur ein spezieller Einzelfall unendlich vieler denkbarer Welten sich darstellte. Alle Gesetze, alle Begriffe, die wir auf unsere Welt anwenden, sind nur Spezialfälle. Wohin kommen wir, wenn wir alle kosmische Gesetzmäßigkeit in dieser Weise als Spezialfall vorstellen? Wir kommen dazu, daß in der Unsumme von allgemeinen Welten keines der in unserer geltenden Gesetze statthat, daß darin keiner unserer Begriffe gilt. Wir kommen dazu, sagen zu müssen, daß, wenn wir aus unserer Welt hinaus- und in eine andere hineingehen, wir in die Gesetz- und Regellosigkeit, in das Chaos einmünden. Und zuletzt kommen wir noch weiter. Nichts nötigt die verschiedenen außer uns bestehenden Möglichkeiten (in unserem Beispiel: Sohn — Enkel — Vater; Enkel — Vater — Sohn und so weiter), gerade die bestimmte für uns gegebene besondere Daseinsform anzunehmen (in unserem Beispiele: Vater — Sohn — Enkel zu werden). Ja, es braucht gar keine der denkbaren Möglichkeiten zu existieren. Und da für das Denken die unsrige gar keinen Vorzug hat vor den anderen denkbaren, so braucht auch unsere nicht notwendig zu existieren. Unsere ganze Welt, die wir wahrnehmen, braucht also vor einer höheren Instanz (im transzendenten Sinne, wie es in Paul Mongrés Terminologie heißt) nicht zu existieren. «Warum den Namen scheuen? Unser Idealismus läuft hier, wenn es die letzte Konsequenz gilt, in die scharfe und gefährliche Spitze eines transzendenten Nihilismus aus» (S. 188).

Zu solchen Extravaganzen des Begriffes hat nun Paul Mongré sein mathematisches Denken verführt. Der Mathematiker sondert im Gedanken die Zeit, den Raum von dem andern Gehalt der Welt ab und hantiert dann mit ihnen als mit abstrakten Gebilden. Er kann von dem Zeitablauf sprechen, der neben der Folge: Vater — Sohn — Enkel existiert. Aber in Wirklichkeit ist dieser Zeitablauf überhaupt nicht als solcher vorhanden. Er ist nicht getrennt von der inhaltlichen Folge: Vater — Sohn — Enkel. Der Sohn ist nur möglich als Folge des Vaters und der Enkel nur als Folge des Sohnes. Sie geben sich selbst die Zeitfolge. Und diese letztere hat ohne sie gar keinen Sinn, ist ein leeres Abstraktum. Ein anderer Weltbeschauer mag meinerwegen zuerst den Enkel, dann den Sohn, dann den Vater sehen. Das ändert nichts daran, daß die Reihenfolge, die nicht er den drei Gliedern gibt, sondern die sie sich selbst geben, dieselbe bleibt. Paul Mongré sondert erst seine vielen denkbaren Welten durch Abstraktion aus unserer wirklichen heraus. Sie sind denkbar. Aber das tut nichts. Sie sind nur als Abstraktionen.aus der wirklichen denkbar. Sie sind ohne sie nichts. Wir können mit noch so kühnen Spekulationen nicht aus unserer Welt hinaus. Wir bleiben innerhalb derselben. Wir können es gar nicht mit einer Mehrheit von Welten zu tun haben, sondern nur mit der einen, mit unserem Kosmos. Und weil das so ist, so ist auch dieser Kosmos notwendig, so hat er durch sich seine Gesetzmäßigkeit in sich. Er ist kein Einzelfall aus unermeßlich vielen; er ist die Einheit, die Richtung und Ursache, die aber auch den Grund ihrer Existenz in sich hat. Paul Mongrés Schlußfolgerung können wir auch durch folgenden Vergleich anschaulich machen. Ein Herrscher regiere sein Volk im Sinne bestimmter Gesetze, Diese sind herausgewachsen aus den Empfindungen, Gewohnheiten und so weiter des Volkes. Sie haben nur durch letzteres Bestand. Nun komme jemand und sage: Sondern wir den Herrscher von den Gesetzen ab. Diese können nun auch andere sein. Wir können uns unzählige Möglichkeiten denken; wie er sein Volk regiert, ist nur ein Einzelfall von unzähligen möglichen. Hier sieht wohl jeder sofort das Unzulässige der Schlußfolgerung. Wir können uns zwar unendliche Möglichkeiten des Herrschers denken, aber ein solches Denken spielt im vollständig Leeren. Wie dieser Herrscher regiert, ist durch die Eigenheit des Volkstums nur auf die eine Weise möglich. Paul Mongrés ganze Schlußfolgerung ist unstatthaft. Sie darf gar nicht angestellt werden.

Ich bin (wie man aus meiner vor mehreren Jahren erschienenen «Philosophie der Freiheit» sehen kann) im Resultat mit Mongré insoweit einverstanden, als auch ich alle Weltbetrachtung auf die uns gegebene Erfahrungswelt einschränke, als auch ich jedes Denken über eine andere (transzendente) Welt ablehne. Aber mir ist auch unsere Welt zugleich die einzige, wovon wir zu reden berechtigt sind. Paul Mongré lehnt eine Metaphysik ab, weil ihr Inhalt das Chaos ist; ich lehne sie ab, weil nichts aus unserer Welt hinausführt und man nicht von dem redet, wovon zu reden keine Veranlassung ist. Aber ich komme auch nicht zum Nihilismus, weil ich mir nicht sage: da keine der denkbaren Welten vor einer anderen etwas voraus hat, muß auch unsere nicht existieren, kann sich also als Schein und Traumbild aus dem Chaos des Nichts herausheben, sondern ich sage mir: weil es außer unserer keine uns denkbare gibt, ist unsere notwendig, muß durch sich, nicht durch Auslese aus unendlich vielen so sein, wie sie ist.

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