Die Kämpfe Um Haeckels «Welträtsel»
Ein Ereignis, das tief im Geistesleben unserer Zeit wurzelnde Gegensätze in ihrer schroffsten Form an die Oberfläche des literatischen Kampfes gebracht hat, sahen wir in den letzten Monaten sich abspielen. Der Mann, der vor nahezu vier Jahrzehnten mit seltenem Denkermute die folgenschweren Gedanken Darwins über die Entstehung der Lebewesen zur umfassenden Weltanschauung ausgebildet hat, ist mit einer Schrift: «Die Welträtsel, Gemeinverständliche Studien über monistische Philosophie» hervorgetreten. Ernst Haeckel wollte in diesem Buche eine «kritische Beleuchtung» der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse unserer Zeit für weitere gebildete Kreise geben und auf Grund seiner reichen Forscherarbeit die Frage beantworten: «Welche Stufe in der Erkenntnis der Wahrheit haben wir am Ende des neunzehnten Jahrhunderts wirklich erreicht? Und welche Fortschritte nach unserm unendlich fernen Ziele haben wir im Laufe desselben wirklich gemacht?»1 Über die Ausführungen des Vorkämpfers der Darwinschen Vorstellungsart hat sich nun ein Kampf erhoben, dessen hervorstechendste Eigenschaft die ist, daß er nicht im Tone ruhiger leidenschaftsloser Auseinandersetzung, sondern in erbitterter, stürmischer Art geführt wird. Nicht logische Verirrungen, nicht unbewiesene Behauptungen, nicht Erkenntnisfehler allein sind es, die Ernst Haeckel zum Vorwurf gemacht worden sind, sondern das wissenschaftliche Gewissen, der moralische Sinn, die Fähigkeit zu wissenschaftlichem Forschen überhaupt sind ihm abgesprochen worden. Darwin hat von Haeckels «Natürlicher Schöpfungsgeschichte» gesagt: «Wäre dieses Buch erschienen, ehe meine Arbeit (über die «Abstammung des Menschen) geschrieben war, würde ich sie wahrscheinlich nie zu Ende geführt haben; fast alle Folgerungen, zu denen ich gekommen bin, finde ich durch diesen Forscher bestätigt, dessen Kenntnisse in vielen Punkten viel reicher sind als meine» (Einleitung des Werkes «Abstammung des Menschen»). Und jetzt, da dieser von dem großen Reformator der Naturwissenschaft einst in dieser Weise ausgezeichnete Forscher die Summe seiner Lebensarbeit in einer abschließenden Schrift zieht, sehen wir ihn in der maßlosesten Weise von vielen Seiten geradezu als den Typus eines Denkers hingestellt, wie er nicht sein soll. Denn die Richtung, in welcher der ganze Kampf geführt wird, ist durchaus charakterisiert durch die Worte, die einer seiner Gegner, der in weiten Kreisen angesehene Philosoph Friedrich Paulsen, im Juliheft der «Preußischen Jahrbücher» gebraucht hat. «Es war nicht Freude an dem Inhalt, es war vielmehr Indignation, die mich ... zu lesen trieb, die Indignation über die Leichtfertigkeit, womit hier von ernsten Dingen gehandelt wurde. Daß es ein Mann von Ruf war, der hier sprach, ein Mann, den Tausende als Führer verehren, der selbst mit Stolz in Anspruch nimmt, dem neuen Jahrhundert voranzugehen und den Weg zu weisen, das steigerte die Indignation, und sie wurde nicht gemildert, sondern geschärft dadurch, daß ich hier vielfach Gedanken, die mir wert sind, in allerlei Verzerrungen wiederkehren sah... Ich habe mit brennender Scham dieses Buch gelesen, mit Scham über den Stand der allgemeinen Bildung und der philosophischen Bildung unseres Volkes. Daß ein solches Buch möglich war, daß es geschrieben, gedruckt, gekauft, gelesen, bewundert, geglaubt werden konnte bei dem Volk, das einen Kant, einen Goethe, einen Schopenhauer besitzt, das ist schmerzlich.»
Man fragt sich: Was hat der Mann getan, dem solche Vorwürfe ins Gesicht geschleudert werden? Wer ruhig und leidenschaftslos die «Welträtsel» durchliest und sich dabei lediglich in seinem Urteile durch die naturwissenschaftlichen Ergebnisse der letzten vierzig Jahre bestimmen läßt, der muß sich sagen: Haeckel hat, allerdings mit rückhaltloser Schärfe, aber sachgemäß das Bekenntnis dargestellt, das er sich aus seiner unermüdlichen Forscherarbeit heraus gebildet hat. Er hat eine reinliche Scheidung vollzogen zwischen den Vorstellungen derer, die sich ihren «Glauben» auf Grund der Naturgesetze bilden, und denen, die hierfür andere Quellen anerkennen. Er wird selbst leidenschaftlich, wenn es gilt, jahrhundertealte Vorurteile gegen die von ihm vertretene Anschauung zu bestreiten, aber seine Leidenschaft ist die einer Persönlichkeit, die mit ganzem Herzen, mit tiefem gemütlichem Anteile an dem hängt, was sie als richtig erkannt zu haben glaubt. Alles, was Haeckel in den «Welträtseln» vorbringt, ist nichts anderes als das Ergebnis dessen, was er fünf Jahre vorher in streng wissenschaftlicher Weise in seiner «Systematischen Phylogenie» ausgeführt hat, in einer Arbeit, für die er eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Auszeichnungen der Gegenwart, den «Bressa-Preis» erhalten hat, der von der Turiner Akademie der Wissenschaften dem Gelehrten zu erteilen war, der «im Laufe des Quadrienniums 1895-1898 die wichtigste und nützlichste Erfindung gemacht oder das gediegenste Werk auf dem Gebiete der physikalischen und experimentalen Wissenschaften, der Naturgeschichte, der reinen und angewandten Mathematik, der Chemie, der Physiologie und Pathologie veröffentlicht, ohne die Geologie, die Geschichte, die Geographie und die Statistik auszuschließen». Im weiten Umkreis aller dieser Geistesgebiete hat also die Akademie der Wissenschaften zu Turin für die Jahre 1895 bis 1898 kein «gediegeneres» Werk, ja keine Erfindung finden können, die wichtiger und nützlicher wäre als Haeckels «Phylogenie». — Könnte sich Ernst Haeckel damit begnügen, seine die gesamten Lebenserscheinungen vom Standpunkte der gegenwärtigen Wissenschaft umfassenden Einsichten in einer Weise vorzutragen, die von der «strengen Wissenschaft» unserer Zeit als die einer «exakten» und «objektiven» Methode anerkannt ist: man würde sich wahrscheinlich darauf beschränken, das Urteil der Turiner Akademie zu einem allgemeinen zu machen und ihn den bedeutendsten Biologen nach Darwin nennen. Aber Haeckels geistiger Charakter verträgt keine Halbheit. Er ist nicht imstande wie so viele seiner naturforschenden Zeitgenossen, sich zu sagen: hier das naturwissenschaftliche Denken - hier der religiöse Glaube. Er fordert den strengen Einklang zwischen den beiden. Was seine Vernunft als Grundwesen der Welt erkannt hat, das will sein Gemüt auch religiös verehren. Die Wissenschaft hat sich bei ihm in der natürlichsten Weise zum religiösen Bekenntnis umgeformt. Er kann nicht zugeben, daß man «glauben» könne, was nicht im Sinne der Wissenschaft gedacht ist. Deshalb führt er einen rücksichtslosen Kampf gegen Glaubensvorstellungen, die für ihn im Widerspruch mit der Wissenschaft stehen. Er hat kein Verständnis für diejenigen, die im Sinne Kants dem Wissen nur ein beschränktes, diesseitiges Gebiet zuweisen möchten, damit im Felde des Unerkennbaren der Glaube sich um so sicherer festsetzen könne.
Man wird Haeckel nie verstehen, wenn man ihn, wie das Paulsen und wie es auch der allerdings in einem würdigeren Tone sprechende Julius Baumann («Haeckels Welträtsel nach ihren starken und schwachen Seiten») tun, als dogmatischen Philosophen nimmt. Alle seine Ausführungen werden dadurch verzerrt. Man muß ıhn, wenn man seinen Aussprüchen den rechten Sinn geben will, bei seinen Gedankenbildungen belauschen. Charakteristisch ist zum Beispiel, wenn er sagt: «Jeder Naturforscher, der gleich mir lange Jahre hindurch die Lebenstätigkeit der einzelligen Protisten beobachtet hat, ist positiv überzeugt, daß auch sie eine Seele besitzen; auch diese «Zellseele» besteht aus einer Summe von Empfindungen, Vorstellungen und Willenstätigkeiten; das Empfinden, Denken und Wollen unserer menschlichen Seele ist nur stufenweise davon verschieden.» Obwohl Haeckel hier von Empfindungen und Willenstätigkeiten der einzelligen Lebewesen spricht, so behauptet er von diesen Wesen nicht mehr, als er sieht. Er hat nicht den Gedanken, daß irgendwie in der Zelle eine Seele verborgen sei; er hält sich an die Erfahrung. Was seinem Auge sich darbietet, das nennt er Empfindung und Wille, weil er findet, daß es sich durch nichts anderes von den komplizierten Seelentätigkeiten der höheren Tiere und des Menschen unterscheidet als dadurch, daß es einfacher, primitiver ist. Der Irrtum bei den Philosophen, die ihn beurteilen wollen, entsteht nun dadurch, daß sie der Ansicht sind: man müsse irgend etwas hinzudenken zu dem, was die Sinne darbieten, um eine Erklärung liefern zu können. Sie vergleichen dann, was sie hinzudenken mit dem, was Haeckel nach ihrer Meinung hinzudenkt. Dann finden sie seine philosophischen Begriffe im Vergleich mit den ihrigen dilettantisch. Sie haben sich auf Grund der Entwickelung, welche die Philosophie genommen hat, bestimmte, scharfgeprägte Vorstellungen davon gebildet, was Empfindung, was Wille ist. Es erscheint ihnen dann als nichts anderes denn als philosophischer Unsinn, wenn Haeckel von Empfindung und Wille einzelliger Gebilde spricht. — Wie weit das Mißverständnis gehen kann, zeigt sich klar an Urteilen, die Paulsen fällt. Er findet in der Stufenleiter der Seele, die Haeckel gibt, das schlimmste Beispiel eines «öden und inhaltleeren Schematisierens», das ihm bekannt ist. Haeckel geht von den einfachsten Lebenstätigkeiten der niedersten Wesen aus und verfolgt, wie die Seele immer reicher, komplizierter wird, wenn man stufenweise zu den höheren Tieren hinaufsteigt. Was soll daran «öde und inhaltleer» sein? Der Inhalt, um den es sich hier handelt, ist doch der denkbar reichste. Es sind die unübersehbaren Beobachtungen, die wir über die Lebensäußerungen der Organismen gemacht haben. Wer den Gedanken Haeckels voll zu Ende denken wollte, der müßte die kurze Gedankenskizze, die er gibt, ausfüllen mit einem unendlichen Reichtum an Erfahrungen. Wer mit dem Schema nichts anderes mitdenkt, als was darin unmittelbar dem Wortlaute nach ausgesprochen ist, dem allerdings muß der Gedankengang als «ödes, inhaltloses» Schematisieren erscheinen. Was also will Paulsen? Man kann sich davon einen Begriff machen, wenn man sich an eine in philosophischen Schriften auch der Gegenwart immer wiederkehrende Behauptung hält: eine wirkliche Entwickelung könne nur so verstanden werden, daß alle Wirkungen der Anlage nach in der Ursache bereits vorhanden sind. Man glaubt, daß man, wenn das nicht der Fall, nur von einer zeitlichen Aufeinanderfolge eines Zustandes auf einen anderen, nicht aber von einer Evolution des einen aus dem anderen sprechen könne. Wer diese Ansicht von Entwickelung hat, der kann allerdings mit der Weltanschauung Haeckels nichts anfangen. Für ihn bleibt der ganze Haeckelsche Monismus unverständlich. Denn im Sinne dieses Monismus kann von einem Vorhandensein der Wirkung in der Ursache allerdings nicht die Rede sein. Alle Wirkungen sind dieser Weltanschauung gemäß wahre, echte Neubildungen. Als die Erde ihre letzte Entwickelungsphase noch nicht erreicht hatte, als es auf ihr noch keine Menschen gab, da war in den damals lebenden menschenähnlichen Affen der Mensch in keiner Weise schon vorhanden. Er war ebensowenig vorhanden, wie in Sauerstoff und Wasserstoff Wasser vorhanden ist. Auch das Wasser entwickelt sich aus Sauerstoff und Wasserstoff, aber weder der eine noch der andere Stoff enthält der Anlage nach das Wasser. Es ist eine vollständige Neubildung. Und nehmen wir einmal an, es wäre nirgends Wasser vorhanden, wohl aber Sauerstoff und Wasserstoff, so könnte kein intelligentes Wesen aus der Beobachtung sagen, was entsteht, wenn man beide Stoffe verbindet. Das kann nur durch die Erfahrung bestimmt werden. Auch die höheren Seelentätigkeiten sind der Anlage nach nicht in den niederen enthalten. Sie sind durchaus Neubildungen. So ist in gewissem Sinne für den Monismus Haeckels die Entwickelung wirklich nur die Aufeinanderfolge eines Zustandes auf den anderen und nicht das Herauswickeln des einen aus dem andern. Wer in dieser Richtung mit Haeckel nicht mitgeht, der kann gar nicht wissen, was dieser mit der «Stufenleiter der Seele» will. Er wird sich sagen: ich mag die Begriffe, die ich mir von den niederen Lebewesen gebildet habe, drehen und wenden wie ich will; ich kann aus ihnen nicht entwickeln, was sich mir als Seelenleben der höheren Wesen darstellt. Philosophen von der Art Paulsens verlangen eben von der rein logischen Begriffsentwickelung, was diese nimmermehr leisten kann, was vielmehr nur die Beobachtung liefern kann. Weil sie nicht in eben dem Sinne wie Haeckel fortwährend Beobachtungsstoff aufnehmen, wenn sie von Begriff zu Begriff schreiten, bleiben sie bei den ersten Begriffen, die sich Haeckel gebildet hat, stehen und finden dann das Ganze «öde und inhaltleer».
Haeckel spricht den schärfsten Tadel über diejenigen Psychologen aus, die «über das immaterielle Wesen der Seele, von dem niemand etwas weiß, phantasieren und diesem unsterblichen Phantom alle möglichen Wundertaten zuschreiben». Paulsen fertigt ihn ab, indem er sagt: «Ich brauche nicht zu sagen, wie grotesk jedem, der auch nur ein wenig in der psychologischen Literatur der letzten Jahrzehnte bewandert ist, diese Schilderung ihres Zustandes erscheinen muß. Es ist, als ob jemand von Psychologie redet, der die letzten dreißig Jahre verschlafen und nur etwa aus Langes «Geschichte des Materialismus> oder aus Büchners «Kraft und Stoff) ein paar Reminiszenzen im Ohr hat.» Welche Verkennung dessen, was Haeckel eigentlich will! Kann denn im Ernste diesem Denker jemand zumuten, daß er der Ansicht sei: es gäbe keine nur durch innere Anschauung zu beobachtenden Seelentätigkeiten? Kann man wirklich Haeckel für so naiv halten, daß er die Molekularbewegungen des Gehirnes mit dem Inhalt der Psychologie verwechselt? Auch Haeckel fällt es natürlich nicht ein zu glauben, daß Gehirnphysiologie Psychologie sei. Wer die menschliche Seele verstehen will, der muß hinuntersteigen in ihre ureigenen Zustände; aus den Denkorganen im Gehirn wird er sie nimmermehr erkennen. Aber ein anderes ist, eine Sache in der Eigenart ihres Wesens erkennen; ein anderes sie wissenschaftlich erklären. Haeckel hat das biogenetische Grundgesetz aufgestellt. Es besagt, daß jedes höhere Lebewesen während seiner Keimesentwickelung in abgekürzter Weise die Formen annimmt, die seine Vorfahren im Laufe ihrer Entwickelung durchgemacht haben. Wollen wir einen Menschenkeim in seinen aufeinanderfolgenden Formen verstehen, so müssen wir aufsteigen zu den tierischen Ahnen des Menschen. Wer einen Menschenkeim für sich betrachtet, ohne auf die Herkunft des Menschen Rücksicht zu nehmen, der kann sich nur allerlei abenteuerliche Vorstellungen über die aufeinanderfolgenden Formen bilden, die dieser Keim annimmt. Er kann allenfalls sagen, ein göttlicher Wille prägt hintereinander diese Formen aus, oder ein inneres mystisches Bildungsgesetz ist vorhanden, das die Umformung bewirkt. Wer aber hinaufsteigt zu den Menschenahnen, der findet die Wesen, die einmal so ausgesehen haben wie der menschliche Embryo heute auf gewissen Stufen, und er sagt sich, dieses Aussehen ist ein Ergebnis der Vererbung. In demselben Fall wie der Embryologe, der den Menschenkeim rein für sich betrachtet, ist der Psychologe, der die Seele des Menschen für sich betrachtet. Diese Seele wird nur erklärlich, wenn man von ihr hinaufsteigt zu den niederen Lebensäußerungen, aus denen sie sich entwickelt hat. Ebenso töricht wie es nun wäre, wenn jemand sagte, man brauche den Menschenkeim nicht zu beobachten, denn er ist ja nur eine Wiederholung früherer Formen, ebenso töricht wäre es, wenn man behauptete, man brauche die Seele in ihrem Eigenleben nicht selbst zu beobachten.
Ernst Haeckel ist Naturforscher, nicht Fachphilosoph. Man kann nicht leugnen, daß er den philosophischen Begriffen zuweilen Gewalt antut, wenn er sie verwendet. Einer wohlgeschulten, in der Geschichte der Philosophie bewanderten Persönlichkeit ist es natürlich ein leichtes, Haeckel Irrtümer in bezug auf die Ideen der Philosophen nachzuweisen, denen er — wie Spinoza — zustimmt oder die er — wie Kant — bekämpft. Paulsen schulmeistert ihn denn gehörig wegen seiner Mißverständnisse in bezug auf Kant. Ein anderer philosophischer Denker, Richard Hönigswald, hat in der Schrift «Ernst Haeckel, der monistische Philosoph» nachzuweisen gesucht, wie wenig die von Haeckel gebrauchten Ausdrücke «Monismus», «Dualismus», «Substanz» und so weiter die Prüfung durch die gebräuchlichen philosophischen Disziplinen bestehen können. Es ist völlig überflüssig, sich mit derlei gegnerischen Ausführungen einzulassen. Alle diese Herren haben in gewissem Sinne von ihrem Standpunkte aus recht. Sie haben sich in ein gewisses Begriffsnetz eingesponnen, und mit dem stimmt nicht, was Haeckel sagt. Und dieser trifft oft nicht genau den Sinn philosophischer Vorstellungen, wenn er von ihnen redet. Kann es denn aber überhaupt die Aufgabe der philosophischen Kritik sein, einen Forscher, der sich streng an die Beobachtung hält, von dem Gesichtspunkte hergebrachter Vorstellungen zu schulmeistern? Haeckel hat in allen Fällen, wo er solche Vorstellungen bekämpft, ein sicheres Gefühl dafür, daß sich mit ihnen im Hinblick auf die wirkliche Naturgesetzmäßigkeit nichts anfangen läßt. Seine Angriffe sind nicht immer logisch ganz zutreffend. In solchen Fällen hätten aber die Philosophen die Aufgabe, den Naturforscher in seinem Sinne zu verstehen, zu zeigen, wie er die Begriffe verwendet. Dann würden sie zuweilen finden, daß man manches philosophisch schärfer, logischer im strengen Wortsinne sagen kann als er, nicht aber, daß er sachlich unrecht hat.
Man erhält keine günstige Vorstellung von den offiziellen Vertretern der Philosophie in der Gegenwart, wenn man sieht, wie diese ihre Aufgabe verkennen. Haeckel nennt seine Weltanschauung «Monismus». Wäre es nicht eine würdigere Aufgabe, zu zeigen, in welchem Sinne Haeckel dieses Wort versteht, als immer wieder und wieder darauf zu pochen, daß er doch Stoff und Kraft, also eine Zweiheit annehme, folglich doch kein «Monist» sei. Haeckel will für die organische Welt und für das geistige Leben keine anderen Erklärungsmethoden, als diejenigen sind, die wir in der unorganischen Natur anwenden. Er ist der Meinung, daß mit derselben Notwendigkeit, mit der sich Wasserstoff und Sauerstoff unter gewissen Bedingungen zu Wasser verbinden, auch Kohlenstoff, Stickstoff und andere Elemente unter gewissen Umständen zu einem Lebewesen werden; und ferner, daß durch die gleiche Art von Gesetzmäßigkeit, von der die stoffliche Welt beherrscht wird, auch der «Geist» bedingt wird. Wenn ihm jemand mit einem Begriff kommt wie die «rohe, unbelebte Materie, die doch nie und nimmer zum Geist werden könne», so wird Haeckel erwidern: sieh dir doch diese Materie an, bringe Stoffe unter gewissen Bedingungen in der Retorte zusammen und denke folgerichtig, so wirst du nicht mehr sagen: aus Materie könne nicht Geist werden, sondern dein Begriff von einer «rohen, unbelebten Materie» ist eben ein falscher, ein solcher, der zu der Wirklichkeit keine Beziehung hat. Die Einheitlichkeit in der ganzen Welterklätung: das ist es, was Haeckel verlangt. Und diese Einheitlichkeit nennt er monistisch. Man darf gegenüber dem Kampfe, den wir in den letzten Monaten miterlebt haben, sagen: wer den Naturforscher will verstehen, muß in des Naturforschers Lande gehen. Es kommt nicht darauf an, daß Paulsen, wie er uns versichert, an keine «besondere, unsterbliche Seelensubstanz» und auch nicht daran glaubt, daß «überhaupt die Welt einmal von einem menschenähnlichen Einzelwesen in ähnlicher Art wie ein Produkt menschlicher Kunst hervorgebracht worden ist». Es kommt vielmehr darauf an, sich über die natürlichen Vorgänge solche Vorstellungen zu bilden, daß die ihnen widersprechende «besondere, unsterbliche Seelensubstanz» und das «menschenähnliche Wesen» wirklich innerhalb der Naturerklärung entbehrlich werden.
Und solche Vorstellungen trägt Haeckel in seinem Bekenntnisbuche vor. Er fand sich genötigt, einmal schonungslos mit allem abzurechnen, was zu andern, ihnen widersprechenden Vorstellungen gehört. Wer unbefangen urteilt, muß sich erhoben fühlen durch die mutige Konsequenz, mit der er diese Abrechnung in dem Kapitel über «Wissenschaft und Christentum» vollzieht. Man wird vielleicht in diesem Abschnitt des Buches nicht alles geschmackvoll finden, man wird zugeben können, daß für vieles ein anderer Ton hätte gefunden werden können, ja auch, daß manches zur Befestigung der monistischen Weltanschauung gar nicht hätte gesagt zu werden brauchen. Aber gibt es denn gar keinen psychologischen Sinn mehr in unseren gegenwärtigen Philosophen? Ist es denn so unbegreiflich, daß einer der ersten Verkünder einer Weltanschauung in seinen Ausführungen zu leidenschaftlich wird, daß er mehr als «objektiv» zu nennen ist, begeistert für eine Ideenwelt, die er Schritt für Schritt in unermüdlicher Forscherund Denkerarbeit erkämpft hat? Wer das nicht unbegreiflich findet, wird nicht einstimmen können in den Zornesausbruch Paulsens über die «äußerst peinlich berührende Neigung (Haeckels), das, was Jahrhunderten heilig gewesen ist, in den Schmutz häßlicher Anekdoten und niedriger Witzeleien herabzuziehen». Noch weniger wird ein solcher aber irgendwelches Verständnis einer Schrift entgegenbringen können wie der des Kirchenhistorikers Loofs in Halle: «Anti-Haeckel. Eine Replik nebst Beilagen.» Loofs stellt sich auf einen Standpunkt, der mit der Weltanschauung Haeckels im Grunde nicht das allergeringste zu tun hat, der aber so geeignet wie nur irgend möglich ist, von der Hauptsache abzulenken und unter dem Schein, als ob Haeckel in einer Nebensache ein schweres Unrecht begangen hätte, die Vorstellung hervorzurufen, er sei ein ganz unwissenschaftlicher, aller wahren Methode hohnsprechender Geist. Haeckel stützt sich in den Ausführungen über die christliche Kirchengeschichte auf das Werk eines englischen Denkers (Stewart Roß), das unter dem Pseudonym Saladin erschienen ist und unter dem Titel «Jehovas gesammelte Werke, eine kritische Untersuchung des jüdisch-christlichen Religionsgebäudes auf Grund der Bibelforschung» in deutscher Übersetzung vorliegt. Loofs stellt die Sache so dar, als ob es sich hier um ein wüstes, von einem völligen Ignoranten und schmutzigen Gesellen geschriebenes Pamphlet gegen das Christentum handelte, das mit Ausschluß aller Kenntnisse in neuerer Bibelforschung und Kirchengeschichte geschrieben ist. Und was Loofs aus dem Buche vorbringt und was er über dasselbe sagt, ist allerdings nur zu geeignet, diejenigen irrezuführen, die das Buch des Engländers nicht zur Hand nehmen. Sie müssen glauben, Haeckel wäre wirklich hier in Unwissenheit und Leichtfertigkeit so weit gegangen, eine Schmähschrift heranzuziehen, von der Loofs versichert, daß es leichter sein würde, «einem verwahrlosten Hund die Flöhe abzusuchen, als die wissenschaftlichen Torheiten zu sammeln, die das Buch enthält». Aber eben nur die können so urteilen, die die Schrift Saladıns nicht kennen. Wer nur weniges darin liest, wird bald finden, daß er es mit einem wenn auch vom Standpunkte der zufällig jetzt für richtig geltenden kirchengeschichtlichen Meinungen nicht völlig einwandfreien, so doch ehrlichen Wahrheitsucher zu tun hat, dem alles andere näher liegt, als in frivoler Weise von irgend etwas zu sprechen, was Menschen heilig ist. Möchte man dem Buche auch eine geschmackvollere Ausdrucksweise wünschen: so muß man doch die tiefste Sympathie empfinden mit dem Verfasser, der einen kühnen, überall von einem tiefen Gemüte zeugenden Kampf führt gegen Ideen und Einrichtungen, die er für verkehrt, für schädlich und dem Menschenwohl störend hält. - Man kann nicht verwundert genug darüber sein, daß ein Gegner Haeckels sich gefunden hat, der an den eigentlichen Streitpunkten vollständig vorübergeht und der es nicht für unangemessen hält, einen Naturforscher in einer Weise anzugreifen, die einzig und allein bei einem Gelehrten einen Sinn hätte, der als Kirchenhistoriker auftreten wollte.
Über eines hat uns jedenfalls dieser ganze Kampf volle Klarheit gebracht. Es hat sich gezeigt, daß unser ganzes Geistesleben weit und breit durchsetzt ist mit Vorstellungen, die unverträglich sind mit den ehrlich und rückhaltlos gezogenen Folgerungen der Naturwissenschaften. Die Unsachlichkeit und Leidenschaftlichkeit, mit der die Träger solcher Vorstellungen diesmal gekämpft haben, ist zugleich ein Beweis dafür, daß ihre Gründe schwach geworden sind. Hat man auch zu erwarten, daß die Zukunft Haeckels Gedanken in manchem Sinne berichtigen werde: diese Berichtigung wird nicht von denen herkommen können, die ihn heute bekämpfen. Hat er auch nicht überall das Richtige getroffen, er hat doch zweifellos den Weg betreten, auf dem die Bildung des Geistes weiterschreiten wird.
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Der Verfasser dieses Aufsatzes hat die Bedeutung der Haeckelschen Weltanschauung und ihre Stellung im gegenwärtigen Geistesleben bereits einmal vor dem Erscheinen der «Welträtsel» nach dem damaligen Stande der Sachlage in dieser Zeitschrift geschildert. Vergleiche mein «Ernst Haeckel und seine Gegner» in L. Jacobowskis «Freier Warte», Bd.I (J.C. C. Bruns’ Verlag, Minden i.W. 1900). ↩