Bartholomäus Carneri Der Ethiker des Darwinismus

Was soll aus der sittlichen Weltordnung werden, wenn sich die Überzeugung in weitesten Kreisen Bahn bräche, daß der Mensch aus affenähnlichen Tieren durch rein natürliche Kräfte sich allmählich entwickelt habe? Beunruhigend stieg diese Frage in vielen Gemütern auf, als kühne Denker nach dem Erscheinen des großen naturwissenschaftlichen Reformwerkes Charles Darwins «Über die Entstehung der Arten im Tier- und Pflanzenreich durch natürliche Züchtung» den notwendigen Schluß zogen, daß mit der VorstelJungsweise des großen Forschers vor dem Menschen nicht haltgemacht werden dürfe, sondern daß der Gedanke vom tierischen Ursprunge des vollkommensten Lebewesens fortan als ein sicherer Bestandteil der Weltanschauung gelten müsse. Die Zahl der weitschauenden Persönlichkeiten, die im Lauf der letzten vier Jahrzehnte der Meinung von der Gefährlichkeit des Darwinismus für die moralische und soziale Entwickelung der Menschheit mit treffenden Gründen entgegengetreten sind, ist nicht gering. Der erste aber, der innerhalb des deutschen Geisteslebens mit umfassendem Blick eine Neugestaltung der ethischen Gedankenwelt auf der Grundlage der neuen naturwissenschaftlichen Einsichten unternommen hat, ist der österreichische Denker Bartholomäus Carneri.

Elf Jahre nach Darwins Auftreten legte er der Welt sein Buch «Sittlichkeit und Darwinismus. Drei Bücher Ethik» vor (Wien 1871). Unablässig ist er seitdem bemüht gewesen, seine Grundgedanken nach allen Seiten auszubauen.1 Heute, da wir vierzig Jahre Darwinismus hinter uns haben, müssen wir uns bei einer unbefangenen Umschau über die in Betracht kommende Literatur gestehen, daß niemand das Gebiet der Ethik im Sinne der neuen Geistestichtung so gründlich, so einwandfrei und formvollendet behandelt hat. Wenn dies augenblicklich noch nicht überall, wo es sollte, genügend gewürdigt wird, so hat das keinen andern Grund als den, daß die Geister noch zu sehr beschäftigt sind, die Erkenntnisse des Darwinismus auf rein naturwissenschaftlichem Felde auszubauen und gegen Angriffe sicherzustellen. Sie können daher der darwinistischen Ethik noch nicht die volle, ihr zukommende Aufmerksamkeit zuwenden. Es kann aber kein Zweifel darüber bestehen, daß man in nicht ferner Zukunft, wenn man nicht mehr bloß von der Naturlehre des Darwinismus, sondern von dessen umfassender Weltanschauung sprechen wird, Carneris Leistungen als diejenigen bezeichnen wird, welche an der Begründung dieser Weltanschauung einen hervorragenden Anteil haben.

Was Carneri befähigte, die sittlichen Begriffe auf eine solch neue Grundlage zu stellen, das war die Unbefangenheit, mit welcher er dem Darwinismus entgegentrat, und die geistige Sehschärfe, die ihn sogleich die volle Tragweite der neuen Anschauungen für die menschliche Lebensgestaltung erkennen ließ. Er ließ sich durch keine Einwände in der Überzeugung beirren, daß durch den Darwinismus die Richtung gegeben sei, in der sich künftig das Denken bewegen müsse. «Frei wird es natürlich immer jedem stehen, dem Darwinismus gegenüber als Vogel Strauß sich zu verhalten; hat er, außer dem Kopf, auch den Magen mit seinem Vorbild gemein und kann er die Kost verdauen, die täglich schwerer aus der Küche der sogenannten guten alten Zeit ihm gereicht wird, so wünschen wir ihm Glück zu seiner Stellung. Solang wir aber nicht denken können, der Mensch habe sich zum aufrechten Gang, um sich zu bücken, aufgerafft, solang blicken wir der neuesten Zeit voll ins Angesicht; und je fester unser Bild wird, desto heller erscheint uns ihr Auge, desto milder ihr Lächeln. Nach denselben Gesetzen, welchen gemäß im «Kampf ums Daseim der Mensch aus der Tierheit sich erhoben hat, sehen wir den Begriff der Sittlichkeit am Horizont der Menschheit aufgehen als eine Sonne, vor deren Strahl zwar mancher zu sehr ans Dunkel gewöhnte Blick zurückscheuen, der leuchtendste Stolz eitler Selbstsucht als fahler Flitter schwinden mag, die aber dieser Erde den Tag verkündet, die Erfüllung der Verheißung jenes Morgens, an dem zuerst ein Auge, im Hochgefühl des erwachten Selbstbewußtseins die schmerzliche Starrheit abstreifend, die das Antlitz des Tieres nie verläßt, — lachend hinaussah ins wechselvolle Leben» (Sittlichkeit und Darwinismus,. 14). So spricht sich Carneri selbst aus über die Sinnesart, die ihn dazu geführt hat, den Darwinismus heraufzuleiten aus dem Gebiete der Naturwissenschaft in dasjenige der sittlichen Lebensführung des Menschen. — Mit der Unbefangenheit verband sich in Carneris Geist ein hoher Grad von Vertrautheit mit der philosophischen Vorstellungsart idealistischer Denker. Ein solcher war in der Zeit, in der seine Anschauungen heranreiften — in den sechziger Jahren —, eine Seltenheit. Man sah geringschätzig auf die «Begriffsdichtungen» eines Hegel und Spinoza herab und glaubte, durch einseitiges Beobachten der sinnenfälligen Tatsachen allein zu einer sicheren Erkenntnis gelangen zu können. Es gilt für Carneri als eine feste Gedankengrundlage, daß der Stoff in sich alle die Kräfte birgt, die sämtliche Weltgeschehnisse von der einfachen räumlichen Bewegung bis zu den höchstentwickelten Leistungen des Geistes hervorbringen. Aber er ist sich auch vollkommen klar darüber, daß man mit den Naturgesetzen, die sich auf die körperlichen, materiellen Vorgänge beziehen, die geistigen Verrichtungen nicht erklären kann. Er ist vollkommen davon überzeugt, daß alles Leben ein chemischer Prozeß ist. «Die Verdauung beim Menschen ist ein solcher wie die Ernährung der Pflanze» (Sittlichkeit und Darwinismus, S.46). Er betont aber zugleich, daß sich der chemische Prozeß auf eine höhere Stufe heben muß, wenn er Leben werden will. «Das Leben ist ein chemischer Prozeß eigener Art, es ist der individuell oder zum Individuum gewordene chemische Prozeß. Der chemische Prozeß kann nämlich einen Punkt erreichen, auf welchem er gewisser Bedingungen, deren er bis dahin bedurfte ... entraten kann» (Sittlichkeit und Darwinismus, S.14). «Als Materie fassen wir den Stoff, insofern die aus seiner Teilbarkeit und Bewegung sich ergebenden Erscheinungen körperlich, das ist als Masse, auf unsere Sinne wirken. Geht die Teilung oder Differenzierung so weit, daß die daraus sich ergebenden Erscheinungen nicht mehr sinnlich, sondern nur mehr dem Denken wahrnehmbar sind, so ist die Wirkung des Stoffes eine geistige» (Grundlegung der Ethik, S.30). Damit ist die «Unzertrennlichkeit des Geistes von der Körperlichkeit» vollkommen anerkannt, zugleich aber dem Geistigen, trotz seines Ursprunges aus dem Körperlichen, seine selbständige über das Materielle hinausgehende Bedeutung gesichert. So wahrt Carneri der idealistischen Betrachtungsweise für die geistigen Erscheinungen des Stoffes ihr Recht neben der materialistischen, die auf das zu beschränken ist, was allein den Sinnen zugänglich ist. Nur ein Denker, der aus der idealistischen Weltanschauung seine Bildung geholt hat, und der deshalb in seiner Betrachtung den Boden des Materialismus auch in dem Augenblicke verlassen konnte, wo der materielle Prozeß zum geistigen heraufsteigt, war berufen, die Ethik des Darwinismus auszubauen. Carneris Auffassung der sittlichen Kräfte ist eine idealistische, trotzdem er die ursprüngliche Wurzel der Sittlichkeit nirgends anders sucht als da, wo auch der Ursprung der physikalischen und chemischen Vorgänge zu finden ist. «Mit der Annahme der Unzertrennlichkeit von Kraft und Stoff, Geist und Materie, sind alle im engern Sinne freien Kräfte aufgegeben, mithin auch der Geist als etwas unabhängig vom Körper Bestehendes; damit ist jedoch der Geist so wenig aufgegeben als die Kraft. Mit dem Spiritualismus ist es aus, aber darum noch nicht mit dem Idealismus; dieser bleibt das Feld der Philosophie, während die Naturforschung allein im Realismus zu Hause ist» (Sittlichkeit und Darwinismus,.8).

Carneri ist als Denker ein Künstler allerersten Ranges. Ihm ist in seltener Art das Vermögen eigen, den Inhalt seiner Begriffe in plastisch vollendeter Weise hinzustellen. Wie er von den einfachen Naturerscheinungen, die wir sinnlich wahrnehmen, aufsteigt zu den Ideen der Sittlichkeit, ist eine Meisterleistung dieser Art. Man sieht in gedanklich-anschaulicher Form an der Hand seiner Auseinandersetzungen die chemischen Prozesse sich individualisieren, zum lebendigen Individuum werden, das dann eine Wirkung von außen nicht mehr als unorganische Bewegung aufnimmt, sondern zur Empfindung werden läßt. «Das wichtigste Merkmal alles Lebendigen und ausschließlich ihm eigen ist die Empfindung. Es ist diese die Form, in welcher bei allem Lebendigen das auftritt, was wir bei der übrigen Natur Reagieren nennen. Die Empfindung ist eigentlich nur die Befähigung zum Reagieren, aber zu einem Reagieren höherer Art... Die Empfindung ist dem Leben im engern Sinn das, was dem Stoff die Teilbarkeit ist» (Grundlegung der Ethik, S. 43). In ebenso anschaulicher Art steigt Carneri zu den weiteren Vorstellungen auf, die uns befähigen, die Idee des Lebens zu fassen. «Die Empfindung... wird im Gehirn, als dem Organ, in welchem das ganze Individuum zentral sich zusammenfaßt, dem Individuum als Ganzem vorgestellt. Indem dadurch eine Empfindung dem Individuum mitgeteilt wird, erhebt sich die Empfindung des Teils zu einer Empfindung des Ganzen. Darum nennen wir die Vorstellung eine Empfindung höherer Art. Das Individuum empfindet sie, sie ist eine empfundene Empfindung oder ein Gefühl» (Grundliegung der Ethik, S.102). Man sieht am Leitfaden Carnerischer Begriffe das Materielle allmählich geistig werden; man sieht den Stoff die geistigen Erscheinungen aus sich heraus entfalten. «Erst mit dem Erwachen des Bewußtseins wird die Empfindung zum Gefühl, und erst von da an wird... das Nachteilige zur Unlust, das Fördernde zur Lust. Damit beginnt das Seelenleben in seiner höheren Bedeutung» (Grundlegung der Ethik, S.123). Den höchsten Grad von Individualisierung etreichen die Naturprozesse im menschlichen Selbstbewußtsein. Die Naturprozesse haben sich da von ihrem Mutterboden losgerissen; sie schauen durch die Vorstellung nicht mehr einen äußeren Vorgang an; sie schauen sich selbst an. Dadurch entsteht der Schein, als wäre der individualisierte Naturprozeß ein Selbständig-Geistiges mit einem ganz anderen Ursprunge als die übrigen stofflichen Vorgänge. «Was bei der Geistestätigkeit den Schein uns erzeugt, als wäre der Mensch ein Doppelwesen, als wäre der irdische Leib von einem überirdischen Funken durchglüht und erleuchtet, ist eine Täuschung» (Grundlegung der Ethik, S.136). Was wir in unserm Innern wahrnehmen, ist ein Naturprozeß wie jeder andere stoffliche Vorgang. Und hier — innerhalb dieses zum Selbstbewußtsein gesteigerten Naturprozesses — wird die Welt des Sittlichen geboren. Das Sittliche ist nur die Fortsetzung rein natürlicher Vorgänge. Es kann demnach nicht die Frage sein, was soll der Mensch als Sittliches anerkennen. Ein solches Sittliches müßte ihm von irgendwoher gegeben werden; und dann wäre erst die Frage da: Kann denn der Mensch Sittengebote, die von außen an ihn herantreten, vermöge seiner natürlichen Kräfte auch befolgen? Es kann sich vielmehr nur darum handeln: Welche Begriffe von Sittlichkeit werden geboren, wenn sich das allgemeine Naturgeschehen heraufhebt zum menschlichen Selbstbewußtsein? So wenig es einen Sinn hat zu sagen, eine Blume soll so oder so sein, so wenig hat es einen zu behaupten, der Mensch soll dies oder jenes tun. Carneri stellt mit aller Schärfe seinen Begriff von Ethik dem anderer Denker entgegen. «Während die Moralphilosophie bestimmte Sittengesetze aufstellt und zu halten befiehlt, damit der Mensch sei, was er sein soll, entwickelt die Ethik den Menschen, wie er ist, darauf sich beschränkend, ihm zu zeigen, was noch aus ihm werden kann: dort gibt es Pflichten, deren Befolgung Strafen zu erzwingen suchen, hier gibt es ein Ideal, von dem aller Zwang ablenken würde, weil die Annäherung nur auf dem Wege der Erkenntnis und Freiheit vor sich geht» (Sittlichkeit und Darwinismus,.1). Dasjenige, was der Mensch anstrebt, wenn er sich über die Stufe der Tierheit erhebt, das, wovon alles andere abhängt, ist die Glückseligkeit. «Das Ideal des Glücks ist veränderlich und einer fortwährenden Veredelung fähig; aber unter allen Umständen ist das Streben nach Glück die Grundtriebfeder aller menschlichen Unternehmungen. Und nichts ist irriger als die Ansicht, es sei dieser Trieb ein des Menschen unwürdiger, der ihn dem Tiere gleichstellt. Dem Tiere ist dieser Trieb fremd: es kennt nur den Selbsterhaltungstrieb, und ihn zum Glückseligkeitstrieb zu erheben, hat das menschliche Selbstbewußtsein zur Grundbedingung» (Grundlegung der Ethik, S.147). Da, wo auf der Stufenleiter des lebendigen Werdens der Glückseligkeitstrieb erwacht, beginnt das früher gleichgültige Naturgeschehen ein sittliches Handeln zu sein. Alle höheren sittlichen Ideen haben in dem Streben nach Glück ihren Ursprung. «Der Märtyrer, der hier für seine wissenschaftliche Überzeugung, dort für seinen Gottesglauben das Leben hingibt, hat auch nichts anderes im Sinn als sein Glück: jener findet es in seiner Überzeugungstreue, dieser sucht es in einer besseren Welt. Allen ist Glückseligkeit das letzte Ziel, und wie verschieden auch das Bild sein mag, das sich das Individuum von ihr macht, von den rohesten Zeiten bis zu den gebildetsten, ist sie dem empfindenden Lebewesen Anfang und Ende seines Denkens und Fühlens. Es ist der Selbsterhaltungstrieb, dessen zahllose Ausstrahlungen an diesem einen Punkt sich sammeln, um so viel Wünsche zu reflektieren, als es Individuen gibt» (Grundlegung der Ethik, S. 146).

Durch die Losreißung von dem Mutterboden der Natur wird der Mensch ein selbständiges, ein freies Wesen. Es ist ein Beweis davon, wie tief Carneri in den Geist des Darwinismus sich eingelebt hat, daß er dem Freiheitsbegriff die Fassung gegeben hat, die mit naturwissenschaftlichen Vorstellungen verträglich ist. Gibt es denn innerhalb der darwinistischen Weltanschauung noch einen Platz für die Freiheit? Carneri antwortet mit «Ja». Zwar unterliegt alles, was geschieht, also auch jede Handlung des Menschen, den ewigen, ehernen Naturgesetzen. Aber von dem Punkte an, wo der Mensch sich loslöst von der übrigen Natur, werden die Naturgesetze zu Gesetzen seiner eigenen Wesenheit. «Seine weitere Entwicklung ist sein eigenes Werk, und was auf der Bahn des Fortschrittes ihn erhalten hat, war die Macht und allmähliche Klärung seiner Wünsche» (Grundlegung der Ethik, S.143). Und die Naturgesetze, die der Mensch zu einem Inhalte seines Wesens gemacht hat, sind seine Gedanken und Ideen. Sie sind nichts anderes als die höchst gesteigerten, vollkommen entwickelten Naturprozesse. Nicht dadurch ist der Mensch frei, daß er beliebige, von einem unbekannten Orte hergeholte Sittengebote befolgen kann oder nicht, sondern dadurch, daß er die Entwickelung der Natur als sein eigenes Werk fortführe. Mit vollkommener Klarheit spricht Carneri dieses als seine Ansicht aus: «Wohl ist der Mensch an die Gesetze der Natur gebunden; aber die Natur weiß nichts vom Menschen und seinen Gesetzen. Erst im Menschen bringt sie's zum Denken. Sie kümmert sich auch gar nicht um den Menschen; und nur weil der Mensch zur Erreichung seiner Zwecke an die Mittel gebunden ist, die er in der Natur vorfindet, und er seine Wege zum Ziel darnach sich ebnet, sieht manches Mittel aus, als wär es ihm zu diesem oder jenem Zweck von der Natur entgegengebracht» (Der Mensch als Selbstzweck,.89). Wenn die Naturgesetze in dem Menschen wirksam sein sollen, so muß er sich mit ihnen durchdringen, sie müssen zum Gehalt seines Denkens werden. Der Mensch kann das Werk der Natur in seinem sittlichen Handeln nur fortsetzen, wenn er in den Sinn des natürlichen Daseins eindringt, wenn er nach Erkenntnis der Naturerscheinungen trachtet. In der Erkenntnis sucht daher Carneri die Grundlage der Sittlichkeit. Nicht irgendwelche in der Luft hängenden Sittengebote, sondern die Wahrheit nur kann den Menschen zum sittlichen Handeln bringen. Nur das mit «der Wahrheit übereinstimmende Denken, das die Dinge in ihrer Notwendigkeit erkennt, und dem dadurch das allgemeine Gesetz zu seinem eigenen wird, erhebt den Verstand zur Vernunft, den Willen zur Freiheit. Der Mensch will eben nur, insofern er weiß. Daher der unendliche Wert echter Intelligenz. Wir verkennen nicht die Größe der Opfer, welche die neue Lehre vom Menschenherzen fordert; aber diese Opfer sind keine mehr, sobald wir der ganzen Größe der Aufgabe uns bewußt werden, mit welcher die neue Lehre an den Menschengeist herantritt. Gefallen ist die Schranke, die gebieterisch wie keine dem Denken Halt gebot, und es gehört in der Tat eine hohe Befangenheit dazu, darin eine Beeinträchtigung der Forderungen des Denkens erblicken zu wollen» (Sittlichkeit und Darwinismus, S. 13f.). Der Mensch, der sich Ziele, Ideale seines Handelns setzt, kann jedoch nicht bei den bloßen Naturgeserzen in seinem Denken stehenbleiben. Er lieferte sonst mit seiner Sittlichkeit nicht eine Fortsetzung, sondern eine bloße Kopie des Naturgeschehens. Der Mensch ist als sittlich Denkender zugleich Schaffender. Aus seinem Denken entspringen als neue Schöpfungen sittliche Ideen. Sein Denken erfährt also, damit es zur sittlichen Kraft wird, eine Steigerung. Es wird zur Phantasie, die dem Handeln seine Ziele vorsetzt. In der ethischen Phantasie finder Carneri den neuen Begriff, der an die Stelle der alten moralischen Gebote treten muß. Die Phantasie ist es, die «unserm Denken lebendige Wärme einhaucht» und die «mit Ideen in Wechselwirkung tretend, das Ideale schafft» (Grundlegung der Ethik, S.370f.).

In solcher Weise erreicht Carneri die höchsten menschlichen Begriffe, trotzdem er von den einfachsten naturwissenschaftlichen Vorstellungen seinen Ausgangspunkt nimmt. Daß der Charakter des Geistigen, der Idealität des Sittlichen gewahrt werde, ist sein Bestreben, trotzdem er sich streng auf den Boden des Darwinismus stellt. Er ist ein Feind jeglicher Unklarheit in Begriffen. Deshalb hat er in seiner Schrift «Empfindung und Bewußtsein» (1893) mit Energie gegen das Verschwommene einer Weltanschauung protestiert, die dem Zusammenhang von Geist und Natur dadurch gerecht zu werden sucht, daß sie sagt: «Kein Geist ohne Materie, aber auch keine Materie ohne Geist.» Carneri hält den vielfach verkehrten Deutungen dieses Goetheschen Satzes entgegen: «Die Überzeugung, daß es keinen Geist ohne Materie gebe, das heißt, daß alle geistige Tätigkeit an eine materielle gebunden sei, mit deren Ende auch sie ihr Ende erreicht, fußt auf Erfahrung; während nichts in dieser Erfahrung dafür spricht, daß mit der Materie überhaupt Geist verbunden sei.» Der Geist kommt nach Carneris Anschauung nicht der Materie als solcher zu, sondern dem zu höheren Stufen der Tätigkeit organisierten Stoffe. Nicht der Stoff ist es, der Geist hat, sondern auf der Organisation, die der Stoff angenommen hat, beruht es, daß Geist erscheint. Wollte man die Materie beseelt nennen, so verführe man wie jemand, der nicht dem Mechanismus der Uhr, sondern den Metallen, die in ihr verarbeitet sind, die Fähigkeit zuschriebe, Zeitangaben zu machen. Wenn man auch wird zugeben müssen, daß in Haeckels Schriften ein Ausdruck der naturwissenschaftlichen Denkweise vorliegt, der in der von Carneri angedeuteten Weise nicht mißverstanden werden sollte, so darf man doch die genannte kleine Schrift wegen ihrer mustergültigen Prägung wichtiger Begriffe als einen der wertvollsten Beiträge zum Darwinismus bezeichnen. Zu welcher Höhe der Lebensanschauung Carneri sich durch seine Arbeiten an der Ethik erhoben hat, das geht aus seinen Schriften «Der Mensch als Selbstzweck» (1877) und «Der moderne Mensch. Versuche einer Lebensführung» (1891) hervor. Die Früchte einer aus dem Darwinismus geschöpften Überzeugung erscheinen hier als edelste Vorstellungen über Welt und Mensch. Und wer Carneri zugehört hat damals, als er, der Mitglied des österreichischen Abgeordnetenhauses war, seine inhaltvollen, von einem hohen Ethos durchdrungenen Reden hielt, dem wird der Eindruck nicht mehr aus der Seele weichen, den er erhalten haben muß. Unvergeßlich muß ihm dies Bild eines Kämpfers für die Wahrheit bleiben, das er vor sich hatte in dem Augenblick, da der Kämpfer die Wahrheit ins Leben einführen wollte.



  1. Es sind von ihm noch erschienen: Gefühl, Bewußtsein, Wille. Eine psychologische Studie (Wien 1876); Der Mensch als Selbstzweck (1877); Grundlegung der Ethik (Wien 1881); Entwicklung und Glückseligkeit (Stuttgart 1886); Der moderne Mensch. Versuche einer Lebensführung (Bonn 1891); Empfindung und Bewußtsein (1893). ↩

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