Moderne Seelenforschung
Die Entwickelung der Wissenschaften im letzten Jahrhundert könnte man nicht mit Unrecht einen Eroberungszug des naturwissenschaftlichen Geistes über fast alle Gebiete des menschlichen Erkennens nennen. Was für eine sieghafte Gewalt diesem Zuge eigen ist, das sieht man wohl nirgends besser als an dem Charakter, den die Erforschung der menschlichen Seele in fachwissenschaftlichen Kreisen während der letzten Jahrzehnte angenommen hat. Der moderne Psychologe, der mit seinen Zähl- und Meßapparaten den auf- und abflutenden Erscheinungen unseres Innern beizukommen sucht, hat wenig Ähnlichkeit mit dem früheren Seelenforscher, der bloß mit dem geistigen Auge nach der eigenen Seele sehen wollte; er sieht dafür um so ähnlicher dem physikalischen oder chemischen Experimentator. Man wird, wenn man die Art der modernen Seelenforschung kennzeichnen will, immer wieder auf ein Wort verweisen müssen, das der große Denker und Schriftsteller Friedrich Albert Lange, der Verfasser der «Geschichte des Materialismus», geprägt hat: «Psychologie ohne Seele.» Es ist ein Wort, das leicht mißverstanden werden kann. Es hatte als Schlachtruf seine gute Bedeutung. Es sollte besagen, daß, wer die Seele erforschen will, keinen vorgefaßten Begriff von dieser «Seele» haben dürfe. Und einen derartigen Vorwurf erhob Lange gegen die älteren Psychologen. Sie hätten gewisse dogmatische Vorstellungen von der Seele. Sie stellten sich darunter ein Wesen mit ganz bestimmten Eigenschaften vor. Und wenn sie dann an die Ergründung der wirklichen seelischen Erscheinungen gingen, dann würde ihr Blick durch diese vorgefaßten Dogmen getrübt. Wer zum Beispiel der Meinung ist, der menschliche Wille sei unbedingt frei, der sieht die Vorgänge des Willens nicht unbefangen. Sie nehmen in seiner Beobachtung unwillkürlich einen solchen Charakter an, daß dabei die Meinung von dem «freien Willen» bestehen kann. Lange fordert nun von den Seelenforschern das Aufgeben aller solchen Meinungen. Untersucht, sagt er ihnen, die Vorgänge des Willens, wie sie sich euch darbieten, und laßt zunächst völlig unbestimmt, ob der Wille frei oder unfrei sei. Ob er es ist, das könnt ihr nicht vorher sagen, sondern das muß erst das Ergebnis eurer Untersuchung sein. Es drängt sich der Vergleich mit einer historischen Tatsache auf, wenn man über das Wort «Seelenkunde ohne Seele» nachdenkt. Columbus fuhr einst gegen Westen in der Absicht, auf ein bekanntes Land zu stoßen. Er fand ein unbekanntes. Die Psychologen sollen sich bewußt sein, daß der rechte Begriff der Seele nicht vor der Untersuchung bekannt sein kann, sondern daß er erst am Ende ihrer Entdeckungsreisen ihnen vor Augen treten kann. Demgemäß verfahren auch die modernen Psychologen. Sie suchen sich Mittel und Wege, die Erscheinungen des Seelenlebens in ihrem Zusammenhange kennenzulernen und sind davon überzeugt, daß sie am Ende ihrer Fahrt auf eine Vorstellung von der «Seele» stoßen werden. Langes Wort hat in Beziehung auf die Seelenfrage denselben Sinn, den man mit dem ähnlichen verbinden könnte, «Naturwissenschaft ohne Natur». Auch der Naturforscher legt ja keine vorgefaßte Meinung von der «Natur» zugrunde, wenn er an seine Forschungen geht. Er untersucht die Erscheinungen des Lichtes, der Elektrizität, des Lebens und ist überzeugt, daß erst aus der Gesamtheit seiner Forschungen sich ein umfassender Begriff der Natur ergeben werde.
Ganz von dieser Denkweise beherrscht war der Forscher und Denker, der völlig neue Gesichtspunkte in die Seelenforschung gebracht hat: Gustav Theodor Fechner. Von einer Methode, die Goethe mit seinem weitausschauenden wissenschaftlichen Blick für alle Naturforschung forderte, hat Fechner gezeigt, inwiefern sie in der Psychologie Anwendung finden kann. «Wenn wir die Erfahrungen — dies sind Goethes Worte —, welche vor uns gemacht worden, die wir selbst oder andere zu gleicher Zeit mit uns machen, vorsätzlich wiederholen, und die Phänomene, die teils zufällig, teils künstlich entstanden sind, wieder darstellen, so nennen wir dies einen Versuch. Der Wert eines Versuches besteht vorzüglich darin, daß er, er sei nun einfach oder zusammengesetzt, unter gewissen Bedingungen mit einem bekannten Apparat und mit erforderlicher Geschicklichkeit jederzeit wieder hervorgebracht werden könne, so oft sich die bedingten Umstände vereinigen lassen.» Dem Versuch in der Psychologie sein Recht angewiesen zu haben, ist das Verdienst, das sich Fechner durch die Darlegungen seines Werkes «Elemente der Psychophysik» (1860) erworben hat. Ein Problem, das den menschlichen Geist beschäftigt, solange er sich mit Erkenntnisfragen zu tun macht, das Verhältnis des Körperlichen zum Geistigen, erschien hier zum ersten Male in einem Sinne behandelt, den auch Goethe vollkommen zutreffend mit den Worten charakterisiert hat: «Die Bedächtlichkeit, nur das Nächste ans Nächste zu reihen, oder vielmehr das Nächste aus dem Nächsten zu folgern, haben wir von den Mathematikern zu lernen, und selbst da, wo wir uns keiner Rechnung bedienen, müssen wir immer so zu Werke gehen, als wenn wir dem strengsten Geormeter Rechenschaft zu geben schuldig wären.» So dachte und verfuhr Fechner in dem Gebiete, wo sich Körperliches und Seelisches berühren. Auf meine Hand drückt ein Gewicht. Ich empfinde den Druck. Eine physische Erscheinung — der Druck — bewirkt eine seelische, die Empfindung. Ich vergrößere den Druck. Auch meine Empfindung steigert sich. Fechner fragt: Wie kann ich durch Zahlen ausdrücken, in welchem Maße sich die Empfindung steigert, wenn der Druck zunimmt? Die Abhängigkeit des Seelischen vom Physischen wird so bestimmt, als wenn man dem strengsten Geometer Rechenschaft schuldig wäre. Wilhelm Wundt, der auf diesem Gebiete in Fechners Geist weitergearbeitet hat, findet von dem Begründer der «Psychophysik»: «Vielleicht in keiner seiner sonstigen wissenschaftlichen Leistungen tritt die seltene Vereinigung von Gaben, über die Fechner verfügte, so glänzend hervor wie in seinen psychophysischen Arbeiten. Zu einem Werke wie. den «Elementen der Psychophysik» bedurfte es einer Vertrautheit mit den Prinzipien exakter physikalisch-mathematischer Methodik und zugleich einer Neigung, in die tiefsten Probleme des Seins sich zu vertiefen, wie in dieser Vereinigung nur er sie besaß. Und dazu brauchte er jene Ursprünglichkeit des Denkens, welche die überkommenen Hilfsmittel frei nach eigenen Bedürfnissen umzugestalten wußte und kein Bedenken trug, neue und ungewohnte Wege einzuschlagen. Die um ihrer genialen Einfachheit halber bewundernswerten, aber doch nur beschränkten Beobachtungen E.H. Webers, die vereinzelten, oft mehr zufällig als planmäßig gefundenen Versuchsweisen und Ergebnisse anderer Physiologen — sie bildeten das bescheidene Material, aus dem er eine neue Wissenschaft aufbaute.» Eine mathematische Formel sagt uns, seit Fechners genialem Gedanken, wie die Empfindung sich bei einem zunehmenden äußeren Reiz steigert, ebenso wie seit Galileis grundlegenden Vorstellungen eine mathematische Formel uns sagt, wie die Geschwindigkeit wächst, wenn eine Kugel auf einer schiefen Ebene hinunterrollt. Die Psychologie ist eine Experimentalwissenschaft geworden. Ihr neues Gepräge kommt deutlich zum Ausdruck in Wundts «Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele» (1863). Wir lesen da: «Ich werde in den nachfolgenden Untersuchungen zeigen, daß das Experiment in .der Psychologie das Haupthilfsmittel ist, welches uns von den Tatsachen des Bewußtseins auf jene Vorgänge hinleitet, die im dunklen Hintergrunde der Seele das bewußte Leben vorbereiten. Die Selbstbeobachtung liefert uns, wie die Beobachtung überhaupt, nur die zusammengesetzte Erscheinung. In dem Experiment erst entkleiden wir die Erscheinung aller der zufälligen Umstände, an die sie in der Natur gebunden ist. Durch das Experiment erzeugen wir die Erscheinung künstlich aus den Bedingungen heraus, die wir in der Hand halten. Wir verändern diese Bedingungen und verändern dadurch in meßbarer Weise auch die Erscheinung. So leitet uns immer und überall erst das Experiment zu den Naturgesetzen, weil wir nur im Experiment gleichzeitig die Ursachen und die Erfolge zu überschauen vermögen.» Das bloße Versenken in das eigene Innere, die Selbstbeobachtung, hat bei den Fachpsychologen wesentlich an Vertrauen eingebüßt. Wundt hat sich gegen sie in der schärfsten Weise gewendet. Er fragt: Was hat denn die Psychologie durch die Selbstbeobachtung gewonnen? Wenn ein Bewohner einer anderen Welt auf unsere Erde herabstiege und aus den Lehrbüchern der Psychologie auf die Natur der menschlichen Seele schließen wollte, so würde er wahrscheinlich zu dem Ergebnisse kommen, daß sich die verschiedenen Schilderungen der Psychologen, die alle ihre Anschauungen aus der Selbstbeobachtung gewonnen haben wollen, auf Wesen ganz verschiedener Welten bezögen. «Es ist nichts besonderes dabei, sich einen Menschen zu denken, der irgendein äußeres Objekt aufmerksam beobachtet. Aber die Vorstellung eines solchen, der in die Selbstbeobachtung vertieft ist, wirkt fast mit unwiderstehlicher Komik. Seine Situation gleicht genau der eines Münchhausen, der sich an dem eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen will.» Dieses Urteil ist zweifellos einseitig. Aber es ist durchaus begreiflich bei dem Führer der experimentellen Seelenforschung. Kraepelin, der Herausgeber der «Psychologischen Arbeiten», kennzeichnet Wundts Verdienste gewiß richtig, wenn er sagt: «Wir sind geneigt, das Bestehen einer physiologischen Psychologie als etwas so Selbstverständliches hinzunehmen, daß es stellenweise schon in Vergessenheit zu geraten beginnt, welchen ungeheuren Einfluß gerade erst Wundts zusammenfassende und anregende Tätigkeit auf den Ausbau alter und die Entstehung neuer psychologischer Forschungsgebiete ausgeübt hat.» Es ist unbedingt richtig, daß die Selbstbeobachtung eine reiche Quelle von Irrtümern ist. Aber ebenso zweifellos ist es, daß uns nichts intimer, unmittelbarer bekannt ist als gerade unser eigenes Innere. Was wir auch sonst beobachten mögen: es bleibt uns ein Äußeres. Wir können nicht in seinen Kern dringen. Im Kreise unserer seelischen Erscheinungen stehen wir mitten drinnen. Sie stehen uns also nahe wie nichts anderes in der Welt. Sollte das nicht zugleich die Ursache davon sein, daß wir bei der Beobachtung dieser Erscheinungen so vielen Fehlern ausgesetzt sind? Objektivität und Unbefangenheit ist dem Nahen gegenüber gewiß schwieriger als dem Entfernten gegenüber. Weil die Selbstbeobachtung etwas so Unmittelbares ist, darum wird sie wohl auch eine schwierige sein. Und es wäre wohl möglich, daß eine ausreichende Selbstbeobachtung nur derjenige üben könnte, der wohlgeschult von andern Beobachtungsfeldern kommt. Was Goethe von der Natur im allgemeinen sagte: «Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag, das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben», dies Wort muß besonders von der Natur der Seele gelten. Es gibt aber weite Gebiete des Seelenlebens, denen mit «Hebeln und Schrauben» so viel abzugewinnen ist, daß ihre Gesetze uns in strengen Rechenformeln entgegentreten. — Auf mein Ohr wirkt ein Schalleindruck. Ich empfinde ihn. Meine Empfindung setzt meinen Willen in Bewegung. Ich fühle mich durch den wahrgenommenen Schall veranlaßt, eine Handlung auszuführen. Der psychologische Experimentator bemächtigt sich dieses Tatbestandes. Er schaltet in einen elektrischen Stromkreis eine Uhr ein, deren Zeiger sich so lange bewegen, als auf irgendeine Vorrichtung ein Druck ausgeübt wird. Es seien zwei solcher Vorrichtungen in den Stromkreis eingeschaltet. Dann bewegt sich der Zeiger nur so lange, als auf beide Vorrichtungen gedrückt wird. Ein Beobachter mache nun folgendes. Er drücke auf die eine Vorrichtung so lange, bis er einen bestimmten Schall wahrnimmt. Dann lasse er los und drücke zugleich auf die zweite Vorrichtung. Während er dies tut, bewegt sich der Zeiger. Es gibt also eine Zeit, in der er auf beide Vorrichtungen drückt. Dies ist die Zeit, die verflossen ist zwischen dem Empfang des Sinneseindruckes und der Handlung, die auf diesen Eindruck folgt. Man findet, daß ein Achtel bis ein Sechstel einer Sekunde verfließt von der Auffassung einer Sinnesempfindung bis zu dem Augenblick, in welchem der Mensch eine Bewegung auf diese Empfindung hin ausführen kann. Man erforscht durch ähnlich geistreiche Vorkehrungen die Abnahme der Stärke einer Erinnerung mit der Zeit, die verflossen ist, seit ein Eindruck dem Gedächtnisse einverleibt worden ist; man kann erkennen, wie rasch sich eine neue Vorstellung an eine alte angliedert; man kann ferner den Einfluß der Ermüdung, der Übung auf unser Seelenleben beurteilen und ähnliche Erscheinungen in unerschöpflicher Fülle und Mannigfaltigkeit. In einer stattlichen Reihe von Bänden hat Wundt als «Philosophische Studien» Ergebnisse solcher Forschungen veröffentlicht, die von ihm und seinen Schülern in der Mutteranstalt der Experimentalpsychologie, in seinem Leipziger Laboratorium, ausgeführt worden sind. Eine Reihe deutscher und auswärtiger Hochschulen haben sich nach dem Leipziger Muster ähnliche Anstalten eingerichtet. Aus allen Teilen der gebildeten Welt fanden sich in Leipzig die Schüler ein, die sich unter Wundts Führung die neuen Methoden aneigneten. Und überallhin trugen sie die modernen psychologischen Untersuchungsweisen. In Kopenhagen und Jassy, ın Italien und Amerika lehrt man Experimentalpsychologie im Geiste des Leipziger Forschers. Eine Anzahl bedeutender Gelehrter kann namhaft gemacht werden, die mehr oder weniger selbständig ihren psychologischen Laboratoriumsarbeiten obliegen und zu schönen Ergebnissen gelangt sind. Carl Stumpf hat namentlich auf dem Felde der Tonpsychologie, Hermann Ebbinghaus auf dem der Gedächtniserscheinungen Wertvolles geleistet. Ernst Mach ist besonders glücklich in der Vereinigung des Experimentes mit der geistvollen Erklärung desselben. Hugo Münsterberg, der lange in Zürich gewirkt hat, wurde zur Pflege der neuen Wissenschaft nach Cambridge berufen.
Es ist in einem kurzen Überblick unmöglich, auf alle die Perspektiven hinzuweisen, die durch die Experimentalpsychologie eröffnet werden. Unter vielem wird gewiß nicht das Unwichtigste sein, was die Pädagogik von dem jungen Forschungszweige zu lernen hat. Der Unterrichtende, der die Gesetze des jugendlichen Seelenlebens zu lenken hat, wird sich künftig nach den experimentell festgestellten Gesetzen dieses Seelenlebens zu richten haben. Er wird dem Gedächtnisse, der Übung nur so viel zuzutrauen haben, als diese Seelenvermögen nach den psychologischen Ergebnissen leisten können. — Und an die Psychiatrie stellt Kraepelin die entschiedene Forderung, sich die Ergebnisse der Experimentalpsychologie zunutze zu machen. Dieser Forscher ist seit vielen Jahren bemüht, die Frage zu beantworten, auf «welche Weise und in welchem Umfange» dies möglich ist. Er ist der Meinung, daß der Zeitpunkt gekommen sei, in dem die Psychiatrie mit den bisher gebräuchlichen Beobachtungsmethoden keinen weiteren Fortschritt machen kann. Es müssen zu diesen Methoden diejenigen der frisch aufblühenden Experimentalseelenkunde treten. — Es ist gerade das Zeugnis Kraepelins, auf das man sich gerne berufen mag, wenn es auf die Würdigung der neuen Wissenschaft ankommt. Denn dieser besonnene und geistvolle Forscher ist auch gegen die Schattenseiten nicht blind, welche dieser Wissenschaft durch manche ihrer Vertreter eigen sind. «Wir müssen zugeben, dal unter der Hochflut experimenteller Arbeiten, welche uns das letzte Jahrzehnt gebracht hat, so manche den berechtigten Anforderungen nicht genügt, daß mit dem Weizen auch das Unkraut vielfach üppig in Saat geschossen ist.» Ebenso wahr sind aber auch die andern Worte Kraepelins: «Gleichwohl dürfen wir heute mit Sicherheit erwarten, daß die junge Wissenschaft diese Entwicklungskrankheit ohne Schaden überstehen und dauernd ihren selbständigen Platz neben den übrigen Zweigen der Naturwissenschaft und insonderheit der Physiologie zu behaupten imstande sein wird.»