Herman Grimm Gestorben am 16. Juni 1901
Den 16. Juni ist Herman Grimm gestorben. Wer die Art seines Geistes zu schätzen wußte, den überkam bei der Nachricht von seinem Hingange das Gefühl, mit ihm ist eine der Persönlichkeiten von uns geschieden, denen die, welche ihren Bildungsweg im letzten Drittel des abgelaufenen Jahrhunderts zurückgelegt haben, Unsagbares verdanken. Er war für uns die lebendige Vermittlung mit dem Zeitalter Goethes. Die uns nachfolgen, werden keine Zeitgenossen haben, die so über Goethe zu sprechen wissen wie Herman Grimm. Wenn er auch bei Goethes Tode selbst erst vier Lebensjahre zählte, so darf man doch von Herman Grimm wie von einem Zeitgenossen Goethes sprechen. Er war der Schwiegersohn Bettinas, die ganz in Goethes Ideenwelt aufging und von der wir das schöne Buch haben «Goethes Briefwechsel mit einem Kinde». Und Herman Grimm selbst war ganz heimisch innerhalb einer Vorstellungswelt, die ihre Nahrung aus einem unmittelbaren persönlichen Verhältnis zu Goethe sog. Aus dieser Vorstellungsart urteilte er über alle Dinge, nicht nur über Goethe selbst. Wie er seine Bücher über Michelangelo, über Raphael schrieb, so konnte sie nur ein Mann schreiben, der zu Goethe stand wie Herman Grimm. Man wird auch anders über diese Genien urteilen können, und man wird von anderen Kunstperspektiven und anderen Zeitbedürfnissen heraus anders urteilen müssen. Aber näher in der Auffassungsweise wird ihnen kaum ein Zeitalter kommen können als dasjenige Goethes. Daß sie in der Auffassung des GoetheZeitalters geschrieben sind, das wird Herman Grimms Werken für immer einen unvergleichlichen Wert geben.
Wer Herman Grimm persönlich kannte, hatte im höchsten Maße die Empfindung, wie wenn durch diesen Mann noch Goethe selbst mittelbar zu ihm spräche. — Diesen Eindruck hatte auch der, dessen persönlicher Verkehr mit Herman Grimm sich über so kurze Zeiträume beläuft wie der des Schreibers dieser Zeilen. Ich denke oft an schöne Stunden, die ich in Weimar mit ihm verbringen durfte. Besonders lebhaft schwebt mir eine Unterredung vor, die ich mit ihm allein hatte, als er mich einmal aufforderte, in einem Weimarer Hotel an seinem Mittagsmahle teilzunehmen. Er sprach von seiner Geschichte der deutschen Phantasie als von einem Werke, in dem sich ihm zusammenfaßte, was er über den Entwickelungsgang des deutschen Volkes gedacht hatte. Wie wußte er doch auf die charakteristischen Stellen zu deuten, in denen sich der Kulturgehalt einer Zeit wie in Brennpunkten sammelte. Man mochte selbst über irgend etwas mehr oder weniger anders denken wie er: blitzschnell befiel einem bei jeder seiner Ausführungen die Empfindung, daß sein Gesichtspunkt in irgendeiner Weise berechtigt und im höchsten Maße bedeutend und fruchtbar sei. Ich bin der Meinung, daß man durch nichts die eigentliche Art der deutschen Kultur im zweiten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts so vor seinen Augen sehen konnte, wie wenn man Persönlichkeiten wie Herman Grimm sprechen hörte. Ich habe noch einen Mann kennengelernt, bei dem Ähnliches zutraf, meinen hochverehrten Lehrer Karl Julius Schröer. Er ist vor einigen Monaten in Wien gestorben. Es ist mir ein Herzensbedürfnis, bald das Bild dieser so verkannten Persönlichkeit, wie es in meiner Seele lebt, zu zeichnen. In etwas anderer Art als Herman Grimm lebte auch er ganz in der Vorstellungsart Goethes. Es liegt in der Natur unseres Zeitalters, daß diejenigen, die nur um acht oder zehn Jahre jünger sind als meine Altersgenossen, ein ganz anderes Bild sich von solchen Persönlichkeiten machen müssen als wir. Im gewissen Sinne stand Herman Grimm den Grundbedürfnissen unserer Zeit ganz fern. Die sozialen Störungen unserer Tage lagen von seinem Verständnis ab, und den Anschauungen der Darwin und Haeckel gegenüber hat ihn wohl stets ein fröstelndes Gefühl ergriffen. Aber gerade deshalb — so paradox es auf den ersten Blick erscheinen mag, wenn man solches sagt — ist sein Buch über Goethe ein geschichtliches Dokument, wie es nicht viele gibt. Es wird niemand mehr so über Goethe schreiben können. Nicht unsere Gegenwartskultur und keine folgende wird das möglich machen. Auf Goethes Generation mußte eine folgen, die noch so viel von Goethe hatte, daß sie unbeirrt um alles Folgende sein Bild festhalten konnte. Herman Grimm gehörte dieser Generation an. Was auch immer über Goethe noch gesagt wird, Grimms «Goethe» kann nicht überholt werden. So wie er wird keiner mehr über Goethe empfinden können; aber in diesen Empfindungen über Goethe lebte sich das Goethe-Zeitalter erst voll aus.
Die sich im «eigentlichen Sinne» Gelehrte nennen, wollten Herman Grimm nicht zu den Ihrigen zählen. Sie sprechen ihm die «strenge Methode» ab. Er durfte darüber lächeln. Er wollte nicht mit diesen «Gelehrten» verglichen sein und nicht zu ihnen gezählt werden. Er wußte zu gut, wie es um die «Methode» steht. Sie ist zumeist eine Krücke für alle diejenigen, die aus Mangel an persönlicher Kraft nicht auf eigenen Füßen gehen können und aus ihrer Eigenschaft heraus zu nichts kommen. Er wußte, daß ihm nur Methode absprechen kann, wer «selbst nichts hat, als nur Methode». Seine Überzeugung war: «Die Persönlichkeit des Einzelnen innerhalb seines beschränkten Kreises wird immer das Wertvolle bleiben.»