Eduard Grimm - Zur Geschichte des Erkenntnisproblems

Leipzig 1890

Vor wenigen Wochen wurde die deutsche Philosophie um ein wertvolles Buch bereichert, das in Weimar entstanden ist. Der Umstand, daß der Verfasser des Werkes der Archidiakonus Dr. Eduard Grimm ist, und die wissenschaftliche Bedeutung, die demselben zukommt, rechtfertigen es wohl hinlänglich, wenn wir an dieser Stelle der innigen Befriedigung Ausdruck geben, die uns die Lektüre desselben gewährt hat. Wir fanden eine der interessantesten Epochen in der Entwickelung der Wissenschaft in wahrhaft mustergültiger Weise erörtert. Das Buch stellt sich zur Aufgabe, die Lehren der fünf englischen Philosophen: Francis Bacon (1561 bis 1626), Thomas Hobbes (1588-1679), John Locke (1632-1709), George Berkeley (1685-1753), David Hume (1711-1776) für die Erkenntnistheorie darzustellen, das ist für jene Wissenschaft, welche sich damit befaßt, die Frage zu beantworten: inwieweit ist der Mensch imstande, durch sein Denken die Welträtsel zu lösen und die Gesetze der Natur und des Lebens zu erforschen?

Die wissenschaftliche Periode, der jene fünf Denker angehören, ist darum so außerordentlich bedeutsam, weil gerade sie einen der wichtigsten Wendepunkte in dem wissenschaftlichen Leben bezeichnet. Die Weisheit des Mittelalters hatte sich damit begnügt, jene Wege weiterzuwandeln, die der gewaltige Lehrer Alexanders des Großen, Aristoteles, betreten hat. Die Art, wie er die Aufgaben der Wissenschaften angefaßt, die Ziele, die er gesteckt, galten als unanfechtbar auch dann noch, als längst neue Beobachtungen und Erfahrungen mit denselben nicht mehr recht in Einklang zu bringen waren. Dadurch aber ward jeder Fortschritt gehemmt, die freie Entfaltung eines von den Entdeckungen im Felde der Wissenschaft geforderten freien und unabhängigen Denkens unmöglich gemacht. Da trat Francis Bacon auf den Plan. Reinigung der Wissenschaft von allen hergebrachten Vorurteilen und vollständig neuer Aufbau derselben auf Grund der damals neuen Errungenschaften war sein Ziel. Grimm versteht es nun meisterhaft, Bacon gerade da zu erfassen, wo seine große Bedeutung für die Entwickelung des europäischen Denkens am deutlichsten hervortritt. Durch das Festhalten an Grundsätzen, die einer längst vergangenen Zeit angehörten und nur für das Leben dieser Zeit Gültigkeit und Wert haben konnten, hatte sich die Wissenschaft dem Leben der unmittelbaren Gegenwart entfremdet, ja war vollständig unbrauchbar für dasselbe geworden. Aber «alle Wissenschaft ist aus dem Leben hervorgegangen und entnimmt aus demselben das Recht und die Grundlage ihres Bestehens. Entfernt sie sich allzuweit von diesem ihrem Ursprung, so kann es nicht fehlen, daß das Leben selbst mit der ihm eigenen unmittelbaren Gewalt sich ihr entgegensetzt und zu einer Neubildung der Wissenschaft hindrängt. In solcher Art tritt Franz Bacon von Verulam der Wissenschaft seiner Zeit entgegen. Er macht ihr den Vorwurf, sie gleiche einer Pflanze, die, von ihrem Stocke abgerissen, in keinem Zusammenhange mehr steht mit dem Leibe der Natur und deshalb auch keine Nahrung mehr aus demselben empfängt.» (Vgl. Grimm, Zur Geschichte des Erkenntnisproblems, S. 5-6.) Wie nun Bacon durch die Aufstellung einer untrüglichen Beobachtungs- und Versuchsmethode die Wissenschaft in das rechte Geleise bringen will, wie er dadurch, daß er allen Vorurteilen und Irrtümern sowohl bei den Gelehrten wie bei allen übrigen Gebildeten schonungslos zu Leibe geht, nur dem unbedingt sicheren Wissen Eingang verschaffen will, das setzt Grimm mit ebensoviel Gründlichkeit wie wahrhaft philosophischer Überlegenheit auseinander. Dem, wie überhaupt dem ganzen Buche gegenüber, müssen wir die einzig geschichtlich richtige Methode rühmen, die den in Betracht kommenden Denkern dadurch vollste Gerechtigkeit widerfahren läßt, daß sie sie überall, wo es nötig erscheint, selbst zu Worte kommen läßt. Die wohltuende Wirkung, die von dem Buche ausgeht, ist zum nicht geringen Teile in dem Umstande zu suchen, daß der Verfasser nicht, wie so viele neuere Geschichtsschreiber der Wissenschaft es machen, seine eigenen wissenschaftlichen Ansichten bei Beurteilung fremden Denkens hervorkehrt, sondern das für den Einsichtigen doch überall sichtbare persönliche Können in den Dienst einer allseitigen objektiven Entwickelung der behandelten Gedankensysteme stellt.

Die Baconsche Denktrichtung hatte bei all ihrer hohen Bedeutung sich einer einseitigen Überschätzung der bloßen Beobachtung der Dinge auf Kosten des selbständigen, aus der eigenen Brust des Menschen schöpfenden Denkens schuldig gemacht. Dieser Mangel wurde noch größer bei Thomas Hobbes, der in dem Denken nichts sah als eine durch die Sprache vermittelte Fähigkeit. «Verstand ist das Verstehen der Worte.» (Grimm, S.87.) Daß das Denken von sich aus und durch sich selbst zu Erkenntnissen kommen kann, leugnet Hobbes. «Die sinnliche Wahrnehmung, die Imagination und die Aufeinanderfolge unserer Vorstellungen, die wir Erfahrung nennen, ist das uns von der Natur Gegebene.» (Grimm,.85-86.) «Als Vernunft bezeichnet Hobbes jene Tätigkeit, durch welche wir Vorstellungen und Worte zusammensetzen.» (Grimm, S. 87.) So beruht nach Hobbes die Wissenschaft nicht auf einem denkenden Begreifen der Welt, sondern lediglich auf vernünftigem Gebrauch und richtigem Verständnis der Worte. Daß die Worte Ideen vermitteln und erst auf diesen unsere Erkenntnis beruht, ist ein Satz, der für Hobbes nicht existiert. Daß unter solchen Umständen das Wissen keinen selbständigen Zweck mehr haben kann, ist wohl begreiflich. Daher findet Hobbes: «Das Wissen ist um des Könnens willen da, die Mathematik um der Mechanik, alle Spekulation um irgendeines Werkes, irgendwelchen Handelns willen.» (Grimm,. 99.) Gewiß: ein Wissen, das nur aus Worten besteht, kann keinen selbständigen Wert haben. Allerdings glaubte Hobbes, das, was er wollte, nur dadurch erreichen zu können, daß er der Wissenschaft diese Wendung gab. Was wir in einzelnen Fällen beobachten, erfahren, hat ja nur eine eingeschränkte Wahrheit. Wir können nie wissen, ob es sich auch in allen den Fällen bewahrheitet, die wir nicht beobachtet haben. Die Worte aber stellen wir willkürlich fest; bei ihnen wissen wir also genau, wie weit das Gültigkeit hat, was sie behaupten. Verhängnisvoll wurde diese Ansicht Hobbes für seine Grundlegung der Sitten- und Staatslehre. Denn beruht alles, was objektive Gültigkeit hat, nur auf der Willkür der Worte, so hört jeder wirkliche Unterschied von «Gut» und «Bös» auf. Auch diese Begriffe werden zu willkürlichen Geschöpfen des Menschen. «Es gibt keine allgemeine Regel über Gut und Böse, die aus dem Wesen der Dinge selbst genommen wäre.» (Grimm,. 135-136.) Und im Staate kann die Ordnung nicht dadurch aufrechterhalten werden, daß die Menschen durch Vernunft, durch freie Einsicht ihre Triebe beherrschen, sondern allein dadurch, daß ein despotischer Herrscher die Beobachtung der willkürlich aufgestellten Sittengesetze erzwingt.

Im Mittelpunkt des Grimmschen Werkes steht John Locke. Er ist ja «der erste Philosoph, der die Frage nach der Erkenntnis als eine durchaus selbständige und für sich bestehende Aufgabe in den Mittelpunkt der Forschung stellt». (Grimm, 5.173.) Auf dem Kontinente ist Ren& Descartes (Cartesius 1596-1650) der Begründer einer neuen, aus den Banden des Aristoteles sich befreienden Philosophie. Dieser sieht den Grund, warum wir zu einem unbedingten und unzweifelhaften Wissen kommen können, darinnen, daß uns gewisse Ideen angeboren sind. Wir brauchen dieselben bloß aus den verborgenen Tiefen unserer Seele heraufzuheben und in das volle Licht des Bewußtseins zu stellen. Dieser Ansicht setzte nun Locke den Satz entgegen, daß wir gar keine angeborene, sondern nur erworbene Erkenntnisse haben. Wir bringen, nach Locke, keinerlei Erkenntnisse mit uns zur Welt, sondern allein die Fähigkeit, uns solche zu erwerben. Von dieser Einsicht ausgehend, sucht er die Quellen und die Gültigkeit unseres Wissens zu untersuchen. Er gelangt dabei zu einem Satze, der heutzutage geradezu einen Bestandteil des modernen Bewußtseins ausmacht, nämlich, daß nur Masse, Gestalt, Zahl und Bewegung Eigenschaften sind, die wirklich in den Körpern existieren, während Farbe, Ton, Wärme, Geschmack und so weiter nur Wirkungen der Körper auf unsere Sinne seien, nicht aber etwas in den Körpern selbst.

George Berkeley behauptet nun, daß auch die erstgenannten Eigenschaften kein von unserem Vorstellen unabhängiges Dasein haben, sondern daß sie nur existieren, insofern wir sie vorstellen. Es gibt überhaupt keine Dinge, die unseren Vorstellungen entsprechen. Berkeley leugnet das Dasein einer Körperwelt und läßt nur Geister existieren, in denen das göttliche Wesen durch seine alles beherrschende Kraft die Vorstellungen hervorruft. «Was ich wahrnehme, das muß ich auch vorstellen; etwas, wovon ich gar keine Vorstellung habe, kann auch nicht Gegenstand meiner Wahrnehmung oder Erfahrung sein, das existiert für mich überhaupt nicht.» «Deshalb gibt es über die Grenze der Vorstellung hinaus keine Wahrnehmung, keine Existenz, keine Erfahrung.» (Grimm, S. 385.)

David Hume endlich nimmt den Standpunkt Lockes, daß wir alle unsere Erkenntnisse nur durch Beobachtung gewinnen können, wieder auf. Da wir aber durch Beobachtung immer nur Aufschluß über einzelne Fälle gewinnen können, so haben wir auch nur solches auf Einzelnes bezügliches Wissen und keine allgemein gültige Erkenntnis. Wenn ich sehe, daß ein Ding immer auf das andere folgt, so nenne ich das letztere Ursache, das erste Wirkung. Ich erwarte, daß in ähnlichen Fällen dieselbe Ursache dieselbe Wirkung hervorruft. Daß dies so sein muß, kann ich nie wissen. All unsere Überzeugung beruht auf der Gewohnheit, das immer vorauszusetzen, was wir öfter bewahrheitet gefunden haben. So gelangt Hume zu einem vollständigen Zweifel an aller eigentlichen Erkenntnis.

Dieser Zweifel hat Kant, nach dessen eigenem Bekenntnis, aus seinem wissenschaftlichen Schlummer gerissen und zu seinem groBen, die wissenschaftliche Welt in allen Tiefen aufrührenden Werke, zur «Kritik der reinen Vernunft», angeregt. Dadurch hat Hume, und insofern dieser auf seinen genannten Vorgängern fußt, auch letztere auf die deutsche Wissenschaft einen maßgebenden Einfluß ausgeübt.

Die Gedankenentwickelung und die Bedeutung der von Grimm behandelten Forscher zu kennen, ist für das Verständnis der neueren Philosophie ein unbedingtes Erfordernis. Daher hat sich der Verfasser durch sein Buch ein bleibendes Verdienst erworben. Mit durchdringender Klarheit zeigt er uns die Fäden, welche die fünf Männer miteinander verbinden, mit bewundernswerter Schärfe weist er immer auf jene Seite hin, in der jeder von ihnen einen und denselben Grundgedanken entwickelt hat. Eigentlich ist es ja eine Frage, die sie alle behandeln; nur führt sie die verschiedene Beleuchtung, in die sie dieselbe rücken, immer zu anderen Folgerungen. Alle sind beseelt von dem Streben nach befriedigender Erkenntnis, und ebenso sind sie von der Überzeugung durchdrungen, daß nur Beobachtung und Erfahrung uns wahrhaft Erkenntnisse liefern. Nicht weniger ausgezeichnet als die Darlegung der Abhängigkeit der einzelnen Darlegungen voneinander ist Grimms Beleuchtung des Entwickelungsganges, den dieselben durchgemacht haben. Besonders charakteristisch ist derselbe für Berkeley und Hume. Grimm erweist sich in der Klarstellung dieser Verhältnisse auch als Meister psychologischer Analyse.

Wir glauben nicht zu viel zu sagen, wenn wir unser Urteil über Grimms Buch in den Worten gipfeln lassen: Für den Fachmann ist es ein Werk, an dem er nicht vorübergehen darf, wenn er der in Rede stehenden Epoche nähertreten will, für den Gebildeten eine interessante, ihn über unzählige Fragen orientierende Lekrüre.

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