Allan Kardec - Der Himmel Und Die Hölle
oder die göttliche Gerechtigkeit nach den Aufschlüssen der Kunde vom Geist; sodann beleuchtet an zahlreichen Beispielen bezüglich der wirklichen Lage der Seele während und nach dem Tode. Ins Deutsche übertragen von Christ. Heinr. Wilh. Feller. Berlin 1890
Wir leben in einer Zeit, in der ein großer Teil des wissenschaftlichen Treibens vollständig zur Verstandessache geworden ist, und in der auch die bedeutendsten Vertreter der Gelehrsamkeit nichts mehr zu bieten wissen, was den Bedürfnissen des Herzens und Gemütes irgendwie Genüge leisten könnte. Da ist es denn auch kein Wunder, wenn religiös angelegte Naturen das auf einem von der Wissenschaft abgelegenen Wege zu erreichen suchen, was ihnen diese versagt. Man könnte nun glauben, daß die Religion selbst einen solchen Weg eröffne. Das wäre auch der Fall, wenn nicht eine auf Erfahrung und Augenscheinlichkeit gegründete Denkweise den Geist vieler unserer Zeitgenossen in eine Richtung gebracht hätte, die sich mit der unbefangenen Anschauungsart religiöser Menschen nicht verträgt. Man hat ein Bedürfnis nach religiösen Wahrheiten, aber man will sie nicht glauben, sondern erfahrungsgemäß beweisen. Man will mit den Mitteln der Anschauung und des Versuches das erkennen, was die Religionen durch den Glauben zu vermitteln suchen. Auf diese Weise entsteht ein ganz unklares und ungesundes Gemisch von Religion und scheinbarem Erfahrungswissen, das nach keiner Seite hin eine Existenzberechtigung hat. Das Werk, dem diese Zeilen gewidmet sind, trägt alle schlechten Eigenschaften an sich, die aus der gekennzeichneten Verschmelzung zweier nicht zusammengehöriger Halbheiten entspringen. Es entwickelt zuerst, und zwar vom Standpunkte einer ganz egoistischen sittlichen Weltansicht aus, die Lehren von Himmel, Hölle, Engel, Teufel und von dem Fortleben nach dem Tode. Dann werden ganz unkritisch scheinbare Tatsachen als Beweise für diese Lehren angeführt. Eine Reihe von Verstorbenen soll den Mitgliedern einer «Geisterforschungsgesellschaft», der auch der Verfasser angehörte, erschienen sein und Mitteilungen über das Jenseits gemacht haben. Bei der Erzählung dieser «Tatsachen» wird auch nicht mit einem Worte erwähnt, ob denn bei den Versammlungen irgendwelche Vorkehrungen getroffen worden sind, um absichtliche oder unabsichtliche Täuschungen auszuschließen. Daß sie Maßregeln dieser Art treffen, suchen doch heute selbst die Anhänger des plumpsten Spiritismus der Welt beizubringen. Wir sind nicht so kurzsichtig, daran zu zweifeln, daß es Erscheinungen geben könne, für deren Erklärung unsere augenblicklichen wissenschaftlichen Anschauungen sich zu eng zeigen; aber solche Tatsachen müssen ebenso methodisch und objektiv-wissenschaftlich untersucht werden wie die Phänomene der Optik und Elektrizität. So wenig es uns zu einem Ziele führte, wenn wir die Lichtbrechung oder die elektrischen Erscheinungen mit Zuhilfenahme von «Geistern» erklärten, ebensowenig kann es einen Wert haben, mit solchen Mitteln jenem kleinen Reste von Tatsachen beikommen zu wollen, der übrigbliebe, wenn man aus den Behauptungen und Erzählungen der «Spiritisten» und «Spiritualisten» alles entfernte, was auf Täuschung und Schwindel beruht.