Adolf Steudel - Das Goldene ABC der Philosophie
Einleitung zu dem Werke «Philosophie im Umriß». Neu herausgegeben und mit Bemerkungen versehen von Max Schneidewin. Friedrich Stahn. Berlin 1891
Dieses Buch gehört in die Gruppe der vielen unnötigen, die die Literatur der Gegenwart hervorbringt. Steudel befand sich als Philosoph auf jenem flachen Standpunkt, der glaubt, das überallher zusammengelesene Wissensmaterial durch bloße Verstandeserwägungen, die über die einzelnen Erfahrungstatsachen angestellt werden, zu philosophischen Resultaten vertiefen zu können. Daß die Philosophie ein Objekt braucht, das nicht in der Sphäre des «sinnenfällig und verstandesmäßig» Gegebenen liegt, davon hatte Steudel keine Ahnung. Daher fehlt ihm auch ganz das Organ, um die großen Fortschritte der Philosophie durch Fichte, Schelling und Hegel würdigen zu können, und er möchte alle tiefere Intuition von dem aus Nicolaischer Gesinnung hervorgehenden Verstandesraisonnement, das jene Leuchten der Wissenschaft trotz ihrer großen Fehler in so gewaltigen Geistesschlachten zu Boden streckten, wieder abgelöst sehen. Er will gegenüber dem absoluten Vernunfturteil das absolute Verstandesurteil geltend machen. Der Unterschied ist nur der, daß das Absolute der Vernunft tief, das des Verstandes aber oberflächlich ist. Bei alledem muß man das redliche Streben Steudels anerkennen, und für den philosophischen Fachmann ist es von Interesse, Steudels «Philosophie im Umriß» als das konsequenteste Werk des seichten Menschenverstandes, den ja noch immer viele — oder vielmehr heute erst recht viele — für den einzig gesunden halten, durchzulesen. Wem aber mit einem besonderen Abdruck der Einleitung, die gar keinen selbständigen Wert hat, sondern einen solchen nur im Zusammenhang mit dem ganzen Werke erhält, gedient werden soll, das vermögen wir nicht zu erkennen.