Karl Bleibtreu - Letzte Wahrheiten

Leipzig 1892

Wenn jemand, wie es nach dem Titel gerechtfertigt erschiene, in diesem Buche die Resultate philosophischer Erwägungen suchte, so wird er sich arg getäuscht sehen. Ansichten wird man finden, wie sie Laune und Willkür eines geistreichen, aber den Ernst ruhigen Denkens scheuenden Mannes aufstellen, aber man wird sich auch beleidigt fühlen über die Zumutung, das allersubjektivste Gerede in Dingen hinnehmen zu sollen, worüber nur die Vernunft sprechen sollte, die sich bis zu einem möglichst hohen Grade der Objektivität durchgearbeitet hat. Bleibtreu spricht über das Wesen des Menschen, über Geschlechtsverhältnis und Liebe, über Ehe und Familienleben, über das Genie, über Intellekt und Wille, über Strafgesetz und Sozialismus alles aus, was ihm gefällt, ohne sich weiter darüber Skrupeln zu machen, daß persönliche Vorliebe für eine Ansicht doch noch kein Kriterium ihrer Wahrheit ist. Herrn Bleibtreu vorzuwerfen, daß durch solche Schriften, wie die seinige es ist, das Gefühl für die Gewissenhaftigkeit in den großen Lebens- und Weltfragen abgestumpft wird, dazu bin ich nicht Philister genug, habe mich auch vielleicht beim Lesen derselben zu gut amüsiert. Auch mir hat manche geistreichelnde, halb-, viertel- und achtelwahre Behauptung ganz gut gefallen. Aber das Buch ist doch schlecht, und zwar deshalb, weil Herr Bleibtreu keine Ahnung davon hat, daß ein jeglich Ding viele Seiten hat. Von jedem Satze, den er aufstellt, ist auch das Gegenteil wahr. Ein deutscher Schriftsteller, der das nicht weiß, erscheint wie ein Überbleibsel aus dem. vorigen Jahrhundert. Seit die Deutschen eine Philosophie und Goethes Werke haben, wissen sie, daß ein Augpunkt nicht genügt, um ein Ding zu betrachten, sondern daß man um dasselbe herumgehen und es von allen Seiten ansehen muß. Es ist ja prächtig, was Herr Bleibtreu vom Genie sagt, daß es sein eigener Maßstab ist, daß es ohne ein fast bis zum Größenwahn gehendes Selbstbewußtsein nicht bestehen kann; aber damit ist das Wesen des Genies nur von einer Seite beleuchtet, und das gibt immer ein Zerrbild, eine Karikatur. Bleibtreu ist ein Karikaturenzeichner der «letzten Wahrheiten». Er tritt für Monogamie mit Auflöslichkeit der Ehe ein. Die Kinder sollen der Mutter gehören. Vaterliebe hält er für Heuchelei. Wer A sagt, der muß auch B sagen. Das heißt in diesem Falle: wer Dinge wie Bleibtreu fordert, muß uns auch die sozialen Verhältnisse schildern, unter denen dieselben möglich sind. Die Verwandtschaft von Genie und Irrsinn behauptet Bleibtreu im Anschlusse an Lombroso. Er will die Sache sogar genauer formulieren: Unter ungünstigen Umständen tritt überall da Ikrsinn ein, wo unter günstigen Umständen Genialität. Hat denn Herr Bleibtreu nie gehört, daß sich die Genialität auch unter den ungünstigsten Umständen entwickelt hat? Oder sagt er einfach: ja, dann waren diese Umstände nur scheinbar ungünstig; in Wahrheit aber gerade dem Genie günstig, das durch diese oder jene Schwierigkeit erst recht gestählt wurde? Auf diese Weise könnte man natürlich jeden beliebigen Satz begründen. Bleibtreus Gründe unterscheiden sich an Wert übrigens nicht sehr von diesen. Alles in allem: Bleibtreus Buch hätte nur dann einen Sinn, wenn der Verfasser ein Gott und seine Behauptungen göttliche Gebote wären, eine Art von Offenbarungen, welche die übrige Menschheit einfach kritiklos hinnehmen müßte. Wir halten den Herrn Bleibtreu für keinen Gott, sein Buch aber für amüsantes, dilettantenhaftes Geschreibsel.

German original of Karl Bleibtreu - Last Truths · ← Previous · Next →