Franz Brentano - Das Genie

Vortrag, gehalten im Saale des Ingenieur- und Architektenvereins in Wien. Leipzig 1892

Über das Genie ist in letzter Zeit vieles geschrieben worden. In weiteren Kreisen hat namentlich Lombrosos Buch: «Genie und Irrsinn» großes Aufsehen gemacht. Mit umfassender Sachkenntnis sucht der italienische Gelehrte alle die Fälle auf, in denen geniale Äußerungen des menschlichen Geistes an das unheimliche Gebiet der Geistesstörungen grenzen. Eine Reihe der größten Geister zeigten entweder in der Blüte ihres Strebens Irrsinnserscheinungen oder verfielen dem Wahnsinne am Abende ihres Lebens. Das würde zu der Annahme führen, daß Genialität nicht eine Entwickelungsstufe des gesunden menschlichen Geistes ist, sondern eine abnorme Erscheinung desselben. Diese Meinung scheint immer mehr Anhänger für sich zu gewinnen. Abweichend davon ist Eduard von Hartmanns Ansicht. Nach derselben liegt das Genie, im Gegensatz zur vollbewußten, verstandesmäßigen Geistestätigkeit, in einem Entfalten von Elementen, die im unbewußten Mutterschoße der Seele ruhen. Nur derjenige, bei dem diese Elemente aus diesen geheimnisvollen Tiefen herauf sich in die Sphäre des Geistes arbeiten, bringt Geniales hervor. Charakterisiert Hartmann auf diese Weise das Genie als etwas durchaus Normales, so sieht er es doch aber als ein von der Begabung des normalen Menschen qualitativ Verschiedenes an. Beiden hiermit angedeuteten Anschauungen steht diejenige Brentanos ablehnend gegenüber. Sie sieht in dem genialen Schaffen nur eine quantitative Steigerung derjenigen Tätigkeit des Geistes, die jeder Durchschnittsmensch fortwährend vollbringt. Die geistigen Funktionen des gewöhnlichen Menschen: Perzeption, Apperzeption, Reproduktion und Kombination vollziehen sich beim Genie nur leichter, rascher und in einer Weise, die dem Inhalt der Sachen mehr entspricht, als das bei der Mehrzahl der Individuen der Fall ist. Das Genie ist für geheime Beziehungen der Dinge zueinander empfänglicher als der Durchschnittsmensch. Was dieser erst auf dem mühevollen Wege eifrigen Forschens entdeckt, durchdringt jenes auf den ersten Blick. Brentano sucht nachzuweisen, daß nur aus dieser Steigerung der geistigen Vermögen die Schöpfungen Newtons, Kants, Goethes und Mozarts entsprungen sind. Diese Ausführungen sind geeignet, das Bewußtsein des Durchschnittsmenschen zu heben. Sie wollen die Kluft aus der Welt schaffen, die man zwischen Geistern ersten und zweiten Ranges annimmt. Uns scheint aber die Fragestellung keine ganz richtige zu sein. Genialität erscheint uns als das inhaltschaffende Vermögen des Geistes und den Gegensatz zu bilden zu der bloß formalen Verstandestätigkeit. Beide Vermögen sind in jedem Menschengeiste vorhanden; bei dem einen überwiegt das erste, bei dem andern das zweite. Genie nennen wir einen Menschen, bei dem das inhaltschaffende Vermögen in hervorragendem Maße ausgebildet ist. Nicht als Steigerung der formalen Anlagen erscheint uns die Genialität, sondern als eine hervorstehende Ausbildung einer besonderen Seite des Geistes, die bei der Mehrzahl der Menschen nur wenig entwickelt ist.

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