Wilhelm Schölermann - Freilicht!
Eine Plein-air-Studie. Düsseldorf 1891
Das Schriftchen behandelt eine in das Kunstleben der Gegenwart tief eingreifende Frage: inwiefern ist der Realismus in der Malerei, und zwar in jener Form, wie er sich am deutlichsten bei Liebermann und Uhde darstellt, künstlerisch gerechtfertigt? Es ließe sich erst darüber streiten, ob denn die ganze Fragestellung überhaupt gerechtfertigt ist. Der Künstler schafft, wie er kann, und fragt nicht nach ästhetischen Prinzipien. Wenn irgend jemand besondere Anlage hat zur treuen phantasielosen Wiedergabe der Natur und ein besonderes Auge für gewisse häßliche Seiten derselben, so werden seine Werke ein dementsprechendes Gepräge tragen. Ob die Ästhetik dann solchen Werken einen höheren oder niederen Rang anweist, ist freilich eine andere Sache. Momentane, von der Mode abhängige Urteile mögen die Schöpfungen der Kunst vielleicht für eine kurze Zeit völlig anders abschätzen als die Ästhetik. Die letztere darf sich dadurch nicht beirren lassen. Nur wer sein Urteil frei erhält von den Launen des Zeitgeschmackes und feste Prinzipien hat, kann als wissenschaftlich gebildeter Ästhetiker in Betracht kommen. Mit den Prinzipien einer solchen Ästhetik werden die Künstler aber immer im Einklang stehen, selbst wenn sie sich dessen nicht voll bewußt sind. Nur wird eine wissenschaftliche Ästhetik nie auf das Was, auf den Stoff der Kunstwerke losgehen, sondern stets auf das Wie, auf das von dem Künstler aus dem Stoffe Geformte. Darauf zielt es, wenn Heine sagt: «Der große Irrtum besteht immer darin, daß der Kritiker die Frage aufwirft: was soll der Künstler? Viel richtiger wäre die Frage: was will der Künstler?» Schölermann zitiert auf Seite 41 diese Stelle, aber ich finde, daß er sie im Verlaufe seiner Ausführungen viel zu wenig beherzigt. Sonst müßte sich seine Untersuchung auf die Frage zuspitzen: was wollen die modernen Künstler, und was können sie in der Art, wie sie schaffen, erreichen? Sie wollen ein treues Abbild der Natur wiedergeben. Aber die Mittel, mit denen der Maler arbeitet, sind viel geringer an Zahl als die, mit denen die Natur selbst schafft. Der Maler vermag in sein Bild nichts hineinzuarbeiten als die Projektion der Form auf eine zweidimensionale Raumgröße, das Hell-Dunkel und die Farbe. Was steht der Natur außer diesen Mitteln noch alles zur Verfügung, um eine Landschaft, eine Person hervorzubringen? Und doch muß der Maler mit seinen wenigen Mitteln eine ähnliche Totalwirkung hervorbringen wie die Natur mit ihrem Übermaße. Daraus folgt, daß er die Farbe, die Kontur und so weiter im einzelnen wird anders gestalten müssen als die Natur, wenn er in dem Gesamteindruck die letztere erreichen will. Wiedergabe der Natur im ganzen bedingt mannigfache Abweichung im einzelnen. Diese Grundmaxime aller ästhetischen Betrachtungen scheint der Verfasser nicht zu kennen; deshalb erscheint uns sein Versuch der Wissenschaft gegenüber prinzipienlos, als launenhafte Sammlung von Aphorismen, denen die rechte Grundlage fehlt; der Malerei gegenüber lieblos, nach vorgefaßten Meinungen abutrteilend, nicht berücksichtigend, daß nur die selbstlose Vertiefung in die Schöpfungen eines Künstlers wie Uhde zu einem Urteile berechtigt.