Dr.R.V. Koeber - Die Lebensfrage
Eine erkenntnistheoretische Studie. Leipzig 1892
Eduard von Hartmann vertritt in der Erkenntnistheorie den sogenannten transzendentalen Realismus. Dieser nimmt die Idealität der uns gegebenen Erscheinungswelt an, behauptet aber, daß der Inhalt derselben auf ein transsubjektives Ding an sich transzendental bezogen werden müsse. Er geht von der Ansicht aus, daß unsere in den Formen des Raumes, der Zeit und der Kausalität vorhandene Sinnes- und Gedankenwelt durch und durch subjektiven Charakter habe, daß jedoch diese Welt durch die Einwirkung einer objektiven auf unser Subjekt zustande komme. Er glaubt auf diese Weise den Illusionismus zu überwinden, der die ganze Wirklichkeit in eine Summe subjektiver Erscheinungen aufzulösen droht, hinter denen nichts Objektives steckt. Diese erkenntnistheoretische Ansicht ist durch die realistischen Elemente von Kants «Kritik der reinen Vernunft» entstanden, die ein ganz unklares Durcheinander von Idealismus und Realismus ist. Wer nur mit einigermaßen unbefangenem Blicke diesen transzendentalen Realismus ansieht, der muß zu der Überzeugung kommen, daß jenes von ihm hypothetisch angenommene «Ding an sich» aber weiter nichts ist als eine Ablagerungsstätte für alle möglichen unklaren Vorstellungen. Der christliche Offenbarungsglaube kann seinen ganzen Himmel mit sämtlichen Engeln, der Spiritist all seine Spirits in jene dunkle Region versetzen, wo das «Ding an sich» wuchert. Daß letzterer Fall wirklich eintreten kann, dafür ist das uns vorliegende Buch ein vollgültiger Beweis. Dr. Koeber bettet den ganzen spiritistischen Glauben der Aksakow und Genossen in das bequeme Lager des «Ding an sich». Dem transzendentalen Realismus steht der immanente Monismus gegenüber, der in folgenden Sätzen wurzelt: 1. Die uns gegebene Welt ist aus sich selbst erklärbar, ohne Zuhilfenahme eines außerhalb liegenden Prinzips. 2. Für die Annahme eines «Ding an sich» findet sich in unserem ganzen Begriffssysteme keine Notwendigkeit. 3. Die Annahme, daß die uns gegebene Welt bloß eine Summe von Vorstellungen ist, ist eine unberechtigte.
Weil der transzendentale Realismus die in Punkt 3 angedeutete Annahme macht, muß er die Welt für eine Illusion erklären, falls sie nicht in einem «Ding an sich» gegründet ist. In dieser Annahme liegt aber auch der Grundirrtum dieser Anschauung. Den gesamten Weltinhalt für Dlusion zu erklären, hat überhaupt gar keinen Sinn. Die Vorstellung, daß etwas eine Illusion ist, hat nur Berechtigung, wenn es sich herausstellt, daß jenes «Etwas» der Sache nicht wahrhaftig gleichkommt, wofür man sie gewissen charakteristischen Eigenschaften nach gehalten hat. Dazu muß aber jenes andere, mit dem die Verwechselung stattgefunden hat, überhaupt existieren. Den gesamten Weltinhalt kann man aber doch nicht mit irgendeinem anderen verwechseln. Eine solche Verabsolutierung des Begriffes der Illusion ist ein Widerspruch in sich selbst.
Eduard von Hartmanns großartige philosophische Schöpfungen beruhen darauf, daß er in der Natur- und Geschichtswissenschaft nicht den transzendentalen Realismus, sondern den immanenten, konkreten Monismus zugrunde legt. Dadurch hat er jene idealistisch-evolutionistische Richtung der Wissenschaft begründet, die allein zu einer vernünftigen Weltanschauung führt. Ich stehe nicht an, wegen dieses Umstandes die «Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins» und «Das religiöse Bewußtsein der Menschheit» zu den bedeutendsten philosophischen Schöpfungen zu zählen, die es gibt. Der «transzendentale Realismus» aber scheint mir aus einem Irrtum zu entspringen und zu unzähligen Verirrungen zu führen. Das Koebersche Buch ist eine solche.