Zeitschrift Für Philosophie Und Philosophische Kritik

Im Verein mit mehreren Gelehrten vormals herausgegeben von Dr. I. H.Fichte und Dr.H.Ulrici, redigiert von Dr. Richard Fal ckenberg, Professor der Philosophie in Erlangen. Neue Folge. 100. Band 1. und 2. Heft, 101. Band 1. Heft. Leipzig 1892

Die «Zeitschrift für Philosophie» nimmt unter den philosophischen Zeitschriften Deutschlands eine hervorragende Stelle ein. Die drei uns vorliegenden Hefte beweisen das von neuem. Aus dem reichen Inhalt des ersten hebe ich besonders hervor den Aufsatz von Dr. Nicolaus von Seeland: «Über die Einseitigkeit der herrschenden Krafttheorie» und eine kurze Bemerkung Eugen Drehers über das «Gesetz von der Erhaltung der Kraft» und über das Beharrungsvermögen. Die Kritik, welche Dreher, meines Erachtens einer unserer begabtesten und leider verkanntesten Physiker, an der genialen Konzeption Jul. Rob. Mayers übt, scheint mir im höchsten Grade beachtenswert. Ich möchte hierbei die Gelegenheit ergreifen, auf Eugen Drehers Schriften und Aufsätze überhaupt hinzuweisen. Bedauerlicherweise gelingt es diesem Gelehrten nicht, über den Dualismus hinauszukommen und zum Monismus sich durchzuringen. Wo aber dieser prinzipielle Mangel seines Denkens nicht in Betracht kommt, da sind seine Ausführungen durch das Originelle seiner Betrachtungsweise von der größten Wichtigkeit.* Das zweite Heft enthält einen Beitrag von

  • Auch im zweiten Heft finden wir einen bemerkenswerten Aufsatz Drehers: Kritische Bemerkungen und Ergänzungen zu Kants Antinomien. Robert Schellwien «Zur Erkenntnislehre Kants», den wir, gleich der von demselben Verfasser von uns kürzlich im «Literarischen Merkur» angezeigten Schrift, zu dem Bedeutendsten zählen, was uns die philosophische Literatur der jüngsten Zeit vor Augen gebracht hat. Schellwien ist nicht wie so viele unserer Zeitgenossen blind gegen Kants Irrtümer. Er strebt eine über Kant hinausgehende, von dessen Lehre unabhängige Lösung der philosophischen Probleme an. Schellwien sagt, «daß das menschliche Bewußtsein, welches freilich nicht ursprünglich ist, sondern beständig nur aus der Aufhebung von Nichtwissen hervorgeht, nachschöpferische Identität des Wissenden und des Gewußten sein könne, ja nach seinen eigenen Prinzipien von der Apriorität des Erkennens sein müsse». Bis zu diesem Grade der Einsicht ist Kant nie gekommen. Weil er es nicht ist, deshalb konstruierte er das menschliche Bewußtsein aus zwei einander widersprechenden Bestandteilen: dem passiven Aufnehmen und dem aktiven Verarbeiten des Erkenntnisstoffes, was zur Folge hatte, daß die «Kritik der reinen Vernunft» das konfuseste Buch unter den Geisteswerken ersten Ranges geworden ist.

In diesem Hefte begegnen wir noch dem Aufsatze: «Philosophische Randbemerkungen zu den Verhandlungen über den preußischen Volksschulgesetzentwurf» aus der Feder des scharfsinnigen, durch die Kühnheit seines Denkens uns von jeher sympathischen Max Schasler.

Das nächste ist ein Jubiläumsheft. Die Zeitschrift eröffnet damit das zweite Hundert ihrer Bändereihe. Aus diesem Grunde ist dasselbe mit dem Bildnis I.H.Fichtes, des Begründers der Zeitschrift, geschmückt und bringt einen Bericht Rud. Seydels über die Entstehung derselben, der sehr lesenswert ist. Er schildert in anregender Weise die Bedürfnisse, denen das philosophische Unternehmen seine Entstehung verdankt, und die Tätigkeit der an seiner Gründung beteiligten Männer. Den Anfang der Abhandlungen dieses Heftes machen «Psychologische Aphorismen» von Otto Liebmann. Wie alles, was der kritische Geist dieses Forschers mit seiner wahrhaft ätzenden Schärfe in Behandlung nimmt, erfährt auch das psychologische Gebier hier reiche Anregung durch scharfe Fassung der Begriffe, präzise Stellung der Probleme und klare Angabe der Tendenzen, welche die Bestrebungen zur Lösung zu nehmen haben. Von hohem Interesse ist ein Aufsatz von Eduard von Hartmann: «Unterhalb und oberhalb von Gut und Böse». In bezug auf diese beiden Begriffe unterscheidet Hartmann drei exklusive Standpunkte: 1. Den naturalistischen, der einzig und allein das individuell-egoistische Bedürfnis- und Triebleben zum Ausgangspunkte des Handelns macht, die Tendenzen desselben zum einzigen Moralprinzipe stempelt und jede Regelung desselben durch die Gesetze der praktischen Vernunft ablehnt. 2. Den moralistischen, der die abstrakten Imperative der Vernunft als oberste praktische Maximen statuiert und jede Art des Handelns, auch das göttliche, für durch sie gebunden erklärt. 3. Den supranaturalistischen, der den Willen des gotrbeseelten Menschen über die Vernunftgesetze stellt und behauptet, wenn ein Mensch von den ewigen Ratschlüssen Gottes so durchdrungen ist, daß er sie zu seiner eigenen ethischen Triebkraft gemacht hat, dann sei er an keine Vernunftgesetze mehr gebunden. Diese Ratschlüsse stünden höher als alle Vernunft. Nur der mittlere Standpunkt kann eine eigentliche Moral begründen. Der erste und der letzte sind, weil sie Prinzipien des Handelns aufstellen, die von den Regeln der praktischen Vernunft verschieden sind, «jenseits von Gut und Böse», und zwar der erstere «unterhalb», der zweite «oberhalb». Hartmann charakterisiert nun das Einseitige der drei Standpunkte und findet, daß sich die beiden wichtigsten Fragen der Ethik, die der Verantwortung und der Entstehung des Bösen, nur durch eine Durchdringung der drei Sphären lösen lassen. Der beschränkte Raum macht es uns unmöglich, in eine kritische Auseinandersetzung über dieses die wichtigsten Probleme der praktischen Philosophie behandelnde Thema einzugehen.

Wertvoll an diesem Hefte ist auch der «Jahresbericht über Erscheinungen der anglo-amerikanischen Literatur aus der Zeit von 1890 bis 1891» von Friedrich Jodl. Noch haben wir auf den Umstand aufmerksam zu machen, daß eine Reihe von philosophischen Erscheinungen der Gegenwart bemerkenswerte Besprechungen erfahren und daß eine Bibliographie philosophischer Schriften und eine Inhaltsangabe aus philosophischen Zeitschriften des In- und Auslandes die einzelnen Hefte dieses Werkes schließen, das keiner entbehren kann, der sich für die Philosophie der Gegenwait interessiert.

German original of Journal for Philosophy and Philosophical Criticism · ← Previous · Next →