Julius Duboc - Grundriss Einer Einheitlichen Trieblehre Vom Standpunkte Des Determinismus
Leipzig 1892
Wie in Dubocs übrigen Schriften, so findet man auch in dieser eine große Zahl trefflicher Ansichten über einzelne Gebiete des Lebens und der Wissenschaft. Wer Ansprüche stellt, die in die Tiefen der Wissenschaft gehen und die über den Standpunkt der modernen rationalistischen Aufklärung hinausgehen, wird aus diesem Buche wenig Befriedigung schöpfen. Was ein gebildeter Mann, ohne Philosoph zu sein, über philosophische Probleme denkt, ist interessant hie und da im Gespräche zu hören; systematisch zu einem Buche verarbeitet, trägt es den Charakter der Plattheit und Trivialität. Willkürliches Raisonnement ist eben durchaus keine Philosophie. Sätze wie dieser: «Wenn man im Sinne einer ethischen Mechanik lediglich den seelischen Bewegungsapparat ins Auge faßt, so fällt jedes Moment, welches im Menschen wirkend ihn in seinem Tun und Verhalten antreibt und bestimmt, unter die Gesamtrubrik der Antriebe oder Triebe» (5.49) besagen über das Wesen der ins Auge gefaßten Sache gar nichts. Weil aber der Verfasser eine gesunde Beobachtungsgabe hat, kommt er selbst von unzulänglichen Prinzipien aus zu Erkenntnissen, die bemerkenswert sind. Dazu gehören seine Ansichten über den Charakter der Lust- und Unlustempfindungen und deren Bezug zum sittlichen Handeln. Der Trieb geht als solcher ursprünglich nicht auf die Herbeiführung einer Lustempfindung, sondern auf Herstellung des auf einem gewissen Gebiete verlorengegangenen inneren Gleichgewichts des Menschen (8.55). «Indem aus der Betätigung des Triebes eine Empfindung der Lust quillt, die dann als solche vorgestellt werden kann, zur Vorstellung (zur Lustempfindung) wird, beruht diese Vorstellung auf dem ihr vorangehenden Trieb resp. dessen Betätigung. Insofern «weckt die Vorstellung von Lust nicht erst den Trieb», wenn man unter wecken soviel wie ins Leben rufen versteht. Dagegen kann im weiteren Verlaufe die einmal selbständig gewordene Vorstellung der Lust sehr wohl den Trieb wecken, resp. ihn stimulieren, anspornen, wachrufen» (S.109f.). Der Trieb, der auf seine Betätigung geht, ist also das erste; daß er Lust im Gefolge hat, das zweite. Diese Erkenntnis ist von der allergrößten Wichtigkeit, denn sie zeigt, daß das Leben zunächst nicht auf die Lust ausgeht, sondern auf die Herstellung seines gestörten Gleichgewichtes. Erst die Erfahrung, daß mit der Betätigung eines bestimmten Triebes eine bestimmte Lust verbunden ist, führt dann dazu, diese Lust selbst zu suchen und sich dazu der Befriedigung des Triebes zu bedienen. Dehnt man dieses Gesetz auch auf die sittlichen Triebe aus, so richtet es sich gegen die eudämonistische Ethik, welche behauptet, daß das Ziel des menschlichen Wollens die Lust sei. Die Wahrheit ist, daß die Lust sich nur als notwendige Folge an die Erfüllung unseres Wollens knüpft. Die in dem Kapitel «Trieb und Lust» (S.102-163) genommenen Anläufe zu einer Klarstellung dieser Begriffe sind sehr interessant, und es ist nur schade, daß der Verfasser sie über das Niveau subjektiver Einfälle nicht zu erheben vermag.