Jacob Burckhardt
Gestorben am 8. August 1897
Ein Mann mit den seltensten Geistesgaben ist in diesen Tagen aus dem Leben geschieden. Jacob Burckhardt, der unvergleichliche Darsteller der Renaissance, ist am 8. August gestorben. Er ist uns gewesen, was wenige Schriftsteller uns sein können. Denn wenige besitzen die Kraft, mit solcher Größe ein Zeitalter vor unserer Seele auferstehen zu lassen, wie dies Burckhardt in seinem Werke «Die Kultur der Renaissance in Italien» (1860) vermocht hat. Wer dies Buch in der Weise in sich aufgenommen hat, wie es dies nach seinem Werte verdient, der muß es zu den wichtigsten Mitteln seiner Bildung rechnen. In einfachen großen Linien werden die geistigen Kräfte der Renaissance gezeichnet, plastisch, mit tiefdringendem Einblick die großen Gestalten geschildert. Man lebt in den Ideen, in den Empfindungen der gewaltigen Zeit, wenn man sich in Burckhardts Buch vertieft. Kein Gefühl, kein Gedanke, keine Ausschreitung erscheint unbegreiflich, wenn man den Ausführungen des genialen Mannes gefolgt ist. Er schafft im besten Sinne des Wortes nach, was die Renaissance erregt, was sie in Taten ausgelebt hat. Er schildert mit dramatischer Kraft. Er kennt, was die Zeit, was die Personen der Zeit im Innersten bewegt. Leute, die Burckhardt als Lehrer kennen, versichern, daß er im mündlichen Vortrage hinreißend war, daß er vergangene Zeiten in herrlicher Weise vor den Zuhörern lebendig zu machen wußte. Wer sich in seine Schriften vertieft, wird das ohne weiteres glauben und verstehen. Was man von so vielen Historikern sagen kann, es ist im Grunde der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln: auf Burckhardt hat es keine Anwendung. Er weiß den Geist der Zeiten zu erwecken in seiner ureigenen Gestalt.
Welch gewaltige Wirkungen Burckhardt auf empfängliche Geister auszuüben vermochte, das zeigte sich am besten an derjenigen, die er auf Friedrich Nietzsche gehabt hat. Die Zeiten, in denen die großen Individuen gediehen: sie waren Nietzsches geistige Heimat. Und niemand wußte ihn besser in diese zu führen als Burckhardt. Wie Nietzsche bei den Darlegungen des großen Historikers auflebte, wie er bei ihm die Geistesluft fand, die er am liebsten atmen mochte, das hat er mit Worten höchster Begeisterung anerkannt. Daß er in Basel, als er als junger Professor in diese Stadt kam, Jacob Burckhardt fand und sich freundschaftlich an ihn anschließen konnte, rechnete Nietzsche zu den guten Geschenken, die ihm vom Schicksal gegönnt waren. Und die Art, wie Burckhardt dem jungen Genie entgegenkam, spricht für den großen Zug in seiner Persönlichkeit. Er hatte von Anfang an die richtige Empfindung davon, welche geistige Kraft in dem jungen Philosophen sich an die Oberfläche arbeitete. Er verstand ihn schon damals wie wenige, Es spricht immer für die eigene Größe eines Geistes, wenn er einen andern Großen sofort als solchen zu erkennen vermag.