Hans Busse - Graphologie Und Gerichtliche Handschriften-Untersuchungen
Leipzig 1898
Unter dem Titel «Graphologie und gerichtliche Handschriften-Untersuchungen» hat Hans Busse ein Schriftchen erscheinen lassen (bei Paul List, Leipzig), das durch Anknüpfung an die DreyfusAngelegenheit ein aktuelles, durch klare Auseinanderserzungen über das Wesen und die Bedeutung der Graphologie ein tieferes Interesse zu erregen geeignet ist. Die Zeit ist vorüber, in der man mit vornehmem Achselzucken über die Berechtigung dieses Wissenszweiges zur Tagesordnung übergehen konnte. Zwei bedeutende Seelenforscher, Benedikt und Ribot, haben sich ja auch vor kurzem dahin ausgesprochen, daß sich in den Schriftzügen der Charakter der Persönlichkeit ausdrückt. Durch die wissenschaftliche, erfahrungsgemäße Erforschung des Zusammenhanges dieser Züge mit dem Gepräge der Persönlichkeit werden sich ebenso reizvolle wie nützliche Erkenntnisse ergeben. Die Graphologie muß ein wichtiges Kapitel der Psychologie werden. In viel höherem Maße als in den Gesichtszügen muß sich der individuelle Charakter eines Menschen in seiner Schrift ausdrücken. Denn die Gesichtszüge vermögen sich nur innerhalb von der Natur gesteckter Grenzen beweglich zu erhalten, um sich der Wandlung der menschlichen Natur anzuschmiegen. Die Schrift ist solchen Grenzen nicht unterworfen. Eine Krisis in der Entwickelung einer Persönlichkeit wird stets einen Wandel in seiner Schrift nach sich ziehen. Je freier, selbstherrlicher ein Mensch ist, desto mächtiger wird er seine Eigenart in der Schrift auszuprägen wissen. Unfreie Naturen werden gewissen Schriftformen, die ihnen gelehrt worden sind, unterworfen bleiben. Einen Durchschnittsmenschen wird man immer daran erkennen, daß seine Schrift keine individuelle, sondern die seines Schreiblehrers ist. Die Schrift ist wie der Stil der Charakter des Menschen.