Karl Frenzel
Zu seinem siebzigsten Geburtstage
Am 6. Dezember feierte Karl Frenzel seinen siebzigsten Geburtstag. Ich liebe es nicht, an solchen Tagen die üblichen Geburtstagsartikel zu bringen. Aber ich schweige auch nicht gerne, wenn mein Gefühl sich aussprechen will. Um eine Monographie oder auch nur eine kurze zutreffende Charakteristik über Karl Frenzel zu schreiben, bin ich nicht der richtige Mann. Dennoch glaube ich, daß im gegenwärtigen Augenblicke gerade ich im «Magazin für Literatur» Karl Frenzel den Geburtstagsgruß dieses Organs darbringen soll. Er ist mit der literarischen Entwickelung Deutschlands verwachsen wie wenige. Wir Jüngeren stehen zu Schriftstellern, wie er ist, in einem ganz eigentümlichen Verhältnis. Wir haben von ihnen sehr viel gelernt. Wir sind ihnen den größten Dank schuldig. Wir fühlen das. Und doch können wir nicht ihre Bahnen gehen. Wir sind ihre ungeratenen Söhne. Die Väter schelten uns. Wir lieben sie, aber wir gehorchen ihnen nicht. Wir sind ungezogen und verdienen nach ihrer Ansicht die Rute. Aber wir wünschen, daß unsere Väter sehen mögen, daß aus uns Ungeratenen doch noch etwas wird. Auch von Karl Frenzel möchte ich wünschen, daß es ihm gegönnt sein möge, an uns noch Freude zu erleben. Das wird vielleicht etwas lange dauern. Aber daß er es dann noch miterlebe, das ist es gerade, was ich ihm wünsche.
Ich habe aus Frenzels Essays ungeheuren Nutzen gezogen. Ich habe mich oft über den richtungsicheren Kritiker gefreut. In diese Freude mischte sich nur immer etwas wie — Neid. Doch ist Neid nicht das richtige Wort. Es gibt aber kein besseres. Die Kritiker seiner Generation wußten von Kindesbeinen an, was sie wollten. Sie haben «Prinzipien», die sie auf alles anwenden. Wir Gegenwärtigen leben von heute auf morgen. Was wir heute glauben, ist morgen für uns überwunden. Und was wir gestern gesagt haben, verstehen wir heute kaum mehr. Frenzels Altersgenossen waren gesetzte Leute, die einen festen Standpunkt hatten, von dem sie nicht einen Schritt nach rechts oder links abwichen. Wir springen von Standpunkt zu Standpunkt. Wir sind Suchende, Zweifelnde, Fragende. Sie hatten eine gewisse Sicherheit. Welches der rechte Weg in der Kunst, in der Philosophie, in der Wissenschaft, in der Politik ist, das wußten sie. Jedes neue Talent konnten sie einreihen. Wir können das alles nicht. Wir wissen fast nicht mehr, ob ein neues Buch, das wir lesen, bedeutend ist oder nicht. Wir sehen uns jedes Talent von allen Seiten an, und dann wissen wir zumeist gar nichts. Wir sind in eine rechte Anarchie hineingeraten. Über unsere größten Zeitgenossen haben wir jeder eine andere Meinung.
Selbst wenn wir einig sind in der Verehrung für einen Zeitgenossen, so streiten wir uns. Der eine sucht in dem, der andere in jenem seine Bedeutung.
Ich erinnere mich noch, wie ich als Jüngling zu Friedrich Theodor Vischer aufblickte. Jeder seiner Sätze bohrte sich wie ein Pfeil in meine Seele. Und jetzt lese ich ihn mit ganz anderen Gefühlen. Er interessiert mich nur mehr, aber er erwärmt mich nicht mehr. Er ist mir fremd geworden.
Vielleicht finden es manche pietätlos, daß ich diese Worte als Geburtstagsgruß dem Siebzigjährigen darbringe. Aber es verbindet uns doch etwas, indem wir uns verstehen: das ist gegenseitige Aufrichtigkeit. Wahr wollen wir gegeneinander sein. Wir wollen uns keine Phrasen vormachen. Wir wollen unseren Vätern sagen, daß wir sie verehren, daß sie uns die höchste Achtung einflößen. Aber wir wollen ihnen auch sagen, daß wir andere Wege gehen wollen. Die Pietät ist gewiß eine Tugend, aber sie saugt die Kraft aus dem Menschen. Und wir brauchen die Kraft, weil wir neue Aufgaben vor uns sehen.
Es war eine schöne Zeit, in der Karl Frenzel wirkte; eine Zeit voll von reifen Ideen, voll von vollendeter Kunst. In sich abgeschlossene, harmonische Naturen waren diejenigen, mit denen er die Mannesjahre zugleich erlebte. Sie waren auch deswegen glücklicher als wir. Sie versprachen sich mehr von ihren Idealen als wir von den unsrigen. Sie sogen mehr Lebensheiterkeit aus diesen Idealen. Sie waren eben größere Idealisten. Wir fürchten uns vor Idealen wie vor täuschenden Trugbildern. Wir sprechen nicht mehr die beseligenden Worte: die Idee muß doch siegen!