Emile Rigolage - La Sociologie Par Auguste Comte

Emile Rigolage hat soeben den zweiten Band seines mit umsichtvoller Kunst gearbeiteten Auszuges aus Auguste Comtes Schriften unter dem Titel «La Sociologie par Auguste Comte» herausgegeben (Bibliothöque de Philosophie contemporaine, Paris, Felix Alcan). Das Buch ist bereits vor 15 Jahren in erster Auflage erschienen und von Kirchmann ins Deutsche übertragen worden. Compte ist ein Denker, den man kennen muß als Beispiel einer ideenlosen Persönlichkeit. Daß der Inhalt der Philosophie Ideen sind, davon hat Comte keine Ahnung. In seinem Kopfe blitzen keine Ideen auf, wenn er die Dinge der Welt betrachtet. Deshalb ist seine sogenannte Philosophie das Zerrbild alles wahren und echten Philosophierens. Was sie über die Welt gedacht haben, das haben die Philosophen aller Zeiten in ihren Werken niedergelegt: Sie sind stets über das bloße Beobachten hinausgegangen. Dieses Beobachten ist Sache der Erfahrungswissenschaften. Neben diesen Einzeldisziplinen hat die Philosophie keine Berechtigung, wenn sie nicht den tieferen, den ideellen Kern der Dinge aufsucht. Aber Comte weiß nichts von einem solchen Kern. Er ist ohne jegliche Intuition und Phantasie. Deshalb ist er der Meinung, die Philosophie habe aus Eigenem nichts zu den Einzelwissenschaften hinzuzufügen, sondern bloß das zusammenzustellen und in eine systematische Ordnung zu bringen, was durch diese Einzelwissenschaften erkannt worden ist. Es bedeutet den Bankerott der Philosophie, wenn man im Sinne Comtes philosophiert. Alles, was man zu wissen braucht, um einen Ein- und Überblick über das ganz öde und unfruchtbare «System» Comtes zu gewinnen, findet sich musterhaft in dem oben genannten Auszug zusammengestellt. Der Verfasser der Schrift hat sich gründlich eingelebt in die Ansichten Comtes und war deshalb imstande, die bezeichnenden Dinge herauszuheben, auf die es ankommt. Ein solches Zusammenfassen ist besonders bei Comte schwierig. Denn eben weil leitende Grundgedanken ganz fehlen, fällt alles auseinander.

Mir scheint, daß das Buch gerade gegenwärtig nützlich werden kann. Auch andere Philosophen bestreben sich immer mehr und mehr, der Philosophie einen Charakter zu geben, der sie den Einzelwissenschaften ähnlich machen soll. Man spricht sogar von exakter Philosophie. Wohin man kommt, wenn solche Exaktheit auf die Spitze getrieben wird, kann man bei Comte lernen. Die Un- und Widerphilosophie ist die Folge. Und da man die Schädlichkeit einer Tätigkeit am besten erkennt, wenn man sie in ihre Extreme verfolgt und in ihren Auswüchsen beobachtet, so sei Comtes Philosophieren den Zeitgenossen als abschreckendes Beispiel empfohlen. Sie mögen aus ihm lernen, wie man es nicht machen soll, wenn etwas Ersprießliches auf diesem Gebiete zustande kommen soll.

Ich habe den Glauben, daß wir doch einer Zeit entgegengehen, in welcher das philosophische Streben wieder die ihm gebührende Achtung haben wird. Die unfruchtbaren Versuche Comtes und anderer mußten gemacht werden, weil man erst irren muß, um später der Wahrheit beizukommen.

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