Das Theater Der Naturschauspiele

Ein solches hat M. Wilhelm Meyer in der Berliner «Urania» gegründet. Er hat sich soeben über seine Intentionen mit dieser Anstalt in einem ausführlichen Artikel der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung ausgesprochen (Beilage zu den Nummern vom 8. und 9. April). Sein Grundgedanke ist, daß das Theater das Nacheinander in der Zeit, das ist Vorgänge im allgemeinen, darzustellen habe. Bisher ist man bloß bei Vorgängen aus dem Menschenleben stehengeblieben. Und auch da hat man sich auf einen Ausschnitt beschränkt. Die Dramen, in denen nicht die Ereignisse des Liebeslebens den Mittelpunkt bilden, sind nur in geringer Zahl vorhanden. Meyer ist Bekenner der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, und zwar in der Form, die diese in den letzten Dezennien angenommen hat. Die Vorgänge, in denen der Mensch eine Rolle spielt, sind ihm nur ein kleines Glied innerhalb des großen Schauspiels, dessen Schauplatz der Kosmos ist. Das Leben des Kosmos in künstlerischer Weise gruppiert, kombiniert, durch die auf Grund der Naturgesetze arbeitende Phantasie belebt, will er theatralisch darstellen. Innerhalb dieses großen Ganzen soll der Mensch mit seinen Schicksalen erscheinen, nicht ausgesondert für sich. Wie ein Stern entsteht, wie sich auf dem Sterne das unorganische Reich entfaltet, wie sich aus diesem das Pflanzen- und Tierleben entwickelt, wie auf dessen Grundlage der Mensch ins Dasein tritt und von ihm abhängig ist: das will Meyer künstlerisch veranschaulichen. Das ist eine löbliche, eine schöne Aufgabe. Er hat dafür büßen müssen. Seine Kollegen bei der «Urania» haben ihn aus dem Institute hinausgedrängelt, weil ihnen sein Wirken zu wenig wissenschaftlich, zu populär war. Er hat nicht genug langweilige Vorträge gehalten. Er wollte die Wissenschaft zur Kunst erheben und durch die Phantasie auf das Fassungsvermögen wirken. So etwas ist unerhört in deutschen Landen...

Soweit hat Meyer unsere Sympathien. Aber sein Aufsatz hat mir gezeigt, daß er an dem Fehler all der Bekenner moderner naturwissenschaftlicher Weltanschauung krankt. Er verkennt, daß alles außer dem Menschenleben doch minder bedeutend ist als dieses. Er bildet sich ein, daß der Mensch ein Körnchen im Weltall nur ist und daß es ein kindliches Vorurteil genannt werden muß, wenn man den Menschen als Endglied und Ziel alles Daseins betrachtet. Die modernen Aufklärer nennen solchen Standpunkt anthropozentrisch und glauben ungeheuer viel getan zu haben, wenn sie erklären, daß das Weltall unendlich viel größer ist als der kleine Mensch. Wir stehen nicht auf diesem Standpunkte. Wir sind Anhänger des naturwissenschaftlichen Bekenntnisses im modernsten Sinne. Aber so wenig wir an die Vorsehung im christlichen Sinne glauben, so sehr glauben wir daran, daß doch im kleinsten Menschenschicksal ein unendlich Erhabeneres liegt als im Kreislauf von Millionen Sonnen. Und deshalb möchten wir das Theater der Naturschauspiele nicht überschätzen, es namentlich nicht als eine wichtigere Sache hinstellen als die Darstellung menschlicher Leiden und Freuden. Daß der Mensch sich erkennt, sich würdigt und sich seiner Bestimmung bewußt wird: das ist doch das Wichtigste auf dieser Erde. Und das Theater der Naturschauspiele wird — auch wenn seine Urheber es nicht wollen — zuletzt den Menschen zur Erkenntnis des Menschen führen, das heißt ihm zeigen, daß der ganze Kosmos nur seinetwillen da ist. Wenn er Einblick in die Erscheinungen und Vorgänge gewinnt, die seinem Leben vorhergingen, innerhalb welcher er steht, wird er seine einzige Stellung in ‘der Welt richtig beurteilen, wird er zwar nicht mehr glauben, daß Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat, ihn von sündiger Schmach zu befreien, wird er aber einsehen, daß unzählige Himmel da sind, um ihn zuletzt hervorzubringen und ihn sein Dasein genießen zu lassen.

German original of The Theater of Natural Spectacles · ← Previous · Next →