Paul Nikolaus Cossmann - Elemente Der Empirischen Teleologie

Stuttgart 1899

Dieses Buch ist eine der in unserer Zeit leider gar nicht seltenen literarischen Erscheinungen, deren Verfasser einen großen Teil der Schuld an der bedauerlichen Tatsache tragen, daß die Philosophie immer mehr in Mißkredit kommt. Eine selbstverständliche, von keinem Vernünftigen angezweifelte Wahrheit wird mit behaglicher Breite auf 129 Seiten abgehandelt. Erwas, was vor aller Augen liegt, wird in abstrakteste Formeln gekleidet, und dabei passiert dem Autor das Unglück, daß er in der Welt seiner Abstraktionen den sicheren Boden unter den Füßen verliert, und daß er gar nicht ahnt, daß mit seinen «Formulierungen» gar nichts gesagt ist. Er will zeigen, daß es in der Natur, in der alles nach Ursache und Wirkung zusammenhängt, auch Erscheinungen gibt, die noch in anderen Zusammenhängen stehen. Ursache und Wirkung bilden einen zweigliedrigen Zusammenhang. Coßmann sucht innerhalb der Welt des Lebens dreigliedrige Zusammenhänge darzutun. Das Netzhautbild des Auges entsteht als Wirkung eines Lichtreizes auf den augbegabten Organismus. Wir haben einen zweigliedrigen Zusammenhang. Der Lichtreiz wirkt auf den Organismus, und das Augenlid wird geschlossen zum Schutz gegen den Reiz. Wir haben einen dreigliedrigen Zusammenhang, einen solchen zwischen der Ursache — dem Lichtreiz — der Wirkung -— dem Lidschluß — und dem Zweck, dem Schutz des Organs. Zweigliedrige Zusammenhänge sollen kausal, dreigliedrige teleologisch zweckmäßig genannt werden. Der Naturforschung der Gegenwart wird der Vorwurf gemacht, daß sie alles aus den Zusammenhängen von Ursachen und Wirkungen erklären will; und von der Naturforschung der Zukunft wird erträumt, daß sie die Teleologie in ihrer Herrlichkeit zur Geltung bringen werde. Was Herr Coßmann auf seinen 129 Seiten breit auseinandersetzt, findet sich in folgenden acht Zeilen des Buches «Die Welträtsel» von Ernst Haeckel, den unser Verfasser gewiß zu denjenigen rechnet, die teleologische Zusammenhänge übersehen: «Im Körperbau und in der Lebenstätigkeit aller Organismen tritt uns die Zwecktätigkeit unleugbar entgegen. Jede Pflanze und jedes Tier erscheinen in der Zusammensetzung aus einzelnen Teilen ebenso für einen bestimmten Lebenszweck eingerichtet wie die künstlichen, vom Menschen erfundenen und konstruierten Maschinen, und solange ihr Leben fortdauert, ist auch die Funktion der einzelnen Organe ebenso auf bestimmte Zwecke gerichtet wie die Arbeit in den einzelnen Teilen der Maschine.» Coßmann tut weiter nichts, als diese unleugbare Tatsache in unsäglich pedantische Formeln bringen. Gegen solche philosophische Spielerei braucht man nichts einzuwenden. Mit ihr sollen sich diejenigen beschäftigen, die nichts Vernünftigeres in der Welt zu tun finden. Wenn aber Herr Coßmann glaubt, daß die organische Naturwissenschaft die Teleologie in sich aufnehmen soll, so muß ihm gesagt werden, daß er das Verhältnis der modernen Naturwissenschaft zu der Teleologie nicht versteht. Eine Lokomotive ist zweifellos zweckmäßig gebaut, und Herr Coßmann könnte ihre Wirksamkeit auf seine nette dreigliedrige Formel zurückführen. Demjenigen, der die Lokomotive bauen soll, ist aber nicht damit gedient, wenn man ihm den Zweck reinlich beschreibt. Er muß die Ursachen kennen, durch die der Zweck erreicht wird. So empfindet der Naturforscher der Natur gegenüber. Er stellt die Zwecke fest; aber er sucht dann die zweckmäßigen Wirkungen aus den Ursachen zu erklären. So wenig eine Maschine nach ihrem Zwecke gebaut werden kann, so wenig kann ein Lebewesen aus seiner zweckmäßigen Einrichtung. heraus erklärt werden.

Aber Herrn Coßmann trifft noch ein schwererer Vorwurf. Der Zweck tritt in der Zeitfolge nach der Ursache auf. Wenn wir nun von der Zeit absehen und bloß in Betracht ziehen, daß ein notwendiger Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung besteht, dann können wir jede Ursache auch ebensogut aus ihrer Wirkung ableiten wie umgekehrt die Wirkung aus der Ursache. Wir brauchen in einer Formel der Mechanik, die eine Wirkung aus der Ursache ableitet, nur die Zeit mit negativem Vorzeichen einzusetzen, dann haben wir die Möglichkeit, das Frühere aus dem Späteren abzuleiten. Erscheint dann das Spätere als Zweck, so wird der ursächliche Zusammenhang ein zweckmäßiger, und man braucht Herrn Coßmanns dreigliedrige Formel nicht. Herr Coßmann hätte nun erst, wenn er wirklich erwas beweisen wollte, eine Aufgabe. Er müßte zeigen, daß einer innerhalb der Mechanik geltenden Tatsache auch eine solche auf teleologischem Gebiete entspricht, Diese Tatsache ist für die Mechanik die, daß wir im Gedanken einen Vorgang uns rückläufig vorszellen können (durch das negative Vorzeichen vor der Zeit), daß aber in Wirklichkeit dieser Vorgang nicht rückläufig stattfinden kann. In der Teleologie müßte gezeigt werden, daß die Rückwirkung des Zweckes, die wir uns vorstellen können, auch wirklich vorhanden ist. Davor hütet sich Herr Coßmann wohl, denn er müßte dann zu dem einzigen Ausweg kommen, den es für den Zwecktheoretiker gibt, zur Konstatierung der «Weisheit und des Verstandes», die die Organismen erst so geordnet haben, wie wir sie uns nachher vorstellen. «Ob es außer, neben, über den mit blinder, absichtsloser Notwendigkeit weiterarbeitenden causas efficientibus (Naturkräften) noch besondere Zweckursachen, causae finales, gibt, darüber herrscht Schulstreit und ist Schulstreit möglich; aber daß es in der Natura naturata eine vom Menschen unabhängige, aller seiner Kunst unendlich überlegene Zweckmäßigkeit gibt, darüber nicht», sagt Otto Liebmann in «Gedanken und Tatsachen» (1. Heft,.91). Zur Entscheidung über das erstere hat Coßmann nichts, rein gar nichts beigetragen; zur Feststellung des letzteren brauchten wir ihn nicht. Wir haben das Werk eines Dilettanten vor uns, der sich die Allüren eines Philosophen angeeignet hat.

German original of Paul Nikolaus Cossmann - Elements of Empirical Teleology · ← Previous · Next →