Dr. Heinrich V. Schoeler - Kritik Der Wissenschaftlichen Erkenntnis

Eine vorurteilslose Weltanschauung. Leipzig 1898

Im Jahre 1865 hat Otto Liebmann in seiner Schrift «Kant und die Epigonen» die Forderung erhoben, wir müssen in der Philosophie zu Kant zurückkehren. In der Erfüllung dieser Forderung sieht er das Heil seiner Wissenschaft. Er hat damit nur der Ansicht der überwiegenden Mehrheit der Philosophen unserer Zeit Ausdruck gegeben. Und auch viele Naturforscher, insofern sich dieselben um philosophische Begriffe noch bekümmern, sehen in der Kantschen Lehre die einzig mögliche Form der Zentralwissenschaft. Von Philosophen und Naturforschern ausgehend, ist diese Meinung auch in die weiteren Kreise der Gebildeten, die ein Interesse für Philosophie haben, gedrungen. Damit hat die Kantsche Anschauungsweise die Bedeutung einer treibenden Kraft in unserem wissenschaftlichen Denken erlangt. Ohne je eine Zeile von Kant gelesen oder einen Satz aus seiner Lehre gehört zu haben, sehen viele unserer Zeitgenossen das Weltgeschehen in seiner Art an. Seit einem Jahrhundert wird immer wieder und wieder das stolz klingende Wort ausgesprochen: Kant habe die denkende Menschheit von den Fesseln des philosophischen Dogmatismus befreit, welcher leere Behauptungen über das Wesen der Dinge aufstellte, ohne eine kritische Untersuchung darüber anzustellen, ob der menschliche Geist auch fähig sei, über dieses Wesen etwas schlechthin Gültiges auszumachen. Für viele, welche dies Wort aussprechen, ist aber an die Stelle des alten Dogmas nur ein neues getreten, nämlich das von der unumstößlichen Wahrheit der Kantschen Grundanschauungen. Diese lassen sich in folgende Sätze zusammenfassen: Ein Ding kann von uns nur wahrgenommen werden, wenn es auf uns einen Eindruck macht, eine Wirkung ausübt. Dann ist es aber immer nur diese Wirkung, die wir wahrnehmen, niemals das Ding an sich. Von dem letzteren können wir uns keinerlei Begriff machen. Die Wirkungen der Dinge auf uns sind unsere Vorstellungen. Was uns von der Welt bekannt ist, sind also nicht die Dinge, sondern unsere Vorstellungen von den Dingen. Die uns gegebene Welt ist nicht eine Welt des Seins, sondern eine Vorstellungs- oder Erscheinungswelt. Die Gesetze, nach denen die Einzelheiten dieser Vorstellungswelt verknüpft sind, können dann natürlich auch nicht die Gesetze der «Dinge an sich» sein, sondern jene unseres subjektiven Organismus. Was für uns Erscheinung werden soll, muß sich den Gesetzen unseres Subjektes fügen. Die Dinge können uns nur so erscheinen, wie es unserer Natur gemäß ist. Der Welt, die uns erscheint — und diese allein kennen wir —, schreiben wir selbst die Gesetze vor.

Was Kant mit diesen Anschauungen für die Philosophie gewonnen zu haben glaubte, wird klar, wenn man einen Blick auf die wissenschaftlichen Strömungen wirft, aus denen er herausgewachsen ist und denen er sich gegenüberstelle. Vor der Kantschen Reform waren die Lehren der Leibniz-Wolffschen Schule in Deutschland die alleinherrschenden. Die Anhänger dieser Richtung wollten auf dem Wege des rein begrifflichen Denkens zu den Grundwahrheiten über das Wesen der Dinge kommen. Die auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse galten als die klaren und notwendigen gegenüber den durch sinnliche Erfahrung gewonnenen, die man für verworren und zufällig ansah. Nur durch reine Begriffe glaubte man zu wissenschaftlichen Einsichten in den tieferen Zusammenhang der Weltereignisse, in die Natur der Seele und Gottes, also zu den sogenannten absoluten Wahrheiten zu gelangen. Auch Kant war in seiner vorkritischen Zeit ein Anhänger dieser Schule. Seine ersten Schriften sind ganz in ihrem Sinne gehalten.

Ein Umschwung in seinen Anschauungen trat ein, als er mit den Ausführungen des englischen Philosophen Hume bekannt wurde. Dieser suchte den Nachweis zu führen, daß es andere als Erfahrungserkenntnisse nicht gebe. Wir nehmen den Sonnenstrahl wahr, und hierauf bemerken wir, daß der Stein, auf den ersterer fällt, sich erwärmt hat. Dies nehmen wir immer wieder und wieder wahr und gewöhnen uns daran. Deshalb setzen wir voraus, daß sich der Zusammenhang zwischen Sonnenstrahl und Erwärmung des Steines auch in aller Zukunft in derselben Weise geltendmachen wird. Eine sichere und notwendige Erkenntnis ist damit aber keineswegs gewonnen. Nichts verbürgt uns, daß ein Geschehen, das wir gewohnt sind, in einer bestimmten Weise zu sehen, nicht bei nächster Gelegenheit ganz anders ablaufe. Alle Sätze in unseren Wissenschaften sind nur durch Gewohnheit festgesetzte Ausdrücke für oft bemerkte Zusammenhänge der Dinge. Daher kann es auch über jene Objekte, um die sich die Philosophen bemühen, kein Wissen geben. Es fehlt uns hier die Erfahrung, welche die einzige Quelle unserer Erkenntnis ist. Über diese Dinge muß der Mensch sich mit dem bloßen Glauben begnügen. Will sich die Wissenschaft damit beschäftigen, so artet sie in ein leeres Spiel mit Begriffen ohne Inhalt aus. Diese Sätze gelten, im Sinne Humes, nicht nur von den letzten psychologischen und theologischen Erkenntnissen, sondern schon von den einfachsten Naturgesetzen, zum Beispiel von dem Satze, daß jede Wirkung eine Ursache haben müsse. Auch dieses Urteil ist nur aus der Erfahrung gewonnen und durch Gewohnheit festgelegt. Als unbedingt gültig und notwendig läßt Hume nur jene Sätze gelten, bei denen das Prädikat im Grunde schon im Subjckte eingeschlossen ist, wie das nach seiner Ansicht bei den mathematischen Urteilen der Fall ist.

Kant sucht das absolute Wissen dadurch zu retten, daß er es zu einem Bestandteil des menschlichen Geistes macht. Der Mensch ist so organisiert, daß er die Vorgänge in notwendigen Zusammenhängen, zum Beispiel von Ursache und Wirkung, sieht. Alle Dinge müssen, wenn sie dem Menschen erscheinen sollen, in diesen Zusammenhängen erscheinen. Dafür ist aber auch die ganze Erfahrungswelt nur eine Erscheinung, das heißt eine Welt, die an sich sein mag, wie sie will; für uns erscheint sie gemäß der Organisation unseres Geistes. Wie sie an sich ist, können wir nicht wissen. Kant suchte dem menschlichen Wissen seine Notwendigkeit, seine unbedingte Gültigkeit zu retten; deshalb gab er seine Anwendbarkeit auf «Dinge an sich» auf. H. v. Schoeler steht auf Kantschem Boden. Er sucht mit Aufwand von reichem Wissen, mit anerkennenswerter Kenntnis des Details der einzelnen Wissenschaften, den Nachweis zu führen, daß unser Wissen nicht bis zu den Quellen des Seins reicht. Wie Kant sucht auch er nicht in dem Wissen den höchsten Daseinsinhalt des Menschen. Kant hat das Wissen vernichtet, um der Welt Platz zu machen, die er aus dem kategorischen Imperativ mit Hilfe des Glaubens hervorzaubert. Schoeler sucht zu zeigen, daß sich unabhängig von allem Wissen in unserer Seele Daseinsziele ergeben, die uns das Leben viel lebenswerter erscheinen lassen als die Betrachtung des «plumpen Mechanismus der Natur» und des «physiologischen Automatismus des Leibes, in dem unsere Begierden wurzeln». «Die Idealität des Gefühlslebens ist das rettende Heilmittel, das unsere körperlichen Organe vor Degeneration bewahrt und unsere Seele gesund erhält und sie in den Stand setzt, alle ihre Kräfte harmonisch zu entfalten, in deren reger Betätigung allein, gleichviel auf welcher Gebiete gemeinnütziger Arbeit, der Zweck der menschenwürdigen Existenz besteht. Wer den Idealen der Vernunft und den Kulturzielen des Menschentums gelebt hat, der hat gelebt für alle Zeiten; denn mehr als das Wissen gilt das Können -— am höchsten steht die Tat.» Dieser Schlußfolgerung braucht kein Anhänger der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung zu widersprechen. Sie ergibt sich für den, der die moderne Entwickelungstheorie versteht, als eine notwendige Folge dieser. H.v.Schoeler würde das nachgewiesen gefunden haben, wenn er zu dem vielen Wissen, das er sich angeeignet hat, auch noch die Kenntnis meiner vor fünf Jahren erschienenen «Philosophie der Freiheit» hinzugefügt hätte. Ich grolle ihm nicht, weil er es nicht getan hat, finde mich aber auch nicht bemüßigt, ihm hier zu sagen, was er besser im Zusammenhange in meinem Buche lesen kann.

German original of Dr. Heinrich V. Schoeler - Critique of Scientific Knowledge · ← Previous · Next →