Faculty Meetings with Rudolf Steiner I

GA 300a — 9 June 1920, Stuttgart

Zehnte Konferenz

Rudolf Steiner reiste am 7. Juni von Dornach nach Stuttgart und blieb bis zum 28. Juni. Unentwegt war er für die Dreigliederungsbewegung tätig; die Aktiengesellschaft «Der Kommende Tag» sollte aus der Taufe gehoben werden - in einem Mitgliedervortrag in Stuttgart am 24. Juni 1920 schilderte er die Probleme, die in der Zusammenarbeit unter den Mitgliedern auftraten (in GA 197).

Seit dem letzten Besuch an der Schule am 14. März waren zwölf Wochen vergangen, in denen Schüler und Lehrer ihren Weg des Zusammenarbeitens fortsetzten. Während seiner Anwesenheit besuchte Steiner die Klassen, hielt eine Ansprache an einer Monatsfeier, sprach an einem Elternabend und beriet sich mit einigen Kollegen über die Neugestaltung der Dreigliederungsbewegung. In dieser Zeit wurden vier Konferenzen (am 9., 12., 14. und 23. Juni) mit ihm abgehalten.

Themen: Die Bedeutung der Temperamente. Der Jahresbericht der Schule. Orthografisches. Die Lehrer sollten «Psychologika sammeln».

Bemerkungen: Steiner berichtete über seine Erfahrungen in den Schulklassen. Wieder machte er darauf aufmerksam, dass die Temperamente der Schlüssel zum Verständnis der Schüler seien.

Diese Konferenz bringt den nie erfüllten Wunsch Steiners, die Lehrer mögen doch eine Sammlung psychologischer Merkwürdigkeiten anlegen, ein «Goldenes Buch» der Psychologie wobei Steiner sich erhoffte, dass eine solche Sammlung im Jahresbericht der Schule erscheinen würde (siehe seine Antwort an Karl Schubert).

Walter Johannes Stein fragte im Zusammenhang mit dem Geschichtsunterricht nach der Wesenheit Allahs. Steiner ging nicht gerne darauf ein, denn «es ist schwer, übersinnliche Wesen zu charakterisieren, indem man sie einregistriert.» Er machte dann doch einen Versuch und schilderte das Wesen in seinem Verhältnis zu den kosmischen Kräften ahrimanischer und luziferischer Signatur (siehe Hinweis).

Vorsitz: Rudolf Treichler.

RUDOLF STEINER: Dadurch, dass jeder [Lehrer] seine Klasse behält, wird eine intimere Kenntnis der Schüler errungen. Man muss versuchen, nach dieser Richtung weiter zu streben. Es muss versucht werden, diese Dinge anzuwenden, [die im Lehrerkurs besprochen wurden]. Sobald man das Temperament eines Kindes richtig beurteilen kann, kommt alles andere von selbst. Man müsste sich den Blick aneignen, dass man ihn [dass man das Temperament], wenn man den Namen aufruft, [im Klang der Stimme schon] darin hat.

Es wird über einen Jahresbericht und einen Prospekt gesprochen.

RUDOLF STEINER: [Im Jahresbericht müsste etwas stehen über] Grundriss und Plan der Schule. Bemerkung über die Lehrkräfte [und den] Lehrplan. [Dann über die] Schüler: [deren] Herkunft nach Schulen: 161 Volksschüler, 50 Mittelschüler, 64 [aus] höheren Schulen, [12 Schulneulinge; zusammen 287]. [Dann über die] Konfessionen [der Schüler].

Weiter über die Lehrerbibliothek, viele Bände. [Die] Sammlungen und Kabinette; [dabei sollte das] Inventar der einzelnen Sammlungen [nur] summarisch [angegeben werden]. [Die] Schülerbibliothek.

[Dann die] Eurythmie [als] eine neue Sache. [Darüber] wird Herr Baumann gebeten, einen eigenen Bericht zu machen. [Auch über] Handfertigkeit und Handarbeit [könnte etwas darinstehen, mit] Bemerkungen über die Mängel der Leistungen. [Vor allem aber] soll das Dauernde berücksichtigt werden.

Abgesondert davon [wäre] die Geschichte des ersten Schuljahres [darzustellen]. Man beginnt mit dem Prospekt. Später würde man anstelle dieses Prospektes eine Abhandlung von einer Lehrkraft haben; dieses Jahr kann [dafür] der Prospekt darinstehen.

[Im Jahresbericht soll sich] jeder, [so], wie er [es] will, seine Autobiografie schreiben. Auch Charakteristisches über die Lehrer kann im Bericht stehen; [man kann da zum Beispiel sagen], im Allgemeinen gehalten, was man vorher war, ehe man Lehrer wurde. Nachrufe über Verstorbene [können auch darinnenstehen].

Es werden [oft] zu stark Dinge [heraus]gestellt, die hinter die Kulissen gehören.

EMIL MOLT: Die Tätigkeit Dr. Steiners [in der Leitung der Schule] muss hervorgehoben werden.

RUDOLF STEINER: [Meine Kurse können erwähnt werden und ebenso die Vorträge, die die Lehrer gehalten haben. Dann sollte etwas darinnenstehen über das] Vortragswesen der Waldorf-Astoria, das [ja] weniger an die Schule [angeschlossen] ist, [also über die] Arbeiterbildungsschule; [die] Geschichte dieser Schule [mit einer] Liste der Vorträge, die die Lehrer [dort] gehalten haben. [Überhaupt über] die Bildungsbestrebungen der Fabrik. Die Arbeit muss geteilt’ werden. Über Disziplin. [Auch über die] Tätigkeit [und die] Vorträge der Lehrer in der freien Fortbildungsschule [für Lehrlinge und über den] Jugendkurs für soziale Erkenntnis, [Auch über das] Archiv.

[Ebenso über den] Vorbereitungs-Unterricht für die Jugendfeier in einem eigenen Abschnitt. [Überhaupt über die] Angelegenheiten des evangelischen, katholischen und freien Religionsunterrichts. Wenn man für die einzelnen Religionen kein besonderes Kapitel machen [will], müsste man es auslassen.

Es werden nun alle Klassen der Reihe nach durchgesprochen. Jeder Lehrer gibt einen genauen Bericht, was er in diesem Schuljahr behandelt hat, wie weit er gekommen ist, wie der Stand der Klasse ist und so weiter:

LEONIE VON MIRBACH [zur 1. Klasse]: Einfache Sätze können geschrieben werden, und zwar lateinisch /in lateinischen Buchstaben]. Mit Deutsch /der deutschen Schrift] wird jetzt auch begonnen. Beginn mit Rechnen und rhythmischem Zählen, Malen mit Wasserfarben.

JOHANNES GEYER [zur 2. Klasse]: Lateinische Buchstaben aus dem Zeichnen heraus entwickelt. Diktat und Abschreiben. Tierfabeln [und] Gedichte. Rechnen: alle vier Rechnungsarten. Zeichnen: verschiedene Motive, [hat] weniger Erfolg. Französisch: Gedichte. Kindertemperamente.

HANNAH LANG [zur 3. Klasse]: Rechnen: Dividieren. Andere Rechnungsarten wiederholt. Deutsche Sprache ganz von Anfang an. Grammatik bis Umstands- und Bindewort. Jede Woche ein bis zwei Stunden gerechnet, auch jede Woche gezeichnet. Lesen und Geschichten erzählen. Fabeln. Englisch: Grundlagen seit Weihnachten, verschiedene Lehreinheiten, Familie, kleine Unterhaltungen. Französisch, seit Ende Februar: Zimmer, Haus, Schulzimmer, Klasse. Schwereres Vorwärtskommen als im Englischen. Tierwelt, Pflanzen, Heimatkunde.

RUDOLF STEINER: [Im] Sprachunterricht sollte man nicht lexikalisch vorgehen und nicht übersetzen. [Man sollte auch] möglichst vermeiden, den deutschen Text vorzusagen. [Am besten ist es, den fremdsprachlichen Text erst zu] lesen [und dann den Inhalt mit eigenen Worten] wiederzugeben.

[Es ist so viel] Staub auf den Bänken, so viel Dreck in den Klassen!

[Die Lehrer sollten] Psychologika sammeln! [Das] könnte gewissermaßen eine Art Goldenes Buch der psychologischen Merkwürdigkeiten sein, ein Goldenes Buch, Psychologika im weitesten Sinne. Geisteswissenschaftlich sind die Sachen selbstverständlich. Man kann sie auch sagen. Manches ist auch schon vorgekommen.

Es war mir heute interessant in der 8. Klasse. Wie heißt der Junge? Er schreibt genau wie Sie [zu Walter Johannes Stein]. [O. D., er ahmt Ihre Schrift nach.] Das ist eine interessante Tatsache. Wenn jemand liegende Haare hat, wird er sich die Schrift vom Lehrer aneignen. Ein Kind mit struppigen Haaren würde so etwas nicht getan haben.

HERTHA KOEGEL [zur 4. Klasse]: Heimatkunde, Geschichtliches, Diktate, Aufsätze und Sagen. Rechnen ganz von vorne. [Das] Bruchrechnen [ist] neu. Grammatik [ganz] von vorne. [Von] deutscher Grammatik [haben die Kinder] gar nichts gewusst. [Sie fragten, was das sei.] Naturkunde noch durchzunehmen. Französisch, Englisch, Zusammenfassung [?]. Handarbeit.

RUDOLF STEINER: [Sehr gut ist es, wenn man die Kinder veranlasst, sich am Ende der 4. Stunde] rückwärts zu erinnern [an das, was sie] am ganzen Morgen [gemacht und] durchgenommen haben.

KARL SCHUBERT: Wie soll [so ein Goldenes Buch] gedacht sein?

RUDOLF STEINER: Als Sammlung der Lehrerschaft. Das kann eine große Bedeutung haben. Allerlei interessante Dinge [wären darin zu vermerken]. Jeder wird, wenn er nachdenkt, gleich einen ganzen Schippel solcher Sachen finden. Jeder Lehrer [be]spricht in einer Anzahl prägnanter Bemerkungen, was er [beobachtet]. In den höheren Klassen sollte angegeben werden, was den Kindern [an Wissensstoff] gefehlt hat, [als sie zu uns kamen]. [Man sollte] solche Dinge charakterisieren, was den Kindern fehlte. Wenn man das im ersten Jahresbericht zusammengestellt hätte, da würde ich schr dankbar sein.

[Dass] die Kinder [zum Beispiel] fragten: Was ist das, «deutsche Grammatik»? — das ist kulturhistorisch bedeutsam. [Also] Observationen bei den in die Waldorfschule eingetretenen Kindern. Was man bemerkt, was die Kinder vergessen, was sie für Ungezogenheiten hatten. [Dann auch] mehr das Unterrichtliche. Am Schluss der Sammlung können wir sagen: Es ist selbstverständlich, dass unsere Intentionen mit jeder einzelnen Klasse in diesem Jahr noch nicht [voll] erreicht worden sind, [sondern nur] pauschaliter.

CAROLINE VON HEYDEBRAND [zur 5. Klasse]: Bis Ostern Rechnen erledigt. Dann Geschichte [und] Pflanzenmorphologie. Vegetationszonen, Wachen und Schlafen der Erde. [Geografische] Zonen [und] Mensch. Von Grammatik nichts gewusst. Novellistische Aufsätze. Große Fortschritte in Zeichnen und Malen. Malen aus der Phantasie heraus, Malen mit Wasserfarben.

EUGEN KOLISKO in Nachfolge von Friedrich Oehlschlegel [zur 6. Klasse]: Geografie: sehr viel durchgenommen. Geschichte weniger. Physikalische Geografie. Geologie. Zins- und Wechselrechnung. Geschichte von morgenländischer bis mittelalterlicher [Kultur]. Im Allgemeinen [sind die Kinder darin] zurück. Naturgeschichte und Mensch mit Betonung des Dreigliedrigen. Tierbeschreibungen. Botanik. Buchstabenrechnen. Physik: nicht mehr, höchstens Akustik. Geschäftsbriefe. Ferner noch etwas Geometrie, mangelhaft. Das Schreiben [ist] schlecht.

RUDOLF STEINER: Unglaublich unorthografisch schreiben die Kinder in der 6. Klasse. Wenn sie glücklich mit zwei k schreiben, sind sie überglücklich. Es ist viel wichtiger, dass sie Geschäftsbriefe schreiben und Buchstabenrechnung lernen, als dass sie glücklich mit zwei k schreiben.

WALTER JOHANNES STEIN [über die humanistischen Fächer in der 7. und 8. Klasse]: [In der] Geschichte [macht die] Stoffbewältigung Schwierigkeiten, erst bis zu den Entdeckungen gekommen. Die Kinder wissen nichts, [als] was sie aus dem Religionsunterricht kennen.

RUDOLF STEINER: [1890 kam ich nach Weimar ans Goethe-Archiv. Dessen] Direktor war Suphan, der zwei Buben hatte. Mir ist auch die Aufgabe zugefallen, die[se] Buben zu unterrichten. Ich bekam [dadurch] einen Einblick in die Berliner Schulen. Ich muss sagen, während man in Österreich einen ordentlichen Geschichtsunterricht bekam, war in Deutschland überhaupt nicht[s] [davon] zu bemerken, dass die Kinder einen Geschichtsunterricht hatten. In den Büchern war nichts [davon] zu bemerken. [Da gab es] dreißig Seiten Vorbereitung von Adam bis zu den Hohenzollern, dann geht die Geschichte der Hohenzollern los. Das ist in ganz Deutschland so, dass in den Mittelschulen nichts [Ordentliches über Geschichte] vorkommt.

WALTER JOHANNES STEIN fragt nach der Wesenheit Allahs.

RUDOLF STEINER: Es ist schwer, die übersinnlichen Wesen zu charakterisieren, [indem] man sie einregistriert.

Der Mohammedanismus [ist] die erste ahrimanische Manifestation, die erste [ahrimanische] Offenbarung nach dem Mysterium von Golgatha. [Der Gott] Mohammed[s], Allah, [Eloha], [ist] ein ahrimanischer Abglanz der elohistischen Wesenheiten, der Elohim, [aber monotheistisch erfasst]. Er bezeichnet sie immer in einer Einheit. [Die mohammedanische] Kultur [ist] ahrimanisch, [aber] die Gemütsverfassung der Islamiten ist luziferisch. /Siehe Hinweis.]

WALTER JOHANNES STEIN: In den Templerprozessen wird oft ein Wesen namens Bafomet genannt. Was ist das?

RUDOLF STEINER: Bafomet, das ist ein Wesen der ahrimanischen Welt, welches den Leuten erschien, wenn sie gefoltert wurden. Das ist raffiniert gemacht worden. Dann haben sie eine Menge [von Visionärem] mitgenommen, als sie ins Bewusstsein zurückgekommen sind.

869 nach Christus ist der Filioquestreit. Die Sache wird in den Geschichtsbüchern verschwiegen. [Darüber ist nachzulesen in] Harnacks Dogmengeschichte.

Es folgen weitere Fragen oder Ausführungen, deren Inhalt nur in Stichworten festgehalten wurde.

RUDOLF STEINER: Der katholische Religionsunterricht ist weit voraus; der evangelische ist der allerbeschränkteste.

Die Goethe-Biografie des Jesuiten Baumgartner ist genial geschrieben gegenüber den anderen Biografien, obwohl er schimpft. Das andere ist Mist. Die Goethe-Biografie von dem Engländer Lewes ist schlecht. [...] [Zum Weiteren siehe Hinweise.]

KARL STOCKMEYER berichtet über den naturwissenschaftlichen Unterricht in der 7. und 8. Klasse: Akustik, Optik, Mechanik der festen Körper; Elektrizität und Chemisches fehlt noch. Chemie noch mehr.

RUDOLF STEINER: Naturgeschichtlicher Unterricht, den kann man jederzeit unterbrechen.

Fortsetzung Samstag 15 Uhr.

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