Faculty Meetings with Rudolf Steiner I
GA 300a — 15 November 1920, Stuttgart
Zwanzigste Konferenz
Am 5. November war Rudolf Steiner von Dornach nach Stuttgart gereist, hauptsächlich für die Angelegenheiten der Dreigliederungsbewegung; die Aktiengesellschaft «Der Kommende Tag» musste neu organisiert werden. Außerdei wurde ihm angetragen, vor der Abstimmung in Oberschlesien auch da für die Dreigliederung einen Impuls zu setzen. Die Kartonagenfabrik Jose del Monte wurde an den «Kommenden Tag» übergeben. Der neue Generaldirektor des «Kommenden Tages», Benkendörffer, begann Verhandlungen mit den Inhabern der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Hamburg, um die Aktienmehrheit für den «Kommenden Tag» zu erwerben. Die Verhandlungen wurden im März 1921 erfolgreich abgeschlossen.
Maria Uhland und Robert Killian waren die neuen Lehrer für die beiden ersten Klassen. Neu im Kollegium waren auch Max Wolffhügel, Ernst Uehli, Alexander Strakosch, und später wurde Christoph Boy erwartet. Alle wurden ins Kernkollegium aufgenommen, und auch Elisabeth von Grunelius war wieder dabei. Für Handarbeit kam Hedwig Hauck, für Religion Adolf Arenson, für Eurythmie Edith Röhrle.
Themen: Kernkollegium und erweitertes Kollegium. Die neue 9. Klasse. Über den Zeichen- und Malunterricht, Form und Farbe. Mehr Künstlerisches. Geschmack und Stilbildung. Über unmusikalische und «uneurythmische» Kinder.
Bemerkungen: Die neue 9. Klasse war, gemessen an den anderen Klassen, klein. Viele Astoria-Eltern hatten ihre Kinder aus der Schule genommen und sie in eine Lehre gegeben; man konnte sich eine Gesamtschulzeit von zwölf Jahren nicht vorstellen.
Die 2. Klasse von Leonie von Mirbach hatte über 50 Schüler. Da die Schule keineweiteren Raumezzur Verfügung'srellen konnte; bar Rudolf Steiner Elisabeth von Grunelius, mit Leonie von Mirbach zusammen die Klasse zu führen.
RUDOLF STEINER: Dann werden wir heute zuerst wohl die Wünsche und Mitteilungen der verehrten Mitglieder des Lehrerkollegiums entgegennehmen, nicht wahr?
Ich möchte bitten, da wir den ersten Teil der Konferenz haben, ob Wünsche von den einzelnen Mitgliedern vorliegen oder Fragen, die aus dem Kollegium hervorgehen, und die innerhalb der Lehrerschaft ohne das erweiterte Kollegium, also ohne die später erscheinenden jüngeren Lehrer zu besprechen wären?
Ich würde zunächst fragen wollen, wie sich der Unterricht in der 9. Klasse nach den Erfahrungen der daran beteiligten Lehrer gestaltet hat.
KARL STOCKMEYER fragt, ob in der 9. Klasse Stenografieunterricht gegeben werden soll und ob der Lateinunterricht, an dem auch Ältere teilnehmen, auf die Kinder der 4. Klasse zugeschnitten sein soll.
WALTER JOHANNES STEIN liest im Deutschunterricht Herman Grimm, in der 8. und 9. Klasse.
RUDOLF STEINER: Hat sich Ihnen die Möglichkeit ergeben, Verschiedenes hineinzubezichen in die Lektüre von Grimm? Wie weit sind Sie gekommen mit den Schülern in der Geschichte? Was haben Sie gemacht bei der Stelle, wo er im ersten Vortrag [des zweiten Teiles] die Charakteristik der letzten Jahrhunderte gibt, [wo er über] Rom [spricht]?
WALTER JOHANNES Stein: Da haben die Kinder die Geschichte nicht gekannt.
RUDOLF STEINER: Es würde sich darum handeln, dass Sie die Geschichte des 16., 17., 18., 19. Jahrhunderts behandelten, mindestens in der 9. Vielleicht dass Sie es doch so machten. In der 9. fehlt es, sodass es notwendig wäre, mit der 9. zu behandeln das 16., 17., 18., 19. Jahrhundert. Nicht wahr, bei diesen Jahrhunderten würde es sich darum handeln, dass man auf das Ziel losgeht, dass die Schüler ein Verständnis für die Gegenwart bekommen. Sie sind schon fünfzehn Jahre alt. Die Themen könnten Sie so nehmen, wie sie in dem Kapitel bei Herman Grimm [für jedes Jahrhundert] angegeben sind, das 19. Jahrhundert als Zusammenfluss der Völkergeschichte. Ich meine, die Themen für die letzten vier Jahrhunderte, Leitmotive. Eigentlich würde es sich darum handeln, das in beiden Klassen zu machen. Nun wird es sich darum handeln, dass Sie die Dinge in verschiedener Weise vornehmen können: in der 8. [mehr] erzählend, in der 9. [mehr] auf die leitenden Ideen der letzten Jahrhunderte eingehend.
[Zu Walter Johannes Stein:] Was heißt das, Sie können Geschichte sehr wenig?
WALTER JOHANNES STEIN: Ich kenne gar keine Geschichte.
RUDOLF STEINER: Sie müssten schon dahin arbeiten, dass Sie die leitenden Ideen den Kindern vortragen könnten. Es ist viel Material in den Zyklen da, was einfach erweitert werden kann dadurch, dass man die Literatur da und dort überall hernimmt.
KARL STOCKMEYER hatte beide Klassen und hatte versucht, das Ziehen der Quadratwurzel beizubringen.
RUDOLF STEINER: Dann hatten Sie Ihre Fächer. Haben Sie mit den Kindern schon geometrisches Zeichnen durchgenommen?
Finden Sie notwendig - ich habe durch die viele Inanspruchnahme von anderer Seite zu wenig geschen -, finden Sie, dass es notwendig ist, so viel Verstandesmäßig-Theoretisches in der Physik durchzunehmen? Hält das nicht auf, so viel rein Begriffliches?
KARL STOCKMEYER: Ich möchte nur so viel bringen, als unbedingt notwendig ist.
RUDOLF STEINER: Wie viel beherrschen denn die Schüler vom reinen Tatsachenmaterial? Es wäre natürlich bei der Elektrizität darauf zu sehen, dass man möglichst in rationeller Weise die Erscheinungen selbst in den Vordergrund stellt. Möglichst wenig theoretische Spekulationen. Das ist etwas, was vielleicht eben doch nicht sehr intensiv. haftet; vom rein didaktischen Gesichtspunkt aus dürfte es nicht sehr haften. Ich würde meinen, dass man bei diesem Gegenstand als Ideal betrachten soll, möglichst nur am Experiment als solchem die nötigen Begriffe zu entwickeln, und zunächst möglichst wenig an der Tafel zu zeichnen, sondern die ganze Sache an dem Experiment entwickeln. Dann kann man auch die sokratische Methode, die Sie anwenden, versuchen. Wenn man so theoretisch die Sache entwickelt, dann hilft einem die sokratische Methode nichts. Woher sollen [die Kinder] etwas wissen? Man kann sie kaum so fragen. Da Sie schon die Möglichkeit zum Experimentieren haben, das habe ich gesehen, da würde ich die Experimentier-Möglichkeit ausnützen. Dann erspart man sehr viel Zeit. Wenn Sie so die Elektrizität durchnehmen wollen, dann werden Sie dazu kommen. Die Kinder lernen dabei viel mehr, als wenn man ihnen die Begriffe der Spannung auseinandersetzt. Das wäre didaktisch nicht schlau. Sie müssen [dann] zwei Wochen geometrisches Zeichnen betreiben. Nur zwei Wochen bei der Deskriptive [bleiben].
[Zu Walter Johannes Stein:] Wie finden Sie die Fortschritte?
WALTER JOHANNES STEIN: Ich finde, dass [die Kinder] besser urteilen können.
Im Fremdsprachenunterricht ist die Forumszene aus dem «Julius Cäsar» gelesen worden.
HERMANN von BARAVALLE: Ich habe großes Verständnis gefunden.
RUDOLF STEINER: Können Sie es nicht auch schriftlich machen lassen, als eine Art Aufsatz? Es wäre notwendig, dass [so etwas] eingefügt würde. Auch im Deutschen, dass man doch zu einer Darstellung käme. Dass sie wirklich das auch formulieren.
[Zu Walter Johannes Stein:] Irgendwelche Themen stellen Sie gar nicht? Es würde nicht schaden, wenn [vorher] der Stoff im Vortrag wiederholt ist. Wenn sie nur eigene Formulierungen bringen.
RUDOLF TREICHLER berichtet über das Französische.
RUDOLF STEINER: Jedenfalls können wir das, was wir für die 9. Klasse projektiert haben, durchführen.
WALTER JOHANNES Stein: Ich muss [jetzt] Jean Paul nehmen.
RUDOLF STEINER: Ich habe das nicht so gemeint, dass es der Reihe nach gehen muss. Wir haben ja doch Mitte November, wir haben zwei Monate bereits; etwas Geschichte müssen wir bewältigen. Zunächst eigentlich die vier Jahrhunderte im Zusammenhang. Sie können damit wirklich brauchen bis Mitte Januar in beiden Klassen. - Für alle anderen Klassen ist der Lehrplan gegeben.
KARL STOCKMEYER: Wird dieser Lehrplan nicht ganz [wie] normal sein?
RUDOLF STEINER: Zunächst ist es notwendig, dass wir in diesem Jahre wissen, was wir zu tun haben.
RUDOLF TREICHLER: Ist [im Sprachunterricht] schon so etwas wie Literaturgeschichte zu treiben?
RUDOLF Steiner: Mehr Literaturgeschichte, als an dem Objekt einiges nebenher zu sagen über Shakespeare, und wenn Sie gerade das eine oder andere behandeln, die Kinder damit bekannt machen, mehr Literaturgeschichte ist doch bei solchen Kindern nicht nötig.
Die Methoden in der Staatsschule für Latein und Griechisch, die sind die grässlichsten, die äußerste Dekadenz. Wir müssen unsere Kinder so weit bringen, dass sie den Anschluss finden. Wenn wir einigermaßen unsere Methoden ausgebildet haben, müssen wir die Kinder ganz genauso weit bringen. Unsere Methode wird nicht so gehandhabt. Ich glaube, wenn einmal dieses Problem gelöst ist, dass Sie durch die Disziplin nicht mehr gestört werden, dann erreichen Sie das schon. Das ist die Crux, weil die Kinder [Ihnen] doch alle vier bis fünf Minuten einmal über den Kopf wachsen.
Die österreichischen Gymnasien waren Musteranstalten. Dieser Lehrplan war schon das Allerbeste, was man denkt, wenn man die Sache als solche zugibt. Leo Thun, 1854; Gautsch hat es verdorben. Es war die Geschichte gut verteilt. In Weimar fand ich gleich die Auffassung der Weltgeschichte: von der Erschaffung der Welt bis zu den Hohenzollern fünfzig Seiten, und drei Bände Hohenzollern-Geschichte.
Nicht wahr, dann haben wir ja für diese Klasse auch diesen freien Religionsunterricht. Wie ist der eingeteilt?
HERBERT HANN: Herr Uehli hat die Klassen 4, 5, 6, zweimal in der Woche, ich habe die Klassen 1, 2, 3, und 7, 8, 9 zweimal in der Woche; [neun Klassen in drei Gruppen].
RUDOLF STEINER: Wodurch stellt sich heraus, dass die Klassen so riesig geworden sind? Denn es ist eigentlich recht stark — bei Ihnen, mit Rücksicht darauf, dass der Bankraum - wenn die Verteilung ordentlich ist, so schaden große Klassen nichts, aber bei Ihnen sitzt schon wirklich der eine auf dem Kopf des anderen. Es sitzt ja wirklich einer auf dem anderen. Was die Klasse des Herrn Uehli betrifft, das mag richtig sein, die Klasse ist zu groß. Bei Herrn Uehli müsste die Klasse geteilt werden. 73 Kinder! Sie gehen in die Bänke nicht hinein, und dann puffen sie sich wieder hinaus. Das ist eine Kalamität. Heute waren die schlimmsten Schüler nicht da. Also nicht wahr, bei dieser Klasse ist wohl eine Trennung notwendig. [Zu Ernst Uehli:] Nun können Sie nicht mehr übernehmen. Ich würde doch meinen, es müsste die Klasse geteilt werden. Und da gerade bei diesem Unterricht doch wirklich sehr viel davon abhängt, dass man Kontakt hält mit den Einzelnen - man müsste die Möglichkeit haben, den einen und den anderen möglichst oft zu fragen —, müsste die Möglichkeit bestehen, noch zwei Stunden einzurichten und die Hälfte der Schüler abzugliedern.
KARL STOCKMEYER: Es ist schwierig im Stundenplan.
RUDOLF STEINER: Es kann höchstens eine Raumfrage sein. Ich glaube, das wird nicht gehen.
KARL STOCKMEYER: Wenn es ein anderer Lehrer übernimmt, dann ist es bloß eine Frage des Raumes.
RUDOLF STEINER: Gelöst wird es werden müssen, sonst werden wir gerade mit diesem Unterricht scheitern. Wer könnte diesen Unterricht noch erteilen?
JOHANNES GEYER: Ich würde es gerne tun.
RUDOLF STEINER: Es müsste jemand sein, der früher nicht in der Religion darinnengestanden hat. Es kann ja sein, dass Sie nach vielen Jahren heraus sind. In den Gedankenformen sicher nicht. Es ist im Lehrerkollegium niemand da. Es ist natürlich eine schwer zu lösende Sache. Man muss auch, nicht wahr, die Klippe überwinden, Wärme hineinzukriegen in den Unterricht, Wärme, Wärme! Ich würde zum Beispiel ja schon Arenson vorschlagen, weiß aber nicht, ob er sich den nötigen pädagogischen Duktus aneignen würde. Wenn man es mit Arenson probiert? Denn wer ist sonst in der hiesigen Krisenzeit aus der anthroposophischen Bewegung heraus vorzuschlagen? Es gibt niemand. Hier friert man furchtbar viel!
CAROLINE VON HEYDEBRAND: Man müsste jemand finden, der es regelmäßig geben kann. Ausfallen dürfte es nicht. Die Lehrer flitschen ja viel fort.
RUDOLF STEINER: Mehr wird es bei Arenson auch nicht sein.
ALEXANDER STRAKOSCH: Seiner Gesundheit wäre es zuträglicher, wenn er mehr an der Schule zu tun hätte.
RUDOLF STEINER: Ich wüsste niemand anders zu finden. Den Lehrern von hier kann man nicht noch etwas aufhalsen.
HERBERT Hann schlägt Sigismund von Gleich vor: Er ist sowieso an der Schule hier.
RUDOLF STEINER: Wenn Arenson abgehalten wird durch die Vortragsreisen, dann könnte man an Gleich denken. - Die 9. Klasse ist so klein, dass man sehr viel an die einzelnen Schüler herankommen kann. Es ist kein Grund, eine Vertretung zu suchen. [...] [Weiteres über eine andere Vertretung.]
ELISABETH VON GRUNELIUS: Ich möchte fragen, ob für mich eine Arbeit vorgesehen ist.
RUDOLF STEINER (?): Ist wirklich keine Möglichkeit vorhanden, den Kindergarten einzurichten?
RUDOLF STEINER: Also ist es unmöglich. Jedenfalls ist es nicht aktuell.
[Zu Leonie von Mirbach:] Ich habe die Meinung, dass Sie eigentlich eine Hilfe in Ihrer Klasse brauchen, Fräulein von Mirbach. Auf die Weise würde es zu machen sein, [dass Fräulein von Grunelius Ihnen hilft]. Darüber müsste man reden. Das namentlich dann, wenn es sich darum handelt, die Kinder zu beschäftigen. Die Klasse ist für Chorunterricht so, dass sie sich weitet. Sie hat eine Peripherie, Sie dringen nicht ganz durch bis zu den letzten. Am liebsten wäre es mir auch, wenn es zwei Klassen werden könnten. Dass es schon möglich wäre, dass Fräulein von Grunelius am Unterricht teilnimmt und mithilft, wenn Sie die Kinder beschäftigen, wenn sie malen oder zeichnen. Die Klasse fällt auseinander. Die einzelnen Kinder sind zu wenig aktiv dabei beim Unterricht. Sie bleiben untätig eine Zeit. Ich habe mir auch schon gedacht, ob es nicht möglich wäre, dass Sie eine Stunde geben und darin bleiben, und die andere Stunde Fräulein von Grunelius den Unterricht gibt. Dadurch wäre auch für die Disziplin gesorgt. Man könnte noch nachdenken über den Modus. Denn sonst, davor fürchte ich mich nicht, dass diese Sache verhindert wird durch die schnelle Einrichtung des Kindergartens.
Ich konnte leider vom Eurythmie Unterricht nichts sehen. Die Kinder haben eine Stunde in der Woche. Mit dem Gesangs- und Eurythmieunterricht ist es genau wie im vorigen Jahre. In der Anlage ist die Klasse 9 nicht gut. Sie müsste weiter sein.
An sich kann man auch 150 Schüler haben. Wir werden solche großen Klassen nicht haben. Sie haben 50 Schüler, und Ihre Klasse, Fräulein von Mirbach, ist im konkreten Fall zu groß.
WALTER JOHANNES STEIN: Ich wollte fragen, ob Herr Dr. Steiner einige Richtlinien angeben können.
RUDOLF STEINER: Es käme nur dann infrage, wenn dadurch die Lehrer ihre Stunden verschlampten. Wenn so etwas wäre, dass die Disziplin der Waldorfschule litte und dadurch gefördert würde.
PAUL BAUMANN: Darf ich fragen, soll die C-Dur-Tonleiter festgehalten werden, und soll in der Toneurythmie Wert gelegt werden auf den absoluten Ton? Ich hätte mir gedacht, ob man nicht bei diesen Dingen die Toneurythmie als relative Toneurythmie hinnähme.
RUDOLF STEINER: Das kann man gut machen.
EDITH RÖHRLE [Eurythmielehrerin]: Ich ging immer auf den absoluten Ton.
RUDOLF STEINER: Man kann das Befestigen der eurythmischen Bewegung schon machen dadurch, dass man im Absoluten bleibt. Man braucht das nicht pedantisch festzuhalten.
Was machen die Kinder bei Ihnen [im Werkstattunterricht], Herr Wolffhügel?
MAX WOLFFHÜGEL [Werklehrer]: Wir haben an den Arbeiten weitergemacht vom vorigen Jahr.
RUDOLF STEINER: Geht es dieses Jahr mit der Disziplin [im Handarbeitsunterricht]?
HEDWIG HAUCK: Ich bin noch nicht sehr lange da. Der erste Eindruck war so, dass es mir sehr angst wurde vor den Kindern.
RUDOLF STEINER: Im vorigen Jahr die letzte Stunde war in der Sache und Disziplin ganz schön. Aber die Spur dessen [Lücke in der Mitschrift]. Erinnern Sie sich, was die Kinder auf die Tafel gemalt hatten?
Es wird von den beiden ersten Klassen berichtet.
MARIA UHLAND: Wir arbeiten ganz gut zusammen.
ROBEERT KILLIAN: Ich habe auch viel Freude an den Kindern. Ich freue mich, dass sie sehr aus sich herausgehen.
RUDOLF STEINER: Haben Sie viel zu tun? Ich frage deshalb, weil ich meine, dass zu einer gewissen Anregung gut wäre, wenn gerade dieser Stoff der Pädagogik und Didaktik im vorjährigen Kurse [verarbeitet würde]. Ob es nicht möglich wäre, alle vierzehn Tage eine sachliche Konferenz zu machen? Abgesehen von der Schule als solcher. Bringen Sie es dazu, dass Sie Fragen formulieren, die ein positives Erträgnis haben. Es wäre doch gut, wenn man bei diesen Dingen in einem gewissen Kontakt bleiben könnte, indem Sie Zweifelsfragen ausarbeiten, und ich Themen stellen könnte, die dann zur Besprechung kämen, wenn ich hierherkomme. Aber ich hoffe, dass es in der Zukunft Zeit gibt, wo ich mich der Waldorfschule widmen kann. Notwendig wäre es doch, dass Sie Zweifelsfragen ausarbeiteten und diese Fragen mir schickten, und [dass] diese Fragen beantwortet würden, wenn ich komme.
Über den Malunterricht.
RUDOLRF STEINER [zu Leonie von Mirbach]: Sie haben den Malunterricht veranlagt?
LEONIE VON MIRBACH: Herr Doktor haben heute einige Versuche gesehen.
RUDOLRF STEINER: Die sind als solche ganz gut. Es müsste noch mehr dazu kommen, dass das Herausarbeiten des Konventionellen, [dass] die Schrift aus dem Malen und Zeichnen herausgearbeitet [wird]; dazu müsste es überhaupt mehr kommen. Für die 1. Klasse sind Richtlinien gegeben. Allmählich weiter ausbilden, dass die Farbe weiter entwickelt wird.
LEONIE von MiRBACH: Ich finde es im Augenblick nicht, ich tappe herum.
RUDOLRF STEINER: Einige von diesen Kindern haben ganz Gutes gemacht. Es müsste etwas herauskommen aus der Farbe. Bei der T. F. ist etwas darinnen.
CAROLINE VON HEYDEBRAND: Ich habe gefunden, dass die Kinder bei den Wasserfarben sehr schwer zu Formen kommen.
RUDOLF STEINER: Die Kreidestifte sollte man nicht kultivieren. Worauf es ankäme, das wäre - nur sind wir nicht so weit -, dass wir abgrenzen könnten. Es würde erst ein ordentlicher, reinlicher Lehrplan sein in den unteren Klassen. Die anderen müssen natürlich fast dasselbe durchführen. Nur dass man auf das Alter des Schülers Rücksicht nimmt. Die Hauptsache liegt jetzt noch [darin], dass ein innerliches Gefühl vom Farbaufbau in den Kindern erweckt wird, [ein Erleben der Farbenwelt], dass die Kinder ein Gefühl bekommen vom Leben der Farbenwelt im Erleben der Märchen.
CAROLINE VON HEYDEBRAND: Man muss doch den Kindern Formen geben, bestimmte Motive.
RUDOLF STEINER: Die Kinder kriegen schon Formen, wenn Sie die Phantasie wirken lassen. Sie müssen die Formen aus der Farbe herauswachsen lassen. Sie können in der Farbenwelt mit den Kindern reden. Denken Sie nur, wie anregend es ist, wenn Sie mit den Kindern bis zum Verständnis dessen es brächten: Da ist dieses kokette Lila, und im Nacken sitzt ihm ein freches Rötchen. Das Ganze steht auf einem demütigen Blau.
Sie müssen es gegenständlich kriegen - das wirkt seelenbildend -, sodass die Farben auch etwas tun. Das, was aus der Farbe heraus gedacht ist, das kann man auf fünfzigerlei Weise machen. Man muss das Kind zum Darinnenleben in der Farbe bringen, [indem man sagt]: «Wenn das Rot durch das Blau hindurchguckt», und das wirklich schaffen lässt vom Kinde. Ich würde versuchen, viel Leben gerade in dies hineinzubringen. Sie müssen sie etwas aus dem Klotzigen [Klätzigen?], aus dem Lässigen herausbringen. Es muss Feuer hinein! Es ist im Allgemeinen notwendig, dass in der jetzigen Zeit dieses Farbengefühl, das nicht so korrumpiert ist [wie das] Musikalische, entwickelt wird. Es wird [auf das Musikalische] günstig zurück wirken, wenn das Farbenleben entwickelt wird.
CAROLINE VON HEYDEBRAND: Wären Sie dafür, dass man außer dem Malen das Zeichnen übt?
RUDOLF STEINER: Das lineare Zeichnen nicht. Das lineare Zeichnen [nur], wenn es sich darum handelt, Geometrisches zu verstehen. Jedenfalls wichtig ist das andere: [aus dem] Hell-Dunkel [heraus arbeiten]! In dieser Beziehung [hat sich die] 9. Klasse noch nicht lebendig erwiesen. Man muss alles zu Hilfe nehmen.
BERTA MOLT: Könnte die 9. und 8. Klasse Malstunden nehmen?
RUDOLF STEINER: Man müsste das in den Stunden, die jetzt schon da sind, hereinbringen. Dass mehr Künstlerisches getrieben werden sollte, das ist ganz evident. Deshalb war mir zu tun, dass Fräulein Hauck hereinkommt in den Handfertigkeitsunterricht, dass die Handarbeit künstlerisch gestaltet wird. Zumeist ist das Handarbeitliche philiströs. Ich möchte, dass es wirklich künstlerisch gestaltet wird. Da [in der Handarbeit] kann man das Lineare anwenden. Auf dem Papier ist das Lineare etwas unwesenhaft. Es kann die Brücke geschlagen werden vom Handarbeitsunterricht zum Handfertigkeitsunterricht. Es gibt doch eine ganze Menge Gegenstände, die man bemalen kann. Es gibt im Haushalt Dinge, die von den Menschen selbst bemalt werden sollten. Wenn die Kinder Puppensachen machen, da könnte viel Kunst entwickelt werden. Da könnte Stil, Farbensinn entwickelt werden; alles könnte entwickelt werden. Wenn man da durchdringt damit, dass der Naturalismus der Puppenbereitung überwunden wird, dass etwas Lebendiges da wäre, lachende Puppen, künstlerisch gestaltet, da könnte man segensreich wirken.
Geradeso, wie man die Kinder daran gewöhnt, dass sie Wechsel schreiben lernen, weiß ich nicht, warum man die Kinder nicht daran gewöhnen soll, [wie man ein Plakat macht], wie man ein Plakat schön findet [und bei einem schönen Plakat auch dessen Schönheit wirklich erkennt. Das hässliche, unmögliche Plakat sollte ebenfalls erkannt werden]. [Aber] die Menschen schauen sich die Sachen an, ohne rasend zu werden. Der Geschmack müsste gebildet werden; Stilgefühl müsste entwickelt werden. Was Stilgefühl betrifft, ist der Unterricht, selbst in künstlerischen Anstalten, etwas Scheußliches.
Die scheußlichsten Proben haben wir hier vor Kurzem erlebt. Sie kennen das grafische Zeichen der Dreigliederung von den Kernpunkten. Es ist abgeändert worden. Es hat sich darum gehandelt, [das Zeichen für] eine Aktie [zu] machen. Was tut der Künstler? Er setzt das Motiv, das er macht, so zusammen, dass er das, was links ist, wieder rechts macht. Er macht ein gotisches Fenster daraus. Diese Dinge kommen vor.
Es wäre wirklich möglich, dass etwas Schönes erreicht wird in der 10., 11. Klasse. Jetzt will einer unserer Fabrikanten eine Vignette haben für Kindermehl. Dass von innen heraus etwas geschaffen werden kann. Es gibt innere Notwendigkeiten. Heute kennt ja der Mensch bloß ein Kunstobjekt. Das muss so sein, wenn es etwas nachahmt. In Basel gibt es einen Lehrer des Kunstgewerbes, der sagt, er sche gar nicht ein, wozu es notwendig ist, wenn ich das eine Auge hier male, warum ich das andere nicht hier malen kann. Das hat etwas für sich, solange man nicht mit den Sachen mitgeht. Was ich meine, ist das innerliche Erlebenkönnen. Das meine ich mit dem Stilgefühl. Man muss ein Dreieck erleben können, [ein] Viereck erleben können. Nicht sich halten an die Imitation, [an die] Nachahmung. Es macht doch heute jeder nur eine Puppe, indem er nachahmt und nicht innerlich erlebt. [Man muss es von innen heraus erleben können, wie eine Puppe weint oder lacht. Dies müsste alles sinnvoll bis auf die Kleidung hin gemacht werden. - Die Mädchen können eine Puppe, die Knaben einen Kasperl machen.] [Das innerliche Erlebenkönnen], das müsste berücksichtigt werden beim Farbenmalen.
PAUL BAUMANN: Lässt sich auch bei den Tönen etwas anwenden?
RUDOLF STEINER: Ich glaube doch, dass es sich auch innerlich erleben lässt.
PAUL BAUMANN: Soll man mit Worten den Kindern etwas näherzubringen suchen? Die Melodie als solche oder die einzelnen Töne?
RUDOLF STEINER: Es wird sich da nur [im] Thema oder [in der] Melodie ergeben. Wenn man so die Töne behandelt, kommt ein Künstlerisches heraus. Ich glaube, dass Goethe so etwas meint, wie er Klavier gelernt hat.
Über ein Kind. Dann wird gefragt, ob die Kinder Eurythmieschuhe herstellen sollen.
RUDOLF STEINER: Dadurch würden die Kinder schwächlich und kränklich. Ich glaube, dass es zu Unzukömmlichkeiten kommen könnte. Auf der anderen Seite, ist so furchtbar viel an Eurythmieschuhen zu erzeugen?
HEDWIG HAUCK: Jetzt ist es so, dass viele Kinder es für die anderen machen.
RUDOLF STEINER: Wie lange braucht ein Kind, um ein Paar Eurythmieschuhe zu machen? Ich denke, dass unter den Mitgliedern sehr viele wären; ich kann mir denken, dass unter den Mitgliedern manche Frau ist, die kann mindestens im Tag ein Dutzend solche Schuhe machen, oder neun oder zehn.
ALEXANDER STRAKOSCH: In der 5. Klasse ist ein Schüler, der nicht Eurythmie machen will. Er hat für Künstlerisches kein Interesse, sondern nur für Physik, Elektrizität. Das ist der N.
RUDOLF STEINER: Wie es unmusikalische Menschen gibt, kann es auch uneurythmische Menschen geben. Ich würde ihn nicht dispensieren. Man sollte nur dispensieren, wenn partielle Idiotie vorhanden ist.
Jemand stellt eine Frage wegen des Schülers S.
RUDOLF STEINER: Der unter den Bänken hervorgekrochen ist? Man muss immer denken, [zum Beispiel]: Werde ich die Zeichnung in die Ecke machen, werde ich es klein oder groß machen. Der muss veranlasst werden, innere Aktivität zu entwickeln. Der muss angehalten werden, nicht so hinzuschlafen. Innerlich tätig sein. Es ist besser, wenn der Junge etwas machen muss, wozu er sich erst entschließen muss. Das meiste erreicht man mit dem Jungen, wenn man ihn berücksichtigt und freundlich ist. Er kann auch artig sein. Ich habe es merkwürdig gefunden, ich habe immer nur bemerkt, wenn er bestraft worden ist. Was er getan hat, habe ich nicht bemerkt.