Aufsätze aus «Deutsche Wochenschrift»
Die Woche, 8.-15. Februar 1888
Die Wirkung, welche die Enthüllung des deutsch-österreichischen Bündnisvertrages und die große Rede Bismarcks gehabt, war allenthalben eine ungemein tiefgehende, und noch jetzt zittert in der europäischen Presse die Erregung nach, die sie hervorgerufen. Es ist begreiflich, daß die beiden Ereignisse mannigfache Vermutungen zur Folge hatten, welche sich auf die Stellung der fremden Mächte zu dem Bündnis der beiden mitteleuropäischen Reiche bezogen, um so mehr, da der deutsche Kanzler ausdrücklich der Abmachungen gedacht, die mit «anderen» Staaten und insbesondere mit Italien getroffen wurden. Man konnte erwarten, daß das Bündnis mit Italien ähnliche Grundzüge besitzen werde wie das deutsch-österreichische, und der römische Korrespondent der «Neuen Freien Presse» glaubt für Mitteilungen die Bürgschaft übernehmen zu können, welche diese Annahme bestätigen. Seine Darlegungen erhalten dadurch Gewicht, daß sie von der «Norddeutschen Allgemeinen Zeitung» im Wortlaute abgedruckt wurden. Sie bezeichnen folgendes als den Inhalt der Verträge, die Italien mit Deutschland und Österreich geschlossen: Mit Deutschland, daß die beiden Staaten einander mit der gesamten Kriegsmacht bis zum gemeinsamen Friedensschlusse beizustehen haben, wenn einer von ihnen von Frankreich angegriffen würde; der Vertrag gelte der Erhaltung der nationalen Selbständigkeit und Freiheit, und die Vertragsteile versichern, den Frieden nicht willkürlich brechen zu wollen. Mit Österreich wird verabredet, daß auf beiden Seiten wohlwollende Neutralität zu beobachten sei, wenn Österteich mit Rußland oder Italien mit Frankreich in einen Krieg verwickelt würde; Österreich verpflichtet sich außerdem, die italienischen Interessen im Mittelmeer zu unterstützen und auf der Balkan-Halbinsel nichts zu unternehmen, ohne sich vorher mit Italien ins Einvernehmen gesetzt zu haben. Für den Fall, daß Frankreich und Rußland zugleich losschlagen sollten, muß die gesamte Heermacht aller drei verbündeten Reiche aufgeboten werden. Ergänzt sollen diese Verträge durch Vereinbarungen sein, die zwischen Italien, Österreih und England getroffen wurden zum Schutze der österreichischen und italienischen Küsten gegen allfällige feindliche Landungen. Diesen Mitteilungen fehlt bisher noch das amtliche Siegel; allein man hat ziemlich allgemein ihre innere Wahrscheinlichkeit anerkannt. Nur was England betrifft, erklärte Unterstaatssekretär Fergusson schon vorher im Unterhause, daß die Regierung keinerlei England zu einer materiellen Aktion verpflichtende Abmachung eingegangen sei, die dem Hause nicht bekannt wäre.
Wie sich nun die europäische Lage nach den Begebenheiten der letzten Wochen darstellt, ist nur schwer zu sagen. Es scheint, daß Fürst Bismarck und der deutsch-österreichische Vertrag wirklich den Schürern und Hetzern in Rußland und Frankreich einen starken Dämpfer aufgesetzt haben. Andererseits ist keine wesentliche Veränderung in der Haltung der einzelnen Mächte zueinander eingetreten, und namentlich hat Rußland nicht aufgehört, seine Rüstungen zu vervollständigen. Im Augenblick bestehen auch noch ziemlich schlechte Beziehungen zwischen Italien und Frankreich, die in dem Abbruche der Verhandlungen über die Erneuerung des Handelsvertrages ihren Ausdruck gefunden. Der Zollkrieg steht bevor. Nach einer Rede, welche Lord Salisbury im Englischen Oberhause gehalten, wäre dermalen für den Frieden nichts zu fürchten; England besitze die bündigsten Versicherungen, daß Rußland kein ungesetzliches Vorgehen im Auge habe.
Auch die Thronrede, mit welcher das englische Parlament am 9. Februar eröffnet wurde, enthält keine beunruhigenden Bemerkungen, und bloß daß sie der europäischen Lage überhaupt nicht gedenkt, kann als ein Zeichen für den Ernst der Zeit angesehen werden. Aber nirgends fühlt man sich von den Sorgen befreit, die schon durch Monate auf den Gemütern lasten, und es ist kaum anzunehmen, daß sich das fatale Kriegsgewölk so bald verziehen werde.
Wie sehr übrigens die verbündeten Mächte bemüht sind, jeden Glauben zu zerstören, als planten sie Angriffe, dafür kann füglich auch ein Toast als Beweis gelten, den Prinz Wilhelm neulich bei einem Festmahle ausgebracht und in dem er u.a. sagte, er wisse, daß ihm speziell im Auslande leichtsinnige, nach Ruhm lüsterne Kriegsgedanken imputiert würden: «Gott bewahre mich», fügte jedoch der Prinz hinzu, «vor solchem verbrecherischen Leichtsinne — ich weise solche Anschuldigungen mit Entrüstung zurück!»
Recht unerfreuliche Nachrichten sind inzwischen von San Remo eingelangt. Um der Erstickungsgefahr vorzubeugen, die sich eingestellt, mußte am deutschen Kronptinzen durch Dr. Bramann der Luftröhrenschnitt vorgenommen werden, und obwohl die Operation keine allzu bedenkliche ist und auch in diesem Falle glücklich vorüberging, beweist sie doch, daß das Leiden nicht diejenigen frohen Anschauungen rechtfertigt, die man noch vor kurzem über eine baldige vollständige Genesung des hohen Kranken gehegt. Es wäre innig zu wünschen, daß diese Operation ohne üble Folgen bleibe, und daß die Kunst der Ärzte nicht wieder müßte zu solchem Eingriff in Anspruch genommen werden.
In den Parlamenten Deutschlands und Österreichs werden die Arbeiten mit kurzen Unterbrechungen weitergeführt. Der Reichstag nahm gegen die Stimmen des Zentrums, der Freisinnigen und der Polen und Dänen den Antrag der Kartellparteien auf Einführung fünfjähriger Gesetzgebungsperioden an; für die gleiche Veränderung entschied sich das Preußische Abgeordnetenhaus. Darnach genehmigte der Reichstag ohne Debatte das Gesetz betreffend die Aufnahme einer Anleihe für Militärzwecke, und endlich wurde die Verlängerung des Sozialistengesetzes in seiner bisherigen Form ohne die von der Regierung beantragten Verschärfungen auf zwei Jahre, d.h. bis zum 30. September 1890, angenommen. Im Österreichischen Abgeordnetenhause wurde zunächst die Beratung über das neue Zuckersteuergesetz beendet, worauf die Handelsübereinkommen mit Italien und Deutschland vorgenommen wurden. Das erstere war bald erledigt. Dagegen entspann sich eine lebhafte Debatte über die Konvention mit Deutschland, in welcher die deutschnationalen Abgeordneten sich mit Wärme für die Erweiterung des Bündnisses mit dem Deutschen Reiche in politischer und wirtschaftlicher Beziehung einsetzten. Die Redner des Deutsch-Österreichischen Klubs verhielten sich diesem Gedanken gegenüber viel kühler, und die Slaven befaßten sich überhaupt nicht damit, es wäre denn gewesen, um ihrer Abneigung gegen das deutsche Bündnis schon in seiner gegenwärtigen Form Ausdruck zu verleihen, wie es der Jungtscheche Herold getan. Die Vorlage wurde natürlich angenommen. Dann kam die Angelegenheit der Kohlenlieferungen für die Südbahn in Verhandlung. Das Herrenhaus trat am ıı. Februar zusammen und beendete bisher die Erörterung über das Krankenversicherungsgesetz, das vom Abgeordnetenhause zurückgelangt war.