Aufsätze aus «Deutsche Wochenschrift»

Die Woche, 1.-7. März 1888

Rußland hat Gelegenheit gehabt, seinen ersten diplomatischen Sieg in der bulgarischen Frage zu feiern, und der deutsche Reichskanzler war in der Lage, das in seiner großen Reichstagsrede gewissermaßen dem Zaren gegebene Versprechen, er werde die russischen Wünsche bei der Hohen Pforte unterstützen, einzulösen. Die Türkei kam der ihr von Herrn von Nelidow ausgesprochenen Forderung, welche die Botschafter Deutschlands und Frankreichs gleichzeitig zur Annahme empfehlen, nach, und der Großwesir hat den bulgarischen Ministerpräsidenten, Herrn Stambulow, telegraphisch daran erinnert, daß er bereits am 2ı. August des vorigen Jahres den Fürsten Ferdinand auf indirektem Wege davon in Kenntnis gesetzt habe, daß die Pforte die Anwesenheit des Prinzen in Bulgarien als vertragswidrig und demnach als ungesetzlich betrachte. Da Herr Stambulow darüber jedoch nicht im Ungewissen war und andererseits diese akademische Anschauung der Türkei die wirklichen Verhältnisse in Bulgarien nicht zu ändern geeignet ist, so dürfte um so mehr alles beim alten bleiben, da weder Österreich-Ungarn, noch England, noch Italien sich bewogen gefunden haben, den Schritt des Herrn Nelidow und seiner beiden Genossen Radowitz und Montebello mitzumachen. Es ist möglich, daß zunächst eine kürzere Ruhepause eintritt, doch darf es nicht als außerhalb des Bereiches der Möglichkeit bezeichnet werden, daß Rußland mit neuen konkreten Vorschlägen hervortritt, die dann leicht die Kriegsgefahr in unmittelbare Nähe rücken könnten. Graf Herbert Bismarck, welcher sich für einige Zeit nach England begeben hatte, soll nach den Auslassungen einiger Blätter den geheimen Auftrag gehabt haben, das Kabinett von St. James für die russischen Wünsche in der bulgarischen Frage günstig zu stimmen, doch es ist kaum verbürgt, daß der Reichskanzler, der sich in grimmer Selbstverspottung als den vierten russischen Bevollmächtigten auf dem Berliner Kongresse bezeichnet hat, nun auch seinen Sohn, den deutschen Staatssekretär, mit den Geschäften eines zweiten russischen Botschafters in London betraut habe. Hat es schon einigermaßen einen befremdenden Eindruck gemacht, daß das Deutsche Reich in seiner äußerlich zutage tretenden Orientpolitik sich von den Grundsätzen fernhält, welche die Leitung der äußeren Politik des engverbündeten Österreich-Ungarn zu bilden scheinen, so wächst das Erstaunen, daß am Goldenen Horn stets der französische Botschafter mit denen der beiden nordischen Reiche zusammengeht. Frankreich wenigstens scheint sich an dem Wettkriechen um die Gunst des Zaren recht lebhaft zu beteiligen, und einer der monarchistischen Abgeordneten der französischen Deputiertenkammer, der orleanistische Marquis von Breteuil, hat zu Beginn des Monats diesem Streben in einer großen Rede, in welcher er den Zaren als den Schiedsrichter Europas pries, lauten Ausdruck gegeben. Die Kundgebung, welche mit ihren politischen Phantasmagorien wenig Bedeutung verdient hätte, ist nur deswegen bemerkenswert, weil die auf die Zerstörung der Machtstellung des Deutschen Reiches hinzielenden, von dem royalistischen Marquis entwickelten Ideen lebhaften Beifall auch bei den Republikanern fanden.

Nach langen, fast lediglich mit traurigsten Nachrichten ausgefüllten Tagen scheint nunmehr bei dem endlichen Eintritt des Frühjahres, das den lieblichen Fluren San Remos jenes sonnige Wetter gebracht, von dessen Heilkraft man sich so viel verspricht, eine Periode steigender Hoffnung für das deutsche Volk zu kommen, daß es nun doch gelingen werde, das teure Leben des Kronprinzen wenigstens noch für: geraume Zeit zu erhalten. Freilich wäre es durchaus unangebracht, wollte man sich schon jetzt einem leichten Sanguinismus hingeben. Prinz Wilhelm, welcher seinen Vater in den letzten Tagen besucht hat, um ihm angeblich den Wunsch des Kaisers, Friedrich Wilhelm möge nach Berlin zurückkehren, mitzuteilen, hat die Heimreise wieder angetreten. Der Kronprinz verbleibt nach Anordnung der Ärzte bis auf weiteres in Italien. Kaiser Wilhelm ist von der Aufregung über die lange, schwere Krankheit seines geliebten Sohnes so angegriffen, daß er selbst aufs Krankenlager geworfen wurde. Wenn auch höchste Bedenklichkeit nach den veröffentlichten Mitteilungen noch nicht vorhanden ist, so erheischt doch das hohe Alter des Kaisers die sorgfältigste Schonung und die Enthaltung von allen Geschäften. So ist denn auch die Möglichkeit eingetreten, daß Prinz Wilhelm gelegentlich die Stellvertretung für Großvater und Vater ausüben muß, zu welcher er durch eine Kabinettsorder vom Schlusse des Vorjahres berufen wurde. Wohl aus diesem Grunde ist für den Prinzen eine Art Vortragskanzlei gebildet worden, in welcher der berühmte Staatsrechtslehrer und Abgeordnete Dr. Gneist und der Geheime Rat von Brandenstein die Zivilangelegenheiten und Generalmajor von Wittich die Militärfragen zu behandeln haben werden. Professor Gneist wurde zu dieser überaus wichtigen Funktion auf Vorschlag des Reichskanzlers berufen.

In Serbien haben die Neuwahlen für die aufgelöste Skuptschina stattgefunden und mit einem großen Siege der Radikalen, bzw. des jetzigen Ministeriums Gruitsch geendet.

Der rumänische Ministerpräsident Bratianu hat für sich und sein Kabinett die Entlassung eingereicht, welche angenommen wurde. Der König betraute den Senatspräsidenten Fürsten Ghika mit der Bildung eines neuen Kabinetts. Welche poli tischen Folgen dieser Ministerwechsel haben wird, läßt sich derzeit nicht absehen.

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