109. Erwiderung
In dem Aufsatz: «Der Kampf um die Nietzsche-Ausgabe» behauptet Frau Elisabeth Förster-Nietzsche: «Von den drei Herren, die mich mit ihren Angriffen verfolgen, Dr. Fritz Koegel, Dr. Rudolf Steiner und Gustav Naumann, hat jeder den leidenschaftlichen Wunsch gehabt und die seltsamsten Versuche gemacht, alleiniger Herausgeber der NietzscheWerke zu bleiben oder zu werden oder wenigstens als Mitarbeiter beteiligt zu sein.» So weit sich dieser Satz auf mich bezieht, ist er völlig aus der Luft gegriffen und kann nur den Zweck haben, meinem im «Magazin» (10. Februar 1900) enthaltenen Angriff auf das Nietzsche-Archiv häßliche, persönliche Motive unterzuschieben, die mir so fern wie möglich lagen. Es ist einmal meine Überzeugung, daß die Verwaltung des Nachlasses Friedrich Nietzsches jetzt nicht in sachgemäßer Weise gehandhabt wird. Frau Förster-Nietzsche erklärt, ich wolle mich nur rächen, weil mein «leidenschaftlicher Wunsch», im Herbst 1896 Nietzsche-Herausgeber zu werden, sich nicht erfüllt hat. Ich muß auf diese Behauptung erwidern, daß ich niemals mich um die Stelle eines Nietzsche-Herausgebers beworben habe, daß ich einen solchen Wunsch Frau Förster-Nietzsche auch nicht einmal angedeutet habe. Wohl aber habe ich im Herbst 1896 alle Mühe aufwenden müssen, um die fortwährenden «seltsamsten Versuche» der Frau Förster-Nietzsche, mich zum Nietzsche-Herausgeber zu machen, abzuwehren. Später, nach dem Abgange Dr. Koegels vom Nietzsche-Archiv, wurde mir durch Freunde der Frau Förster-Nietzsche wiederholt nahegelegt, daß es im Interesse der «Sache Nietzsches» sei, mich zum Herausgeber seiner Werke zu haben. Ich betonte allem Drängen gegenüber, daß von mir nichts unternommen werden wird, um diese Stellung zu erhalten. Wenn aber von der Verwaltung des Nietzsche-Archivs an mich herangetreten werde, so ließe sich, nach der vollkommenen Ordnung des Verhältnisses zu Dr. Koegel, über die Sache reden. Es wurden Verhandlungen möglich, nachdem ein Freund der Frau Förster-Nietzsche aus dem Nietzsche-Archiv an mich die telegraphische Aufforderung gerichtet hatte, zu solchen Verhandlungen von Berlin nach Weimar zu kommen. Im Anschluß an diese Verhandlungen schrieb ich dann am siebenundzwanzigsten Juni 1898 den Brief, aus dem Frau Förster-Nietzsche einige Sätze anführt, in der Absicht, dadurch mein Verhalten in dem Kon_Rikt, den sie im Herbst 1896 mit Dr. Koegel und Gustav Naumann hatte, als ein unkorrektes hinzustellen. Dieser Brief ist nicht etwa eine spontane Gefühlsäußerung von mir, sondern er ist geschrieben auf Wunsch der Frau Förster-Nietzsche. Ihr Verhältnis zu mir war durch die erwähnten Konflikte, in die sie mich gegen meinen Willen hineingezogen hat, zerstört. Es hätte dem gesetzlichen Vertreter Friedrich Nietzsches, Herern Oberbürgermeister Dr. Oehler, sonderbar erscheinen müssen, wenn Frau Förster-Nietzsche mich, trotz dem vollständigen Bruch, zum Herausgeber gemacht hätte. Sie wollte, daß durch irgendeine schriftliche Kundgebung von mir eine Brücke zu einem neuen Verhältnis gebaut werde. Ich hatte damals aus dem Drängen der Freunde der Frau Förster-Nietzsche und aus deren eigenen Vorstellungen den Eindruck, daß ich notwendig gebraucht werde, und entschloß mich, der Sache ein Opfer zu bringen. Daß ein zu dem angedeuteten Zweck und auf Wunsch der Frau Förster-Nietzsche geschriebener Brief nicht unhöflich abgefaßt werden konnte, versteht sich wohl von selbst, ich habe so höflich wie möglich geschrieben; aber auch nicht ein Wort, das ich nicht aus voller Überzeugung schreiben konnte. Der Brief enthält auch nichts, was meinem sonstigen Verhalten in der ganzen Angelegenheit widerspricht; ich wollte darin nichts der Koegelschen Ausgabe Abträgliches sagen. Das geht gerade aus den Sätzen hervor, die Frau Förster-Nietzsche zitiert. Sie war auch von dem Inhalt meines Briefes so wenig befriedigt, daß sie mir am dritten Juli 1898 schrieb: «Der Brief ist sehr schön empfunden, aber ich bin nicht ganz befriedigt.» Was Frau Förster-Nietzsche geschrieben haben wollte, konnte ich eben, nach meiner Überzeugung, nicht schreiben. Deshalb konnte es auch zu meiner Berufung nicht kommen. Später wurde dann von mir im Nietzsche-Archiv in Gegenwart der Frau Förster-Nietzsche und eines Dritten noch einmal ein für Dr. Oehler bestimmter Brief konzipiert. Es blieb aber bei dem Konzept, weil ich mittlerweile endgültig eingesehen hatte, daß ich Frau Förster-Nietzsche nicht «ganz befriedigen» konnte. Für mich war damit die Sache vollständig erledigt. Ich habe also niemals an irgend einem «Kampfe um die Nietzsche-Ausgabe teilgenommen». Ich besitze noch das Konzept eines Briefes, den ich im Sommer 1897 an Frau Förster richtete, als von ihr der Versuch gemacht wurde, mich für die Ausgabe zu gewinnen. Ich schrieb ihr damals: «Ich kann nicht anders, als ihn (Dr. Koegel) heute wie immer für den geeignetsten Herausgeber halten, und ich bin der Ansicht, es liege im Interesse der Ausgabe, daß er sie allein zu Ende führe.» Es ist auch nicht richtig, daß Frau Förster-Nietzsche jemals von mir ein Urteil über Dr. Koegels Arbeit am zwölften Bande der Nietzsche- Ausgabe verlangt hat. Sie hatte überhaupt niemals ein Recht, ein solches Urteil zu verlangen. Ich stand nie in irgend einem offiziellen Verhältnis zum Nietzsche-Archiv. Und es entspricht nur dem Stil, in dem Frau Förster-Nietzsche glaubt, die Menschen, die ihr nahestehen, behandeln zu können, wenn sie sagt: «Ich habe ihn (Dr. Steiner) mit einer unverdienten Milde behandelt.» Sie hatte mich überhaupt in keiner Weise zu «behandeln». Ich habe ihr Gefälligkeiten erwiesen, weil ich zu ihr in einem freundschaftlichen Verhältnis stand. Sie spricht in einem Ton, als wenn ich in irgend einem Dienstverhältnis zu ihr gestanden hätte. Ebenso unrichtig ist die Behauptung, Dr. Koegel hätte mir mit einem Duell gedroht, um mich einzuschüchtern. Eine solche Drohung hat Dr. Koegel mir gegenüber nie ausgesprochen. Es ist töricht, zu sagen, ich hätte durch einen Brief, den Dr. Koegel an einen Dritten richtete, und von dem ich nichts wußte, eingeschüchtert werden können. Mein Kampf gegen das Nietzsche-Archiv ist ein durchaus sachlicher. Ich bin völlig unbeeinflußt durch irgendeinen Wunsch, Nietzsche-Herausgeber zu werden. Ein solcher Wunsch hat nie bestanden.