108. Frau Elisabeth Förster-Nietzsche und ihr Ritter von Komischer Gestalt

Eine Antwort auf Dr. Seidls «Demaskierung»

Herr Dr. Arthur Seidl hat sich veranlaßt gefühlt, durch eine «Demaskierung» meiner Person, Frau Elisabeth Förster-Nietzsche gegen die Behauptungen in Schutz zu nehmen, die ich in einem Artikel des «Magazin für Literatur» (Nr. 6 des laufenden 69. Jahrgangs) ausgesprochen habe. Er gebraucht zu dieser «Entlarvung» die folgenden Mittel. Er legt meinen Ausführungen unlautere, ja unsaubere Motive unter. Er behauptet ins Blaue hinein Dinge, über die er nichts wissen kann, als was ihm Frau Förster-Nietzsche erzählt hat. Er beschuldigt mich widerspruchvoller Aussagen in meinem Artikel. Er fälscht eine von mir gegebene Darstellung eines Sachverhaltes, entweder, weil er nicht im Stande ist, zu verstehen, was ich geschrieben habe, oder, weil er absichtlich durch Entstellung meine Handlungsweise in einem schiefen Lichte erscheinen lassen will. Er erfindet eine neue Interpretation des alten Heraklit, um eine metaphysisch-psychologische Erklärung der Tatsache zu liefern, daß Frau Förster-Nietzsche heute rot nennt, was gestern blau war. Er erzählt von den Fehlern, die er in Koegels Ausgabe von Nietzsches Werken gefunden hat. Dazwischen schimpft er.

Ich will diese Mittel des Herrn Dr. Arthur Seidl der Reihe nach besprechen. Es ist sehr charakteristisch für die Gesinnung dieses Herrn, daß er mir zumutet: ich hätte, um dem von mir «mit stark umstrittenen Erfolg» herausgegebenen «Magazin» durch eine «solenne Sensation» aufzuhelfen, den Artikel über das Nietzsche-Archiv und über Frau Förster-Nietzsche geschrieben. Wenn irgend etwas innerhalb des literarischen Banausentums das Gerede von dem «umsttrittenen Erfolg» veranlaßt hat, so ist es gerade der Umstand, daß ich mit den größten Opfern das «Magazin» leite, ohne journalistische Kniffe und «Sensationen» zu Hilfe zu nehmen, rein nach sachlichen Gesichtspunkten. Die Banausen fänden es natürlich rationeller, wenn ich mich aller möglichen Pfiffe bediente. Ich habe auf alle Erfolge verzichtet, die mir je «Sensationen» hätten bringen können. Herr Dr. Seidl unterschiebt mir aus einer echt banausischen Gesinnung heraus, daß ich in einer so wichtigen Sache, wie diejenige Nietzsches ist, auf Sensationsmacherei ausgehe. Ich habe am Schlusse meines Artikels klar und deutlich gesagt, welche Motive mich getrieben haben. «Ich hätte auch jetzt geschwiegen, wenn ich nicht durch Horneffers Broschüre und durch die Protektion, die das Buch von Lichtenberger erfahren hat, in die Empörung darüber getrieben worden wäre: in welchen Händen Nietzsches Nachlaß ist.» Es gibt eben Leute, die nicht an sachliche Motive glauben können. Sie übertragen ihre eigene Denkweise auf die anderen. Nietzsche würde sagen: ihnen fehlen die elementarsten Instinkte geistiger Reinlichkeit. Auf andere Motive, die mir Dr. Seidl unterschiebt, komme ich im weiteren noch zu sprechen.

Zunächst ist es nötig, daß ich die von Dr. Seidl in der unverantwortlichsten Weise entstellten Tatsachen richtig stelle, insofern sie sich auf die Rolle beziehen, die ich bei dem Bruch zwischen Frau Elisabeth Förster-Nietzsche einer- und Dr. Fritz Koegel andterseits gespielt haben soll. Im Herbst 1896 übersiedelte Frau Förster-Nietzsche mit dem Nietzsche-Archiv von Naumburg a.d.S. nach Weimar. Ungefähr in der Zeit ihrer Übersiedlung ging durch einen großen Teil der deutschen Presse die Notiz, daß ich mit Dr. Koegel zusammen die Nietzsche-Ausgabe mache. Der Urheber dieser unwahren Notiz ist niemals zu entdecken gewesen. Mir war dieselbe höchst peinlich, denn ich kannte Dr. Koegels Empfindlichkeit in dieser Richtung. Er legte einen großen Wert darauf, in der Öffentlichkeit als alleiniger Herausgeber derjenigen Teile der Ausgabe auch genannt zu werden, die er wirklich allein bearbeitete. Bis dahin hatte er die ganze Ausgabe bis einschließlich des zehnten Bandes gemacht, mit Ausnahme der von Dr. von der Hellen besorgten Teile, des 2. Bandes von «Menschliches, Allzumenschliches» und der Schrift «Jenseits von Gut und Böse» im 7. Band. Außerdem versicherte er, daß er beim Abgange Dr. von der Hellens vom Nietzsche-Archiv von Frau Förster-Nietzsche die bestimmte Zusage erhalten habe, alleiniger Herausgeber aller (auf den achten Band folgenden) Nachlaß-Bände zu sein. Ich hatte alle Ursache, den Anschein nicht aufkommen zu lassen, als ob ich mein freundschaftliches Verhältnis zu Frau Förster-Nietzsche dazu benützen wollte, um mich in die Herausgeberschaft einzuschmuggeln. Und Dr. Koegel hatte die Vertrauensseligkeit verloren, da er im Laufe der Zeit eine große Zahl von Differenzen mit Frau Förster-Nietzsche hatte, die in ihm wiederholt den Glauben erweckt hatten, seine Stellung sei erschüttert. Es war von meiner Seite notwendig, über mein ganz unoffizielles Verhältnis zum Nietzsche-Archiv keine Unklarheit aufkommen zu lassen. Als ich Frau Förster-Nietzsche, auf ihre Aufforderung hin, zum ersten Male in Weimar besuchte, sagte ich ihr, daß dem durch obige Zeitungsnotiz entstandenen Gerücht, als ob ich am Nietzsche-Archiv angestellt werden sollte, entschieden entgegengetreten werden muß. Frau Förster-Nietzsche stimmte dem bei und bedauerte gleichzeitig, daß die Sache nicht der Wahrheit entsprechen könne. Ich hatte das Gefühl, Frau Förster-Nietzsche hätte damals meine Anstellung gerne gesehen, aber ihr stand die bestimmte Zusage an Dr. Koegel entgegen, daß er für die Zukunft alleiniger Herausgeber sein werde. Ich betone aber ausdrücklich, daß von einer etwaigen Unfähigkeit Dr. Koegels, die Ausgabe allein zu machen, mit keinem Worte gesprochen wurde. Ich habe nun an eine Reihe deutscher Zeitungen, mit Zustimmung der Frau Förster-Nietzsche, eine Berichtigung der angeführten Notiz gesandt, welche die Worte enthielt: «Alleiniger Herausgeber von Nietzsches Werken ist Dr. Fritz Koegel. Ich stehe in keinem offiziellen Verhältnis zum Nietzsche-Archiv. Auch ist ein solches für die Zukunft nicht in Aussicht genommen.» Dr. Koegel war zu dieser Zeit auf einer Urlaubsreise. Im Nietzsche-Archiv zurückgelassen hatte er das Druckmanuskript der von ihm zusammengestellten « Wiederkunft des Gleichen». Er hatte mir bereits im Juli desselben Jahres diese Zusammenstellung zugesandt. Ich habe dann öfter mit ihm über die in dem Druckmanuskript verbundenen Gedanken gesprochen. Nietzsches Manuskript dazu habe ich nie durchgenommen. Ich sprach nun im Oktober 1896 wiederholt auch mit Frau Förster-Nietzsche über die «Wiederkunft des Gleichen» und vertrat schon damals den Gedanken, der auch heute noch meine Überzeugung bildet, daß Nietzsche die Hauptidee von der «Ewigen Wiederkunft» aller Dinge bei der Lektüre Dührings aufgestiegen ist. In Dührings «Kursus der Philosophie» findet sich nämlich dieser Gedanke ausgesprochen, nur wird er da bekämpft. Wir sahen in Nietzsches Exemplar des Dühringschen Buches nach und fanden an der Stelle, wo von dem Gedanken die Rede ist, die charakteristischen Nietzscheschen Bleistiftstriche am Rande. Ich teilte Frau Förster-Nietzsche damals noch manches andere über das Verhältnis der Philosophie ihres Bruders zu anderen philosophischen Strömungen mit. Die Folge war, daß sie eines Tages mit dem Plane herausrückte: ich solle ihr diese meine Anschauungen und Ergebnisse in Privatstunden entwickeln. Natürlich hatte ich schon damals das Gefühl, mit dem jetzt Dr. Seidl krebsen geht, daß zunächst diese Vorträge von dem Herausgeber der Nietzscheschen Schriften zu halten seien; und ich erklärte der Frau Förster-Nietzsche, daß ich zu den Vorträgen mich nur bereit erklären könne, wenn Dr. Koegel damit einverstanden wäre. Ich sprach mich mit Dr. Koegel aus, und der Plan mit den Privatstunden wurde verwirklicht. Wenn Herr Dr. Seidl in einem unerhört schimpfenden Ton behauptet, ich hätte kein Recht, diese Vorträge solche über die «Philosophie Nietzsches» zu nennen, so erwidere ich ihm, daß ich keine Bezeichnung für eine solche unwahre Behauptung habe, für die er nicht den geringsten Beweis erbringen kann. Denn es ist einfach eine Lüge, wenn diese Vorträge mit einer anderen Bezeichnung belegt werden. Ich muß doch wohl wissen, was ich in den Stunden behandelt habe. Herr Dr. Seid] weiß gar nichts davon. Ich habe Nietzsches Auffassung von der griechischen Philosophie, sein Verhältnis zur modernen, besonders zur Kantschen und Schopenhauerschen Weltanschauung und die tieferen Grundlagen seines eigenen Denkens behandelt. Die Gründe, warum Frau Förster-Nietzsche bei mir Stunden nahm, deutet Herr Dr. Seidl in - ich kann wirklich nicht anders sagen - kindischer Weise. Sollte es aber wahr sein, was er darüber sagt, dann hätte er mit der Aufdeckung dieser angeblichen Gründe Frau Förster-Nietzsche den allerschlechtesten Dienst erwiesen. Er mutet ihr eine Hinterlistigkeit und ein frivoles Spiel mit Menschen zu, das ich ihr trotz allem, was ich von ihr weiß, nicht zumute. Sie soll, als sie mich um die Stunden bat, nicht etwas haben lernen wollen, sondern mich examinieren, ob ich zum Nietzsche-Herausgeber tauge. Es kann doch wohl kein Zweifel darüber sein, daß ich, wenn ich von einem solchen Plane nur das geringste geahnt hätte, empört Frau Förster-Nietzsche verlassen hätte auf Nimmer-Wiedersehen. Dr. Seidl ist der Ansicht, daß diese Frau mit einem solchen Plan im Hinterhalte unter allerlei Vorwänden mich eingefangen hat. Wer so etwas tut, handelt frivol. Ich überlasse es Herrn Dr. Seidl, sich mit Frau Förster-Nietzsche über diese Interpretation ihrer Handlungsweise auseinanderzusetzen.

Ich fahre in der Darstellung des Sachverhaltes fort. Es ging alles so ziemlich gut bis zu Dr. Koegels Verlobung, die, wenn ich mich recht erinnere, Ende November 1896 stattfand. Ein Erinnerungs-Irtrttum meinerseits könnte höchstens auf einige Tage sich beziehen. Herr Dr. Seidl findet sich genötigt, mir die «ebenso böswillige als einfältige Insinuation» vorzuwerfen: ich hätte einen Zusammenhang zwischen Dr. Koegels. Verlobung und der «Erleuchtung» der Frau Förster-Nietzsche über Koegels Begabung «& tout prix» herstellen wollen. Ich glaube, nur eine nicht ganz reinliche Phantasie kann in meinem Satze (in dem «Magazin»-Aufsatz) eine böswillige Insinuation sehen. Ich habe nichts weiter gesagt, als: «Bald nach Dr. Koegels Verlobung benutzte Frau Förster-Nietzsche meine Anwesenheit im Nietzsche-Archiv gelegentlich einer Privatstunde, um mir zu sagen, daß ihr Zweifel an den Fähigkeiten des Dr. Koegel aufgestiegen seien». Hören wir doch, was in dieser Beziehung ein gewiß klassischer Zeuge sagt, nämlich Frau Elisabeth Förster-Nietzsche selbst. In dem auch von Dr. Seidl erwähnten unerbetenen Brief an mich vom September 1898 schreibt sie: «Dr. Koegel sollte nicht nur Herausgeber, sondern auch Sohn und Erbe des Archivs sein. Das letztere war aber nur möglich, wenn mich mit Dr. Koegel eine aufrichtige gegenseitige Freundschaft verbunden hätte. Diesen Mangel fühlte ich auch und hatte gehofft, daß wir durch seine Heirat befreundeter werden könnten. Da ich mich aber in der Braut vollständig geirrt hatte, so wurde der Mangel an Freundschaft und Vertrauen nach der Verlobung viel stärker fühlbar als vorher.» Herr Dr. Arthur Seidl! Sie wagen es, mich wegen meines Verhaltens zu Frau Dr. Förster-Nietzsche einen «Ritter von der traurigen Gestalt» zu nennen. Sehen Sie einmal her: wie Sie kämpfen! Was Sie eine «böswillige» und «einfältige Insinuation» von mir nennen, ist nichts weiter als die Wiedergabe einer Briefstelle der «einsamen Frau», für die Sie so «tapfer» eintreten, Sie Ritter von komischer Gestalt.

Tatsache ist, daß fast unmittelbar nach der Verlobung eine tiefgehende Differenz zwischen Frau Förster-Nietzsche und Dr. Fritz Koegel eintrat. Für mich wurde diese Differenz mit jedem Tage bemerkbarer und mit jedem Tage peinlicher. So oft ich mit Dr. Koegel zusammentraf, erzählte er erregt über Scenen mit Frau Förster-Nietzsche und bemerkte, daß er mit jedem Tage mehr das Gefühl habe, sie wolle ihn los sein. Kam ich zu den Stunden der Frau Förster-Nietzsche, dann brachte sie alles mögliche gegen Dr. Koegel vor. Es ist charakteristisch, wie sich ihre Einwände gegen Koegels Eignung zum Herausgeber wandelten. Zunächst tat sie tief beleidigt darüber, daß Dr. Koegel es unterlassen habe, auf seine Verlobungsanzeigen zu setzen: «Archivar des Nietzsche-Archivs». Bald darauf erschien ein neues Motiv auf der Bildfläche. Die Familie in Jena, in die Dr. Koegel hineinheiratete, sei eine fromme; Dr. Koegel werde unmöglich seine Stellung im Nietzsche-Archiv mit einer solchen Verwandtschaft vereinigen können. Es wäre doch schlimm, wenn der Nietzsche-Herausgeber sich kirchlich trauen und seine Kinder taufen lassen müsse. Als heiteres Intermezzo kam noch etwas dazwischen. Dr. Koegel las damals die Korrekturbogen der französischen Ausgabe des Zarathustra, weil vom Nietzsche-Archiv aus diese Ausgabe auf ihre Richtigkeit geprüft werden sollte. Bei Lesung eines Bogens im Nietzsche-Archiv war Koegels Braut anwesend. Es wurde über die französische Übersetzung eines Satzes disputiert, und Dr. Koegel gab seiner Braut recht bezüglich des richtigen französischen Ausdruckes eines Gedankens, gegen die Meinung Frau Förster-Nietzsches. Diese klagte mir darauf, daß sie nun nicht mehr Herrin in ihrem Archiv sei. Allmählich gingen aus solchen Einwendungen gegen Dr. Koegel andere hervor, ganz in sukzessiver Entwickelung. Frau Förster-Nietzsche fing an, Koegels philosophische Fachmannschaft zu bezweifeln. In diesem Stadium war die Angelegenheit, als am 5. Dezember Frau Förster-Nietzsche den Versuch unternahm, mich in die Sache zu verwickeln. Auf mich hat das ganze Verhalten dieser Frau mit all den Winkelzügen, an denen es so reich war, einfach den Eindruck gemacht: sie will Koegel nicht mehr haben und sucht nach allen möglichen Gründen. Dr. Arthur Seidl hat dafür in seiner komischen Ritterlichkeit den Ausdruck: «Was damals bestimmter unbeweisbarer Instinkt noch bei ihr war, subjektives Gefühl und dunkle Empfindung erst, daß die Sache nicht ganz richtig, etwas nicht in Ordnung sei es sollte sich gar bald... als schwerer objektiver Fehler und als wissenschaftliche Unhaltbarkeit denn auch herausstellen». Merkwürdig, höchst merkwürdig: bei Frau Elisabeth Förster Nietzsche äußert sich der Instinkt, daß etwas wissenschaftlich nicht in Ordnung sei, dadurch, daß sie beleidigt tut, wenn sich ihr Herausgeber auf seinen Verlobungsanzeigen nicht als «Archivar am Nietzsche-Archiv» kennzeichnet, oder in der Furcht, daß er sich kirchlich trauen lassen werde.

Soll ich die Rolle charakterisieren, die ich bis dahin in der ganzen Angelegenheit einnahm, so kann ich nicht anders sagen, als, ich benahm mich als «ehrlicher Makler». Ich suchte Frau Förster-Nietzsche alle Gründe vorzuführen, die ich für die unveränderte Beibehaltung Dr. Koegels als Herausgeber finden konnte. Ich suchte den zuweilen hochgradig erregten Dr. Koegel zu beruhigen. Da kam der 5. Dezember. Ich hatte bei Frau Förster-Nietzsche Stunde. Sie hatte mir schon am vorhergehenden Tage durch eine Karte, die sie mir gab, angedeutet, daß sie mir am nächsten Tage wichtiges zu sagen habe. Diese Karte war natürlich ganz überflüssig, denn ich wäre an jenem Sonnabend auf jeden Fall zur Stunde erschienen. Kaum war ich da, ging es über Dr. Koegel her. Er sei Künstler und Ästhetiker, aber kein Philosoph. Die «Umwertung aller Werte» könne er nicht allein herausgeben. Ich habe nie in Abrede gestellt, daß Frau Förster-Nietzsche damals mir einzureden versucht hat: ich solle neben Dr. Koegel Herausgeber werden, daß sie allerlei nebulose Bemerkungen über Modi des Zusammenarbeitens gemacht hat usw. Ich habe gegenüber Dr. Koegel aus dieser ihrer Rederei kein Hehl gemacht. Nur in diesem Augenblicke gingen die Wogen der gegenseitigen Erbitterung zwischen Frau Förster-Nietzsche und Dr. Koegel zu hoch. Ich sah voraus, daß die bloße Mitteilung, Frau Förster-Nietzsche habe den Plan, mit seiner Stellung eine Veränderung vorzunehmen, Dr. Koegel zum äußersten reizen werde. Frau Förster-Nietzsche aber

mußte ich aus Courtoisie doch anhören. Ich sagte ihr, daß bei Dr. Koegels gegenwärtiger Gereiztheit, es höchst unratsam sei, ihn irgend etwas von ihrem Plane wissen zu lassen. Ich selbst habe nie meine Einwilligung zu diesem Plane gegeben. Alles, was ich sagte, läßt sich in den Konditionalsatz zusammenfassen: «Gnädige Frau, auf meine Zustimmung kommt nichts an; selbst wenn ich wollte, wäre ein solches Wollen ohne Folge». — Frau Förster-Nietzsche durfte diese Worte nicht so auffassen, daß ich gewollt hätte, sondern nur als ein bedingungsweises Eingehen auf ihren Plan, nicht um zuzustimmen, sondern, um sie ad absurdum zu führen. Ich wollte ihr begreiflich machen: erstens, daß sie doch jetzt nicht Dr. Koegels Stellung ändern könnte, nachdem sie ihm die Zusage der alleinigen Herausgeberschaft gemacht hatte; zweitens, daß Dr. Koegel sich nie auf das Zusammenarbeiten mit einem zweiten Herausgeber einlassen werde. Das war alles, was von meiner Seite geschah. Man sieht: ich wollte nichts als die «ehrliche Maklerrolle» weiter spielen. Wenn Frau Förster-Nietzsche nunmehr geglaubt hat, sie könne über mich verfügen, wie es ihr beliebt, so entspringt das nur ihrer Eigentümlichkeit, daß sie der Meinung ist, sie könne die Leute wie Schachfiguren dorthin stellen, wohin sie will. Ich hatte meinetwegen nicht den geringsten Grund, Frau Förster-Nietzsche das Wort abzunehmen, über ihren Plan nicht zu sprechen. Es war dies durchaus ihr Wunsch. Ich glaube sogar ausdrücklich bemerkt zu haben: bei meinem Verhältnisse zu Dr. Koegel müsse ich ihm so etwas sagen. Nun gut: wir kamen überein, über einen Plan der Frau Förster-Nietzsche, dessen Absurdität ich ihr dargelegt hatte, nicht zu sprechen. Herr Dr. Arthur Seidl hat die Unverfrorenheit, dies so darzustellen: «er stellte an die genannte Dame, der gegenüber er sich warm verpflichtet fühlen mußte (oder hätte müssen ),das Ansinnen, bei eventl. harangue ihrer Person von andrer Seite seine Person zu schützen und eine de facto gepflogene Rücksprache mit dem Munde dann zu bestreiten - rund und nett gesagt: die Zumutung einer Lüg e». Hier ist es, wo Herr Dr. Seidl eine objektive Fälschung begeht. Ich habe auf ausdrücklichen Wunsch der Frau Förster-Nietzsche ihr mein Wort gegeben, von ihrem Plane nicht zu Dr. Koegel zu sprechen, und habe mir dann selbstverständlich das Gleiche auch von ihr erbeten. Denn ich wußte, was herauskommt, wenn sie etwas erzählt. Wo in aller Welt kann da von der Zumutung einer «Lüge» gesprochen werden. Aber Herr Dr. Seidl will etwas ganz anderes sagen. Er will den Glauben erwecken, als ob ich, nachdem Frau Förster-Nietzsche das Wort, das nicht meinetwegen, sondern ihretwegen gegeben war, gebrochen hatte, ihr zugemutet hätte, irgend etwas abzuleugnen. Ich werde sogleich erzählen, wie es mit dieser vermeintlichen Ableugnung steht. Vorher aber muß ich Herrn Dr. Seidl sagen, daß er entweder nicht fähig ist, die von mir (im «Magazin»-Artikel) gegebene Darstellung zu verstehen, oder daß er sie absichtlich fälscht. Er hat zwischen zwei Dingen zu wählen, entweder hat er zu bekennen, daß er einen klar formulierten Satz nicht versteht, oder das andere, daß er absichtlich eine Fälschung begeht, um mich zu verleumden. Im ersteren Fall erhöht sich für mich der Eindruck von seiner komischen Ritterschaft; im zweiten aber muß ich ihm sagen, was Carl Vogt in dem berühmten Materialismusstreit dem Göttinger Hofrat gesagt hat:

«Auf groben Klotz ein grober Keil,
Auf einen Schelmen anderthalbe!»

Auf den Sonnabend folgte der Sonntag. An diesem Tage hatte Frau Förster-Nietzsche im Nietzsche-Archiv für Dr. Koegel ein Verlobungsessen arrangiert. Es waren verschiedene Herren des Weimarischen Goethe-Archivs geladen, ferner Gustav Naumann, der mit seinem Oheim zusammen die Verlagshandlung leitete, in dem Nietzsches Werke erschienen, ich und andere. Frau Förster-Nietzsche hielt während des Essens eine Rede, in der sie Koegels Verdienste um die Nietzsche-Ausgabe in anerkennenden Worten pries. Nach dem Essen nahm sie Gustav Naumann zur Seite und teilte ihm mit: Dr. Koegel sei kein Philosoph; er kann die «Umwertung aller Werte» gar nicht machen. Dr. Steiner sei Philosoph, er habe ihr prachtvoll Philosophie gelesen; der kann und wird die Umwertung machen. Herr Gustav Naumann glaubte es seiner Freundschaft zu Dr. Koegel schuldig zu sein, ihm diese Unterredung mit Frau Förster-Nietzsche noch an demselben Abend mitzuteilen. Nun war der Ausbruch der Erregung bei Dr. Koegel, den ich hatte vermeiden wollen, da. Ich traf diesen noch an demselben Abend. Ich beruhigte ihn, indem ich ihm sagte: ich werde alles tun, um ihn zu halten; ich werde nie meine Einwilligung geben, zweiter Herausgeber zu werden. Von meiner ergebnislosen Unterredung mit Frau Förster-Nietzsche am Sonnabend erwähnte ich nichts, weil ich ja durch mein Wort gebunden war; und selbst, wenn das nicht der Fall gewesen wäre, so wäre es nicht nötig gewesen; denn wozu über das Gerede der Frau Förster-Nietzsche Worte verlieren, da es ohne meine Einwilligung zu nichts führen konnte. Am darauffolgenden Mittwoch erhielt ich von Dr. Koegel, der nach Jena zu seinen künftigen Schwiegereltern gefahren war, einen Brief, worin er mir mitteilte, Frau Förster-Nietzsche habe am Dienstag Koegels Schwester (deren sie sich damals als offizieller Vermittlerin zwischen sich und Dr. Koegel bediente, trotzdem sie diesen immer selbst hätte sprechen können) gesagt, daß ich erklärt habe, ein Zusammenarbeiten von mir mit Dr. Koegel ginge ausgezeichnet, und ich sei mit Freuden bereit, darauf einzugehen. Beides war unrichti g, wie aus meiner Darlegung des Sachverhaltes hervorgeht. (Dr. Seidl freilich hat die Dreistigkeit, a priori zu behaupten, es sei richtig. Auch ein philosophischer Grundsatz: was man nicht beweisen kann, behauptet man a priori.) Ich mußte an diesem Mittwoch eben wieder zur Stunde zu Frau Förster-Nietzsche gehen. Ich stellte sie nun zur Rede. Ich erklärte ihr, daß sie durch ihre unrichtigen Angaben mich in eine fatale Situation gebracht habe. Dr. Koegel könne sich die Sache unmöglich anders erklären, als daß ich die Rolle eines Intriganten spiele, der ihm andere Dinge vorspiegelt, als hinter den Kulissen vorgehen. Ich erklärte ihr auf das allerbestimmteste, daß ich in einem vorläufigen Briefe an Dr. Koegel die Sache aufklären werde, und daß ich verlangen muß, daß sie selbst vor Dr. Koegel und mir die Sache richtig stelle. Ich sagte damals, daß ich es geradezu unglaublich finde, durch sie in einer Intrigantenrolle zu erscheinen; wo ich mich doch in jeder Weise bemüht hätte, absolut auf Klarheit des Sachverhaltes zu sehen. Zugleich bemerkte ich, um Frau Förster-Nietzsche die ganze Größe der Unannehmlichkeit, die sie mir bereitet hat, klarzulegen: ich würde mich lieber erschießen, als durch eine Intrige mir eine Stellung ergattern. Diese Worte hat dann Frau Förster-Nietzsche so verdreht, daß sie später des öfteren behauptet hat: ich hätte gesagt, ich müßte mich erschießen, wenn sie ihre unrichtigen Angaben nicht zurücknehme. Dr. Seidl wärmt auch das unsinnige Duell-Märchen wieder auf. Nie hat Dr. Koegel mit mit einem Duell gedroht. Er hat allerdings an Naumann geschrieben, wenn sich bewahrheiten sollte, was Frau Förster über eine Intrige von mir gesagt habe, wolle er mich herausfordern. Diese Briefstelle Dr. Koegels ist Frau Förster-Nietzsche bekannt geworden; und sie hat später, in der Absicht, mich in die Feindschaft mit Dr. Koegel hineinzureiten, mit dieser nur hinter meinem Rücken ausgesprochenen Drohung - um in Dr. Seidis geschmackvoller Vergleichssprache zu bleiben — «wie mit der Mettwurst nach dem Schinken» geworfen. Sie konnte mir diese Duellandrohung mündlich und schriftlich nicht oft genug vor Ohren und Augen bringen. Herr Dr. Seidl erdreistet sich zu sagen: ich hätte Frau Förster-Nietzsche «flehentlich gebeten», mich «herauszulügen». Wenn Herr Dr. Seidl nicht als solch komischer Ritter treu alles nachplapperte, was ihm gesagt worden ist: man müßte ihn wahrhaftig für einen Schelm halten. Frau Förster-Nietzsche behauptete nun in der eben besprochenen Unterredung: sie hätte mir am vorhergehenden Tag — also am Dienstag - einen Brief geschrieben, in dem ich die Aufklärung für ihr Verhalten fände. Ich sagte, mir wäre ein solcher Brief höchst gleichgiltig; ich habe aber keinen erhalten. Und merkwürdig, am Mittwochnachmittag, einige Stunden nach der Unterredung mit Frau Förster-Nietzsche fand ich einen Brief von ihr vor, in dem sie folgendes schrieb: «Also ich war heute aus bestimmten Gründen genötigt Fräulein Koegel zu sagen, daß ich Sie gefragt hätte: ob Sie in dem Fall, daß ich Sie darum bäte mit Dr. Koegel die Umwertung herauszugeben, geneigt wären es zu tun und ob Sie glaubten, daß Sie beide in einem Jahr damit fertig würden; — Sie hätten darauf mit Ja geantwortet. Auch hätten Sie davon gesprochen, daß Dr. Koegel Ihnen schon dergleichen Absichten von meiner Seite gesagt habe. Dies war alles am Sonnabend. Ich teile es Ihnen schnell mit, damit Sie unterrichtet sind.» Also Frau Förster-Nietzsche hatte den Glauben: sie könne in jeder Weise über mich verfügen; sie brauche nur zu befehlen: ich sage, du hast das getan und dann ist es so. «Ich teile es Ihnen schnell mit, damit Sie unterrichtet sind.» Es war auch dringend nötig, dieses Unterrichten. Nur schade, daß ich den Brief erst erhalten habe, nachdem Frau Förster-Nietzsche schon das Unheil angerichtet hatte. Sonst hätte ich ihr vorher gesagt: Wenn Sie aus bestimmten Gründen sich bemüßigt sehen, von mir unrichtiges zu sagen, so werde ich aus bestimmten Gründen mich genötigt sehen, Sie der Unwahrheit zu zeihen. Nun kam es am 10. Dezember zu der bestimmten Erklärung der Frau Förster-Nietzsche vor Dr. Koegel, mir und zwei Zeugen, daß nicht richtig sei, was sie zu Koegels Schwester in bezug auf mich gesagt habe. Am nächsten Tage war es ihr schon wieder leid, daß sie diese Erklärung abgegeben habe, und sie suchte die Sache nun in folgender Art zu drehen. Sie pochte darauf, daß doch an dem fraglichen Sonnabend ein Gespräch zwischen ihr und mir stattgefunden habe. Ich müsse das zugeben. Ich erklärte ihr nun am Sonnabend den ır. Dezember wieder bestimmt: es komme gar nicht darauf an, daß überhaupt irgend ein Gespräch stattgefunden habe, sondern lediglich darauf, daß die Angaben, die sie Koegels Schwester gemacht habe, unrichtig seien. Für mich wäre nun die Sache abgetan. Ich kann den Beweis führen, daß ich nie Frau Förster gegenüber irgendwie verlangt habe, sie solle etwas ableugnen; sondern ihr ganz bestimmt von dem Augenblicke an, als ich durch Dr. Koegel von ihren unrichtigen Angaben gehört hatte, ihr auch diese Unrichtigkeit vorgehalten habe, Am Sonntag den ı2. Dezember schrieb sie mir einen Brief, aus dem klar hervorgeht, daß ich sie nie gebeten, mich herauszulügen, sondern daß ich immer die Unrichtigkeit ihrer Angaben ihr ins Gesicht behauptet habe. In diesem Briefe schreibt sie: «Es ist doch schade, daß wir bisher niemals ordentlich über die ganze Sache gesprochen haben. Denken Sie, daß ich in der Tat fest überzeugt war, daß Sie genau so gut wie ich wüßten, die viel umstrittene Unterhaltung hätte wirklich stattgefunden. Nun denken Sie, gestern ist mir auf einmal ein Licht aufgegangen, daß Sie wirklich und wahrhaftig fest überzeugt sind nichts von den Sachen, deren ich mich genau entsinne, gehört zu haben.» Also Frau Förster-Nietzsche baute sich goldene Brücken, indem sie angibt, sich genau zu entsinnen. Das Vergnügen gönnte ich ihr. Mir liegt nichts daran, wie sie sich die Dinge zurecht legt. Aber sie gibt hier zu, daß ich sie niemals — wie jetzt Dr. Seidl «ritterlich» plappert — «flehentlich gebeten» habe, zu lügen, sondern daß ich ihr frank und frei gesagt habe: es ist nicht wahr, daß ich meine Zustimmung gegeben habe. Recht nett stellt Frau Förster-Nietzsche die Sache weiter dar: «Wie grenzenlos schade, daß ich nicht eher davon überzeugt worden bin, denn dann hätte das Ganze ein soviel anderes fröhlicheres natürlicheres Ansehen gewonnen. Das war ja dann nichts weiter als eines jener so oft vorzüglich bei Gelehrten vorkommenden Fälle von Zerstreutheit, der eine spricht andeutungsweise von bestimmten Dingen, der andere hört zerstreut, sagt Ja und macht freundliche Gesichter und vergißt dann die ganze Sache in der nachfolgenden philosophischen Vorlesung.» Nun darf Frau Förster-Nietzsche versichert sein, daß ich eine Zusage meinerseits gewiß nicht vergessen hätte. Was sie aber gesagt hat, war für mich bedeutungs- und eigentlich gegenstandslos.

So. Nun komme ich wieder zu Ihnen, Herr Dr. Arthur Seidl. Ich habe Ihnen bewiesen, daß Sie leichtfertig genug waren, Dinge nachzusprechen, deren Unrichtigkeit leicht darzulegen ist. Bevor ich Ihnen die Windigkeit Ihrer Behauptungen über meine angeblichen Widersprüche zeige, frage ich Sie noch um zwei Dinge. I. Sie schreiben hin: «Und es darf dabei nicht übersehen werden, wie in dem ganzen, vom Zaune gebrochenen Kampfe die eigennützigen und persönlichen Motive durchaus nur auf Seiten ihrer (der Frau Förster-Nietzsche) Gegner lagen, welche sich als Nietzsche-Herausgeber doch pekuniäre Vorteile schaffen wollten.» Da Sie im Plural von Nietzsche-Herausgebern sprechen, so unterstellen Sie, daß ich jemals nach pekuniären Vorteilen in dieser Sache gestrebt habe. Ich war nie Nietzsche-Herausgeber; wollte es nie werden, habe mir also niemals pekuniäre Vorteile verschaffen wollen. Sie werden für diese Ihre Behauptungen den Beweis nicht erbringen können. Sie setzen also Verleumdungen in die Welt. 2. Sie behaupten: Ich hätte mich der Frau Förster-Nietzsche gegenüber warm verpflichtet fühlen müssen. Ich fordere Sie auf, mir das allergeringste zu nennen, was Frau Förster-Nietzsche berechtigt, von mir irgendeinen besonderen Dank zu beanspruchen.

Nun aber zu Ihren «logischen Widersprüchen» in meinem Aufsatze. Sie, Herr Dr. Arthur Seidl, behaupten: aus meiner Darstellung gehe hervor, daß Frau Förster-Nietzsche im Herbst 1896 schon von der Fehlerhaftigkeit der Bände ıı und ı2 überzeugt gewesen sein müsse, da sie doch behauptete, Dr. Koegel könne die «Umwertung» nicht herausgeben. Sie sagen: «Nun, ich dächte, man kann in solchem Falle Zweifel und Beängstigungen lediglich auf Grund vorliegender Proben und bereits geleisteter Arbeiten empfinden, die ebendamals bis einschließlich Band 12 von Dr. Koegel vorgelegen haben mußten.» Wenn in dieser Erwiderung nur ein Milligramm Verstand ist, dann will ich «Peter Zapfel» heißen. Ich erkläre auf Grund der Tatsachen, daß Frau Förster-Nietzsche im Herbst 1896 nichts wußte von Fehlern im ıı. und ı2. Band und schließe daraus, daß sie ihre Behauptung, Dr. Koegel könne die «Umwertung» nicht herausgeben, auf nichts stützte; und der Dr. Seidl kommt und sagt: Ja gerade daraus, daß sie ihn für unfähig erklärt hat, die «Umwrertung» herauszugeben, ersieht man, daß sie die Fehlerhaftigkeit von Band 11 und ı2 erkannt haben muß. Man denke sich diesen Philosophen Seidl als Richter. Der Verteidiger eines Angeklagten weist nach, dieser könne einen Mord nicht begangen haben, der um ı2 Uhr in Berlin nachweislich geschehen ist, weil der Angeklagte erst um ı Uhr in Berlin angekommen ist. Der Dr. Seidl als Richter wirft sich in die Brust und sagt: Sie Herr Verteidiger, Sie sind kein Logiker: Wenn der Angeklagte erst um ı Uhr in Berlin angekommen ist, so kann ja doch der Mord nur nach eins geschehen sein. Nun, auf die Logik des Hetrn Dr. Seidl lasse ich mich, nach dieser Probe, nicht weiter ein. Das scheint denn doch zu unfruchtbar. Es ist doch der Gipfelpunkt des Unsinns, daß der alte Heraklit herhalten muß, um zu rechtfertigen, daß Frau Förster-Nietzsche heute rot nennt, was gestern blau war. «Alles fließt», sagt der gute Heraklit; deshalb dürfen auch die Aussagen der Frau Förster-Nietzsche über einen und denselben Gegenstand «fließen». «Die blaue Farbe von gestern kann aber in der Tat je nach der Beleuchtung von heute, in unserem Auge eine rötliche Nuance annehmen dürfen.» Gewiß darf sie das, weiser Herr Dr. Seidl; wenn Sie aber von der Farbe, die heute erst eine rote Nuance angenommen hat, behaupten, sie hätte sie schon gestern gehabt, dann haben Sie einfach gelogen, trotz Ihrer geistreichen Heraklit-Interpretation. Sie stehen zum alten Heraklit nicht anders als zu mir: Sie wissen von beiden ganz gleichviel: nämlich nichts.1

Über den Wert des Lichtenbergerschen Buches streite ich mich mit Ihnen nicht, Herr Dr. Seidl. Denn Sie sind in der Rechtfertigung dieses Buches aus dem Nietzscheschen Satz . mit den «leichten Füßen» ebenso glücklich, wie mit der Ableitung des «Heute blau, morgen rot» aus dem Heraklitschen «Alles fließt». Gewiß, Herr Dr. Seidl, sind leichte Füße ein großer Vorzug; aber sie müssen in solchen Fällen, wie der ist, um den es sich hier handelt, einen geisterfüllten Kopf tragen. Zarathustra ist ein Tänzer, sagt Nietzsche. Herr Dr. Seidl wertet flugs diesen Nietzscheschen Wert um: Jeder Tänzer ist ein Zarathustra. Was man doch alles heute in Weimar lernen kann!

Daß Sie, Herr Dr. Seidl, mein Büchelchen «Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit» herunterreißen, sei Ihnen verziehen. Sie dürfen mir übrigens glauben, daß ich die Schwächen dieses vor 5 Jahren geschriebenen Buches besser kenne als Sie. Ich würde vielleicht heute manches anders schreiben. Aber es hat einen Vorzug vor vielen, es ist ein ehrliches Buch in jeder Zeile. Deshalb hat es nicht nur bei NietzscheAnhängern Lob gefunden, sondern ein grimmiger NietzscheGegner hat kürzlich gefunden, daß ich unter Nietzsches Anhängern der einzige bin, der «ernst genommen werden kann». Herr Dr. Seidl behauptet, daß es im «Zarathustra» nicht auf die Idee des «Übermenschen», sondern auf die «Ewige Wiederkunft» ankomme. Er bringt dafür einen Grund vor, der wahrhaft «gottvoll» ist. Dieser Gedanke kommt nicht weniger als dreimal im Zarathustra vor. Nun dreimal kommen auch noch manche andere Gedanken im Zarathustra vor. Nach Herrn Seidls Logik könnten sie also ebensogut über den «Übermenschen»-Gedanken gestellt werden, der nicht dreimal vorkommt, sondern wie ein roter Faden durch das Ganze geht. Und daß «das Ganze» auf den WiederkunftsGedanken hinausläuft, ist einfach nicht wahr. Herr Dr. Seidl scheint auch die Fadenscheinigkeit seiner Logik zu fühlen, er beruft sich, um mehr zu beweisen, als er im stande ist, darauf, daß Richard Strauß den «hochzeitlichen Ring der Ringe» zum «leichtfüßigen» Ringelreigen eines idealen Walzer-Rhythmus machte. Daran erkenne ich Herrn Dr. Arthur Seidl. Ich habe nämlich die Ehre, ihn noch von Weimar her zu kennen. Es war bei ihm stets so: immer wo Begriffe fehlen, da stellt bei ihm zur rechten Zeit die Musik sich ein.

Ein logisches Pröbchen des Herrn Dr. Seidl, das allerdings auf die gegenwärtige Schule im Nietzsche-Archiv zu deuten scheint, möchte ich zum Schluß doch noch anführen. Mit allerlei Gewährsmännern behauptet Herr Dr. Seidl, Frau Förster-Nietzsche habe «bisher in allen entscheidenden Punkten wegen der Veranstaltung der Gesamtausgabe das Richtige getroffen». Nun behauptet sie und mit ihr die jetzigen Herausgeber: In dem bisher wichtigsten Punkt, in bezug auf die Herausgeberschaft Dr. Koegels, hätte sie gründlich das Falsche getroffen. Wie heißt es doch in der Logik: Alle Kretenser sind Lügner, sagt ein Kretenser. Da er selbst Lügner ist, so kann es auch nicht wahr sein, daß alle Kretenser Lügner sind. Frau Förster-Nietzsche hat stets das Richtige getroffen, also hat sie auch das Richtige getroffen, als sie behauptete, sie hätte mit Dr. Fritz Koegel das Unrichtige getroffen. Das ist Nietzsche-Herausgeber-Logik.

Nun möchte ich doch noch mit ein paar Worten auf Ihre dreisten Behauptungen am Schluß Ihres Aufsatzes eingehen. Herr Dr. Seidl, Sie, nicht ich, sind es, der unkundigen Leuten Sand in die Augen streut. Denn ich habe die Fehler, die Sie der Koegelschen Ausgabe wieder vortücken und über die Sie nicht genug «Moritaten» zu erzählen wissen, von vornherein zugegeben. Ich habe sogar zugestanden, daß man eine Ausgabe mit solchen Fehlern zurückziehen mag, wenn die Möglichkeit geboten ist. Nicht auf diese Fehler kommt es an. Die glaube ich Ihnen auch, ohne daß ich erst wieder Ihnen nachprüfe, wie Sie es bei Dr. Koegel tun. Die Hauptsache meiner Widerlegung der Hornefferschen Broschüre besteht in dem Nachweis, daß die von Dr. Koegel in Band ı2 zusammengestellten Aphorismen sehr wohl eine Vorstellung von der Gestalt der «Ewigen Wiederkunftslehre» geben, die diese Lehre bei Nietzsche im August 1881 angenommen hat. Um einen solchen Nachweis zu führen, braucht man nur die in Band ı2 gedruckten Aphorismen vor sich zu haben. Die Lesefehler, die Koegel gemacht hat, ändern daran nichts. Herr Dr. Seidl drückt sich um eine Entgegnung auf diesen meinen Nachweis herum mit der ganz nichtssagenden Verdächtigung: ich urteile, ohne die Manuskripte gesehen zu haben. Nein, ich habe sie nicht gesehen; aber das, was ich behaupte, dazu brauche ich sie eben nicht gesehen zu haben. Es fehlt mir hier der Raum, um meine Überzeugung bezüglich Nietzsches Idee der «Ewigen Wiederkunft» tiefer zu begründen. Ich werde es anderswo tun. Die Sache liegt nämlich — wie mit einer fast an Gewißheit grenzenden Wahrscheinlichkeit behauptet werden darf - so, daß Nietzsche die Idee der «Ewigen Wiederkunft» bei Dühring aufgegriffen hat und sie als die gegenteilige Ansicht der allgemein-giltigen und auch von Dühring vertretenen zunächst für eine Bearbeitung in Aussicht genommen hat. Der «Entwurf», den Koegel im ı2. Band mitgeteilt hat, gehört der Zeit an, in der Nietzsche einen solchen Plan hatte. Dieser hat aber die Idee bald fallen lassen, weil er empfunden hat, daß der «Entwurf» von 1881 sich nicht ausführen läßt. Später tritt sie dann nur noch sporadisch auf, wie im Zarathustra, und ganz am Ende seines Wirkens erscheint sie wieder, wie ich jetzt glaube, als eines der Symptome des sich vorher verkündenden Wahnsinns. Was Dr. Koegel im ı2. Bande veröffentlichte, konnte deshalb nur ein mangelhaftes Werk sein, einfach weil die Einfügung des Wiederkunftsgedankens in Nietzsches Ideengebäude eine mangelhafte war. Und den Mangel fühlten einige Kritiker, z.B. Herr Kretzer (in einem Artikel in der «Frankfurter Zeitung»). Und um diese Zeit fing an, die frühere «dunkle Empfindung» der Frau Förster-Nietzsche ein «objektiver Fehler» des Dr. Koegel zu werden. Sie schreibt in dem schon erwähnten unerbetenen Brief an mich: «Konnte dieser erschütternde Gedanke nicht prachtvoll, unwiderleglich, wissenschaftlich bewiesen werden, so war es besser und pietätvoller ihn als ein Mysterium zu behandeln, als eine geheimnisvolle Vorstellung, die ungeheuere Folgen haben konnte. Der wissenschaftliche Beweis wäre schon noch gekommen! Aus allen Aufzeichnungen meines Bruders geht hervor, daß er diesen Gedanken so behandelt wünschte: «Sprich nicht! Singe!> Die dürftige, verfehlte, gefälschte Veröffentlichung Dr. Koegels hat diesen ungeheuren Gedanken gemordet! Das verzeihe ich ihm nie.» Ich glaubte: hier haben wir des Pudels. Kern. Nietzsches Werk über die «Ewige Wiederkunft» aus dem Jahre 1881 ist ein unhaltbares. Nietzsche hat den Plan aufgegeben, weil er unhaltbar war. Dr. Koegel mußte als Nachlaßherausgeber eine Vorstellung von diesem unhaltbaren Werke geben. Das ist sein Hauptverbrechen. Was unhaltbar bei Nietzsche ist, soll als Fälschung des Herausgebers erklärt werden. Frau Förster-Nietzsche behauptet auf $. LXIV ihrer Einleitung zum Lichtenbergerschen Buch, daß «diese wunderliche und dürftige Veröffentlichung jeden aufrichtigen Nietzsche-Verehrer enttäuschen mußte». Nun, die aufrichtigen Nietzsche-Verehrer können nicht enttäuscht werden, wenn sie sehen, daß der Verehrte einen mangelhaften Plan faßt und ihn dann, weil er die Mangelhaftigkeit erkennt, zurücklegt. Wer der Meinung der Frau Förster-Nietzsche ist, diese embryonalen Gedankenentwickelungen hätten mit Zuziehung der späteren sie vervollkommenden veröffentlicht werden sollen (siehe Einleitung zu Lichtenberger S. LXIV): gerade der hat die Tendenz: die Gestalt der Wiederkunftsidee, wie sie Nietzsche im Jahre 1881 hatte, hätte durch Zuziehung späterer Gedanken verfälscht werden sollen.

Ich habe nie die Verdienste der Frau Förster-Nietzsche, die sie wirklich hat, bestritten. Ich erinnere mich sogar noch eines gewissen Briefes, den ich an Frau Förster-Nietzsche, damals allerdings nicht unerbeten schrieb, und in dem ich mich über diese wirklichen Verdienste schriftlich ausließ, weil Frau Förster-Nietzsche damals so etwas brauchte. Sie schrieb mir am 27. Oktober 1895 einen Brief, in dem sie sich für mein Schreiben bedankte: «Ihr Manifest gegen die Ungläubigen und Unbelehrten gefällt Dr. Koegel und mir außerordentlich und lesen wir es mit großer Erbauung. Herzlichen Dank dafür.» Durch nichts aber war Frau Förster-Nietzsche berechtigt, mich in eine Angelegenheit hineinzuziehen, die mich nichts anging, in die ich nicht hineingezogen sein wollte. Und wenn dieses Hineinziehen dann Folgen hatte, die Dr. Seidl «mehr brutal als besonders effektvoll» nennt, so war ich wieder der erste, der bedauerte, daß solche Szenen notwendig gemacht wurden. Niemand anders aber hat sie notwendig gemacht als Frau Förster-Nietzsche.

Wenn nur die «einsame Frau» in Weimar von niemand schlechter behandelt worden ist, als von mir! Natürlich bis zu dem Zeitpunkte, in dem sie mich in unerhörter Weise provozierte. Ob ihr wohl solche Ritter von komischer Gestalt besser bekommen, wie Herr Dr. Arthur Seidl einer ist!?



  1. Dr. Seidl bemüht sich, das Widerspruchvolle in dem Verhalten der Frau Förster-Nietzsche anthropologisch zu erklären; nun ich denke, ich hätte, um jeden moralischen Vorwurf von ihr abzuwehren, in meinem Aufsatz gesagt: „Ich betone aber ausdrücklich, dass ich Frau Förster-Nietzsche niemals im Verdachte gehabt habe, Tatsachen absichtlich zu entstellen, oder bewußt unwahre Behauptungen aufzustellen. Nein, sie glaubt in jedem Augenblicke, was sie sagt.“ Für diese Interpretation der seelischen Eigenschaften der Frau Förster-Nietzsche im Stile des Herrn Dr. Seidl das pomphafte Wort „anthropologische Erklärung“ zu gebrauchen, geht gegen meinen Geschmack. ↩

German original of Mrs. Elisabeth Förster-Nietzsche and her Knight of Comical Form · ← Previous · Next →