107. Die «Sogenannte» Wiederkunft des Gleichen von Nietzsche
Eine Fortsetzung meiner Erwiderung auf E. Horneffers Aufsatz «Eine Verteidigung der sogenannten ‹Wiederkunff des Gleichen› von Nietzsche»
Ernst Horneffer stellt in Hinblick auf meine in Nr. 6 dieser Zeitschrift abgedruckte Widerlegung seiner Broschüre «Nietzsches Lehre von der Ewigen Wiederkunft und deren bisherige Veröffentlichung» folgende Forderung: «Die ganze Anlage der Steinerschen Widerlegung ist verfehlt. Wenn man mich widerlegen will, so muß man meine Rekonstruktion der Skizze oder des Entwurfs, den Koegel seinem Buche zu Grunde legt, widerlegen». Ich glaube nun zwar nicht, daß ich eine solche Verpflichtung behufs Aufrechterhaltung meiner gegen Hornefler erhobenen Einwände habe. Denn diese Einwände beziehen sich nicht auf die Rekonstruktion Horneffers, sondern auf seine falsche Interpretation einzelner Nietzschescher Aphorismen. Und wer Nietzsche so mißversteht wie Horneffer, um dessen Rekonstruktion der « Wiederkunft des Gleichen» braucht man sich eigentlich nicht zu kümmern. Wenn ich nun doch auch an diese Rekonstruktion einzelne Gedanken anknüpfte, so geschieht es, weil die Märchenbildung nun einmal zu den Mitteln des «Nietzsche-Archivs» gehört, und es mir nicht angezeigt erscheint, daß zu den vielen andern Märchen sich auch noch das von meiner Kapitulation vor Horneffers Rekonstruktion gesellt.
Wer Nietzsches Gedanken von der ewigen Wiederkunft aller Dinge und seinen Zusammenhang mit dem im ı2. Bande der Gesamtausgabe S. 5 abgedruckten «Entwurf» «Die Wiederkunft des Gleichen» verstehen will, muß die Quelle dieses Gedankens kennen. Denn ohne Zweifel ist der Aufsatz, der mit diesem Entwurf geplant war, so aufzufassen: daß der Wiederkunftsgedanke den Anlaß zu ihm gebildet hat, und daß alles übrige zu dieser Idee hinzugekommen ist, um sie zu stützen.
Wie kam Nietzsche zu der Idee der ewigen Wiederkunft aller Dinge? Ich habe wiederholt im Gespräche mit Frau Elisabeth Förster-Nietzsche und mit Dr. Koegel im Jahre 1896 auf die Quelle dieser Idee hingewiesen. Ich habe meine damals ausgesprochene Überzeugung auch heute noch: daß Nietzsche bei Gelegenheit der Lektüre von Eugen Dührings: «Kursus der Philosophie als streng wissenschaftlicher Weltanschauung und Lebensgestaltung» (Leipzig 1875), und unter dem Einflusse dieses Buches die Idee gefaßt hat. Auf S. 84 dieses Werkes findet sich nämlich dieser Gedanke ganz klar ausgeprochen; nur wird er da ebenso energisch bekämpft, wie ihn Nietzsche verteidigt. Das Buch ist in Nietzsches Bibliothek vorhanden. Es ist, wie zahlreiche Bleistiftstriche am Rande zeigen, von Nietzsche eifrig gelesen worden. Übrigens weiß man auch ohne dies, daß Nietzsche ein eifriger DühringLeser war. Dühring sagt: «Der tiefere logische Grund alles bewußten Lebens fordert daher im streng sten Sinne des Worts eine Unerschöpflichkeit der Gebilde. Ist diese Unendlichkeit, vermöge deren immer neue Formen hervorgetrieben werden, an sich möglich? Die bloße Zahl der materiellen Teile und Kraftelemente würde an sich die unendliche Häufung der Kombinationen ausschließen, wenn nicht das stetige Medium des Raumes und der Zeit eine Unbeschränktheit der Variationen verbürgte. Aus dem, was zählbar ist, kann auch nur eine erschöpfbare Anzahl von Kombinationen folgen. Aus dem aber, was seinem Wesen nach ohne Widerspruch gar nicht als etwas zählbares konzipiert werden darf, muß auch die unbeschränkte Mannigfaltigkeit der Lagen und Beziehungen hervorgehen können. Diese Unbeschränktheit, die wir für das Schicksal der Gestaltungen des Universums in Anspruch nehmen, ist nun mit jeder Wandlung und selbst mit dem Eintreten eines Intervalls der annähernden Beharrung oder der vollständigen Sichselbstgleichheit, aber nicht mit dem Aufhören alles Wandels verträglich. Wer die Vorstellung von einem Sein kultivieren möchte, welches dem Ursprungszustande entspricht, sei daran erinnert, daß die zeitliche Entwickelung nur eine einzige reale Richtung hat, und daß die Kausalität ebenfalls dieser Richtung gemäß ist. Es ist leichter, die Unterschiede zu verwischen, als sie festzuhalten, und es kostet daher wenig Mühe, mit Hinwegsetzung über die Kluft das Ende nach Analogie des Anfangs zu imaginieren. Hüten wir uns jedoch vor solchen oberflächlichen Voreiligkeiten; denn die einmal gegebene Existenz des Universums ist keine gleichgültige Episode zwischen zwei Zuständen der Nacht, sondern der einzige feste und lichte Grund, von dem aus wir unsere Rückschlüsse und Vorwegnahmen bewerkstelligen.» Dühring muß als mathematisch geschulter Kopf den Gedanken einer ewigen Wiederholung gleicher Weltzustände bekämpfen. Denn nur wenn die Zahl der Kombinationen eine begrenzte wäre, müßte, nachdem alle Möglichkeiten erschöpft sind, die erste wiederkehren. Nun ist aber in dem stetigen Raume nicht eine begrenzte, sondern eine unendliche Zahl von Kombinationen möglich. Es können also ins Endlose neue Zustände eintreten. Dühring findet auch, daß eine immerwährende Wiederholung der Zustände keinen Reiz für das Leben hat: «Nun versteht es sich von selbst, daß die Prinzipien des Lebensreizes mit ewiger Wiederholung derselben Formen nicht verträglich sind.» Nehmen wir nun den mathematisch-logisch unmöglichen Gedanken doch an, machen wir die Voraussetzung, daß mit den materiellen Teilen und Kraftelementen eine zählbare Anzahl von Kombinationen möglich sei, so haben wir die Nietzschesche Idee der «ewigen Wiederkunft des Gleichen». Nichts anderes als die Verteidigung einer aus der Dühringschen Ansicht genommenen Gegen-Idee haben wir in dem Aphorismus 203 (Band XII in Koegels Ausgabe und Aph. 22 in Horneffers Schrift: «Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkunft»): «Das Maß der All-Kraft ist bestimmt, nichts «Unendliches: hüten wir uns vor solchen Ausschweifungen des Begriffs! Folglich ist die Zahl der Lagen, Veränderungen, Kombinationen und Entwickelungen dieser Kraft zwar ungeheuer groß und praktisch « unermeßlich», aber jedenfalls auch bestimmt und nicht unendlich, das heißt: die Kraft ist ewig gleich und ewig tätig: — bis diesen Augenblick ist schon eine Unendlichkeit abgelaufen, das heißt, alle möglichen Entwickelungen müssen schon dagewesen sein. Folglich muß die augenblickliche Entwickelung eine Wiederholung sein und so die, welche sie gebar und die, welche aus ihr entsteht und so vorwärts und rückwärts weiter! Alles ist unzähligemal dagewesen, insofern die Gesamtlage aller Kräfte immer wiederkehrt ...» Und Nietzsches Gefühl gegenüber diesem Gedanken ist genau das gegenteilige von dem, das Dühring bei ihm hat. Nietzsche ist dieser Gedanke die höchste Formel der Lebensbejahung. Aphotismus 43 (bei Horneffer, 234 in Koegels Ausgabe) lautet: «die zukünftige Geschichte: immer mehr wird dieser Gedanke siegen, — und die nicht daran glauben, die müssen ihrer Natur nach endlich aussterben! — Nur wer sein Dasein für ewig wiederholungsfähig hält, bleibt übrig: unter solchen aber ist ein Zustand möglich, an den kein Utopist gereicht hat!» Es ist der Nachweis möglich, daß viele der Nietzscheschen Gedanken auf dieselbe Art entstanden sind, wie der ewige Wiederkunftsgedanke. Nietzsche bildete zu irgend einer vorhandenen Idee die Gegen-Idee. Schließlich führte ihn dieselbe Tendenz auf sein Hauptwerk: «Umwertung aller Werte.»
Man kann in Dühring einen Denker sehen, der die von der abendländischen Geistesentwickelung hervorgebrachte Erkenntnis, wenn auch einseitig, so doch konsequent vertritt. Nietzsche konnte durch ihn nur so angeregt werden, daß er seinen Ausführungen und Wertmaßstäben die entgegengesetzten gegenüberstellte. Wer Dührings «Kursus der Philosophie» mit Nietzsches Aphorismen über die «Wiederkunft» vergleicht, kann das auch im einzelnen beweisen.
Dühring glaubt an die absolute Gültigkeit gewisser Grundwahrheiten. «So wenig man bei einer mathematischen Wahrheit fragen kann, wie lange sie wahr sei oder wahr sein werde, ebenso wenig kann man die absoluten Notwendigkeiten des Realen von einer Dauer, sondern muß umgekehrt die Dauer und deren jedesmalige Größe von jenen selbst abhängig machen.» Aus solchen unumstößlichen Grundwahrheiten leitet Dühring die Unmöglichkeit einer ewigen Wiederkunft gleicher Zustände ab. Nietzsche nimmt diese ewige Wiederkunft an. Er muß somit auch die absolute Gültigkeit der Dühringschen Grundwahrheiten leugnen. Warum bekennt sich Dühting zu diesen Grundwahrheiten? Weil sie ihm einfach wahr sind. Für Nietzsche können sie nicht wahr sein. Ihre Wahrheit kann also nicht der Grund sein, warum sie von dem Menschen anerkannt werden. Der Mensch muß sie brauchen, trotzdem sie unwahr sind. Und er braucht sie, um sich mit ihnen in der Wirklichkeit zurechtzufinden, diese zu beherrschen. Was als wahr anerkannt ist, ist nicht wahr; aber es gibt uns die Macht über die Wirklichkeit. Wer die Wahrheit der Erkenntnis annimmt, braucht zu deren Rechtfertigung keinen anderen Grund; ihre Wahrheit an sich ist Grund genug. Wer die Wahrheit leugnet, muß fragen: warum nimmt der Mensch diese Irrtümer in sich auf, warum verleibt er sich sie ein? Die Antwort auf diese Fragen will Nietzsche in den vier ersten Kapiteln des Werkes über die «Ewige Wiederkunft» geben.
Ich werde nun zeigen, wie dieses Werk unter solchen Gesichtspunkten aufzufassen ist. Ich werde ferner zeigen, warum Nietzsche von dem Plane, es zu schreiben, abgekommen ist. Dabei wird sich eine Hypothese über die Gründe ergeben, warum man im Nietzsche-Archiv diese Publikation mit so scheelen Augen ansieht, warum man von einer «sogenannten» «Wiederkunft des Gleichen» spricht. Von Horneflers Rekonstruktion wird sich zeigen, was sie wert ist.
Daß Nietzsches Lehre von der «Ewigen Wiederkunft aller Dinge» die Gegen-Idee zu dem von Dühring in seinem «Kursus der Philosophie» vertretenen Standpunkt gegenüber dieser Idee ist, glaube ich in dem letzten Artikel (Nr. 16 Spalte 401 ff. dieser Zeitschrift) bewiesen zu haben. Ich möchte noch darauf hinweisen, daß sich Nietzsche selbst über eine solche Bildung von Gegen-Ideen ausgesprochen hat. Auf Seite 65 des 11. Bandes der Gesamtausgabe von Nietzsches Werken lesen wir folgenden «Aphorismus»: « Was ist die Reaktion der Meinungen? Wenn eine Meinung aufhört, interessant zu sein, so sucht man ihr einen Reiz zu verleihen, indem man sie an ihre Gegenmeinung hält. Gewöhnlich verführt aber die Gegenmeinung und macht nun neue Bekenner: sie ist, inzwischen interessanter geworden.» Ich will noch einiges anführen, was beweist, daß Nietzsche diese Idee der «Ewigen Wiederkunft» nicht anders als naturwissenschaftlich auffaßte. Frau Lou Andreas-Salomé hat nämlich erst in der Zeitschrift «Freie Bühne», Mai 1892 und dann in ihrem Buche «Friedrich Nietzsche in seinen Werken» eine Mitteilung gemacht, die zur Aufhellung der Tatsachen interessant ist, trotzdem das ganze Buch dieser Frau, die 1882 einige Monate mit Nietzsche verkehrte, eine vollständig schiefe Auffassung seiner Lehre gibt. Frau Lou Salomé behauptet: «Schon ein oberflächliches Studium zeigte Nietzsche bald, daß die wissenschaftliche Fundamentierung der Wiederkunftsidee auf Grund der atomistischen Theorie nicht durchführbar sei; er fand also seine Befürchtung, der verhängnisvolle Gedanke werde sich unwiderleglich als richtig beweisen lassen, nicht bestätigt und schien damit von der Aufgabe seiner Verkündigung, von diesem mit Grauen erwarteten Schicksal befreit zu sein. Aber nun trat etwas Eigentümliches ein: weit davon entfernt, sich durch die gewonnene Einsicht erlöst zu fühlen, verhielt sich Nietzsche gerade entgegengesetzt dazu; von dem Augenblick an, wo das gefürchtete Verhängnis von ihm zu weichen schien, nahm er es entschlossen auf sich und trug seine Lehre unter die Menschen; in dem Augenblick, wo seine bange Vermutung unbeweisbar und unhaltbar wird, erhärtet sie sich ihm, wie durch einen Zauberspruch, zu einer unwiderleglichen Überzeugung. Was wissenschaftlich erwiesene Wahrheit werden sollte, nimmt den Charakter einer mystischen Offenbarung an, und fürderhin gibt Nietzsche seiner Philosophie überhaupt als endgültige Grundlage, anstatt der wissenschaftlichen Basis, die innere Eingebung — seine eigene persönliche Eingebung.» Gegen diese Ansicht der Frau Lou Andreas-Salomé, daß sich in Nietzsches Geist eine anfänglich naturwissenschaftliche Idee in eine mystische Eingebung verwandelt hat, wendet sich Nietzsches langjähriger Freund, Peter Gast, in seiner wirklich hervorragenden, tiefgründigen Einleitung, die er vor einigen Jahren zu «Menschliches, Allzumenschliches» geschrieben hat. Er verurteilt jede Hinüberspielung von Nietzsches Anschauungen ins Mystische und sagt, daß die Lehre von der Wiederkunft eine «rein mechanistisch zu verstehende Lehre von der Erschöpfbarkeit, also Repetition, der kosmischen Molekularkombinationen» sei. Frau Lou Salomé gibt also für die ersten Zeiten, in denen Nietzsche den Wiederkunftsgedanken vertrat, zu, daß er «auf Grund der atomistischen Theorie» gedacht sei; Peter Gast nimmt die mechanische Auffassung an mit Ausschluß aller Mystik, durch die Frau Lou Salomé die Sache dann verworren macht. Die mechanische Auffassung ist aber die Gegen-Idee zur Dühringschen, und wir müssen daher annehmen, daß Nietzsche im Jahre 1881 die «Ewige Wiederkunft» in dieser mechanischen Fassung konzipiert hat. Ich war sogleich, als ich durch Dr. Koegel seine Abschriften des Wiederkunftsmanuskriptes erhielt, im Sommer 1896 ein entschiedener Vertreter der Peter Gastschen Auffassung. Ich hatte gegen manche Personen zu kämpfen, die damals zu einer mystischen Auffassung sich bekannten. Dieser mechanische Gedanke Nietzsches stimmt nun aber nicht zu der ganzen übrigen Gestalt, welche unsere mechanische Wissenschaft hat. Wer im Sinne der rationellen Mechanik denkt, muß wie Dühring die «ewige Wiederkunft» bekämpfen. Wollte sie Nietzsche verteidigen, so durfte er nicht für diese eine mechanische Conception allein, sondern er mußte für die ganze mechanische Naturanschauung die Gegen-Meinung aufstellen. Er mußte zeigen, daß diese ganze mechanische Auffassung nicht so unumstößlich sei, wie sie von Leuten vom Schlage Dührings gehalten wurde. Von da aus gelangte er zu der Frage nach dem Werte der Wahrheit. Warum werden die allgemein anerkannten Wahrheiten als solche geglaubt? Das wurde seine Frage. Dühring und Andere hätten einfach darauf geantwortet: nun weil sie eben wahr sind, weil sie der Wirklichkeit entsprechen. Nietzsche sagte sich, daß dies gar nicht der Fall ist. Wo entspricht irgend einer unserer Begriffe der Wirklichkeit? Nirgends. «Unsere Annahme, daß es Körper, Flächen, Linien, Formen gibt, ist erst die Folge unserer Annahme, daß es Substanzen und Dinge, Beharrendes gibt. So gewiß unsere Begriffe Erdichtungen sind, so sind es auch die Gestalten der Mathematik. Desgleichen gibt es nicht, wir können eine Fläche, einen Kreis, eine Linie ebenso wenig verwirkliche n, als einen Begriff.» (Aph. 18 S.17 des ı2. Bandes der Koegelschen Ausgabe.) Diese Begriffe, diese Erdichtungen sind aber die Dinge, mit denen die Wissenschaften operieren. Es kann also gar nicht die Rede sein von der Absolutheit der wissenschaftlichen Wahrheiten. Warum nehmen wir sie denn doch an? Weil wir sie brauchen, um uns in der Wirklichkeit zu orientieren. Es gibt nirgends einen Kreis, nirgends eine Fläche; aber wir orientieren uns mit solcher Erdichtung innerhalb der Wirklichkeit. Nicht die Wahrheit, sondern die Zweckdienlichkeit für das Leben ist der Grund zu unserem Glauben an die sogenannten Wahrheiten. Um diese Zweckdienlichkeit aber gewahr zu werden, müssen wir die Anwendbarkeit unserer Begriffsdichtungen an unserem eigenen Leibe erfahren. Wir müssen uns diese Erdichtungen einverleiben und versuche n, mit ihnen zu leben. Bisher hat die Menschheit ihre sogenannten Wahrheiten nur deshalb geglaubt, weil sie sich sie einverleibt hat, und gefunden hat, daß sich mit ihnen leben läßt. Will man nun tiefer dringen in das Gefüge der Weltwesenheit, so kann man nicht dabei stehen bleiben, diese Einverleibung, wie sie bisher geschehen ist, einfach mitzumachen. Es könnte ja sehr wohl sein, daß sich auch mit ganz anderen Meinungen leben ließe. Ein Beweis gegen die «ewige Wiederkunft» hat nur die Bedeutung, daß er zeigt, man kann diese Idee mit den Erdichtungen nicht vereinigen, von denen man bisher gefunden hat, daß sich bei ihrer Einverleibung leben läßt. Will man aber dahinter kommen, ob die «ewige Wiederkunft» eine Lebensmöglichkeit hat, dann muß man versuche n, mit den Gegenmeinungen der bisherigen Ideen zu leben. Man muß sich zurückversetzen in den Zustand der Unschuld, in dem noch keine Meinungen einverleibt sind; man muß sich zum « Experiment» machen, um zu sehen, wie sich mit anderen Ideen leben läßt als den bisherigen. Nur so können wir das Leben wirklich prüfen, ob es in seinen tiefsten Tiefen lebenswert ist. Wenn wir die Schwere von uns abgestreift haben, die wir in uns empfinden durch den Glauben an absolute Wahrheiten, wenn wir uns «wie die Kinder zu dem stellen, was früher den Ernst des Lebens ausgemacht hat», dann können wir probieren, wie sich mit Meinung und Gegenmeinung leben läßt. (Aph. 148 in Band ı2 5.89 in Koegels Ausgabe.) Die bisherigen Menschen waren beschwert mit der Zuversicht, daß sich nur mit den einverleibten Erdichtungen leben läßt. Man werfe diese Zuversicht ab; man streife allen Glauben an bestimmte Meinungen ab; man experimentiere mit allen Trieben, Leidenschaften und warte ab, wie weit sie sich einverleiben lassen, d.h. wie weit sich mit ihnen leben läßt. Man muß das Leben erleichtern von allen einverleibten Erdichtungen. Zunächst wird das allerdings eine Erniedrigung, Abschwächung des Lebens geben. Denn wir sind darauf eingerichtet, mit dem bisher angesammelten Rüstzeug zu leben. Werfen wir es ab, so schwächen wir uns zunächst. Aber gerade dadurch machen wir uns fähig, es im Gegensatz zum alten Schwergewicht einmal mit dem «neuen Schwergewicht» mit der «ewigen Wiederkunft» zu versuchen. Noch einmal als «Einzelner» wollen wir den Lebenskampf aufnehmen, auf breiterer Basis als mit den bisher einverleibten Erdichtungen. « Ein Spiel der Kinder, auf welches das Auge des Weisen blickt, Gewalt haben über diesen und jenen Zustand» (Aph. 148 in Koegels Ausgabe). Was muß nun bei einem solchen versuchenden Leben herauskommen, wenn uns das Leben lebenswert erscheinen soll, wenn wir nicht lieber die Vernichtung wählen wollen? «Ein absoluter Überschuß muß nachzuweisen sein, sonst ist die Vernichtung unserer selbst in Hinsicht auf die Menschheit als Mittel der Vernichtung der Menschheit zu wählen». (In demselben Aphorismus.) Wir haben dadurch einen Maßstab gewonnen für die Einverleibung einer neuen Lehre. Bisher haben wir nur immer mit der entgegengesetzten Lehre gelebt; jetzt wollen wir sehen, ob die «Lehre von der Wiederkunft» einen Überschuß an Lust gibt. «Damit ist der Zusammenhang zwischen Punkt 4 des Entwurfs» von der «Ewigen Wiederkunft» gegeben mit dem Punkt 5. Der erste heißt: «Der Unschuldige. Der Einzelne als Experiment. Die Erleichterung des Lebens, Erniedrigung, Abschwächung, Übergang.» Der letztere lautet: «Das neue Schwergewicht: die ewige Wiederkunft des Gleichen usw.» — Diese beiden letzten Kapitel hätten also darzustellen gehabt, welche Aufgabe Nietzsche vor sich hatte, wenn er ein «neues Schwergewicht» schaffen wollte. Im Gegensatz dazu sollten die drei ersten Kapitel zeigen, wie die Menschheit bisher sich entwickelt hat. Sie hat sich mit Hilfe von Irrtümern durchs Leben durchgekämpft (Einverleibung der Grundirrtümer). Die irrtümlichen Glaubenssätze wurden geglaubt, weil sie sich als nützlich erwiesen. Aber nicht bloß die Glaubenssätze, durch die wir uns in der Wirklichkeit orientieren, sind einverleibte Irrtümer: auch die Triebe und Leidenschaften, auch Lust und Unlust sind solche Irrtümer. Was ich als Schmerz empfinde, ist in Wirklichkeit kein Schmerz. Es ist nur ein ganz gleichgiltiger Reiz zunächst ohne Lust oder Unlust. Erst, wenn ich ihn mit Hilfe meines Gehirns interpretiere, wird er Schmerz oder Lust. « Obne Intellekt gibt es keinen Schmerz, aber die niedrigste Form des Intellekts tritt da zu Tage, derjenige der «Materie, der «Atome. — Es gibt eine Art, von einer Verletzung überrascht zu werden (wie jener, der auf dem Kirschbaume sitzend eine Flintenkugel durch die Backe bekam), daß man gar nicht den Schmerz fühlt. Der Schmerz ist Gehirnprodukt.» (Aph. 47 in Koegels Ausgabe). Indem wir das Leben nach den Eindrücken von Lust und Schmerz bewerten, bewegen wir uns also gar nicht in einem Reiche der Wirklichkeit,sondern in einer Sphäre unserer Interpretation. Es kommt somit im Leben nicht darauf an, wie ein Reiz auf uns wirkt, sondern wie wir glauben, daß er auf uns wirkt. Dieser Glaube ist ein ebenso einverleibter, wie der an die Grundirrtümer. Wie diese sich vererben, so vererben sich die Einschätzungen, die Interpretationen der Reize. «Ohne Phantasie und Gedächtnis gäbe es keine Lust und keinen Schmerz. Die dabei erregten Affekte verfügen augenblicklich über vergangene ähnliche Fälle und über die schlimmen Möglichkeiten, sie deuten aus, sie legen hinein. Deshalb steht ein Schmerz im allgemeinen ganz außer Verhältnis zu seiner Bedeutung für das Leben, - er ist unzweckmäßig. Aber dort, wo eine Verletzung nicht vom Auge oder dem Getast wahrgenommen wird, ist sie viel weniger schmerzhaft, da ist die Phantasie ungeübt.» (Aph. 50 in Koegels Ausgabe). Ich will nun hier an einem Beispiel erweisen, wie tiefgehend Dührings Einfluß auf Nietzsches Gedanken im Jahre 1881 war. Dühring sagt in seinem «Kursus der Philosophie»: wenn «Empfindungen und Gefühle einfach wären, so müßte über sie durch unmittelbares axiomatisches Urteil in verwandter Art entschieden werden, wie über einen mathematischen Grundsatz»... «Die Art von Beifall oder Einstimmung, die eine völlig einfache Erregung mit sich brächte, würde eben auch eine nicht mißverständliche Tatsache sein und in ihrem Gebiet ebenso gelten müssen, wie eine geometrische oder physikalische Notwendigkeit.» (Kursus der Philosophie, Seite 165.) Man sieht, Dühring behauptet, daß ein Reiz nur eine Folge nach sich ziehen kann d.h., daß er durch sich lustoder schmerzvoll ist. Nietzsche stellt auch hier der Dühringschen Meinung die Gegenmeinung gegenüber: «Warum tut ein geschnittener Finger wehe? An sich tut er nicht wehe (ob er schon «Reize» erfährt), der, dessen Gehirn chloroformiert ist, hat keinen «Schmerz» im Finger». (Aph. 48 in Koegels Ausgabe.) Auch die moralischen Triebe und Leidenschaften beruhen auf einer Interpretation der Wirklichkeit, nicht auf einem wahren Sachverhalt, sondern auf einem als wahr geglaubten. «Wenn wir die Eigenschaften des niedersten belebten Wesens in unsere «Vernunft» übersetzen, so werden « moralische» Triebe daraus». (Aph. 64 in Koegels Ausgabe.) «Im Wohlwollen ist verfeinerte Besitzlust, verfeinerte Geschlechtslust, verfeinerte Ausgelassenheit des Sicheren usw.» (Aph. 95 bei Koegel.) Bei unserem Handeln haben wir nicht die Wirklichkeit: Besitzlust, die verfeinerte Geschlechtslust im Auge, sondern die uns einverleibte Leidenschaft des Wohlwollens, die aber nur eine Interpretation des Wirklichen ist. Wir sehen, wie die Menschen zu «Wahrheiten» und «Leidenschaften» kommen. Sie interpretieren die Wirklichkeit und verleiben sich die Interpretationen ein. In dem Augenblicke, wo die Menschen dahinter kommen, daß sie nicht die Wirklichkeit, sondern ihre Interpretationen der Wirklichkeit besitzen, beginnt auch der Zweifel an diesen Interpretationen. Während man sich bisher das als wahr einverleibt hat, was lebenfördernd war, gleichgültig ob es wahr oder falsch war, frägt man jetzt nach der Wahrheit als solcher. Man hat das lebenfördernde als «wahr» bezeichnet. Dadurch hat «das Wahre» ein gewisses Ansehen, einen Wert erhalten. Man fing an, nach «dem Wahren» zu streben. Aber man konnte nichts anderes tun, als eine Auslese halten unter den Grundirrtümern. Denn man hatte doch nichts anderes als diese. Eine besonders ausgelesene Gattung von Grundirrtümern nannte man «Wahrheiten». Man hatte sogar zum Feststellen dessen, was Wahrheit ist, auch nichts als die Irrtümer. Woher kann ein solches Streben stammen? Nur aus dem Glauben, daß die Wahrheit das Leben steigert (Leidenschaft der Erkenntnis).
So ungefähr mögen die Ideen ausgesehen haben, die Nietzsche durch den Kopf gingen, als er 1881 in Sils-Maria den «Entwurf» zur «Wiederkunft des Gleichen» schrieb. Diese Vorstellung wenigstens gewann ich von dem Sachverhalt, als mir Dr. Koegel im Sommer 1896 seine Zusammenstellung der einzelnen Aphorismen gab. Wer nun den Band ı2 (den Frau Förster-Nietzsche aus dem Buchhandel hat zurückziehen lassen) liest, wird den Eindruck gewinnen, daß die unter den einzelnen Kapiteln eingereihten Aphorismen den Hauptgedankengang in einzelnen Punkten mehr oder weniger ausführen, verdeutlichen. Es ist kein Zweifel, daß Nietzsche diese einzelnen Aphorismen in zwangloser Reihenfolge aufgeschrieben hat. Für die Anordnung ein absolut richtiges Prinzip zu finden, wird daher nie möglich sein. Auch die Frage, ob der eine oder der andere Aphorismus wegbleiben könnte oder nicht, wird der eine Herausgeber so, der andere anders beantworten. Dr. Horneffer behauptet: nur die 44 von ihm in seiner Broschüre «Nietzsches Lehre von der Ewigen Wiederkunft» angeführten hätten eine Berechtigung, dem Entwurf zugeteilt zu werden. Ich frage mich vergeblich, warum er den Aphorismus so (der Koegelschen Ausgabe) wegläßt, der inhaltlich sich sinngemäß den Aphorismen eingliedert, die Koegel als 49 und 51 abdruckt und die doch Horneffer selbst als berechtigte anerkennt. Ich verstehe nicht, warum Aphorismus ı19 nicht unter den Entwurf fallen soll, da doch darin ganz klar von einverleibten Irrtümern die Rede ist. «Das Großartige in der Natur, alle Empfindungen des Hohen, Edien, Anmutigen, Schönen, Gütigen, Strengen, Gewaltigen, Hinreißenden, die wir in der Natur und bei Mensch und Geschichte haben, sind nicht unmittelbare Gefühle, sondern Nachwirkungen zahlloser uns einverleibter Irrtümer, ... » Man vergleiche diesen Aphorismus mit dem 51., dem Dr. Horneffer wieder eine Stelle in der « Wiederkunft» gönnt: «...Ebenso ist das Maß der Lust nicht im Verhältnis zu unserer jetzigen Erkenntnis, -— wohl aber zur «Erkenntnis» der primitivsten und längsten Vorperiode von Mensch- und Tierheit. Wir stehen unter dem Gesetze der Vergangenheit, das heißt ihrer Annahmen und Wertschätzungen.» Aber wozu sich um das einzelne streiten, da es einmal in der Natur dieser Aphorismen liegt, daß sie der eine so, der andere anders anordnen kann. Auf was viel mehr ankommt, das ist dies: ich glaube durch meine Darlegungen gezeigt zu haben, daß die Nietzschesche Idee der «Ewigen Wiederkunft» richtig das ist, als was sie Peter Gast angibt: «Die rein mechanisch zu verstehende Lehre von der Erschöpfbarkeit, also Repetition, der kosmischen Molekularkombinationen», und daß Nietzsche, um diese Idee im Gegensatz zu Dühring zu halten, in den vier ersten Kapiteln eine Art neuer Erkenntnislehre liefern wollte. In dieser sollte sich zeigen, daß die Weise, wie die bisherigen «Wahrheiten» entstanden sind, kein Hindernis dafür ist, diesen die Gegenmeinungen entgegenzusetzen. Ich setze einmal den Fall: Dr. Koegel hätte wirklich ganz Unrecht, und es gehörten nur die 44 Aphorismen, die Horneffer anführt, zur «Ewigen Wiederkunft», so bliebe dieser Gedanke doch bestehen, denn auch aus diesen 44 Aphorismen folgt nichts anderes. Also mit einer mechanisch zu verstehenden Lehre und nicht mit einer «religiösen Idee», wie Dr. Horneffer meint, haben wir es zu tun. Und es war gerade Frau Lou Andreas’ Fehler, daß sie die durchsichtige Klarheit dieser Idee in einem mystischen Nebel untergehen ließ. Diese Nietzschesche Idee ist vielmehr so konzipiert, daß wir uns sie nur dann einverleiben werden, wenn wir bei dem «Experiment», das wir mit ihr anstellen, finden, daß wir uns mit ihr innerhalb der gesamten Natur so orientieren können, wie mit der bisherigen Naturlehre. Und wenn Horneffer fragt: «Wie konnte er auf den Gedanken verfallen, zu ihrer Stütze die Physik und überhaupt die Naturwissenschaften herbeizurufen?», so ist darauf zu antworten: «Das hätte er tun müssen, wenn er die Idee in derselben Weise hätte durchführen wollen, in der er sie konzipiert hatte. Allerdings nicht, um die Idee zu beweisen, sondern um zu zeigen, daß sie einverleibbar ist. Die ganze Naturwissenschaft hätte ein anderes Gesicht unter dem Einflusse dieser Idee gewinnen müssen. Denn das Gefühl hätte nie geduldet, daß die Naturwissenschaft in der alten Weise fortwirtschaftet, und daneben das religiöse Empfinden sich mit einer dem Naturerkennen widersprecbenden Idee abfindet. Ein neuer Konkurrenzkampf der Meinungen hätte vielmehr durchgekämpft werden müssen. Das «neue Schwergewicht» kann sich nur dann behaupten, wenn es sich als lebenfördernder erweist als die alten naturwissenschaftlichen Wahrheiten. Dr. E. Horneffer sagt auf S. 26 seiner Schrift: «Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkunft»: «Ich will noch erwähnen, daß ich nicht glaube, daß Nietzsche seiner Lehre von der ewigen Wiederkunft eine breitere, naturwissenschaftliche Unterlage hat geben wollen. Ich bezweifle, daß er je beabsichtigt hat, sie durch empirische Kenntnisse ausführlicher zu beweisen. ... Denn wozu der ausführliche Nachweis, daß wir über die nachweisbare Erfahrung. hinausgehende Vorstellungen, daß wir Irrtümer brauchen, sofern dieselben auf das Leben günstig einwirken? Wozu der weitere Nachweis, daß die ewige Wiederkunft eine Vorstellung ist, die, ob wahr oder falsch, sehr günstig auf das Leben einwirken muß? Setzt diese Art, philosophische Vorstellungen zu empfehlen, nicht gerade die Annahme voraus, daß sie empirisch überhaupt nicht beweisbar sind?» Nein, gewiß, diesen Nachweis setzt sie nicht voraus. Aber die Forderung erhebt sie, durch Einverleibung zu entscheiden, ob die neue Meinung günstiger auf das Leben einwirkt, als die alten naturwissenschaftlichen Meinungen. Nicht mit den alten naturwissenschaftlichen Methoden konnte und durfte Nietzsche sein «neues Schwergewicht» beweisen, sondern mit diesem seinem neuen Schwergewicht mußte er die alten Methoden selbst besiegen; er mußte die größere Stärke der neuen Idee durch das Experiment beweisen. Und weil er sich zu einem solchen Nachweis außerstande sah, deshalb ließ er die neue Idee zunächst fallen; deshalb trat immer mehr dafür in seinem Geiste eine Idee in den Vordergrund, die nicht gegen die alten naturwissenschaftlichen Wahrheiten gerichtet war, sondern die in ihrer Richtung lag, die Idee des Übermenschen. Denn der Übermensch ist eine mit allen anderen modernen naturwissenschaftlichen Ideen durchaus vereinbare Vorstellung. Man lese im «Zarathustra»: «Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch. ... Ich liebe den, welcher arbeitet und erfindet, daß er dem Übermenschen das Haus baue und zu ihm Erde, Tier, Pflanze vorbereite: denn so will er seinen Untergang.» Diese Worte sind ganz im Einklange mit der großen modernen Entwikkelungsidee der Naturwissenschaft gesprochen. «Alle Wesen bisher schufen etwas über sich hinaus: und ihr wollt die Ebbe dieser großen Flut sein und lieber noch zum Tiere zurückgehen, als den Menschen überwinden? Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und vieles ist in euch noch Wurm. Einst waret ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgend ein Affe.» Diese Zarathustra-Worte hat ein Mann gesprochen, den nicht die «Ewige Wiederkunft», sondern der große Entwickelungsgedanke der neueren Naturwissenschaft zum dichtenden Propheten machte. Daß sich aus dem Plan zu einem Werke über die «Ewige Wiederkunft» derjenige zum «Zarathustra» entwickelt hat: dies hat keinen anderen Grund als den, daß Nietzsche in diesem Augenblicke nicht die «Ewige Wiederkunft», sondern die Idee des Übermenschen für lebenfördernder gehalten hat. Wenn später dann doch der Gedanke der «Ewigen Wiederkunft» wieder auftaucht, wenn wir ihn sporadisch in der '«Fröhlichen Wissenschaft», im «Zarathustra» selbst finden, ‘ wenn er ihn sogar als die Krönung, als letzten positiven Gedanken, seines sonst ganz negativen Werkes «Umwertung aller Werte» hinstellt, so kann dies keinen anderen Grund als den haben, daß die sich vorbereitende Erkrankung in ihm den Sinn dafür abstumpfte, wie wenig lebenfördernd dieser Gedanke ist, wie wenig er sich im Kampfe der Meinungen behaupten kann, und daß Nietzsche eine gewisse Schwäche für den Gedanken hatte, nachdem er einmal in ihm aufgetaucht war. Ich fürchte mich nicht vor dem pöbelhaften Vorwurfe, daß ich kein wahrer Nietzsche-Verehter sei, weil ich meine obige Überzeugung ausspreche. Ich weiß, wie schwer sie mir geworden ist, diese Überzeugung, daß die Vorstadien der Erkrankung in die letzte Phase des Nietzscheschen Philosophieren doch hineinspielen.
Also ein verfehltes Werk war es, ein Werk, dessen Grundkonzeption unhaltbar, weil nicht lebenfördernd war. Und Nietzsche empfand, daß er mit dieser Grundkonzeption nichts anfangen konnte. Deshalb hat er das Werk nicht zur Ausführung gebracht. Der Herausgeber von Nietzsches Nachlaß konnte kein anderes als ein unhaltbares Werk zustande bringen. Frau Förster-Nietzsche sagt in ihrer Einleitung zu Lichtenbergers Buch über «Die Philosophie Friedrich Nietzsches»: «Der damalige Herausgeber Dr. Fritz Koegel hat, ohne von den späteren noch unentzifferten Manuskripten Kenntnis zu nehmen, den Inhalt eines geschriebenen Heftes meines Bruders aus dem Sommer 1881 unter eine nicht dazu gehörige Disposition gebracht. ... Das von Dr. Koegel zusammengestellte Manuskript flößte mir von vornherein Mißtrauen ein und ich hatte zur Prüfung, ehe es veröffentlicht wurde, die Zuziehung eines sachverständigen Herausgebers gewünscht. ... Ich selbst war zuerst durch die tödliche Krankheit meiner Mutter und dann durch eigene Krankheit verhindert, die Sache genauer zu untersuchen; nachdem unterdessen aber verschiedene Kritiker, so z.B. in der «Zukunft» und in der «Frankfurter Zeitung», sich über diese wunderliche und dürftige Veröffentlichung, die jeden aufrichtigen Nietzsche-Verehrer enttäuschen mußte, mit Erstaunen und Mißfallen ausgesprochen hatten, sah ich mich im Herbst 1898 genötigt, die Verlagsfirma zu veranlassen, den XII. Band aus dem Buchhandel zu ziehen.» Nun die «Dürftigkeit» der Veröffentlichung lag nicht an dem Herausgeber, sondern daran, daß das Werk selbst ein verfehltes war. Und kein aufrichtiger Nietzsche-Verehrer konnte dadurch in seiner Nietzsche-Verehrung irgendwie beeinträchtigt werden, daß er sah, wie Nietzsche sich ein paar Wochen lang mit dem Plane zu einem unausführbaren Werke getragen hat. Und daß sich die Sache so verhält, daran kann der Angriff Horneffers gegen Koegel auch nicht das geringste ändern. Auch die 44 Aphorismen, die jetzt Hornefler nach der Durchsiebung des Manuskriptes veröffentlicht, beweisen, daß Nietzsches Idee der «Ewigen Wiederkunft» im Jahre 1881 eine naturwissenschaftlich-mechanistische Gegen-Idee der Dühringschen Anschauung war und daß sie als solche unhaltbar, verfehlt ist. Dem Eingeständnis dieser Tatsache wurde nun und wird vom Nietzsche-Archiv entgegengearbeitet. Der naturwissenschaftliche Charakter und die naturwissenschaftliche Tragweite dieser Idee werden geleugnet. Aber Dr. Koegel mag noch so viele Fehler bei der Herausgabe gemacht haben: diese Tatsache ist richtig und, wer unbefangen ist, wird sie gerade durch Horneffers Angriff auf Koegel bestätigt finden. Und jede Ausgabe von Friedrich Nietzsches Werken, die diese Tatsache verschleiert, wird eine objektive Fälschung sein. Weil der Gedanke der «Ewigen Wiederkunft» naturwissenschaftlich unhaltbar ist: deshalb will man im Nietzsche-Archiv, daß ihn Nietzsche nie naturwissenschaftlich konzipiert habe. Deshalb fing Frau Förster-Nietzsche, als ihr die Unhaltbarkeit klar gemacht wurde, an, zu behaupten, dieser Gedanke wäre nicht nur später, sondern auch schon im Jahre 1881 so gefaßt gewesen, wie Frau Lou Andreas-Salomé behauptet, daß er von Nietzsche später angefaßt worden ist: als ein Mysterium. Man sehe, was Frau Förster-Nietzsche mir im September 1898 schreibt: «Konnte dieser erschütternde Gedanke nicht prachtvoll, unwiderleglich, wissenschaftlich bewiesen werden, so war es besser und pietätsvoller (sic), ihn als ein Mysterium zu behandeln, als eine geheimnisvolle Vorstellung, die ungeheure Folgen haben kann.» Nicht die Fehler, die Koegel gemacht hat, bilden den Ausgangspunkt des ganzen Kampfes; nein, sondern die Tatsache, daß er als Herausgeber aus dem « Wiederkunftsgedanken» kein « Mysterium», gemacht hat. Man sehe doch in Frau Lou Salomé’s Buch S. 225: «Was wissenschaftlich erwiesene Wahrheit werden sollte, nimmt den Charakter einer mystischen Offenbarung an». Frau Förster-Nietzsche marschiert also nicht allein in holder Eintracht mit der von ihr sonst so sehr bekämpften Frau Lou Salomé; nein, sie überbietet sie in bezug auf die Wiederkunftslehre noch. Was Frau Salomé nur für die letzte Zeit Nietzsches in Anspruch nimmt; Frau Förster-Nietzsche legt es Nietzsche bei von dem Augenblicke an, in dem er den Gedanken konzipierte. Es ist für mich, der ich die stürmische Gegnerschaft der Frau Förster-Nietzsche gegen Frau Lou Salomé recht oft zu bemerken Gelegenheit hatte, jetzt drollig zu sehen, wie sie Friedrich Nietzsche auf die Schleichwege — nicht etwa Eduard von Hartmanns sondern von Lou Andreas-Salomé führt. Und Herr Dr. Horneffer ist in der Lage, dem «Ewigen Wiederkunfts»-Werk einen Plan zu Grund zu legen, der genau ebenso auf diese Schleichwege von Frau Lou Salomé führt. Er sagt doch: «Nietzsche wollte seine Idee der ewigen Wiederkunft als eine religiöse Idee hinwerfen.»