106. Erwiderung auf die Obigen Ausführungen
Bevor ich mich auf den sachlichen Inhalt von Dr. Horneffers Ausführungen einlasse, muß ich die «Wahrheitsliebe», die gegenwärtig im Nietzsche-Archiv herrscht, charakterisieren. Herr Dr. Horneffer sagt in seinem obigen Aufsatze: «Steiner stellt in Aussicht, Koegel werde sich noch selbst verteidigen.» Auf jeden unbefangenen Leser, der nicht noch einmal genau meinen, am ıo. Februar erschienenen Aufsatz durchliest, muß dieser Satz den Eindruck machen, als ob ich meinen damaligen Angriff auf das Nietzsche-Archiv und dessen gegenwärtige Leitung im Einverständnis mit Dr. Koegel unternommen hätte. Dies ist aber vollkommen unrichtig. Ich schrieb in meinem Aufsatze wörtlich: «Ich habe Dr. Koegels Verteidigung nicht zu führen. Das mag er selbst tun.» In Wahrheit hat Dr. Koegel von meinem Angriff nicht das geringste gewußt, bevor er gedruckt war. Die Gründe zu diesem Angriff habe ich am Schlusse meines Aufsatzes selbst angegeben. Es gibt keine anderen, als die dort angeführten rein sachlichen. Als ich Dr. Horneffers Manuskript erhielt, dachte ich, die Behauptung, ich stelle eine Verteidigung Dr. Koegels in Aussicht, beruhe auf einem flüchtigen Lesen meines Angriffes. Da ich jede unnötige Erörterung in der Öffentlichkeit vermeiden wollte, schrieb ich an Dr. Horneffer, daß diese seine Behauptung auf einem vollständigen Irrtum beruhe, daß ich bei Abfassung meines Aufsatzes nichts von Dr. Koegel in Aussicht habe stellen können. Er hätte nun Gelegenheit gehabt, in dem ihm später zugesandten Korrekturabzug den unrichtigen Satz zu tilgen. Er bat es nicht getan. Dr. Horneffer behauptet also, daß ich im Einverständnis mit Dr. Koegel gehandelt habe, trotzdem ihm diese Behauptung als unwahr bezeichnet worden ist.
Zweitens schreibt Dr. Horneffer: «Die Motive für Steiners Auftreten sind vollkommen sichtbar. Steiner hat hier schon die Fehlerhaftigkeit der Koegelschen Zusammenstellung erkannt; diesen Tatbestand will er aber nicht aufkommen lassen.»
«Daß er die Fehlerhaftigkeit der Koegelschen Arbeit erkannt hatte, ergibt sich aus folgenden Gründen: Bei Vorlesung des Koegelschen Druckmanuskripts hat Steiner die Sachen, die nicht hineinpassen, überschlagen. Steiner, der diese Tatsache zugibt, erklärt zwar, das sei der reine Zufall gewesen! Indessen Frau Dr. Förster-Nietzsche wird eine Briefstelle Steiners veröffentlichen, wo er das Ungenügende der Koegelschen Arbeit selber lebhaft beklagt. Nein, Steiner hatte damals schon die Unhaltbarkeit der Koegelschen Arbeit erkannt, hatte aber, von Koegel bedroht und eingeschüchtert — auch dafür werden Beweise erbracht werden — nicht den Mut, das offen zu sagen, wodurch er diese unglückselige Veröffentlichung hätte verhindern können.» Diese Beschuldigungen Dr. Horneflers gegen mich beruhen natürlich auf Behauptungen der Frau Förster-Nietzsche. Und ich sehe mich daher genötigt, auf den Brief der letzteren vom 23. Sept. 1898 an mich, von dem ich bereits in meinem Aufsatz vom ı0. Februar d. J. sprach, zurückzukommen. In diesem Briefe finden sich neben andern Behauptungen auch die folgenden, die jetzt in Dr. Horneffers Aufsatz wiederkehren: «Ich habe Ihnen das Manuskript über die Wiederkunft des Gleichen Oktober 1896 zur Prüfung gegeben, weil ich so großer Sorge darum war. Sie selbst haben das Unzusammengehörige des Inhalts verschiedentlich konstatiert und meine Besorgnis gerechtfertigt und vermehrt. Trotzdem haben Sie Dr. Koegel kein Wort über Ihren Zweifel über die Zusammenstellung des Manuskripts gesagt, sondern im Gegenteil noch deshalb gelobt. Hätten Sie den Mut gehabt, Dr. Koegel Ihre Zweifel auszusprechen, so wäre eine Revision des ganzen Manuskripts unvermeidlich gewesen. Da Sie diesen Mut aber nicht hatten, so mußte ich der Sache ihren Lauf lassen. Mir fehlte die wissenschaftliche Ausdrucksweise, um die Fehler beweisen zu können.» Es muß einmal ganz klar und deutlich gesagt werden: ı. Es ist nicht wahr, daß mir Frau Förster-Nietzsche im Oktober oder zu einer anderen Zeit das Manusktipt über die Wiederkunft des Gleichen zur Prüfung gegeben hat. 2. Es ist ebenso unwahr, daß ich die Unzusammengehörigkeit des Inhalts verschiedentlich konstatiert habe. Beide Behauptungen sind eine Erfindung der Frau Förster-Nietzsche. Weiter ist es unwahr, daß ich auf irgend eine Art von Dr. Koegel eingeschüchtert worden bin. Dr. Koegel hat mir gegenüber nichts weiter getan, als einen Brief geschrieben, nachdem ihm durch seine Schwester die in meinem Angriff erwähnte Mitteilung geworden war, die er nicht anders denn als Beweis für eine Intrige von mir auffassen konnte. Es muß vielmehr betont werden, daß ich nie in die Lage gekommen bin, irgendeine «Prüfung» der Koegelschen Arbeit vorzunehmen. Wenn Frau Förster-Nietzsche eine solche beabsichtigte — was ich, nach allem was vorgefallen ist, nicht annehmen kann — so kann nur sie es gewesen sein, die nicht den Mut gehabt hat, eine solche vornehmen zu lassen. Ich mußte hier einmal das Märchen von der «Einschüchterung» entsprechend beleuchten, das erfunden worden ist, um meine in der damals sehr heiklen Situation beobachtete korrekte Haltung in einem zweifelhaften Lichte erscheinen zu lassen. Wodurch Frau Förster-Nietzsche beweisen will, daß ich von Koegel bedroht und eingeschüchtert worden bin: das wollen wir abwarten, und dann weiter sprechen; ebenso die Veröffentlichung der Briefstellen, in denen ich das Ungenügende der. Koegelschen Arbeit lebhaft beklage. Ich kann nämlich alles ruhig abwarten; denn ich kann nur volle Klarheit über diese Sache, in der ich mir keines Unrechtes bewußt bin, wünschen.
Ich komme zu einer dritten Behauptung, die Dr. Horneffer der Frau Förster-Nietzsche gläubig nachspricht: «Dr. Rudolf teiner, der seiner Zeit in Weimar lebte und als Mitherausgeber im Nietzsche-Archiv, als philosophische Ergänzung Dr. Koegels in Aussicht genommen war, ein Vorhaben, das sich nachher zerschlug...» Wenn «in Aussicht genommen» irgendwie andeuten soll, daß ich mit einem solchen Vorschlag einverstanden gewesen wäre, so muß ich eine solche Andeutung auf das entschiedenste zurückweisen. Dieses «InAussicht-Nehmen» existierte nur in der Phantasie der Frau Förster-Nietzsche. Wenn sie mir von einer solchen Sache sprach, so sagte ich nie etwas anderes, als das, was sich in die Worte zusammenfassen läßt: « Wenn ich auch wollte — ich wollte nämlich nie -, so wäre es unmöglich, eine solche Mitherausgeberschaft in Scene zu setzen», denn nach den bestehenden Kontrakten zwischen Nietzsches Erben und der Firma Naumann (der Verlagshandlung von Nietzsches Werken) war das damals ausgeschlossen. Ich konnte überhaupt niemals als Mitherausgeber Dr. Koegels in Frage kommen. Und es war damals lediglich Courtoisie gegen Frau Förster-Nietzsche, daß ich ihre ins Blaue hineingehenden Phantasien mit anhörte. Sie hat den Umstand, daß ich ihr zugehört habe, dann dazu benützt, um mich in ganz ungehöriger Weise in die Angelegenheit zu verwickeln, mit der ich offiziell nicht das allergeringste zu tun hatte.
Und weil ich nichts zu tun hatte, weil ich von niemand ein Mandat hatte, Koegels Arbeit zu prüfen, so kam es nie zu einer solchen Prüfung. Von einem offiziellen Zusammenarbeiten mit Dr. Koegel hätte schon aus dem Grunde nie die Rede sein können, den ich in meinem Angriff (v. 10. Febr.) mit den Worten ausdeutete: «Ich stimme mit ihm in manchen Punkten nicht überein, und wir haben manche Kontroverse gehabt.» Auch habe ich mich doch ganz klar in dem Satze ausgesprochen: «Die Anordnung hätte ein Anderer vielleicht etwas anders gemacht als Dr. Koegel.» Nun, es ist wohl nicht schwer zu erraten, daß ich mit einem solchen Anderen auch mich selbst meine. Was aus der «Wiederkunft des Gleichen» geworden wäre, wenn ich Herausgeber gewesen wäre, kann ich nicht wissen; ganz dasselbe vermutlich nicht, was sie durch Dr. Koegel geworden ist.
Ich verstehe nur das Eine nicht. Ich könnte jetzt so wunderbar damit renommieren, daß ich, ohne die Manuskripte Nietzsches zu sehen, die Fehlerhaftigkeit der Koegelschen Arbeit erkannt habe. Vor dem Einwand, daß ich die Herausgabe hätte verhindern müssen, brauchte ich mich gar nicht zu fürchten. Denn ich hatte bei einem Verhältnis zum Nietzsche-Archiv, das so unoffiziell wie möglich war, gar keine Möglichkeit zu einer solchen Verhinderung. Dr. Koegel und die Firma Naumann hätten damals die Herausgabe der Koegelschen Arbeit in jedem Augenblicke erzwingen können. Ich könnte also herrlich auf dem Lorbeer ruhen, der mir durch die Unwahrheit, daß ich die Schlechtigkeit der Koegelschen Herausgeberschaft eingesehen habe, geflochten würde wenn ich wollte. Nun ich ziehe die Wahrheit vor und überlasse anderen die Vertretung der Unwahrheit.
Als im Frühjahr 1898 mir zu Ohren kam, daß der Band mit der «Wiederkunft des Gleichen» aus dem Buchhandel gezogen werden muß wegen des Ungenügenden der Koegelschen Arbeit, da dachte ich: diese Behauptung sei begründet. Ich erinnerte mich, daß ich bei der Vorlesung für Dr. Servaes einiges in Koegels Manuskript überschlagen habe. Ich gestehe offen, daß ich.nun das Gefühl hatte, mein Überschlagen sei damals einem richtigen Blicke für die Sache entsprungen. Bis Dr. Horneffers Schrift erschien, habe ich das geglaubt. Erst diese Schrift hat mich darüber belehrt, daß die Irrtümer Dr. Koegels doch nicht so erhebliche gewesen sind, wie von Seite des Nietzsche-Archivs ausposaunt worden war. Und damit komme ich zu der obigen Entgegnung Dr. Horneffers. Zunächst wirft er mir vor, daß ich mir die Manuskripte Nietzsches nicht angesehen habe, bevor ich den Angriff unternommen habe, Zu dem, was ich zu sagen hatte, brauchte ich aber die Manuskripte nicht zu sehen. Um Dr. Hornefler zu beweisen, daß er Aphorismen Nietzsches falsch deutet, dazu konnte mir eine Einsicht in die Handschriften nichts nützen. Denn der Wortlaut dieser Aphorismen liegt mir doch vor. Ich gehe nun auf den Aphorismus 70 (in Koegels Ausgabe), von dem Dr. Hornefler in seiner Entgegnung spricht, ein. Er lautet: «Das Wesen jeder Handlung ist dem Menschen so unschmackhaft wie das Wesentliche jeder Nahrung: er würde lieber verhungern als es essen, so stark ist sein Ekel zumeist. Er hat Würzen nötig, wir müssen zu allen Speisen verführt werden: und so auch zu allen Handlungen. Der Geschmack und sein Verhältnis zum Hunger, und dessen Verhältnis zum Bedürfnis des Organismus! Die moralischen Urteile sind die Würzen. Der Geschmack wird aber hier wie dort als etwas angesehen, was über den Wert der Nabhrung, Wert der Handlung entscheidet: der größte Irrtum!Wie verändert sich der Geschmack? Wann wird er laß und unfrei? Wann ist er tyrannisch? — Und ebenso bei den Urteilen über gut und böse: eine physiologische Tatsache ist der Grund jeder Veränderung im moralischen Geschmack; diese physiologische Veränderung ist aber nicht etwas, das notwendig das dem Organismus Nützliche jeder Zeit forderte. Sondern die Geschichte des Geschmacks ist eine Geschichte für sich und eben so sehr sind Entartungen des Ganzen als Fortschritte die Folgen dieses Geschmacks. Gesunder Geschmack, kranker Geschmack, — das sind falsche Unterscheidungen, - es gibt unzählige Möglichkeiten der Entwickelung: was jedesmal zu der einen hinführt, ist gesund: aber es kann widersprechend einer andern Entwickelung sein. Nur in Hinsicht auf ein Ideal, das erreicht werden soll, gibt es einen Sinn bei «gesund und «krank». Das Ideal aber ist immer höchst wechselnd, selbst beim Individuum (das des Kindes und des Mannes!) — und die Kenntni s, was nötig ist, es zu erreichen, fehlt fast ganz.» Um was handelt es sich hier? Es wird gesagt: unser Geschmack wählt nicht das, was dem Organismus aus physischen Gründen nützlich ist, sondern das, was ihm durch Würzen angenehm gemacht ist. Wie die Würzen zu den natürlichen Bedürfnissen des Organismus verhalten sich die moralischen Urteile zu dem eigentlichen natürlichen Antrieb des menschlichen Handelns. Wir brauchen Würzen, damit wir diese und nicht jene Nahrung wählen. Wir brauchen ein moralisches Urteil, damit wir diese oder jene Handlung vollbringen. Es ist aber der größte Irrtum, wenn wir glauben, dieses moralische Utteil entscheide etwas über die Vorteilhaftigkeit der Handlung. Es ist ebenso der größte Irrtum, als wenn wir glauben, daß der durch Würzen bedingte gute Geschmack über den Nährwert der
Speisen entscheide. Die Geschichte der Moral ist wie die Geschichte des Geschmacks eine Geschichte für sich. Wie wir uns Grundirrtümern hingeben, um die Wirklichkeit zu beherrschen, so geben wir uns moralischen Irrtümern hin, um dies oder jenes zu tun. Wenn mich irgend ein Trieb dazu bringt, etwas zu vollbringen, und ich glaube: ich tue dies deshalb, weil ich eine bestimmte moralische Vorschrift befolge, so habe ich mir auf dem Gebiete des Tuns, der Affekte, genau so einen Irrtum einverleibt, wie ich mir einen Irrtum einverleibt habe, wenn ich zwei Dinge, die nie ganz gleich sein können, unter dem Gesichtspunkt der Gleichheit betrachte. Man sehe sich doch einmal den Aphorismus 21 der «fröhlichen Wissenschaft» an: «Zur Erziehung und zur Einverleibung tugendhafter Gewohnheiten kehrt man eine Reihe von Wirkungen der Tugend heraus, welche Tugend und Privat-Vorteil als verschwistert erscheinen lassen, — und es gibt in der Tat eine solche Geschwisterschaft! Der blindwütende Fleiß z. B., diese typische Tugend eines Werkzeuges wird dargestellt als der Weg zu Reichtum und Ehre und als das heilsamste Gift gegen die Langeweile und Leidenschaften: aber man verschweigt seine Gefahr, seine höchste Gefährlichkeit. Die Erziehung verfährt durchweg so: sie sucht den Einzelnen durch eine Reihe von Reizen und Vorteilen zu einer Denk- und Handlungsweise zu bestimmen, welche, wenn sie Gewohnheit, Trieb und Leidenschaft geworden ist, wider seinen letzten Vorteil, aber «zum allgemeinen Besten» in ihm und über ihn herrscht.» Man nehme dazu Aphorismus 13 derselben «fröhlichen Wissenschaft»: «Es kommt darauf an, wie man gewöhnt ist, sein Leben zu würzen ... man sucht diese oder jene Würze immer nach seinem Temperament.» Es muß für jeden, der wirklich in die Sache eindtingt, klar sein, daß dies zusammengehörige Gedankengänge sind. In die im Januar 1882 entstandene «fröhliche Wissenschaft» ist eben mancher Gedanke herübergenommen aus dem Wiederkunftsmanuskript vom August 1881. Alle diese Gedanken stellen dar, wie die Einverleibung von Gewohnheiten, Trieben, Leidenschaften mit Hilfe der moralischen Irrtümer geschieht. Dr. Hornefer stellt die Sache einfach so dar: dieser Aphorismus 70 sagt: «daß Moral nur physiologisch zu verstehen sei. Alle moralischen Urteile sind Geschmacksurteile. Gesunden und kranken Geschmack gibt es nicht, es kommt auf das Ziel an» und er fügt dieser banalen Interpretation bei: «Mir geht das Verständnis aus, wie man dies unter Einverleibung der Leidenschaften bringen kann.» (Vgl.E. Horneffer, «Nietzsche, Lehre von der Ewigen Wiederkunft» S. 38.) Mir aber wirft er in der obigen Entgegnung «Vergewaltigung» des Nietzscheschen Gedankens vor, die er nicht mitmachen könne. Ich aber sage ihm, wer in dem Aph. 70 nichts anders sieht als Horneffer, der ist eben ganz unfähig, Nietzsche zu interpretieren. Es ist einfach eine Stumpfheit, hier nichts zu sehen, als «Im ganzen handelt es sich um Moral und moralische Urteile.» Nein, es handelt sich darum, inwiefern die Moral grundirrtümliche Leidenschaften, Triebe und Gewohnheiten einimpft.
Es widerstrebt mir eigentlich, bei solcher Unfähigkeit des Gegners mich auf weiteres einzulassen, zumal er wie alle Menschen, die unfähig sind, an einem maßlosen Gelehrtendünkel leidet. Aber er soll nicht wieder sagen können: ich verschweige irgend etwas von seinen Nichtigkeiten. Er entstellt und verdreht, was ich gesagt habe, in der unglaublichsten Weise. Ich habe behauptet: Die Disposition mit der Überschrift «Die Wiederkunft des Gleichen» kann keine Disposition zum Zarathustra sein, «denn sie enthält zicht die Hauptidee, um derentwillen der Zarathustra geschrieben ist: die Idee des Übermenschen.» Und ich sage, wenn Nietzsche in einem Briefe an Peter Gast am 3. September 1883 diese Disposition in ein näheres Verhältnis zum Zarathustra bringt, als sie ihrem Inhalte nach gebracht werden kann, so irrt er sich. Wer nicht zugibt, daß Nietzsche öfters ungenau ist, wenn er Angaben über seine Arbeiten nach einiger Zeit macht, mit dem ist nicht zu streiten, denn ein solcher leugnet unbestreitbare Tatsachen. Im «Ecce homo» macht Nietzsche Angaben über frühere Werke, die durchaus nicht den Absichten entsprechen, die er bei Abfassung gehabt hat. Ich habe ganz genau gesagt, wie ich mir denke, daß aus dem Plane, eine Schrift über die «Wiederkunft» zu schreiben, sich der andere zum Zarathustra entwickelt hat. Anfang August plante Nietzsche ein Werk über die «Wiederkunft des. Gleichen». Die Disposition, die die Überschrift trägt «Die Wiederkunft des Gleichen» entspricht dieser Schrift. Aphorismen, die sich Nietzsche aufgeschrieben hat, sind Vorarbeiten dazu. Was von diesen Aphorismen wirklich verwendet worden wäre, ob überhaupt irgend eine der Aufzeichnungen, darüber können wir alle nichts wissen. Natürlich hätte die Schrift über die «Wiederkunft», wenn sie Nietzsche vollendet hätte, eine andere Gestalt gehabt, als ihr ein Herausgeber aus den ersten Vorarbeiten geben kann, Nietzsche ist aber von dieser Schrift abgekommen. Ganz allmählich trat der Gedanke des «Übermenschen» in den Vordergrund. Der Zarathustra entstand. Man sieht: es widerspricht diese meine Annahme nicht einmal dem, was Nietzsche sagt: «Die Grundkomposition des Werkes (d.h. des Zarathustra), der ewige Wiederkunftsgedanke, diese höchste Formel der Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann, — gehört in den August des Jahres 1881». Aus dieser Grundkomposition ist eben ein ganz anderes Werk geworden, als wozu sie ursprünglich bestimmt war. Ich möchte doch Herrn Dr. Horneffer fragen, ob es heißt «wissenschaftlichen Anstand wahren», wenn man aus den Behauptungen des Gegners macht, was man will. Die ernstgemeinten Einwendungen eines Gegners «lächerlich» finden, ist zwar dünkelhaft — ob aber auch «anständig»? So sagt Herr Dr. Horneffer, er finde es «lächerlich» einen Widerspruch in seiner Behauptung zu konstatieren: «daß der Plan Nietzsches, eine prosaische Schrift über die Wiederkunft des Gleichen zu schreiben, nur sehr kurze Zeit bestanden haben kann, daß er ie bestanden hat.» Nun ich will ihm verraten, daß ich dieses Monstrum von Behauptung sehr denkenden Lesern vorgelegt habe. Sie haben zwar mir nicht ganz recht gegeben; daß aber ein Meister des Stiles diesen Satz nicht geschrieben hat: darüber waren alle einig.
Ich habe leider heute nicht den Raum, auf Dr. Horneflers Forderung einzugehen: «Wenn man mich widerlegen will, so muß man meine Rekonstruktion der Skizze oder des Entwurfs, den Koegel seinem Buch zu Grunde legt, widerlegen.» Nun eine Beleuchtung dieser «Rekonstruktion» soll ihm in nächster Nummer werden. Dann wird sich auch Gelegenheit finden, die tieferliegenden wahren Gründe des ganzen Wiederkunfts-Feldzuges aufzudecken. Denn es gibt solche.