105. Zur «Wiederkunft des Gleichen» von Nietzsche
Eine Verteidigung der sogenannten «Wiederkunft des Gleichen» von Nietzsche
Von Dr. E. Horneffer
Der frühere Herausgeber der unveröfentlichten Schriften Nietzsches, Dr. Fritz Koegel, hat aus zusammenhangslosen Aphorismen ein nach seiner Meinung zusammenhängendes, in Wahrheit aber völlig sinnloses Buch zusammengestellt, das er als von Nietzsche stammend, wenigstens von Nietzsche geplant, herausgibt. Auf diese Veröffentlichung gründeten sich fortgesetzt die törichtsten Vorstellungen. Es war daher für die jetzigen Herausgeber im Nietzsche-Archiv unumgänglich, einen öffentlichen Nachweis dieser fehlerhaften Herausgabe, die übrigens auch inzwischen rückgängig gemacht war, zu liefern, um davor zu warnen. Andererseits waren die von Koegel gemachten Fehler hier wie auch überall so stark und so zahlreich, daß man sein Verfahren schlechterdings nicht ungerügt lassen konnte. Wenigstens ich vermochte es nicht, ruhig mitanzusehen, wie durch diesen Bearbeiter die Schöpfung Nietzsches mißhandelt worden war. Ich gab also eine vorläufige Mitteilung über Koegel’s Arbeitsweise in einem Schriftchen: «Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkunft und deren bisherige Veröffentlichung». Im Mittelpunkt dieser Darlegung steht der Nachweis der völlig verunglückten, in rohe Verunstaltungen Nietzsches auslaufenden Rekonstruktion der Nietzsche fälschlich beigelegten Schrift «die Wiederkunft des Gleichen».
Daß Koegel auf meine Broschüre antworten würde, das habe ich erwartet. Daß aber ein anderer sich finden würde, der Koegel’s Unsinn in Schutz nähme - ich gestehe, das habe ich nicht erwartet. Sonst haben sich alle Urteilsfähigen, soviel mir bekannt ist, mit Grausen abgewendet von solcher Herausgeber-Tätigkeit, wie ich sie dort aufgedeckt habe. - Dr. Rudolf Steiner, der seiner Zeit hier in Weimar lebte und als Mitherausgeber im Nietzsche-Archiv, als die philosophische Ergänzung Dr. Koegel’s in Aussicht genommen war, ein Vorhaben, das sich nachher aber zerschlug, unternimmt es, Koegel’s Arbeit zu verteidigen («Magazin für Literatur» 1900 Nr.6). Ich glaube, es war das wenig klug von ihm. Er kompromittiert sich mit dieser Verteidigung; schon dadurch kompromittiert er sich, daß er es überhaupt wagt, dergleichen in Schutz zu nehmen, mehr aber noch dadurch, wie er es tut. Um das erstere zu beurteilen, muß man seine Schrift lesen. Über das letztere nur wenig Andeutungen.
Zunächst gesteht Steiner, daß er das in Frage stehende Manuskript Nietzsches gar nicht kenne. Ich habe aber jeden Gelehrten, der sich ein selbständiges Urteil über die aufgeworfenen Fragen bilden will, aufgefordert, sich hier in Weimar das Manuskript anzusehen. Ich wüßte nicht, daß ich eine Ausnahme gemacht hätte. Auch für Steiner hätten sich Mittel und Wege zur Besichtigung des Manuskripts gefunden. So redet er also überhaupt wie der Blinde von der Farbe. Wenn er das Manuskript sähe, würde er sich vielleicht doch noch besinnen, hier ein zusammenhängendes Buch anzunehmen, so bunt durcheinandergewürfelt wie hier die Aphorismen stehen. Er würde sich z.B. denn doch wundern, wenn er unmittelbar bei der entscheidenden Skizze der Wiederkunftsidee einen Aphorismus findet, der mit den Worten beginnt: «Im Lohengrin gibt es viel blaue Musik» u.s. w. So unzusammenhängend sind aber die Aphorismen das ganze Heft hindurch. Ehe er also redete, hätte er sich das einmal ansehen sollen. Koegel’s Veröffentlichung ist - objektiv — eine vollkommene Fälschung.
Steiner wirft mir vor, ich hätte mich gar nicht klar ausgedrückt, ob ich denn nun an das von Koegel rekonstruierte Buch glaubte oder nicht. Er beruft sich dabei auf eine Stelle, wo ich aus gewissen Daten den Schluß ziehe, «daß der Plan Nietzsches, eine prosaische Schrift über die Wiederkunft des Gleichen, wie Koegel es sich vorstellt, zu schreiben, nur sehr kurze Zeit bestanden haben kann, daß er nie bestanden hat.» Ich gestehe, daß ich mein Buch allerdings für Leser geschrieben habe, die etwas wenigstens denken können. Ich setzte voraus, daß man es verstehen würde, daß der zweite Satz eine Verstärkung des ersten ist und das Ganze bedeutet: nie. Hier einen Widerspruch konstatieren, ist lächerlich.
Steiners Haupteinwand ist dieser: Ich suche in meinem Buche zu beweisen, daß die von Koegel rekonstruierte Schrift eine falsche Hypothese ist, daß er unter die Rubriken einer von Nietzsche stammenden Disposition fälschlich Aphorismen bringt, die nicht dazu gehören. Steiner behauptet nun, ich hätte die betreffenden Aphorismen, an denen ich Anstoß genommen hätte, nur lückenhaft wiedergegeben; er sagt, ich hätte wichtige Gedanken derselben unterschlagen. Diese aber hinzugenommen, ergebe sich, daß die Aphorismen zu der betreffenden Überschrift gehörten. Ich will einen Fall, den Steiner erwähnt, genauer besprechen. Man wird sehen, mit welchen Mitteln Steiner die Zugehörigkeit beweist.
Der Inhalt des Aphorismus 70 bei Koegel (Nietzsche Werke Bd. XII) ist dieser: Für das Wesentliche jeder Nahrung sind wir unempfänglich; durch Würzen, die unserem Geschmack zugänglich sind, müssen wir zu der Nahrung erst verführt werden. So ist es auch im Moralischen. Die moralischen Urteile sind die Würzen der Handlungen; über den eigentlichen Wert der Handlungen ist nichts ausgesagt. Eine Handlung kann uns sehr gut schmecken, uns aber sehr schädlich sein. Nietzsche spricht weiter von den Bedingungen der Veränderung des Geschmacks d.h. des moralischen Geschmacks, daß Urteile wie «gesund» und «krank» in der Moral keinen Sinn haben, es kommt auf das Ziel ‘der jeweiligen Entwicklung an u.s. w. Steiner rückt ohne Bedenken den am Anfang stehenden Neben- und Hilfsgedanken in den Vordergrund und sagt: «Nicht was trefflicher nährt, sondern was besser schmeckt, will der Mensch genießen. Er ist also mit seiner Leidenschaft (sic!) auf einer falschen Fährte; er hat sich durch verschiedene Bedingungen eine falsche Leidenschaft einverleibt. Wegen dieses seines Sinnes gehört der Aphorismus in das Kapitel «Einverleibung der Leidenschaften». Auf diese Weise kann man das Blaue vom Himmel herunter beweisen. Von Geschmack und Schmecken ist hier nur gleichnisweise die Rede. In dem Ganzen handelt es sich um Moral und moralische Urteile. Die Einführung des Wortes «Leidenschaft» von Seiten Steiners ist eine vollkommene Willkürlichkeit, es ist eine Vergewaltigung des Gedankens, die ich nicht mitmachen kann. Solche Künste der Interpretation widerstreben meinem wissenschaftlichen Gewissen. Und selbst wenn man den Gedanken von Geschmack und Schmecken in den Vordergrund rückt, ist die Unterstellung des Wortes «Leidenschaft» ungerechtfertigt. Ich halte auch das für eine höchst gezwungene Weiterführung des Gedankens. Zieht man die allgemeine Verfassung unseres Manuskriptes in Rücksicht, wo die verschiedensten Gedanken aus allen Gebieten der Philosophie neben einanderstehen, so sieht man, daß auch dieser Aphorismus ein vollkommen in sich abgeschlossener Gedanke aus dem Gebiete der Moral ist, der mit einer erkenntnistheoretischen Skizze: «was ist Wahrheit?», wie sie hier vorliegt, nicht das geringste zu tun hat. Deutungen, wie die Steiners, kommen, wie gesagt, objektiv für mich einer Fälschung gleich.
Aph. 121, ı22 könnten an der richtigen Stelle stehen, wenn der betreffende Gedanke, den Steiner anführt, daß es keine objektive Wahrheit gibt, ungefähr der entgegengesetzte wäre. An dieser Stelle wird gerade ein Wille zur Wahrheit, der in gewissem Sinne unbedingt auftritt und über dessen Wert und Konsequenzen nachher geurteilt werden soll, vorausgesetzt. Ich müßte mich umständlich wiederholen, wenn ich das ausführlicher nachweisen wollte. Man siehe meine Schrift. Ich bedaure, daß Steiner nichts davon verstanden hat.
Ein anderer Fall läßt sich hier noch behandeln, der Steiner in einem noch schlimmeren Lichte zeigt. Nietzsche spricht von Grundirrtümern und meint damit allererste menschliche Vorstellungen, wie die Begriffe eines Objekts, Subjekts, eines freien Willens, gleicher Dinge, ähnlicher Dinge u. s. w. Nietzsche führt diese Beispiele selber an. Diese Vorstellungen, auf denen alles menschliche Urteilen und Handeln beruht, sind aber falsche Vorstellungen, und somit ruht die gesamte menschliche Erkenntnis, die immer mit solchen Begriffen operiert und operieren muß, auf falscher Grundlage. Ich sage nun, daß in einem Abschnitt, wo auf diese Weise die Fehlerhaftigkeit der allgemeinen Grundlage der menschlichen Erkenntnis nachgewiesen wird, niemals die Berichtigung irgend welcher einzelnen Irrtümer später Wissenschaft stattfinden kann, z.B. die Berichtigung des Irrtums, daß wir unberechtigter Weise das Unorganische verachten, während wir doch sehr davon abhängig sind. «Wir sind zu drei Viertel eine Wassersäule und haben unorganische Salze in uns.» Steiner sagt: «wenn wir so etwas nicht beachten, so sind wir einem Grundirrtum unterworfen.» Ich kann darüber nur lachen. Daß Koegel sich bei seiner Anordnung so etwas gedacht hat, glaube ich sehr; daß Steiner solchen Unsinn in Schutz nimmt und offen ausspricht, verwundert mich allerdings. Wenn Steiner sagt, Nietzsche wolle andeuten, wenn selbst diese primitivsten Vorstellungen Irrtümer seien, wie viel mehr erst die komplizierten späteren, so leugne ich das nicht im Geringsten. Es wird die Grundlage der gesamten menschlichen Erkenntnis als irrtümlich nachgewiesen. Aber daß außer dieser allgemeinen Behauptung und Folgerung einzelne Irrtümer später Wissenschaft hier hätten berichtigt werden können, scheint mir eben lächerlich. Nietzsche hätte das ganze Feld der menschlichen Erkenntnis absuchen können, um hier eine Sammlung menschlicher Irrtümer zu geben! Welche absurde Vorstellung! Aber selbst wenn er solche Berichtigungen hätte vornehmen wollen, so hätte er in diesem Zusammenhange damit nichts erreicht; denn diese Berichtigungen hätten auch nur mit Hilfe der fehlerhaften, aber dem menschlichen Denken und Handeln unentbehrlichen Grundbegriffe geschehen können. In diesem Zusammenhange wäre es gänzlich sinnlos gewesen. Aber es widerstrebt mir, über solchen Unsinn noch ein Wort weiter zu verlieren.
Steiner sagt, auf diese Weise ließe sich die Anordnung Koegels in jedem einzelnen Falle rechtfertigen. Möglich, - auf diese Weise. Neugierig bin ich trotzdem auf den Nachweis, mit welchem Rechte zum Beispiel ein Aphorismus, in dem es heißt, daß andauernder Kaffee-Konsum bedenklich sei, in einem Abschnitt steht, wo es sich um die Frage handelt, ob der unbedingte Wille zur Wahrheit ein lebenförderndes Prinzip sei, ob nicht die Wissenschaft, schrankenlos durchgeführt, die Lebenskraft untergräbt, mit welchem Rechte ein Aphorismus, der sagt, man solle den Tod als Fest empfinden, und ein anderer, der sagt, daß der Egoismus nicht immer schlimm ausgelegt zu werden braucht, in einem Abschnitt stehen, der die Entstehung des Willens zur Wahrheit schildern soll, warum ein letzter, wo es heißt, daß die Menschheit Nietzsches Vorschläge in die Praxis umsetzen werde, z.B. auch in der Frage der Behandlung der Verbrecher, warum dieser Aphorismus in einem Abschnitt steht, der die ewige Wiederkunft behandeln sollte (solche Ungeheuerlichkeiten macht nämlich Koegel in Menge, Steiner nennt das Koegels «wahren wissenschaftlichen Geist»!) — den Beweis der Zusammengehörigkeit dieser Gedanken möchte ich wirklich sehen. Also heraus mit dem Beweise! Die drei Beispiele, die Steiner bringt - mehr bringt er nämlich nicht und falsch sind sie außerdem noch — genügen nicht.
Die ganze Anlage der Steinerschen Widerlegung ist verfehlt. Wenn man mich widerlegen will, so muß man meine Rekonstruktion der Skizze oder des Entwurfs, den Koegel seinem Buche zu Grunde legt, widerlegen. Darüber sagt Steiner kein Wort. Diese Frage umgeht er völlig. Ist meine Rekonstruktion dieser Skizze richtig, so fällt Koegels Buch unwiderruflich dahin. Ist sie falsch, dann läßt sich vielleicht weiter reden. Aber dann muß sie durch eine andere ersetzt werden. Und auf diesen Gedankengang müssen dann die Koegelschen Aphorismen aufgereiht werden. Das heißt nicht, zu Nietzsche einen Kommentar schreiben; das wollen wir Koegel nicht zumuten. Aber dies Buch hat Koegel selbst gemacht. Er wird doch wissen, was er damit gemeint hat. In fortlaufender Darstellung skizziere er kurz den Gedankengang seines Buches. Das kann man verlangen. Tut er es nicht, so bleibt meine Behauptung stehen, daß er sich bei seiner Anordnung überhaupt nichts gedacht hat.
Steiner stellt in Aussicht, Koegel werde sich noch selbst verteidigen. Ich habe lange darauf gewartet; ich hatte gehofft, ich würde den beiden Herren gleich zusammen antworten können. Wir müssen uns aber auch wohl fernerhin auf ein unverbrüchliches Schweigen Koegels, das das Zeichen vollkommener Hilflosigkeit ist, gefaßt machen. Auf so unerhörte Angriffe, wie ich sie gegen ihn gerichtet habe, müßte er antworten.
Steiner macht mir noch einige Einwände, auf die ich besonders hinweisen möchte. Sie charakterisieren die ganze Art seiner Widerlegung. Koegel legt für seine Schrift «die Wiederkunft des Gleichen» eine Disposition zu Grunde, die den Gedanken der ewigen Wiederkunft behandelt, und ich behaupte, daß diese Disposition nicht für ein bestimmtes Werk gemeint war, sondern die erste flüchtige Skizze der Hauptidee Nietzsches ist, die dann nach kurzer Zeit den Anstoß zum Zarathustra gab. Hierfür führe ich als unmittelbaren Beweis eine briefliche Äußerung Nietzsches selbst an, wo er auf diese Disposition anspielt. Er schreibt über sie zwei Jahre nach ihrer Abfassung: «Dieses Engadin ist die Geburtsstätte meines Zarathustra. Ich fand eben noch die erste Skizze der in ihm verbundenen Gedanken; darunter steht «Anfang August 1881 in Sils-Maria, 6000 Fuß über dem Meere und viel höher über allen menschlichen Dingen.» Diese Worte nun stehen unter unserer Disposition. Die Sache ist also damit erledigt sollte man meinen. Steiner sagt: hier hat sich Nietzsche — «geirrt». Ich möchte auf diese Ausflucht Steiners diese Art zu widerlegen, aufmerksam machen. Bei der Beurteilung seines Hauptwerkes, seiner Hauptidee, ob eine Skizze derselben zu diesem Hauptwerk gehört oder nicht, soll sich Nietzsche geirrt haben! Koegel hat sich nicht geirrt, Gott bewahre! Nietzsche hat sich geirrt! Zu solchen Mitteln muß man greifen, um eine unsinnige Hypothese zu retten! Es gibt aber einen Beweis, daß Nietzsche sich über diese Skizze gar nicht geirrt haben karn. Ich führe noch ein anderes direktes Zeugnis Nietzsches an, das Steiner einfach ignoriert. Im «Ecce homo» schreibt Nietzsche fünf Jahre später über dieselbe Skizze: «Die Grundkomposition des Werkes (d.h. des Zarathustra!), der ewige Wiederkunftsgedanke, diese höchste Formel der Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann, - gehört in den August des Jahres 1881: er ist auf ein Blatt hingeworfen, mit der Unterschrift: 6000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit.» Es ist evident, daß Nietzsche hiermit dieselbe Skizze meint; es ist ferner evident, daß er sie hier aus dem Kopfe zitiert. Daraus folgt, daß sich ihm diese Skizze tief eingeprägt hatte, daß er über sie, als eine überaus wichtige Aufzeichnung, sich nie, weder früher noch später, geirrt haben kann. Und zudem beurteilt Nietzsche sie hier auf die gleiche Weise. Ich begreife nicht, wie Steiner dieses Citat vollkommen verschweigen kann. Wenn man wissenschaftliche Polemik treibt, muß man doch das betreffende Buch, das man angreift, wenigstens lesen. Aber Steiner ist kühn; er wird sagen: hier irrt sich Nietzsche zum zweiten Male. Und Steiner muß annehmen, daß Nietzsche sich noch ein drittes Mal über seine eigene Schöpfung geirrt hat. Steiner wirft mir vor, daß nicht die ewige Wiederkunft, sondern der Übermensch der Hauptgedanke des Zarathustra sei, und daß deshalb meine Konstruktionen hinfällig würden. Daß der Übermensch einen breiten Raum des jetzigen Zarathustra einnimmt, leugne ich nicht; aber trotzdem ist mindestens der Ausgangspunkt für den Zarathustra, der Gedanke, der den Anstoß zu diesem Werke gegeben hat, der Wiederkunftsgedanke. Den Beweis enthält meine ganze Schrift. Aber Nietzsche sagt es hier ja auch ganz unzweideutig: «Die Grundkomposition des Werkes (d.h. des Zarathustra), der Ewige Wiederkunftsgedanke» u. s. w. Nun, Steiner weiß es besser. Hier «irrt» sich Nietzsche eben wieder. Ich muß hier bemerken, daß es doch zweckmäßig wäre, einen gewissen wissenschaftlichen Anstand zu wahren. Fährt man in dieser Weise fort, mich zu widerlegen, so muß es mir einfach unwürdig erscheinen, überhaupt darauf zu antworten. Bei der Beurteilung der Disposition «zum Entwurf einer neuen Art zu leben», die ich zum Zarathustra ziehe, ignoriert Steiner meinen Hauptgrund, daß bei der unmittelbar folgenden und nur formal geänderten Überschrift «Fingerzeige zu einem neuen Leben» das Wort «Zarathustra» selbst in unserem Manuskript auftritt. Überhaupt liegt Steiners Hauptkunst der Widerlegung im Verschweigen. Ich mache Koegel keineswegs nur die falsche Zusammenstellung seines Buches zum Vorwurf, ich habe noch zahllose andere Fehler Koegels der allerverschiedensten Art aufgedeckt, die mit dieser Zusammenstellung nichts zu tun haben. Diese Fehler verschweigt Steiner bis auf einen Fall, den er zugibt, sämtlich. Was denkt Steiner z.B. über Koegels Herausgabe des II. Bandes, wo dieser einen Text zusammenbraut aus der Nietzscheschen Original-Ausgabe, aus späteren Einzeichnungen Nietzsches aus den verschiedensten Jahren und, unglaublich zu denken, aus den ersten Vorstufen und Vorarbeiten Nietzsches, die noch vor dem Druckmanuskript liegen? Hierfür hat Steiner kein Wort der Rechtfertigung und kann es nicht haben. Nur das erwähnt Steiner, daß ich Koegel Lesefehler moniere, und darüber macht Steiner sich lustig. Und was sind es für sinnentstellende Lesefehler, die ich erwähne! Wenn ein Laie mir sagt, darauf komme es doch nicht an, das seien doch Kleinigkeiten, so verstehe ich das, obwohl hier eigentlich jeder stutzig werden sollte. Steiner aber war hier im Goethe-Archiv. Er muß doch wissen, was eine Ausgabe ist. Ich verstehe nicht, wie man seine eigene wissenschaftliche Vergangenheit mit solchem Zynismus durchstreichen kann.
Die Motive für Steiners Auftreten sind vollkommen sichtbar. Steiner hat seiner Zeit hier schon die Fehlerhaftigkeit der Koegelschen Zusammenstellung erkannt; diesen Tatbestand will er aber jetzt nicht aufkommen lassen. Daß er die Fehlerhaftigkeit der Koegelschen Arbeit erkannt hatte, ergibt sich aus folgenden Gründen: Bei einer Vorlesung des Koegelschen Druckmanuskripts hat Steiner die Sachen, die nicht hineinpassen, überschlagen. Steiner, der diese Tatsache zugibt, erklärt zwar, daß sei der reine Zufall gewesen! Indessen Frau Dr. Förster-Nietzsche wird eine Briefstelle Steiners veröffentlichen, wo er das Ungenügende der Koegelschen Arbeit selber lebhaft beklagt. Nein, Steiner hatte damals schon die Unhaltbarkeit der Koegelschen Arbeit erkannt, hatte aber, von Koegel bedroht und eingeschüchtert - auch dafür werden die Beweise erbracht werden - nicht den Mut, das offen zu sagen, wodurch er diese unglückselige Veröffentlichung hätte verhindern können. Dieselbe Methode nämlich, seine Arbeit zu decken, die Koegel Frau Dr. Förster-Nietzsche gegenüber anwendete, wendete er auch Steiner gegenüber an, bei letzterem allerdings mit etwas mehr Erfolg, als bei Frau Dr. Förster-Nietzsche. Daß diese Version nicht aufkomme, dazu verteidigt Steiner jetzt Koegel, damit man glaube, er habe nie, weder früher noch jetzt, an der Richtigkeit der Koegelschen Aufstellung gezweifelt. Ob er hiermit seine Position gerade verbessert, möchte ich bezweifeln. Oder aber Steiner hält wirklich die Zusammenstellung Koegels für richtig - nun, dann ist er eben so unfähig wie Koegel, und ich muß ihn bitten, alles, was ich über Koegel als wissenschaftliche Potenz gesagt habe, auf sich zu übertragen. Auf alle Fälle hat er sich mit Koegels Veröffentlichung identifiziert, und somit nimmt er zum mindesten an dessen wissenschaftlichem Bankerott teil. Ich wünsche ihm Glück dazu!