104. Das Nietzsche-Archiv und Seine Anklagen Gegen den Bisherigen Herausgeber Eine Enthüllung
I. Die Herausgabe von Nietzsches Werken
Es dürfte in weiteren Kreisen bekannt sein, daß sich in Weimar ein Nietzsche-Archiv befindet, in dem die hinterlassenen Handschriften des unglücklichen Philosophen aufbewahrt sind, und dessen Leitung die Schwester des Erkrankten besorgt, Frau Elisabeth Förster-Nietzsche. Seit einer Reihe von Jahren ist außerdem eine Gesamtausgabe der Werke Nietzsches im Erscheinen begriffen, die im Jahre 1897 bis zum zwölften Bande gediehen war. Die ersten acht Bände umfassen alle Werke, die vor Nietzsches Erkrankung bereits gedruckt waren, und den nachgelassenen Antichrist, der als abgeschlossenes Werk im Augenblicke der Erkrankung vorlag. Die folgenden Bände sollen den Nachlaß enthalten, nämlich frühere Entwürfe zu den später in vollkommenerer Gestalt ausgearbeiteten Schriften, und Entwürfe, Notizen usw. zu unvollendet gebliebenen Werken. Die vier bis jetzt erschienenen Nachlaßbände umfassen alles aus dem Nietzscheschen Nachlaß, das bis zum Ende des Jahres 1885 entstanden ist. Seit dem Jahre 1897 ist kein neuer Band der Ausgabe erschienen.
Soeben ist nun ein Herr Dr. Ernst Horneffer mit einer Broschüre aufgetreten: « Nietzsches Lehre von der Ewigen Wiederkunft und deren bisherige Veröffentlichung» (Leipzig, C. G. Naumann), in der er die Gründe auseinandersetzt, warum in so langer Zeit nichts von Nietzsches Werken erschienen ist, und warum der 11. und der 12. Band wieder aus dem Buchhandel zurückgezogen worden sind. Diese Broschüre des Herrn Dr. Horneffer und ein Buch, das auch vor kurzem erschienen ist, sind die Veranlassung, warum ich hier es einmal unternehme, einiges über die Art mitzuteilen, wie vom Nietzsche-Archiv aus die Verbreitung der Leistungen des von so tragischem Geschick heimgesuchten Denkers gehandhabt wird. Ich werde leider gezwungen sein, in diesem Aufsatze auch einiges Persönliche vorzubringen. Ich tue das nicht gerne. Allein hier gehört das Persönliche durchaus zur Sache, und die Erfahrungen, die ich mit dem Nietzsche-Archiv gemacht habe, sind geeignet, Licht zu verbreiten darüber, wie die verantwortlichen Personen mit dem Nachlaß einer der merkwürdigsten Persönlichkeiten der neueren Geistesgeschichte verfahren.
Die zweite Veröffentlichung, von der ich oben gesprochen habe, ist eine deutsche Übersetzung des französischen Buches: «La philosophie de Nietzsche» von Henri Lichtenberger. Die Übersetzung hat Friedrich von Oppeln-Bronikowski besorgt. Dies erwähnt Frau Elisabeth Förster-Nietzsche in ihrer Vorrede. Mir hat es auch der Übersetzer selbst gesagt. Dennoch trägt das Buch auf dem Titelblatte die Worte: «Die Philosophie Friedrich Nietzsches von Henri Lichtenberger. Eingeleitet und übersetzt von Elisabeth Förster-Nietzsche.» Doch das nur nebenbei. Die Hauptsache ist, daß Frau Elisabeth Förster-Nietzsche in ihrer Einleitung diese seichte, oberflächliche Darstellung der Lehre ihres Bruders sozusagen zu der offiziellen Interpretion seiner Weltanschauung macht. Jedermann, der nur eine Ahnung von dem großen Wollen Friedrich Nietzsches hat, muß im tiefsten Innern verletzt sein, wenn er sieht, daß die verantwortliche Hüterin des Nachlasses dieses Buch in ihren besonderen Schutz nimmt. Für Kenner der Nietzscheschen Ideen brauche ich über dieses Buch weiter nichts zu sagen. Es gehört zu den zahlreichen Nietzsche-Publikationen, die man lächelnd beiseite legt, wenn man ein paar Seiten darinnen gelesen hat. Daß ich nicht aus persönlicher Animosität gegen dieses Machwerk auftrete, wird man mir glauben, denn meine eigene Schrift über «Nietzsche als Kämpfer gegen seine Zeit» wird nicht nur von Frau Förster-Nietzsche auf der ersten Seite ihrer Einleitung als «bedeutend» bezeichnet, sondern auch von Henri Lichtenberger selbst im Laufe seiner Darstellung gelobt. Über die «Einleitung» der Frau Förster-Nietzsche verliere ich weiter kein Wort. Sie ist wie alles, was von dieser Frau über ihren Bruder gesagt wird; und ich werde ja leider in dem folgenden genötigt sein, mich mit ihr zu beschäftigen.
Horneffers Schrift ist zu dem Zwecke geschrieben, um den bisherigen Herausgeber der Nietzsche-Ausgabe, Dr. Fritz Koegel, als einen wissenschaftlich unfähigen Menschen zu kennzeichnen, der diese Ausgabe schlecht gemacht hat, ja, der bei Bearbeitung des 11. und 12. Bandes so viele grobe Fehler gemacht hat, daß diese Bände aus dem Buchhandel zurückgezogen werden mußten. Horneffer versteigt sich zu der Behauptung: «Es ist ein schlimmes Geschick, aber eine nicht zu unterdrückende Wahrheit, auch das ist Nietzsche noch begegnet: er ist zunächst einem wissenschaftlichen Charlatan in die Hände gefallen.» Ich habe Dr. Koegels Verteidigung nicht zu führen. Das mag er selbst tun. Die Angelegenheit, um die es sich hier handelt, ist aber eine Sache, die die Öffentlichkeit interessiert. Und es muß jemand, der wie ich aus genauer Beobachtung die Dinge kennt, sagen, was er zu sagen hat.
Ich bemerke von vornherein, daß nicht wahr ist, was schon öfter und nun auch wieder vor kurzem als Mitteilung durch die Zeitungen gegangen ist, daß ich selbst je Nietzsche-Herausgeber war. Ich muß diese Unwahrheit um so mehr hier feststellen, als Richard M. Meyer in seiner soeben erschienenen Literaturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts mich als Nietzsche-Herausgeber bezeichnet, trotzdem er eigentlich wissen müßte, daß dies unwahr ist, denn er ist ein öfterer Besucher des Nietzsche-Archivs und Freund der Frau Förster-Nietzsche. Das ist nur ein Pröbchen dafür, mit welchem Leichtsinn heute Bücher geschrieben werden. Wenn ich auch nie Nietzsche-Herausgeber war, so habe ich doch viel im Nietzsche-Archiv verkehrt und Frau Förster-Nietzsche genügend kennen gelernt. Das werden die folgenden Ausführungen beweisen.
Aber ich habe auch Dr. Fritz Koegel bei seiner Arbeit beobachtet; ich habe unzählige Nietzsche-Probleme mit ihm durchgesprochen. Ich kenne ihn und kenne auch den Hergang bei seiner Entlassung aus dem Nietzsche-Archiv und weiß, wie es gekommen ist, daß ihm die weitere Herausgabe der Werke abgenommen worden ist. Bevor ich zur Darstellung des wahren Sachverhaltes schreite, will ich mich über die offizielle Darlegung von Seite des Nietzsche-Archivs, die Dr. Ernst Horneffer gegeben hat, aussprechen.
Dr. Fritz Koegel ist ein Mann von künstlerischen Fähigkeiten und wahrem wissenschaftlichen Geist. Er hat für die Weltanschauung Nietzsches ein tiefes Verständnis. Ich stimme mit ihm in manchen Punkten nicht überein, und wir haben manche Kontroverse gehabt. Die Nietzsche-Ausgabe hat er mit stets sich steigernder Begeisterung gemacht. Er arbeitete wie ein Mann, der bei seiner fortlaufenden Tätigkeit, die Probleme voll durchlebt und sie im Geiste nachschafft. Seit er mit den Nachlaßbänden beschäftigt war, hat er mir fast von jedem Schritte seiner Arbeit eingehende Mitteilung gemacht. Die Manuskripte Nietzsches selbst habe ich niemals durchstudiert. Nur in einzelnen Dingen haben wir beraten. Ich hatte kein offizielles Verhältnis zur Ausgabe, sondern nur ein freundschaftliches zu Dr. Koegel. Noch immer muß ich der Stunden gedenken, in denen wir viel von dem rätselhaftesten Bestandteil der Lehre Nietzsches, von der «ewigen Wiederkehr» aller Dinge sprachen. In den vollendeten Schritten sind ja nur spärliche Andeutungen über diese Idee. Mit Ungeduld sehnten wir die Zeit herbei, in der Koegel zur Bearbeitung der « Wiederkunfts»-Papiere kommen sollte. Die ersten dieser Papiere stammen aus dem Jahre 1881. Koegel hat nun diese im ı2. Bande der Ausgabe veröffentlicht. Und diese Veröffentlichung bietet den hauptsächlichsten Angriffspunkt des Dr. Horneffer und angeblich den Hauptgrund, warum Dr. Koegel die Herausgeberschaft abgenommen worden ist.
Koegel hat in einem Manuskriptheft Nietzsches, das im Sommer 1881 niedergeschrieben ist, Aufzeichnungen gefunden, die sich auf die «Ewige Wiederkunft» beziehen. Es sind 235 Aphorismen. Ferner befindet sich in demselben Hefte eine Disposition Nietzsches zu einem Buche «Die Wiederkunft des Gleichen». Koegel hat sich nun gesagt: nach dieser Disposition wollte Nietzsche eine Schrift „verfassen. Die Aphorismen stellen den Inhalt dieser Schrift dar in noch ganz ungeordneter Reihenfolge und in unvollendeter Gestalt. Denn Nietzsche ist von der Abfassung dieser Schrift abgekommen. Wir haben also ihren Inhalt nur in einer unvollendeten Weise vor uns. Nietzsche hat bald anderen Arbeiten sich zugewandt. Da der Nachlaß ein Bild von Nietzsches Geistesentwickelung geben und zu diesem Zwecke auch die unvollendeten Schriften enthalten soll, so mußte Dr. Koegel die unvollendete « Wiederkunft des Gleichen» natürlich in angemessener Form zum Abdruck bringen. Die Disposition war da und 235 Aphorismen in ganz willkürlicher Aufeinanderfolge, wie Nietzsche die Gedanken zu den einzelnen Punkten der Disposition eingefallen waren. Koegel nahm, was natürlich war, die Aphorismen durch, teilte jedem Punkt der Disposition zu, was für ihn bestimmt war, und suchte für die einzelnen Abteilungen einen Gedankenfaden, so daß die Aphorismen nach Möglichkeit ein geschlossenes Ganzes bildeten.
Nun macht sich Dr. Horneffer, Koegels Nachfolger, darüber her. Er erklärt, die meisten der Aphorismen hätten gar nicht zur «Ewigen Wiederkunft» gehört, sondern es hätte sich zunächst um den «Zarathustra» gehandelt, dessen erstes blitzartiges Aufschießen in seinem Gedankenprozesse Nietzsche in dem gleichen Hefte verzeichnet. Nur wenige, nämlich 44 Aphorismen gehörten dem «ewigen Wiederkunftsgedanken» an. Horneffer veröffentlicht diese 44 Aphorismen neuerdings als «Beilage» zu seiner Broschüre. Ferner beschuldigt er Koegel, daß dieser den Inhalt der Lehre von der «ewigen Wiederkunft» nicht verstanden habe, und deshalb in ganz widersinniger Weise bei der Zuteilung der einzelnen Aphorismen zu den Punkten der Disposition verfahren wäre. Eine weitere Behauptung Horneffers ist die, daß «der Plan Nietzsches, eine prosaische Schrift über die Wiederkunft des Gleichen, wie Koegel es sich vorstellt, zu schreiben, nur sehr kurze Zeit bestanden haben kann, daß er nie bestanden hat.» Verzeihen Sie, Herr Dr. Horneffer, Sie schreiben da etwas ganz Unerhörtes hin. Was meinen Sie denn nun eigentlich? Hat der Plan nur kurze Zeit bestanden, oder hat er nie bestanden? Sie scheinen zu glauben, daß dies dasselbe ist. Dann erlauben Sie mir, an Ihrem gesunden Verstande zu zweifeln. Hat der Plan kurze Zeit bestanden, dann war es Dr. Koegels Pflicht, die Gestalt, die er angenommen hat, im Sinne der Anlage des Nachlaßwerkes festzuhalten. Hat er nie bestanden, dann durfte natürlich auch nichts als «Wiederkunft des Gleichen» publiziert werden. Denn dann gehören die Aphorismen zu anderen Schriften. Dr. Horneffer kriegt das Taschenspielerkunststück zustande, in zwei aufeinanderfolgenden Zeilen sowohl zu behaupten, daß er bestanden, wie daß er nicht bestanden habe.
Ein so organisierter Verstand ist eine schöne Vorbedingung für den Bearbeiter einer Nietzsche-Ausgabe! Dieser Herr entpuppt sich auch sogleich in seiner ganzen Größe. Er unternimmt es in einzelnen Fällen zu beweisen, daß Koegel den einzelnen Punkten der Disposition falsche Aphorismen zugeteilt habe. In allen diesen Fällen zeigt Herr Dr. Horneffer, daß er nicht weiß, worauf es bei diesen Aphorismen ankommt; und daß seine Meinung, die Aphorismen gehören nicht in die betreffende Abteilung, nur auf seinem totalen Unverstand beruht. Ich will ein paar Fälle herausgreifen. Horneffer nimmt den 70. von Koegel verzeichneten Aphorismus und behauptet, daß er besage: «daß Moral nur physiologisch zu verstehen sei. Alle moralischen Urteile sind Geschmacksurteile. Gesunden und kranken Geschmack gibt es nicht, es kommt immer auf das Ziel an.» Koegel ordnet den Aphorismus, dem diese Worte angehörten, dem Kapitel ein «Einverleibung der Leidenschaften». Horneffer sagt: «Dies ist ein selbständiger, in sich abgeschlossener Gedanke aus dem Gebiete der Moral, mir geht das Verständnis aus, wie man dies unter Einverleibung der Leidenschaften bringen kann.» Ich glaube, daß Herrn Horneffer das Verständnis dafür ausgegangen ist, denn er hat nie das Verständnis für den Aphorismus überhaupt gehabt. Horneffer unterschlägt einfach das, worauf es ankommt, nämlich, daß der Mensch sich in seiner Beurteilung des Wertes der Nahrung irrt, weil er statt auf den Nutzen als Nahrungsmittel zu sehen, sich nach dem Geschmacke richtet. Nicht was trefflicher nährt, sondern was besser schmeckt, will der Mensch genießen. Er ist also mit seiner Leidenschaft auf einer falschen Fährte; er hat sich durch verschiedene Bedingungen eine irrtümliche Leidenschaft einverleibt. Wegen dieses seines Sinnes gehört der Aphorismus in das Kapitel «Einverleibung der Leidenschaften». Ein anderes Beispiel. Horneffer behauptet: «Aph. 33, 34, 35 führen aus, daß wir unberechtigter Weise das Unorganische verachten, obwohl wir sehr davon abhängig sind.» Dazu macht er die Bemerkung: «Ich weiß nicht, wie das mit den Grundirrtümern und ihrer Einverleibung zusammenhängen soll.» Horneffer weiß das nicht, weil er wieder nicht weiß, was die Aphorismen für einen Sinn haben. Nun, ich will es ihm sagen. Nietzsche spricht davon, daß wir das Unorganische gering schätzen, daß wir bei Erklärung unseres Organismus auf das Unorganische in ihm zu wenig Rücksicht nehmen. «Wir sind zu drei Viertel eine Wassersäule und haben unorganische Salze in uns.» Wenn wir so etwas nicht beachten, so sind wir einem Grundirrtum unterworfen. Wir glauben, das Organische bedürfe zu seiner Erklärung der Rücksicht auf das Unorganische nicht. Deshalb stehen diese Aphorismen mit Recht an dieser Stelle. Eine weitere «Leistung» des Herrn Dr. Horneffer ist der Satz: «Wir lesen Aph. ı2ı und 122, daß wir nicht tolerant sein sollen, in Aph. 130, daß der Egoismus nicht immer schlimm gedeutet zu werden braucht. Es ist wirklich nicht faßlich, was Koegel veranlaßt hat, dies und ähnliches unter Einverleibung des Wissens zu bringen.» Jawohl, es ist für Herrn Dr. Hornefler nicht faßlich, weil er wieder keine Ahnung hat, worauf es ankommt. Sonst hätte er in Aph. ı2r nicht unterschlagen: «Die Wahrheit um ihrer selbst willen ist eine Phrase, etwas ganz unmögliches.» Das besagt nämlich: der Mensch gibt sich dem Irrtum hin: er strebe die Wahrheit an, um sie zu wissen; während es ganz andere, ganz egoistische Gründe sind, die ihn dazu veranlassen. Der Glaube an das «Wissen um seiner selbst willen» ist also einverleibt.
So könnte man Herrn Dr. Horneffer in jedem einzelnen Fall nachweisen, daß er nur deshalb Koegel vorwirft, dieser habe die Aphorismen unter falsche Gesichtspunkte gebracht, weil er — Horneffer — absolut nichts von dem Sinn dieser Aphorismen versteht.
Aber mit Herrn Horneffers Logik hapert es überhaupt gewaltig. Nietzsche spricht im Anfange des «Ewigen Wiederkunfts»-Manuskriptes davon, daß der Mensch durch die Bedingungen des Lebens genötigt ist, sich falsche Vorstellungen von den Dingen zu machen. Solche Vorstellungen, die den Tatsachen nicht entsprechen, weil die richtigen Begriffe weniger lebenfördernd wären als die falschen. Es kommt dem Menschen zunächst gar nicht darauf an, ob eine Vorstellung wahr oder falsch ist, sondern ob sie lebenerhaltend, lebenfördernd ist. Und Nietzsche bemerkt, daß die allerprimitivsten Vorstellungen, wie Subjekt und Objekt, Gleiches und Ähnliches, der freie Wille solche falsche, aber zum Leben notwendige Vorstellungen seien. Es gibt in Wahrheit nicht zwei gleiche Dinge. Die Vorstellung der Gleichheit ist also falsch. Es bringt uns aber vorwärts, doch den Begriff der Gleichheit bei unserer Betrachtung anzuwenden. Dies tun wir nun — nach Nietzsche — nicht nur bei den primitivsten Vorstellungen, sondern bei den komplizierten erst recht. Nietzsche führt die primitiven nur an, um zu sagen: seht, selbst die einfachsten, durchsichtigsten Vorstellungen sind falsch. Wie interpretiert Herr Dr. Horneffer. Er sagt: «Also nur die allerprimitivsten Begriffe sind mit diesen Grundirrtümern gemeint, die in Utzeiten gebildet worden sind.» Er beschuldigt Koegel, daß er auch kompliziertere Vorstellungen unter dem Begriff «Einverleibung der Grundirrtümer» bringt. Der neue Nietzsche-Herausgeber kann Nietzsche nicht einmal lesen.
Dr. Horneffer bringt noch einige Scheingründe für seine Behauptung vor, die Zusammenstellung der «Ewigen Wiederkunfts»-Aphorismen durch Koegel sei unrichtig. Es steht in dem Manuskript-Heft noch eine andere Disposition, die Horneffer für eine Disposition zum Zarathustra hält, denn auf den «ersten Blitz des Zarathustra-Gedankens» soll sich die Angabe beziehen, die unter dieser Disposition steht: «Sils-Maria 26. August 1881». Unter der oben erwähnten Disposition der «Wiederkunft des Gleichen» steht «Anfang August 1881 in Sils-Maria». Nun behauptet Horneffer, die Disposition vom 26. August gebe «Stimmungen an, mit denen die verschiedenen Kapitel eines Werkes zu schreiben sind.» Gewiß; das ist Horneffer zuzugeben. Der erste Punkt dieser Disposition heißt z. B. «Im Stile des ersten Satzes der neunten Symphonie. Chaos sive natura. «Von der Entmenschlichung der Natur. Prometheus wird an den Kaukasus angeschmiedet. Geschrieben mit der Grausamkeit des Kratos, «der Macht;.» So sind auch die anderen Punkte dieser Disposition. Zugleich meint aber Dr. Horneffer: «Der ganze Charakter dieser Disposition beweist ihre Zugehörigkeit zum Zarathustra». Das ist aber eine der allerschlimmsten Behauptungen, die mir in der ganzen Nietzsche-Literatur begegnet sind. Denn nichts weist darauf hin, daß die Disposition zum Zarathustra gehöre; ihrem ganzen Inhalt nach kann sie aber nur zu einem Werke gehören, das nicht der Zarathustra ist, denn sie enthält nicht die Hauptidee, um derentwillen der Zarathustra geschrieben ist: die Idee des Übermenschen. Sie enthält vielmehr als Hauptgedanken die «ewige Wiederkunft», die im Zarathustra nur vorübergehend erwähnt wird. Nietzsche ist ganz offenbar von einem über die «ewige Wiederkunft» geplanten Hauptwerke abgekommen, weil der «Übermensch» in den Mittelpunkt seiner Gedanken trat, und dieser ihn zum Zarathustra veranlaßte. Auch die Worte «Gaya Scienza» (Fröhliche Wissenschaft) finden sich in dem «Wiederkunft»-Heft. Horneffer sagt: «So ergibt sich aus äußeren und innneren Kennzeichen, daß dieses Heft eine Vorarbeit der fröhlichen Wissenschaft ist... .. In der fröhlichen Wissenschaft am Schluß des vierten Buches und damit am Schluß des ursprünglichen Werkes überhaupt — das fünfte Buch ist erst später hinzugefügt — spricht Aph.341 den Gedanken der ewigen Wiederkunft aus.» Das ist für Herrn Dr. Hornefler der «nächstliegende» Gedanke. Für jeden anderen, besseren logischen Kopf ist das durchaus nicht der nächstliegende Gedanke. Denn die letzte Niederschrift der «fröhlichen Wissenschaft» ist im Januar 1882, den Nietzsche deshalb den «schönsten aller Januare» nennt, entstanden. Warum sollte er da nicht Gedanken aus einem Manuskriptheft benutzt haben, das einem im August des vorigen Jahres geplanten und aufgegebenen Werke entspricht? Dies ist natürlich für jede logisch denkende Persönlichkeit die «nächstliegende Annahme». Für Herrn Dr. Horneffer ist es nicht der Fall. Doch dieser weiß für seine Meinung noch etwas anzuführen. Nietzsche hat in einem Briefe, den Peter Gast «erst seit kurzem dem Archiv zur Verfügung» gestellt hat, an diesen am 3.Sept. 1883 aus Sils-Maria geschrieben: «Dieses Engadin ist die Geburtsstätte meines Zarathustra. Ich fand eben noch die erste Skizze der in ihm verbundenen Gedanken; darunter steht «Anfang August 1881 in Sils-Maria, 6000 Fuß über dem Meere und viel höher über allen menschlichen Dingen».» Nun steht dieser Satz nicht einmal unter der Disposition, von der Horneffer meint, sie gehöre zum Zarathustra; sie steht unter der Disposition, die ganz zweifellos zu einem Werke über die «Wiederkunft des Gleichen» gehört — denn diese Disposition ist so überschrieben. Es folgt also aus dieser Briefstelle nichts weiter, als daß Nietzsche sich geirrt hat. Er erinnerte sich, daß der Zarathustra-Gedanke im Sommer 1881 bei ihm Wurzel gefaßt hat, fand in dem alten Hefte die Bemerkung, sah sie flüchtig an, und glaubte, die Worte darunter bezögen sich auf den Zarathustra. Herr Dr. Horneffer sieht die Disposition allerdings nicht flüchtig an, sondern sehr genau, und glaubt auch, die Worte beziehen sich auf den Zarathustra. Bei ihm ist es kein Gedächtnisfehler, sondern — etwas anderes. Darin scheint überhaupt die Hauptstärke des neuen Nietzsche-Herausgebers zu bestehen, daß er die Buchstaben der Manuskripte genau anzusehen vermag. Und durch diese Eigenschaft ist es ihm nun gelungen, Dr. Koegel wirkliche, unzweifelhafte Fehler nachzuweisen. Koegel hat sich nämlich hie und da einmal verlesen. Er hat die ungemein schwer zu entziffernden Buchstaben Nietzsches falsch gedeutet. Er hat einmal statt «Procter» «Proklos», einmal statt «Selbstregulierung» «Selbsterziehung», statt «Welten» « Wellen» gelesen, und er hat ähnliche Verbrechen mehr begangen. Einmal ist es ihm sogar passiert, daß er ein Stück eines Aphorismus an eine falsche Stelle gesetzt hat. (Dies ist mir nämlich durch die Broschüre des Herrn Dr. Horneffer wahrscheinlich geworden. Die Manuskripte kenne ich nicht.) Damit ist bewiesen, daß Herr Dr. Horneffer ein Organ besser philologisch ausgebildet hat, das bei Dr. Fritz Koegel auf Kosten des Kopfes etwas zurückgeblieben zu sein scheint, und das man in «guter Gesellschaft» nicht nennen darf, wenn es auch gegenwärtig im Nietzsche-Archiv mehr geschätzt zu sein scheint als der Kopf. Denn ich gestehe in bezug auf Dr. Koegel ohne weiteres zu: Er war mehr mit den Nietzscheschen Ideen beschäftigt, als mit den einzelnen Buchstaben seiner Manuskripte. Gerade deshalb war er aber auch trotzdem ein besserer Herausgeber, als es Herr Dr. Hornefler nach der ersten Leistung zu sein scheint. Denn es ist doch klar, daß in der Zeit, die zwischen den beiden oben genannten Dispositionen liegt (Anfang August bis Ende August 1881) Nietzsche eine Schrift über die «Wiederkunft» geplant hat. Es mag sein, daß die zweite Disposition, vom 26. August, die Stimmungen angibt, darauf hinweist, daß er diese « Wiederkunft»-Schrift poetisch fassen wollte. Der Zarathustra hätte diese Schrift aber nie werden können, denn sie hat einen anderen Hauptgedanken im Mittelpunkt als der Zarathustra. Erst als der ÜbermenschGedanke diesen ersteren Hauptgedanken verdrängt hatte, konnte die erste Schrift aufgegeben und zum Zarathustra übergegangen werden. — Genug: Es gab in Nietzsches Entwicklung 1881 die Absicht, eine Schrift über die «Wiederkunft» zu schreiben. Es liegt eine Disposition zu ihr vor. In den Nachlaßbänden werden unvollendete Nietzsche-Schriften veröffentlicht. Fritz Koegel hat durch sachgemäße Zusammenstellung von 235 Aphorismen uns eine Vorstellung gegeben, wie diese Schrift etwa geplant war. Es liegt in der Natur der Sache, daß bei Zusammenstellung ungeordneter Aphorismen die Subjektivität des Herausgebers bis zu einem gewissen Grade freies Spiel hat. Die Anordnung hätte ein Anderer vielleicht etwas anders als Dr. Koegel gemacht. Wir hätten dann eine Publikation, die vielleicht von der Koegelschen abwiche, aber deshalb nicht unrichtig zu sein brauchte, wenn sie aus dem Geiste Nietzsches heraus gemacht wäre. Und Dr. Koegel hat aus dem Geiste Nietzsches heraus gearbeitet. Anderswoher, als aus diesem Geiste heraus, scheint Dr. Horneffer zu arbeiten. Meiner Überzeugung nach lag ein Grund zur Zurückziehung des ı2. Bandes nicht vor. Doch hat Dr. Koegel ja ein paar Lesefehler gemacht, und wenn Nietzscheherausgeber und -Verleger Geld genug haben, so mögen sie wegen ein paar Verlesungen eine neue Ausgabe machen. Das ist natürlich ihre Sache. Ob man aber einen Herausgeber entläßt wegen ein paar Versehen? Ich sehe mich deshalb, weil ich Horneffers Ausführungen als nichtig betrachten muß, gezwungen, meine Beobachtungen über die Vorgänge bei der Entfernung Koegels von Nietzsche-Archiv und Nietzsche-Ausgabe zu erzählen.
II. Zur Charakteristik der Frau Elisabeth Förster-Nietzsche
Die ersten Anzeichen, daß Frau Elisabeth Förster-Nietzsche eine Änderung in dem Verhältnisse Dr. Fritz Koegels zur Herausgabe der Nietzsche-Ausgabe eintreten lassen wolle, traten zutage ganz kurze Zeit nach der Verlobung des letzteren im Herbst 1896. Wenige Tage nach dieser Verlobung mit einer Dame aus dem Freundeskreise der Frau Förster-Nietzsche sagte die letztere zu mir, diese Verlobung bereite ihr Schwierigkeiten. Sie wisse nicht, wie sie die Stellung Dr. Koegels gestalten solle, damit sie einen Rückhalt für seine Verheiratung bilden könne. Von diesem Zeitpunkte an befand ich mich, der sowohl mit Frau Förster-Nietzsche wie mit Dr. Koegel verkehrte, in einem wahren Kreuzfeuer. Zwischen den beiden gab es fortwährend Auseinandersetzungen, und ich mußte, wenn ich mit Frau Förster-Nietzsche sprach, allerlei merkwürdige Behauptungen über Dr. Koegel hören; wenn ich mit Dr. Koegel zusammentraf, vernahm ich immerwährende bittere Klagen darüber, daß er sich Frau Förster-Nietzsches Verhalten ihm gegenüber nicht anders erklären könne, als daß sie ihn auf die eine oder die andere Weise aus seiner Stellung drängen wolle. Ich suchte nach beiden Seiten hin zu beruhigen und fand im übrigen meine Lage ziemlich widerlich. Ich kam damals in jeder Woche zweimal zu Frau Förster-Nietzsche. Sie hatte sich von mir Privatstunden über die Philosophie ihres Bruders geben lassen. Ich hätte gewiß nie über diese privaten Angelegenheiten gesprochen, wenn sie nicht geeignet wären, in der Öffentlichkeit ein richtigeres Bild über die Qualitäten der Leiterin des Nietzsche-Nachlasses zu geben, als dies durch die heute erscheinenden offiziellen und offiziösen Kundgebungen des Archivs erlangt werden kann. Das was ich vorbringe ist geeignet, zu zeigen, in welchen Händen Nietzsches Schriften sind. Und darüber etwas zu erfahren, hat man heute ein Recht, da Friedrich Nietzsches Lehre einen so großen Einfluß in der Gegenwart ausübt. Die Privatstunden, die ich Frau Förster-Nietzsche zu geben hatte, belehrten mich vor allen Dingen über das Eine: Daß Frau Förster-Nietzsche in allem, was die Lehre ihres Bruders angebt, vollständig Laie ist. Sie hat nicht über das Einfachste dieser Lehre irgend ein selbständiges Urteil. Die Privatstunden belehrten mich noch über ein anderes. Frau Elisabeth Förster-Nietzsche fehlt aller Sinn für feinere, ja selbst für gröbere logische Unterscheidungen; ihrem Denken wohnt auch nicht die geringste logische Folgerichtigkeit inne; es geht ihr jeder Sinn für Sachlichkeit und Objektivität ab. Ein Ereignis, das heute stattfindet, hat morgen bei ihr eine Gestalt angenommen, die mit der wirklichen keine Ähnlichkeit zu haben braucht; sondern die so gebildet ist, wie sie sie eben zu dem braucht, was sie erreichen will. Ich betone aber ausdrücklich, daß ich Frau Förster-Nietzsche niemals im Verdachte gehabt habe, Tatsachen absichtlich zu entstellen, oder bewußt unwahre Behauptungen aufzustellen. Nein, sie glaubt in jedem Augenblicke, was sie sagt. Sie redet sich heute selbst ein, daß gestern rot war, was ganz sicher blaue Farbe trug. Ich muß das ausdrücklich vorausschicken, denn nur unter diesem Gesichtspunkte ist alles das aufzufassen, was ich noch vorbringen will.
Bald nach Dr. Koegels Verlobung benutzte Frau Förster-Nietzsche meine Anwesenheit im Nietzsche-Archiv gelegentlich einer Privatstunde, um mir zu sagen, daß ihr Zweifel an den Fähigkeiten des Dr. Koegel aufgestiegen seien. Sie schätze ihn ja außerordentlich als Künstler und «Ästhetiker», sagtesie, aber er sei kein Philosoph. Deshalb könne sie sich nicht denken, daß er fähig sei, die letzten Bände der Ausgabe, in denen die «Umwertung aller Werte» veröffentlicht werden sollte, entsprechend zu bearbeiten. Sie halte dafür, daß ich, der ich Philosoph sei und in Nietzsches Gedankenkreis ganz eingeweiht, zur Ausgabe zugezogen werden müsse. Sie machte auch Angaben über Einzelheiten, wie sie sich ein Verhältnis von mir zum Nietzsche-Archiv künftig etwa denke. Ich legte einer solchen Unterredung und solchen Angaben von seiten der Frau Förster-Nietzsche keinen besonderen Wert bei. Denn ich kannte sie und wußte,daß sie heute dies und morgenjenes will und daß es ganz zwecklos ist, ernsthaft mit ihr sich auseinanderzusetzen, wenn zu einer solchen Auseinandersetzung etwas Logik gehört. Ich sagte nur, was sie da sage, hätte gar keine Bedeutung, denn Dr. Koegel sei kontraktmäßig Herausgeber der Nietzsche-Ausgabe. Von einer Erklärung meinerseits, daß ich bereit wäre, auch Herausgeber zu werden, könne keine Rede sein, denn eine solche Erklärung sei sinnlos, wenn nicht erst mit Dr. Koegel eine Auseinandersetzung stattgefunden hätte. Festzuhalten ist hierbei, daß ich nicht nur damals meine Zustimmung zur Herausgabe von Nietzsches Schriften nicht gegeben habe, sondern auch von dem Standpunkt ausgegangen bin, daß bei den Kontrakten zwischen Frau Förster- Nietzsche und dem Verleger der Nietzsche-Ausgabe, die ich kannte, eine solche Zusage meinerseits ein Unsinn gewesen wäre. Nun kannte ich Dr. Koegels Gereiztheit und Verbitterung in jenen Tagen. Er war durch das fortwährende unglaubliche Gebaren der Frau Förster-Nietzsche in eine geradezu krankhafte Aufregung hineingetrieben worden. Ich wußte, daß er in dieser Lage es nicht mehr vertrug, von der ganz sinnlosen Unterredung zwischen Fra Förster-Nietzsche und mir zu erfahren. Außerdem war es völlig zwecklos, sie ihm mitzuteilen, denn sie war vollständig resultatlos verlaufen. Ich bat deshalb Frau Förster-Nietzsche, mir ihr Wort zu geben, daß über diese Unterredung niemals gesprochen werde. Sie gab dieses Wort. Das war an einem Sonnabend. Dr. Koegels Schwester wohnte in jenen Tagen bei Frau Förster-Nietzsche. Am darauffolgenden Dienstag sagte nun zu dieser Frau Förster-Nietzsche folgendes. Ich hätte zugesagt, mit Dr. Koegel zusammen die «Umwertung aller Werte» herauszugeben. Sie, die Schwester, möge Dr. Koegel fragen, ob er damit einverstanden sei. Frau Förster-Nietzsche sagte das nicht zu Dr. Koegel selbst, der inzwischen wiederholt im Nietzsche-Archiv anwesend war, sondern ließ es ihm durch seine Schwester sagen. So hat Frau Elisabeth Förster-Nietzsche nicht nur von der Unterredung drei Tage nachher gesprochen; sie hat das Resultat in ganz falscher Gestalt mitgeteilt. Von dieser eigentümlichen Auffassung, die Frau Förster-Nietzsche von einem gegebenen Worte hatte, war nachher noch öfter die Rede. Und Frau Förster-Nietzsche hat .sich über diese ihre Auffassung in einem unerbetenen Briefe an mich am 23. September 1898 in folgender Weise ausgesprochen: «ich glaubte, daß das Versprechen (es war nicht bloß ein Versprechen, sondern ein verpfändetes Wort) nur für die Zwischenzeit gelte, ehe ich Dr. Koegel das ganze Arrangement vorschlüge, denn natürlich mußte ich bei dem Anerbieten eines zweiten Herausgebers sagen, wen ich dabei im Auge hatte und daß der in Aussicht genommene damit einverstanden sei.» Frau Förster-Nietzsche glaubte also, daß sie ein am Sonnabend gegebenes Wort am Dienstag darauf nicht mehr zu halten brauchte. Frau Dr. Förster-Nietzsche findet es natürlich, daß sie bei dem Anerbieten eines zweiten Herausgebers sagt, ich hätte zugesagt, obgleich das nicht richtig war, und obgleich jeder logisch denkende bei den kontraktlich bestehenden Verhältnissen der Ansicht sein mußte, daß erst die Sachen mit Dr. Koegel geordnet sein mußten, bevor über einen zweiten Herausgeber geredet werden könne. Da sachliche Gründe nicht vorlagen, um Dr. Fritz Koegel einen zweiten Herausgeber an die Seite zu setzen, hätte eine Zusage meinerseits nur als eine Intrige gegen diesen gedeutet werden können. Alles was Frau Elisabeth Förster-Nietzsche in der Unterredung vom 6. Dezember vorbrachte, waren keine Angriffe auf das, was er bis dahin geleistet hatte, sondern nur die ganz vage, durch nichts sachlich gerechtfertigte Vermutung, Dr. Koegel werde wahrscheinlich die auf den ı2. folgenden Bände nicht allein machen können. Damit ich Dr. Koegel gegenüber nicht als Intrigant erscheine, mußte Frau Elisabeth Förster veranlaßt werden, vor Zeugen und in Dr. Koegels und meiner Gegenwart ausdrücklich zu erklären, daß ich eine Zusage nicht gegeben habe. Das hat sie auch erklärt. Später wollte sie den ihr unangenehmen Eindruck, den eine solche Erklärung gemacht hatte, verwischen. Deshalb erzählt und verbreitet sie den Sachverhalt seither so: am 6. Dezember habe eine Unterredung stattgefunden und sie habe aus Rücksicht für mich diese Unterredung abgeleugnet. Durch ihren Mangel an logischem Unterscheidungsvermögen scheint es ihr nicht klar zu sein, worauf es ankam. Nicht darauf kam es an, ob sie mit mir am 6. Dezember über Dr. Koegel und ihre Absichten mit ihm überhaupt gesprochen habe, sondern darauf, daß ich nicht eine Zusage gegeben habe. Ich habe eine solche Zusage schon deshalb nicht gegeben, weil ich Frau Förster-Nietzsche gerade klar zu machen versuchte, daß jede Zusage meinerseits bei den bestehenden Kontraktverhältnissen ein Unding wäre. Ich habe eine Zusage auch deshalb nicht geben können, weil es damals meine feste Überzeugung war, daß es nur persönliche Gründe seien, die Frau Förster-Nietzsche veranlaßten, eine Änderung in Bezug auf Dr. Koegel eintreten zu lassen. Diese Überzeugung ist bei mir auch bis heute durch nichts erschüttert. Ich halte alles später vorgebrachte Sachliche nur für eine Maske, die ein ursprünglich rein aus persönlichen Gründen von Frau Förster-Nietzsche angestrebtes Ziel — Entfernung Dr. Koegels von der Herausgeberschaft — als eine objektiv — durch die behauptete Unfähigkeit Koegels — gerechtfertigte Handlung erscheinen lassen soll.
Die Unterredung zwischen Frau Fötster-Nietzsche und mir hat Sonnabend, den 5. Dezember 1896 stattgefunden. Alle unangenehmen Verhandlungen, die sich an dieses Ereignis knüpften, zogen sich noch viele Wochen hin. Ich bemerke ausdrücklich, daß in dieser ganzen Zeit niemals die Rede davon war, daß Frau Förster-Nietzsche an der Gediegenheit dessen zweifle, was Dr. Koegel bis dahin für die Nietzsche-Ausgabe gearbeitet hatte. Und es war damals das Koegelsche Manuskript der «ewigen Wiederkunft» für den zwölften Band längst fertig. Ich kannte dieses Koegelsche Manuskript, habe aber nie die Unterlagen dafür, die Nietzscheschen Hefte, kennengelernt. Was Frau Förster-Nietzsche von den letzteren damals kannte, weiß ich nicht, Koegels Manuskript kannte sie aber genau. Sie hat oft davon gesprochen und mir gegenüber niemals in dieser ganzen Zeit einen Zweifel darüber ausgesprochen, daß daran etwas fehlerhaft sein könnte. Ich muß das sagen, denn in Horneffers Broschüre steht: «Zur Rechtfertigung von Frau Dr. Förster-Nietzsche, die zuerst die Unwissenschaftlichkeit der Koegelschen Arbeit erkannt hat ( schon Herbst 1896)...» Diese Angabe kann also nicht richtig sein. Wie aber Frau Förster-Nietzsche später die ganze Angelegenheit zurechtfrisierte, das geht aus einer Stelle des erwähnten unerbetenen Briefes an mich hervor. Darin steht zu lesen: «Ich habe Ihnen das Manuskript über die Wiederkunft des Gleichen Oktober 1896 zur Prüfung gegeben, weil ich so großer Sorge darum war. Sie selbst haben die Unzusammengehörigkeit des Inhaltes verschiedentlich konstatiert und meine Besorgnis gerechtfertigt und erwähnt. Trotzdem haben Sie Dr. Koegel kein Wort über Ihren Zweifel über die Zusarmmenstellung des Manuskripts gesagt.» In dieser Briefstelle ist alles unrichtig. Die Sache war so. Während einer längeren Abwesenheit des Dr. Koegel von Weimar, besuchte Dr. Franz Servaes das Nietzsche-Archiv. Frau Förster-Nietzsche ersuchte mich, ihm einiges aus dem zum Druck bereit liegenden Manuskript Koegels, die «Ewige Wiederkunft», vorzulesen. Ich wollte das nicht unvorbereitet tun und ersuchte, mir das Manuskript bis zum nächsten Tage zu überlassen, damit ich mich für die Vorlesung vorbereiten könne. Ich las dann nicht das ganze Manuskript vor, sondern nur eine Reihe von Aphorismen. Zufällig überschlug ich damals gerade die, von denen jetzt behauptet wird, sie gehören nicht zur «Ewigen Wiederkunft». Späte r, als Frau Förster-Nietzsche mit mir wieder anknüpfen wollte, im Frühling 1898, hörte ich, daß Frau Förster, durch einige Kritiker der mittlerweile gedruckten «Wiedergeburt», Koegels Arbeit tadeln gehört habe, und daß sie jetzt, nach anderthalb Jahren, an die Zurückziehung des zwölften Bandes denke. Ich sagte damals, es sei doch ein sonderbarer Zufall, daß jetzt diejenigen Aphorismen für nicht in das Buch gehörig angesehen würden, die ich damals, weil auch ohne Vorlesung derselben, ein partielles Verständnis des Grundgedankens möglich sei, überschlagen habe. Als ich zuerst von der Zurückziehung des Bandes hörte, glaubte ich, daß nach Untersuchung der Manuskripte Nietzsches sich ganz andere Fehler ergeben hätten als die von Horneffer behaupteten. Ich kenne ja diese Manuskripte nicht. Es ist für mich nicht gleichgültig, daß Frau Förster-Nietzsche die obige falsche Behauptung bezüglich einer Prüfung der Manuskripte macht, denn sie hat den erwähnten Brief nicht nur an mich gerichtet, sondern, wie ich nunmehr weiß, den Inhalt auch anderen mitgeteilt. Ich muß daher feststellen: 1. Es ist nicht richtig, daß mir gegenüber Frau Förster Zweifel an der Güte der Koegelschen Arbeit geäußert hat. 2. Es ist nicht richtig, daß mir Frau Förster je das Koegelsche Manuskript zur Begutachtung gegeben hat. 3. Es ist nicht richtig, daß ich jemals «die Unzusammengehörigkeit des Inhalts konstatiert» habe.
Infolge der unrichtigen und unstatthaftigen Mitteilung meiner Unterredung mit Frau Förster-Nietzsche an Dr. Koegels Schwester wurde die Spannung im Nietzsche-Archiv immer größer. Die Auseinandersetzungen nahmen immer breitere Dimensionen an. Es wurden auch andere Persönlichkeiten in die Sache hineingezogen. Im ganzen Verlaufe der Angelegenheit spielte aber der Zweifel an Koegels Fähigkeiten, nach meiner Überzeugung, keine Rolle. Die Abneigung der Frau Fötster-Nietzsche gegen Koegel wurde immer größer. Sie war zunächst durch die bestehenden Verträge nicht in der Lage, Koegels Stellung zu ändern. Er blieb zunächst Herausgeber. Aber Frau Förster-Nietzsche erschwerte ihm das Herausgeben in jeder Weise. Sie beschränkte ihn in der freien Benutzung der Nietzscheschen Manuskripte. Das führte dazu, daß zuletzt das Verhältnis unhaltbar wurde. Eines Tages war Dr. Koegel nicht mehr Nietzsche-Herausgeber. Nun traten später wiederholt an mich Freunde der Frau Förster-Nietzsche heran, die mir die Absicht der letzteren andeuteten, mich unter gewissen Voraussetzungen zum Herausgeber zu machen. Ich hatte schon früher eine solche Eventualität vorausgesehen und war mit Dr. Koegel darin einig, wenn eines Tages sein Verhältnis zum Nietzsche-Archiv unmöglich geworden wäre, einem etwaigen Ruf der Frau Förster-Nietzsche zu folgen. Ich habe mich aber niemals, nicht früher und auch nicht später, um die Herausgeberschaft beworben. Aber da von den erwähnten Freunden der Frau Förster-Nietzsche stets betont worden ist, daß ich der geeignetste Nietzsche-Herausgeber sei, und es schade wäre, wenn die Ausgabe wegen persönlicher Zerwürfnisse in weniger berufene Hände käme: so entschloß ich mich zweimal, nach Weimar zu fahren, nachdem mein Hinkommen jedesmal ausdrücklich durch die genannten Freunde der Frau Förster-Nietzsche, nachdem diese mit ihr verhandelt hatten, telegraphisch gefordert worden war. Die Einzelheiten der Verhandlungen, die nunmehr stattfanden, haben kein Interesse. Erwähnen will ich nur, daß bei meiner letzten Unterredung mit Frau Förster-Nietzsche diese verlangte, ich solle über die Unterredung vom 6. Dezember 1896 an ihren Vetter als Vertrauensmann eine «einfach-wahre» Darstellung schreiben. Es wurde auch in Gegenwart eines Dritten ein Entwurf eines Briefes über den Sachverhalt an den Vetter im Nietzsche-Archiv versucht. Ich sah bald, daß Frau Förster-Nietzsche nicht die Wahrheit wollte, wie ich sie oben dargestellt habe, sondern etwas anderes. Ich ging fort und sagte: ich will mir die Sache überlegen. Ich hatte aber das Gefühl: mit dieser Frau ist nichts zu machen. Ich habe mich seitdem nie wieder mit der Angelegenheit beschäftigt; ich wollte Frau Förster-Nietzsche einfach ignorieren. Am 23. Sept. 1898 schrieb sie mir dann den oben erwähnten Brief. Was sonst in demselben steht, ist ebenso unrichtig wie die eine Stelle, die ich erwähnt habe. Ich habe diesen unerbetenen, mir ganz gleichgültigen Brief unbeantwortet gelassen. Später erfuhr ich, daß Frau Förster-Nietzsche für die Verbreitung seines unrichtigen Inhalts gesorgt hat.
Ich hätte auch jetzt geschwiegen, wenn ich nicht durch Horneffers Broschüre und durch die Protektion, die das Buch von Lichtenberger erfahren hat, in die Empörung darüber getrieben worden wäre: in welchen Händen Nietzsches Nachlaß ist.
Es könnte sein, daß Frau Förster-Nietzsche noch Briefe von mir hat, in denen etwas steht, was sie gegen meine jetzigen Behauptungen aufzeigen könnte. Ich habe eben, trotzdem ich Frau Förster-Nietzsche bald erkannt habe, immer darauf Rücksicht genommen, daß sie Friedrich Nietzsches Schwester ist. Da habe ich vielleicht aus Höflichkeit und Rücksicht im Loben ihrer Eigenschaften zu viel getan. Nun ich erkläre, daß das eine große Dummheit von mir war und daß ich gerne bereit bin, jedes Lob, das ich Frau Förster-Nietzsche gespendet habe, in aller Form zurückzunehmen.