103. Haeckel, Tolstoi und Nietzsche

Wer die tieferen Impulse im Geistesleben der Gegenwart sucht, dem stellen sich drei Persönlichkeiten vor die Seele. In einseitiger Art, aber mit monumentaler Größe repräsentiert jede dieser Persönlichkeiten, was unsere Zeit am tiefsten bewegt: Haeckel, Tolstoi, Nietzsche. Wahrheit, Güte, Schönheit werden die ewigen Ideale der Menschheit genannt. Es ist, als ob jede der drei Persönlichkeiten von einem andern dieser Ideale die Ausdrucksmittel genommen hätte, mit denen sie sagt, was sie zu sagen hat. Haeckel redet die Sprache der Wahrheit, Tolstoi die der Güte, Nietzsche die der Schönheit.

Man muß aus der Entwicklung des ganzen neuzeitlichen Denkens die Gesichtspunkte gewinnen, von denen aus man eine Ansicht über die drei repräsentativen Männer unserer Weltanschauung bilden kann. Man wird den Blick vorerst nach zwei Taten in dieser Entwicklung schweifen lassen müssen. Nach jener großen Tat im sechzehnten Jahrhundert, die Kopernikus vollbracht, und durch welche der Mensch seine gegenwärtig gültige Anschauung über die Erde erlangt hat, wonach diese ein Stern unter Sternen ist. Und man muß nach der andern Tat im neunzehnten Jahrhundert ausschauen, durch die das Organisch-Lebendige, ja der Mensch selbst als Naturwesen erkannt worden ist. An die Namen Lamarck und Darwin wird zunächst denken, wer sich diese Tat vor Augen stellt. Doch war Goethe ihr erster Verkünder.

Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.
...
Nach ewigen, ehrnen,
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden.

In diesen Worten, die Goethe schon im letzten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts gesprochen, liegt die Verkündigung einer «natürlichen Schöpfungsgeschichte».

Es hat lange gedauert, bis der Mensch sich gewöhnt hat, in den «ewigen, ehrnen und großen Gesetzen» die festen Grundsäulen seiner Welterkenntnis zu sehen. Der mittelalterliche Mensch blickte zum Sternenhimmel empor und sah —- nicht solche ewige, ehrne Gesetze, sondern menschenähnliche Intelligenzen. Und bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein sah der Mensch in dem Bau seines Organismus und in dem der anderen Lebewesen nicht «ewige Gesetze», sondern das Walten einer «ewigen Weisheit», die er nut nach Art der menschlichen Vernunft denken konnte. Das Christentum war ein mächtiger Förderer solcher DenkGesinnung. Es hatte die «bloße, grobe Materie» zu einem Wesen niederer Art herabgesetzt. Wie sollte es sich mit dieser Materie und ihren eingeborenen Gesetzen begnügen, wenn es auf die Erklärung der wunderbaren Bewegungen im Himmelsäther oder des zweckvollen Baues der organischen Wesen ankam! Die Wissenschaft mußte Stück für Stück von unserem Weltenbaue für die «ewigen, ehrnen Gesetze» erobern. Kopernikus tat das für den Sternenhimmel, Goethe, Lamarck, Darwin für das, was lebt auf der Erde.

Und in demselben Maße, in dem die Wissenschaft der alten Weltanschauung Stück um Stück entriß, in demselben Maße wurde der christliche Geist zäher in der Rettung dessen, was er noch für sich retten konnte. Die Welt des Raumes mußte Luther der Wissenschaft lassen. Um so energischer wollte er die Welt der Seele für die Religion in Anspruch nehmen. Eine strenge Scheidung vollzog er zwischen der Welterklärung und dem Evangelium. Diesem sollte keine Wissenschaft etwas anhaben können; es sollte dem Glauben erhalten bleiben, der zum Heile führt. Nicht zufällig tritt mit der neuen wissenschaftlichen Welterklärung Luthers evangelische Lehre gleichzeitig in die Weltgeschichte ein. Sie mußte kommen, wenn neben dem Wissen noch der Glaube Geltung haben sollte. Ihm mußte das Gebiet zugewiesen werden, das von der Wissenschaft noch nicht berührt war.

Und wie Luther dem Kopernikus, so steht Kant der modernen «natürlichen Schöpfungsgeschichte» gegenüber. Alles schien am Ende des achtzehnten Jahrhunderts dem vernünftigen Denken zu verfallen. Da kam Kant und erklärte, daß der Mensch gar nicht veranlagt sei, das wirkliche Wesen der Dinge zu erkennen. Die tiefsten Impulse seines Denkens hat Kant verraten, als er die Worte niederschrieb: «Ich mußte also das Wissen vernichten, um zum Glauben Platz zu bekommen.» Dieses Wissen ist nach Kants Meinung nur ein beschränktes; niemals kann es dahin dringen, wo die Gegenstände des Glaubens, Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, ihr Gebiet haben. Der Glaube hat seine ewige Berechtigung neben Vernunft und Wissenschaft.

Nur eine notwendige Folge solcher Voraussetzungen war es, daß Kant der Ansicht war, dem Menschen werde der Bau eines lebendigen Wesens niemals so erklärlich sein, wie es eine Maschine ist. Übernatürlich müsse die Schöpfungsgeschichte des Organisch-Lebendigen bleiben: das war bei Kant doch der Weisheit letzter Schluß.

Das neunzehnte Jahrhundert hat Schritt für Schritt das Lebendige in das Netz der «ewigen, ehrnen Gesetze» eingesponnen. Kant erscheint uns heute wie ein neuer Luther, wie der letzte aus der Reihe derjenigen Geister, die noch irgend etwas, möglichst viel, für den der Wissenschaft unzugänglichen Glauben retten wollten. Die Entwicklung schreitet über diese Geister hinweg. Die «natürliche Schöpfungsgeschichte» kann auch das Stück Glauben nicht mehr gelten lassen, das Kant noch retten wollte. Die wissenschaftliche Denkweise ist im Begriffe, vollends die christliche aufzulösen. Kant ist uns nur noch interessant als einer der letzten großen Vertreter des christlichen Geistes.

Als Haeckel, Tolstoi und Nietzsche im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, jeder auf seine Art, sich die Frage stellten, wie läßt sich mit den neuen Idealen der Menschheit leben, da standen sie vor der im Sinne der Wissenschaft revolutionierten Weltanschauung.

Haeckel fand sich in die Weltlage im Sinne des naiven Naturforschers. Was die Wissenschaft ihm vor Augen führt, ist ihm die Wahrheit. Und die Wahrheit ist ihm zugleich gut und schön. Er baut die Welt der Lebewesen bis herauf zum Menschen nach «ewigen, ehrnen Gesetzen» auf. Alles wird von ihm radikal zurückgewiesen, was sich dieser Welterklärung nicht beugt. Er hat keine Zeit, darüber nachzusinnen, ob der schönheitstrunkene, ob der nach sittlicher Vollendung ringende Geist in der von Vernunft und Wissenschaft aufgebauten Welt ihre Rechnung finden. Vielmehr ist ihm beides selbstverständlich. Anders Tolstoi, und anders Nietzsche. Sie können sich mit ihren Idealen nicht von vornherein in die neue Weltlage finden. In beiden lebt das alte Christentum fort als die Grundstimmung ihres Wesens. Tolstoi meint, daß der Mensch sich nur glücklich fühlen könne in einem Handeln, das von echt christlicher Gesinnung eingegeben ist. Nicht die Wahrheit der Wissenschaft, sondern die Liebe, wie sie das reine Christentum in dem Menschen erzielt, kann zur höchsten Befriedigung führen. Die Wahrheit hat sich der Liebe, die Vernunft der Güte unterzuordnen. Was soll alle Wissenschaft mit ihrer Erklärung des Geistes nach «ewigen, ehrnen Gesetzen», da doch dieser Geist fest und sicher in sich ruht und das Urgesetz der Liebe, ohne alle Wissenschaft, als sein Wesen anerkennen muß? Vor allem wissenschaftlichen Forschen kennt der Geist dieses sein Wesen. Tolstoi bekämpft das wissenschaftliche Bekenntnis, weil er glaubt, daß es den Geist zu einem bloßen Naturwesen herabwürdige, weil es ihn von außen erkennen will, da er sich doch selbst das nächste ist und sein Wesen in sich findet. Rückkehr zur wahrhaft christlichen Anschauung vom Geiste predigt daher Tolstoi. Der Wissenschaft gehört das Räumliche und Zeitliche. Das Räumliche und Zeitliche ist aber sündhaft. Gerade in der Überwindung des Räumlichen und Zeitlichen muß der Geist sein Wesen finden. Wenn er zu der Überzeugung kommt, daß sein individuelles Dasein Sünde ist, und daß er allein in der Liebe zum All seine Seligkeit finden kann, dann hat der Mensch sein Ziel erreicht. Niemals ist diese Ansicht hinreißender geschildert worden, als von Tolstoi in der Novelle «Der Tod des Iwan I]jitsch». Der Mensch kommt sterbend zu der Überzeugung, daß das Dasein in jedem Falle voll von Unrecht ist. Durch diese Überzeugung erhält der Tod seinen tiefsten Sinn. Man stirbt mit dem Bekenntnis, daß man nur unrecht leben könne. Man überwindet so sterbend das Dasein und rechtfertigt es dadurch, daß man es für nichtig erklärt. Wer als Schätzer des Lebens stirbt, stirbt nicht mit dem wahren, menschlichen Bekenntnis. Tod ist Vernichtung des Einzeldaseins, und nur wer an die Berechtigung dieser Vernichtung in dem Augenblicke glaubt, da in Wirklichkeit diese Vernichtung eintritt, der stirbt mit der Wahrheit im Herzen.

Es kann keinen größeren Gegensatz zu dieser Verklärung des Todes geben als Nietzsches Lebenstrunkenheit. Auch für Nietzsche hat die materielle, von «ewigen, ehrnen Gesetzen» beherrschte Welt keinen Daseinswert in sich. In jeder seiner Lebensperioden hegt er diese Gesinnung. Die christliche Verachtung des materiellen Daseins steckt in ihm. Er trägt sie, wie wir alle, im Blute. Aber wie Tolstoi jenseits dieser Welt seine höhere christliche errichten will, so Nietzsche innerhalb der unbefriedigenden zeitlichen eine beseligende, aber nicht minder zeitliche. Er stellt zunächst dem Christentum das Griechentum gegenüber. Und im Griechentum sieht er die verkörperte Welt der Schönheit, des starken, idealen Lebensgenusses. Als ästhetisches Phänomen, als Erscheinung der Kunst läßt sich allein die Welt ertragen. Wer die Welt sich durch Schönheit verklären kann, ist wahrer Mensch. Auch Nietzsche will das unmittelbare Leben des Alltags überwinden; aber er will es nicht durch den Tod, sondern durch ein höheres Leben überwinden. Und als Nietzsche sich in die moderne Naturwissenschaft vertieft, wird er nicht wie Tolstoi ihr Bekämpfer, sondern er löst für sich aus ihr los, was ihm zu seiner Philosophie des höchsten Lebensgenusses dienlich sein kann. Er entwickelt aus dem Menschen den Übermenschen. Nicht was ist, soll Zweck des Daseins sein, sondern was werden kann. Und es macht Nietzsche trunken vor Begeisterung für die «ewigen, großen Gesetze», weil er sich sagen kann: sie entwickeln aus dem Menschen den Übermenschen, wie sie aus dem Wurm den Menschen entwickelt haben. Das Zeitliche, das Wirkliche, wenn auch das ZukünftigWirkliche, wird der Inhalt der Lebensweisheit Nietzsches. Und kann man sich einen schärferen Kontrast denken, als Tolstois Todessehnsucht und Nietzsches Lebenstrunkenheit, wie sie sich äußert in der Idee, daß alle Dinge, so wie sie heute sind, ewig wiederkehren werden?

So kehrt sich denn Tolstois Weltbild völlig um, wenn man von ihm zu Nietzsche übergeht. Was jenem Zweck, wird diesem Mittel. Die großen Genien der Menschheit: Konfuzius, Buddha, Sokrates, Christus sind für Tolstoi die großen Lehrer der Menschheit. Sie sollen sich für die andern opfern. Für Nietzsche sind alle übrigen Menschen nur da, um auf dem Umweg durch sie zu den großen Geistern zu kommen. Die Menschheit muß sich opfern, um aus ihrem Schoße einige wenige große Individuen zu erzeugen, die um ihrer selbst willen da sind. Wer das Dasein schätzt wie Nietzsche, kann wohl so denken. Dieses Dasein hat um so mehr Wert, je mehr Lebensgenuß aus ihm gesogen werden kann. Die großen Lebensgenießer erfüllen das Daseinsziel am besten. Um ihretwillen scheint dieses Dasein berechtigt. Anders für Tolstoi. Die großen Lebensgenießer sind am schlimmsten dem nichtigen, wertlosen Dasein verfallen, wenn sie nicht in den Dienst der allgemeinen Liebe treten, welche allen Menschen Erlösung bringt von dem irdischen, nichtigen Dasein.

So stehen sich die drei merkwürdigen Repräsentanten unserer Zeitbildung gegenüber: der naive Wahrheitsforscher Haeckel, für den alles Alte untergehen muß, weil die neue Wahrheit zum Siege bestimmt ist, der Prophet des Guten Tolstoi, der ein wahres Christentum den Mitmenschen in die Seele führen will, das sie zu Überwindern nicht nur des am Nichtigen haftenden alten Christentums, sondern auch der ebenso am Nichtigen hängenden Wissenschaft machen soll, und Nietzsche, der das alte Christentum ebenso überwinden will, aber aus dem Geiste der neuen Wissenschaft heraus eine höhere Menschlichkeit bilden will, die das Nichtige im Irdischen überwindet, weil sie innerhalb dieses Irdischen das wahrhaft Wertvolle findet, das würdig ist, genossen zu werden, das trotz seiner Zeitlichkeit und Räumlichkeit nicht verächtlich ist, weil es höchsten Lebensgehalt darstellt. Ihm sind Schönheit und echter Lebensgenuß, was Tolstoi das Gute, was Haeckel die Wahrheit ist.

German original of Haeckel, Tolstoy and Nietzsche · ← Previous · Next →