102. Friedrich Nietzsche
gestorben am 25. August 1900
Man mag über Nietzsches Weltanschauung denken, wie man will: die Art, wie er populär geworden ist, wird man nicht anders bezeichnen können denn als eine tiefe Verirrung unserer Zeitkultur. Ein hervorstechendes Merkmal bei fast allen seinen Anhängern ist der Mangel an einem sachgemäßen Urteil und das flatterhafte Interesse für die Ideen einer durch ihre persönlichen Lebensschicksale interessanten Persönlichkeit. Wer Nietzsches Schriften wirklich mit Verständnis liest, der wird sich vor allen Dingen darüber klar werden, daß er es mit einem Mann zu tun hat, der dem wirklichen Leben der Gegenwart, den großen Bedürfnissen der Zeit ganz fernstand. Er hat sich alles, was er kennenlernte, im Sinne der Anschauungen zurechtgelegt, die er sich durch einen einseitigen klassischen und philosophischen, in mancher Beziehung ganz abnormen Bildungsgang erworben hat, mit Ausschluß jeglicher Lebenserfahrung, ohne Kenntnis der wahren Bedürfnisse der Gegenwart. Er war in vollster geistiger Vereinsamung mit sich selbst und seinen Gedanken und Empfindungen beschäftigt. Deshalb konnte er auch nur zu Ideen kommen, die als Äußerungen einer merkwürdigen Einzelpersönlichkeit interessieren können, zu denen sich aber in der Form, wie er sie ausgesprochen hat, kein anderer, im wahren Sinne des Wortes, als Anhänger bekennen sollte. Wer ihn dennoch geradezu als einen Geist hinstellt, der für unsere Zeit charakteristisch ist, der beweist nur, daß Verständnislosigkeit für die eigentlichen Bedürfnisse der Gegenwart bei vielen auch eine charakteristische Erscheinung dieser Gegenwart ist.
Die Betrachtung des Entwicklungsganges Nietzsches möge diese Behauptung bestätigen. Er ist am ı5. Oktober 1844 in Röcken geboren. Sein Vater war protestantischer Prediger. Nietzsche war fünf Jahre alt, als der Vater starb. Er schildert ihn selbst mit den Worten: «Er war zart, liebenswürdig und morbid, wie nur ein zum Vorübergehn bestimmtes Wesen, — eher eine gütige Erinnerung an das Leben, als das Leben selbst.» — Innerhalb einer frommen protestantischen Familie wuchs Nietzsche heran. Er war ein im orthodoxen Sinne frommer Knabe. Wir wissen aus der Biographie, die seine Schwester geliefert hat, daß er von seinen Klassenkameraden wegen seiner religiösen Denkungsart der «kleine Pastor» genannt worden ist. Auf dem Gymnasium zu Schulpforta, der Musteranstalt für klassische Bildung, brachte er die Schuljahre zu. An den Uhiversitäten Bonn und Leipzig hat er sich der klassischen Altertumswissenschaft gewidmet und sich in der Vorstellungswelt des alten Griechentums so eingelebt, daß ihm diese alte Kultur als ein Ideal menschlicher Entwicklung, als der Inbegriff alles Großen und Edlen erschien. Er ist in der Schätzung des Griechentums später so weit gegangen, daß er das Vorhandensein des Sklaventums, dieser Begleiterscheinung einer frühen Bildungsstufe, als etwas besonders Mustergültiges und Wertvolles pries. Am Ende seiner Studienlaufbahn lernte er die Philosophie Arthur Schopenhauers und Richard Wagner kennen. Die Schriften des ersteren und die Persönlichkeit des letzteren wirkten geradezu faszinierend auf ihn. Durch seine begeisterungsfähige, starken Eindrücken gegenüber empfindliche Natur war er beiden Geistern förmlich willenlos verfallen.
Die Schätzung der griechischen Kultur, die er als eine wahrhaft große nur für die Zeit vor dem Auftreten Sokrates' ansah, verband sich bei ihm mit der rückhaltlosen Bewunderung Schopenhauers und Wagners. Er sah nunmehr im alten Griechentum eine Kultur, durch die der Mensch den ewigen Mächten der Welt näherstand, als das später der Fall war. Er sagte sich: in dieser alten Zeit sind die Menschen ganz im Banne ihrer ursprünglichen Instinkte und Triebe gewesen, sie haben nach allen Seiten voll ausgelebt, was die Natur in sie gelegt hat. Durch Sokrates sind sie von dieser Kultur abgebracht worden. Sokrates habe einseitig den Geist, den Verstand gepflegt. Er habe durch das Denken die Urtriebe der Menschen eingeschränkt; die Tugend, die man ausgeklügelt, sollte an die Stelle der frischen, urkräftigen Instinkte treten. In Schopenhauers Lehre glaubte Nietzsche eine Rechtfertigung für diese seine Anschauungsart zu finden. Denn Schopenhauer nennt auch das menschliche Vorstellen, den Verstand, nur ein Ergebnis des blinden, vernunftlosen Willens, der in allen Naturerscheinungen waltet. Und in Wagners Musik glaubte Nietzsche Töne zu hören, die wieder aus den Tiefen der menschlichen Natur kommen, denen sich die Bildung der verflossenen Jahrhunderte entfremdet hat. Er verherrlichte das alte Griechentum vom Standpunkt der Schopenhauerschen Philosophie und feierte zugleich das Musikdrama Wagners als die Wiedergeburt dieser verlorenen Kultur in seiner ersten Schrift «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik» (1872). In der folgenden Zeit unternahm er von diesem Gesichtspunkte aus in seinen vier «Unzeitgemäßen Betrachtungen» einen Feldzug gegen die gesamte moderne Bildung. In einer Festschrift, die er 1875 für die Aufführungen in Bayreuth verfaßte, erreichte er den extremsten Ausdruck für diese seine Anschauungsweise.
In derselben Zeit wurde ihm auch klar, daß er sich den Einflüssen Wagners und Schopenhauers wie hypnotisiert hingegeben hatte. Er empfand die ganze Anschauung als ein fremdes Element, das er sich eingeimpft hatte. Er wurde zum heftigsten Gegner dessen, was er bisher vertreten hatte. Er kämpfte nunmehr für eine streng wissenschaftliche Betrachtung des Lebens. Durch das Studium von Werken, die im naturwissenschaftlichen Geist der damaligen Zeit geschrieben waren, wurde er von seiner früheren Anschauung abgebracht. Er hatte sich in Friedrich Albert Langes «Geschichte des Materialismus», in Dührings Schriften, in die Ausführungen der französischen Moralschriftsteller vertieft. Wer diese Schriften kennt, der sieht in den Standpunkten, zu denen sich Nietzsche in seinen Werken: «Menschliches, Allzumenschliches», «Morgenröte» und «Die fröhliche Wissenschaft» bekennt, extreme Schlüsse aus den Ideen, die von den genannten Schriftstellern vertreten worden sind. Nietzsche sieht jetzt in den Vorstellungen, die er vorher gelehrt hat, falsche Ideale, welche die nüchterne, verstandesklare Beobachtung der Dinge in einen romantischen Nebel einhüllen. Immer mehr steigert sich seine Antipathie gegen Schopenhauer und Wagner. Im Jahre 1888 verfaßt er dann seine Schrift «Der Fall Wagner», welche in Worte ausklingt, wie diese: «Die Anhängerschaft an Wagner zahlt sich teuer. Ich beobachte die Jünglinge, die lange seiner Infektion ausgesetzt waren. Die nächste, relativ unschuldige Wirkung ist die des Geschmacks. Wagner wirkt wie ein fortgesetzter Gebrauch von Alkohol. Er stumpft ab, er verschleimt den Magen... . Der Wagnerianer nennt zuletzt rhythmisch, was ich selbst, mit einem griechischen Sprichwort, «den Sumpf bewegen» nenne.»
Noch einmal gewinnt etwas einen starken Einfluß auf Nietzsche. Es ist der Darwinismus. Auch hier schreitet er sogleich zu den extremsten Folgerungen vor. Ohne Zweifel hat ein im Jahre 1881 erschienenes Buch eines genialen, leider früh verstorbenen Naturforschers W. H. Rolph «Biologische Probleme», ihm weitgehende Anregungen gegeben. Er wird von der Idee des «Kampfes ums Dasein» aller Wesen, der im Darwinismus eine mächtige Rolle spielt, fasziniert. Aber er nimmt diese Idee nicht in der Darwinschen Form an; er gestaltet sie in dem Sinne um, in dem sie Rolph ausgebildet hat. Darwin war der Ansicht, daß die Natur bei weitem mehr Wesen hervorbringt, als sie mit den vorhandenen Nahrungsmitteln erhalten kann. Die Wesen müssen also um ihr Dasein kämpfen. Diejenigen, welche am vollkommensten, am zweckmäßigsten eingerichtet sind, bleiben übrig; die andern gehen zu Grunde. Rolph ist anderer Meinung. Er sagt: nicht die Not des Daseins ist die treibende Macht der Entwicklung, sondern der Umstand, daß jedes Wesen sich mehr aneignen will, als es zu seiner Erhaltung bedarf, daß es nicht nur seinen Hunger stillen, sondern über seine Bedürfnisse hinausgehen will. Die lebendigen Geschöpfe kämpfen nicht nur für das Notwendige, sondern sie wollen immer mächtiger werden. Rolph setzt an Stelle des «Kampfes ums Dasein» den «Kampf um Macht». Diesen Gedanken stellt nun Nietzsche in den Mittelpunkt seiner Ideenwelt. Er drückt ihn paradox aus: «Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, Überwältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigner Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens Ausbeutung.» Diesen Gedanken überträgt er auf die sittliche Weltordnung. Er verbindet sich ihm mit einer Ansicht, die er schon früher aus Schopenhauers Philosophie angenommen hat: daß es auf die Masse der Menschen nicht ankomme, daß die Massen nur dazu da seien, um einzelnen Auserlesenen als dienende Wesen die Bahnen möglich zu machen, auf denen sie zur höchsten Macht steigen. Die Geschichte soll nicht zum Glück des Einzelnen führen, sondern sie soll nur ein Umweg sein, um die Macht einiger hervorragender Individuen zu befördern. Auf diesem Umweg soll der Mensch sich zum «Übermenschen» entwickeln, wie er sich vom Affen zum Menschen entwickelt hat. In dem halb poetisch, halb philosophisch gehaltenen Werke «Also sprach Zarathustra» hat Nietzsche das Hohe Lied dieses «Übermenschen» gesungen. Wieder findet er wie in seinen Jugendjahren in der bisherigen Kulturentwicklung einen großen Irrtum. Der «höherwertige Typus Mensch ist oft genug schon dagewesen: aber als ein Glücksfall, als eine Ausnahme, niemals als gewollt. Vielmehr ist er gerade am besten gefürchtet worden, er war bisher beinahe das Furchtbare; — und aus der Furcht heraus wurde der umgekehrte Typus gewollt, gezüchtet, erreicht: das Haustier, das Herdentier, das kranke Tier Mensch, - ....» Nietzsche war nunmehr von seiner Idee des «Willens zur Macht» so hypnotisiert, daß ihm alles andere neben dem brutalen Kampf um Unterdrückung des Schwächeren gleichgültig wurde, daß er in dem keine Mittel scheuenden Renaissance-Menschen Cesare Borgia das Muster eines Übermenschen sah.
Immer mehr hat sich Nietzsche unter dem Einfluß solcher Vorstellungen in eine Weltanschauung paradoxer Art hineingetrieben, die weitab liegt von der Kultur der Gegenwart. Charakteristisch ist seine Stellung zur «Arbeiterfrage». Er sagt: «Die Dummheit, im Grunde die Instinkt-Entartung, welche heute die Ursache aller Dummheiten ist, liegt darin, daß es eine Arbeiter-Frage gibt. Über gewisse Dinge fragt man nicht. -— Man hat den Arbeiter militärtüchtig gemacht, man hat ihm das Koalitions-Recht, das politische Stimmrecht gegeben: was Wunder, wenn der Arbeiter seine Existenz heute bereits als Notstand (moralisch ausgedrückt als Unrecht -) empfindet? Aber was will man? nochmals gefragt. Will man einen Zweck, muß man auch die Mittel wollen: will man Sklaven, so ist man ein Narr, wenn man sie zu Herten etzieht.» Vom Standpunkt Nietzsches aus ist das alles konsequent. Diejenigen, die aber in diesem Standpunkt nicht eine durch die Persönlichkeit Nietzsches höchst interessante, extreme Ausgestaltung einer absterbenden Ideenwelt sehen, sondern ein lebensfähiges Glaubensbekenntnis, müssen blind gegenüber den Forderungen der Gegenwart sein. Ein merkwürdiger Denker ist am 25. August gestorben; nicht einer der führenden Geister in die Zukunft.