101. Kurzer Auszug Aus Einem Vortrag Über Friedrich Nietzsche
Das folgende Gedankenskelett lag drei Vorträgen zu Grunde, die ich in der letzten Zeit über den dahingegangenen Philosophen und Dichter bei drei Veranstaltungen in verschiedener Gestalt gehalten habe. Der erste fand im Kreise der von L. Jacobowski begründeten Gesellschaft der «Kommenden» statt, der zweite auf freundliche Aufforderung des «Vereins zut Förderung der Kunst», bei dessen Nietzschefeier am 15. September im Rathaussaale, der dritte bei einer Nietzschefeier, die der Rezitator Kurt Holm im Verein mit mir am 18. September im Architektenhause veranstaltet hat. An der ersten Feier beteiligten sich auch der Oberregisseur Moest und der Rezitator Max Laurence durch Vortrag Nietzschescher Schöpfungen; im «Verein zur Förderung der Kunst» hatte ich die große Freude, mit L. Manz, der Nietzsche-Dichtungen rezitierte,und mit Conrad Ansorge und Eweyk zusammenzuwirken. Dieser sang zwei von Ansorge mit wahrer Größe komponierte Lieder, die der Komponist selbst begleitete. Ein Harmonium-Vortrag ergänzte die Feier. Dienstag am 18. stand mir Kurt Holz mit seinen Rezitationen aus «Zarathustra» und Nietzsches Gedichten zur Seite.
«Lieber im Eise leben als unter modernen Tugenden und anderen Südwinden!» Diese Worte, die Friedrich Nietzsche im ersten Kapitel seines unvollendet gebliebenen Werkes «Umwertung aller Werte» ausspricht, geben die Empfindung wieder, unter der er immer gelebt hat. Er fühlte sich als unzeitgemäße Persönlichkeit, die andere Wege gehen mußte als die ganze Zeitgenossenschaft. Nicht als Messias, noch als Verkünder einer neuen Weltanschauung kann er uns erscheinen. Wie glänzend, wie hinreißend er auch seine gewaltigen Ideen ausspricht: sie sind nicht als originelle aus seinem Geiste entsprungen; es sind die Ideen, welche in dieser oder jener Form schon von anderen Geistern des neunzehnten Jahrhunderts ausgesprochen worden sind; es sind Ideen, die tief im Geistesleben der letzten Jahrzehnte wurzeln. Wodutch er sich von anderen unterscheidet, das sind die Empfindungen, die Seelenerlebnisse, die er unter der Wirkung dieser Ideen erfahren hat. Der Zusammenbruch jahrhundertealter Vorstellungen unter der Wucht der modernen naturwissenschaftlichen Anschauungen wirkte auf wenige so erschütternd, so persönlich wie auf Nietzsche. Was die meisten nur mit dem Kopfe durchlebt haben, die Wandlung eines alten in einen neuen Glauben: das wurde für Nietzsche ein ganz persönliches, sein Herz zermarterndes, individuelles Erlebnis. Und mit diesem Erlebnis stand er einsam, abseits von dem Wege, den die Zeitgenossen mit ihren Empfindungen und Vorstellungen gingen. Aus den Gedanken, die ihm während seiner Studienzeit über die Kunst und die Weltanschauung der Griechen überliefert wurden, wuchs ihm seine eigene Auffassung der alten Kultur heraus. Er sah nicht wie andere in Sokrates, Plato, Sophokles, Euripides die großen Repräsentanten des echten griechischen Geistes; er dachte sich eine höhere, umfassendere Kunst und Weisheit in Griechenland heimisch im Zeitalter vor Sokrates, eine Kultur, die seit Sokrates eine Verwässerung, eine Abschwächung erlitten hat. Nach dieser uralten Kultur sehnte er sich mit seiner ganzen Seele zurück. Sie ist der Menschheit verlorengegangen. Nur im Zeitalter der Renaissance hat sie eine kurze Wiedergeburt erlebt. In Schopenhauers Philosophie glaubte er wieder eine Weisheit zu vernehmen, wie sie die Griechen vor Sokrates innehatten, und in Richard Wagners Kunst vermeinte er Töne zu hören, wie sie seit jenen alten Zeiten der Menschheit nicht erklungen sind. Es bedeutete einen Höhepunkt in Nietzsches Leben, als ihn, Anfang der siebziger Jahre, eine innige Freundschaft mit Richard Wagner verband. Was in diesem Genius lebte, was sich als dessen Kunst von ihm losrang, das idealisierte Nietzsche noch. Er schuf sich Wagner zu einem Ideal um, in das er alles hineinlegte, was er in dem Griechenland der vorsokratischen Zeit verwirklicht glaubte. Nicht was Wagner wirklich war, verehrte er, sondern die ideale Vorstellung, das Bild, das er sich von Wagner machte. Gerade als Wagner 1876 dabei war, zu erreichen, was er erstrebt, da wurde Nietzsche gewahr, daß er nicht die wahre Kunst Wagners verehrt, sondern ein Ideal, das er sich selbst gebildet hatte. Jetzt erschien ihm dieses Ideal als etwas Fremdes, etwas, das seiner innersten Natur gar nicht entsprach. Er wurde nun ein Gegner seiner eigenen früheren Ideen. Nicht Wagner hat der spätere Nietzsche bekämpft, sondern sich selbst, seine ihm fremd gewordene Vorstellungswelt. So war im Grunde Nietzsche einsam mit seinen Gedanken schon in der Zeit, als die Freunde Wagners ihn zu den ihrigen zählten; und vollends einsam mußte er sich fühlen, als er Gegner seiner eigenen früheren Ideen wurde. Hatte er früher wenigstens Empfindungen gehegt, die sich an eine mächtige Kulturerscheinung anschlossen; jetzt kämpfte er als völlig Verlassener mit sich allein. In der Stimmung, die sich aus solcher Verlassenheit und Einsamkeit ergab, nahm er die Ideen der modernen Naturwissenschaft auf. Nicht so wie andere konnte er sich mit dem Gedanken abfinden, daß der Mensch sich aus niederen Organismen allmählich entwickelt habe. In seinem Geiste wuchs dieser Gedanke. Hatte es die Tierheit bis zum Menschen gebracht, so ist es nur natürlich, daß der Mensch über sich hinausschreite zu einem noch höheren Wesen, als er selbst ist, zu dem Übermenschen. Der moderne Zeitgeist hatte genug zu tun damit, die weittragenden Ideen der neuen Naturwissenschaft zunächst auf sich wirken zu lassen; er blieb dabei stehen, den Menschen aus seiner Vergangenheit zu begreifen. Nietzsche mußte den Gedanken der Menschheitsentwickelung aber sogleich im Hinblick auf eine fernste Zukunft in sich verarbeiten. So stand er auch einsam mit dem Erlebnis, das die moderne Naturwissenschaft in ihm hervorrief.
Wer das Geistesleben des letzten halben Jahrhunderts kennt, kann sich sagen, daß alle Ideen, die bei Nietzsche auftreten, auch sonst vorhanden sind; er muß aber gestehen, daß die Art, in der sie auf Nietzsche gewirkt haben, eine solche ist, wie sie bei keiner andern Persönlichkeit zu finden ist. Nicht Verkünder einer neuen Weltanschauung ist daher Nietzsche, sondern ein Genius, der als Einzelpersönlichkeit mit seinem ureigensten Seelengeschick unser tiefstes Interesse erweckt.