111. Zum Angeblichen «Kampf um die Nietzsche-Ausgabe»

Die maßlosen Angriffe, die in der letzten Zeit von Seite des Nietzsche-Archivs und dessen Freunden gegen mich gerichtet worden sind, insbesondere der unerhörte des Herrn Michael Georg Conrad im zweiten Juniheft der «Gesellschaft» legen mir die Pflicht auf, zu dem ganzen Streite noch das folgende beizubringen. Zu dem Aufsatz, den ich im Februar dieses Jahres (in Nr. 6 dieser Wochenschrift) gegen das «Nietzsche-Archiv» in Weimar richtete, wurde ich durch zwei Tatsachen veranlaßt. Die erste war die Protektion, die von Seite des «Nietzsche-Archivs» dem Buche des französischen Philosophen Henri Lichtenberger «La Philosophie de Nietzsche» zu Teil ward. Dieses Buch erschien Ende des vorigen Jahres in deutscher Übersetzung mit einer Einleitung von Frau Elisabeth Förster-Nietzsche. In dieser Einleitung sagt Nietzsches Schwester ganz deutlich, daß sie sich mit den Ausführungen Lichtenbergers identifiziert. Es ist meine Überzeugung, daß das Buch des französischen Philosophen die Ideen Nietzsches ins Triviale verzerrt. Dennoch hätte ich mich vielleicht um dasselbe niemals gekümmert, wenn es nicht durch die Einleitung und Erklärung der Schwester Nietzsches geradezu zur offiziellen Interpretation der Weltanschauung Nietzsches erklärt worden wäre. Daß ich ein abfälliges Urteil über das Buch aus keinen andern als aus sachlichen Gründen haben kann, belegte ich schon in dem erwähnten Angriff damit, daß ich selbst in dem Buch von Lichtenberger gelobt werde. Ich will heute noch hinzufügen, daß ich nicht allein im Verlaufe der Lichtenbergerschen Darstellung (auf $. 179 der französischen Ausgabe) in einer Weise besprochen werde, die, wenn es mir auf persönliche Eitelkeit oder dergl. ankäme, mich vollauf befriedigen könnte, sondern daß sich auch noch auf der letzten Seite der französischen Ausgabe die folgende Stelle findet: «R. Steiner. F. Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit, Weimar 1895; ouvrage signal& par Mme FoersterNietzsche comme exposant le plus fidelement les idees de son frere.» Die zweite Tatsache, die mich zu meinem Angriff bewog, war das Erscheinen einer Broschüre Dr. E. Horneffers, des gegenwärtigen Herausgebers der Nietzsche-Ausgabe, «Nietzsches Wiederkunft des Gleichen und deren bisherige Veröffentlichung.» In dieser Schrift werden über Nietzsches Anschauung von der ewigen Wiederkunft aller Dinge Behauptungen aufgestellt, die ich für grundfalsch halte. Zugleich wird gesagt, daß der frühere Herausgeber der Nietzsche-Ausgabe, Dr. Fritz Koegel, bei der Herausgabe der «Ewigen Wiederkunft» im 12. mittlerweile von Seite des Nietzsche-Archivs aus dem Buchhandel zurückgezogenen Bande unerhörte Fehler gemacht habe. Diese Fehler sollen nicht nur in Verlesungen im einzelnen bestehen; sondern durch die Zusammstellung der einzelnen zur Wiederkunfts-Idee gehörigen Aphorismen soll Dr. Koegel ein ganz falsches Bild davon gegeben haben, was Nietzsche wollte. Ich habe die Fehler im einzelnen nicht bezweifelt, wohl aber meine Anschauung zu vertreten gesucht, daß trotz derselben das Bild, das der Leser von Nietzsches Schriften aus dem ı2. Bande gewinnt, dem wahren entspricht. Dr. Horneffer hat in Nr. ı5 dieser Wochenschrift in einer Erwiderung auf meinen Angriff seine Behauptung aufrecht zu erhalten gesucht. Ich habe hierauf in einer Entgegnung (Nr. 15 ff. des «Magazins») meine Überzeugung weiter verteidigt. Meine Ansicht ist, daß der Tatbestand, der hier vorliegt, von Seite des Nietzsche-Archivs nicht richtig dargestellt wird. Ich bin der Ansicht, und glaube diese in den Nummern 15-17 des «Magazins» hinlänglich bewiesen zu haben, daß Nietzsches Lehre von der Wiederkunft ein verfehltes Werk ist, und daß sich Nietzsche selbst von der Unhaltbarkeit der hier in Betracht kommenden Gedanken bald überzeugt hat. Deswegen hat er das Konzept derselben nicht weiter ausgeführt. Was uns im 12. Bande vorliegt, konnte daher nur ein Bild eines unhaltbaren Gedankenganges Friedrich Nietzsches geben. Von Seite des Nietzsche Archivs wird aber behauptet, daß der Schein der Unhaltbarkeit nur durch die verfehlte Herausgabe Dr. Koegels hervorgerufen wird.

Es liegt hier also ein ganz wissenschaftlicher Streit vor. Ich bin der Meinung, daß ich die Wahrheit verteidige gegenüber einer Entstellung. Ich mußte nun leider in meinem erwähnten Aufsatz zu dem sachlichen Angriff gegen die gegenwärtigen Veröffentlichungen des Nietzsche-Archivs eine Charakteristik der Vorgänge hinzufügen, die zur Entlassung Dr. Fritz Koegels geführt haben. Denn ich mußte zeigen, daß zu dieser Entlassung nicht Gründe geführt haben, die in der wissenschaftlichen Befähigung Koegels liegen, sondern ein persönlicher Zwist zwischen Frau Elisabeth Förster-Nietzsche und Dr. Koegel. Ich habe zu diesem Behufe die Tatsachen einfach erzählt, die ich aus persönlicher Erfahrung kenne. Ich war mir von dem Tage, an dem ich den Aufsatz schrieb, an klar, daß ich von Seite der Frau Förster-Nietzsche und ihrer Freunde den schärfsten Angriffen ausgesetzt sein werde. Das konnte mich nicht abhalten, die Wahrheit auszusprechen in einer Angelegenheit, die mir so wichtig ist wie die Sache Nietzsches. Dennoch hätte ich es vielleicht vermieden, über Charaktereigentümlichkeiten und Handlungen der Frau Förster-Nietzsche zu sprechen, wenn nicht diese Frau durch die Art, wie sie den Nachlaß ihres Bruders verwaltet, es notwendig machte. Wer sich persönlich so in den Vordergrund schiebt wie Frau Förster-Nietzsche macht bedauerlicher Weise eine rein sachliche Behandlung der in Betracht kommenden Dinge unmöglich. Die Öffentlichkeit soll hinnehmen, was Frau Förster-Nietzsche sagt und tut. Deshalb mußte sie auch über deren Qualitäten aufgeklärt werden. Es lag für mich also ein zwingender Grund zu einer persönlichen Charakteristik vor, trotzdem ich wußte, welchen Mißdeutungen ich mich durch ein solches Vorgehen aussetzte. Ich kenne zweierlei: Erstens, daß Frau Elisabeth Förster-Nietzsche eine charmante, durch ihre persönliche Liebenswürdigkeit fesselnde Gesellschaftsdame ist, und daß sie durch diese Eigenschaft den Blick der ihr befreundeten Personen für eine wahrhaftige Beurteilung ihrer Eigenschaften trübt. Ich konnte mir also denken, daß die Freunde über mich herfallen werden. Das zweite ist, daß Frau Förster-Nietzsche ja unbestreitbar große Verdienste um die Verwaltung des Nachlasses ihres Bruders hat. Diese können gegen jemand, der genötigt ist, als Gegner dieser Frau aufzutreten, immer ausgespielt werden. Und daß Frau Förster-Nietzsche selbst sich in der Weise verteidigen werde, wie es ihrem von mir skizzierten Charakter entspricht, darüber konnte ich auch keinen Zweifel haben. Ich begreife deshalb ihren unerhörten Angriff in Nr. 29 der «Zukunft» (vom 21. April 1900), und begreife schließlich auch die Verteidigung, die ihr Herr Dr. Arthur Seidl, im ersten Maiheft der «Gesellschaft» gesungen hat. Diese « Verteidigung» Dr. Seidls zeigt ja hinlänglich, wes Geistes Kind der Verteidiger ist; und ich habe sein Gespinst von unrichtigen Behauptungen, von leichtfertigen Anschuldigungen meiner Person, und, worauf es mir vor allem ankommt, von unglaublichen logischen Unsinnigkeiten, im zweiten Maiheft der «Gesellschaft» aufgelöst.

Nun kommt aber etwas völlig Unbegreifliches. Im zweiten Juni-Heft der «Gesellschaft» bringt Herr Michael Georg Conrad einen kurzen Aufsatz «Steiner contra Seidl», der alles übertrumpft, was an Unglaublichem von Seite der Freunde Frau Förster-Nietzsches geleistet worden ist. Dieser Aufsatz beginnt: «Für Steiners Art und Verhalten im Nietzsche-Streit ist nach meinem Gefühl ein Satz entscheidend, der im «Magazin» wie in der «Gesellschaft» gleichlautend der Steinerschen Feder entfließt. Ein Stilkünstler wie Steiner schreibt, was er schreiben will, mit voller Erwägung der Eindrucks-Momente und Suggestions-Werte jedes einzelnen Wortes. Alles Unbewußte und Ungewollte ist ausgeschlossen. Daher hat Herr Dr. Steiner für die Wirkung seines Schreibens die volle Verantwortung zu tragen. Ich beschränke mich in der Erörterung der Wirkung auf einen einzigen Satz. — In der «Gesellschaft» steht er auf $. 201, Zeile 9: «Bald nach Dr. Koegels Verlobung benutzte Frau Förster-Nietzsche meine Anwesenheit usw.» Und nun schließt mein Herr Gegner an diesen Satz folgende erbauliche Betrachtung: «Nun ist ja alles sonnenklar. Nun liegt’s ja auf der Hand, warum Dr. Koegel seither zu den schwersten Anschuldigungen geschwiegen. Der verfolgte biedere Ehrenmann konnte den Mund nicht auftun aus purer Rücksicht. Selbstverständlich. Schweigen ist des Ritters Pflicht in solchem Falle. Nur sein treuer Schildknappe Dr. Rudolf Steiner durfte mit vorsichtigem Finger auf diesen Punkt tippen. Koegels Verlobung! Aha! Arme Elisabeth Förster-Nietzsche, aus verschmähter Liebe also hast du so bös an dem Archiv-Doktor gehandelt und ihm den Laufpaß gegeben! Weil sie die Erkorene nicht gewesen! - So argumentiert der unbeeinflußte, naive Leser, so muß er argumentieren. ... Anders der andere Leser, der aus hinreichender Personen- und Sachkenntnis jedes Wort, das in diesem Streit gefallen, mit äußerster Kälte und Vorsicht prüft. Er empfängt einen ganz anderen Eindruck von der Steinerschen Prosa im «Magazin und in der «Gesellschaft» und in der «Zukunft», als der gutmütige, gutgläubige, für Zweideutigkeit und Skandal so dankbare Durchschnittsleser. — Er reagiert auf das so beiläufig angeschlagene Motiv «Dr. Koegels Verlobung; in der Steinerschen Partitur auch mit einem aha! und einem Donnerwetter! Aber aus einem wesentlich verschiedenen Grunde. Blitzartig hat dieser eine Ton die ganze Methode und Gesinnungsart Dr. Steiners bis ins Innerste beleuchtet. Durch und durch ist alles hell und klar. Alle kontrapunktische Findigkeit, alle kontradiktorische Schlagfertigkeit, alle Blender silbenstecherischer Bravour, alle Aufbläherei und Schnauzerei — armselige, wirkungslose Künste! Er hat das Weib nicht respektiert und damit alle dumpfen und bösen Gefühle zu Ungunsten der ehrwürdigen Schwester Nietzsches in der Herde aufgerührt. Mit dem Appell an die Gemeinde der schlechten Instinkte hat sich Steiner selbst gerichtet.»

Nun hat mir dasselbe schon Dr. Arthur Seidl in seinem Artikel der «Gesellschaft» vorgehalten und es mit seinem Geschmacke und anderen seiner Eigenschaften vereinbar gefunden, meinen in Rede stehenden Satz eine «ebenso böswillige als einfältige Insinuation» zu nennen. Ich bin ihm die Antwort nicht schuldig geblieben. Ich habe ihm einen objektiven Beweis - so objektiv er nur sein kann - geliefert, daß ich nichts insinuiert habe, sondern daß ich mit diesem Satz nur eine Briefstelle der Frau Förster-Nietzsche (aus einem Schreiben an mich) wiedergegeben habe, die also lautet: «Dr. Koegel sollte nicht nur Herausgeber, sondern auch Sohn und Erbe des Archivs sein. Das letztere war aber nur möglich, wenn mich mit Dr. Koegel eine aufrichtige gegenseitige Freundschaft verbunden hätte. Diesen Mangel fühlte ich und hatte gehofft, daß wir durch seine Heirat befreundeter werden konnten. Da ich mich aber in der Braut vollständig geirrt hatte, so wurde der Mangel an Freundschaft und Vertrauen nach der Verlobung viel stärker fühlbar als vorher.»

Ich habe Herrn Dr. Seidl gesagt: «Nur eine nicht ganz reinlicbe Phantasie kann in meinem Satze eine böswillige Insinuation sehen.» Und nun kommt Herr Michael Georg Conrad, ignoriert meinen Beweis, ignoriert die Auslegung, die mein Satz dadurch erhält, daß er nicht von mir, sondern von Frau Förster-Nietzsche stammt, und errichtet auf diesen «einzigen» Satz eine erbauliche Anklage. Es gibt nunmehr für mich nur zweierlei Annahmen. Entweder, ich gebe Herrn Michael Georg Conrad sein Kompliment zurück und sage: «Ein Stilkünstler, wie Michael Georg Conrad schreibt, was er schreiben will, mit voller Erwägung der Eindrucks-Momente und Suggestions-Werte jedes einzelnen Wortes. Daher hat Herr Michael Georg Conrad für die Wirkung seines Schreibens die volle Verantwortung zu tragen.» Dann müßte ich sagen: Herr Michael Georg Conrad schreibt eine objektiv widerlegte Behauptung hin in der bestimmten Absicht, mich zu verdächtigen, mich herabzuwürdigen in der öffentlichen Meinung. Er bedient sich des Mittels, von dem er hofft, daß viele darauf hineinfallen werden: er stellt sich als den Beschützer einer in ihrer Weiblichkeit schwer gekränkten «ehtwürdigen» Frau auf. Er unterlegt mir die Absicht, in schimpflichster Weise auf die gemeinen Instinkte der «Herde» zu spekulieren. Gegenüber meinen objektive Tatsachen wiedergebenden Ausführungen könnte sich, wenn ich das über Michael Georg Conrad behaupten wollte, jeder einigermaßen Unvoreingenommene selbst ein Urteil bilden. Ich brauchte das meinige nicht hierherzusetzen, denn — was könnte mir an den Ausführungen eines Mannes liegen, der zu solchem fähig ist! Aber ich glaube nicht, daß sich die Sache so verhält. Ich bin vielmehr der Meinung, Herr Michael Georg Conrad schreibt sein Blech in gutem Glauben. Er versteht von der ganzen Sache, von dem Inhalte des Streites nicht das allergeringste. Und weil ihm dieser Inhalt ein Buch mit sieben Siegeln ist, weil er ganz und gar unfähig ist, sich ein wirkliches Urteil zu bilden, verfällt er in seiner kindlichen - im Grunde harmlosen — Art auf den gekennzeichneten Ausweg. Ich lege vielmehr auf einen anderen Satz in Conrads Geschreibsel einen besonderen Wert. Er heißt: «Der Blindeste muß heute einsehen, daß alles und jedes Recht in diesem Streite auf der Seite der Schwester Nietzsches ist.» Ich unterschreibe diesen Satz. Ja, ich nehme in Anspruch, gerade diesen Satz durch meine «kontrapunktische Findigkeit» in «Magazin», «Gesellschaft» und «Zukunft» bewiesen zu haben. Ja wohl, die «Blindesten» werden einsehen, daß alles und jedes Recht auf der Seite der Frau Förster-Nietzsche ist. Die Sehenden aber müssen vom Gegenteil überzeugt sein. Ich kürze Herrn Michael Georg Conrad den Anspruch, zu den «Blindesten» zu gehören, um kein I-Tüpfelchen. Er hat ein volles Recht auf diesen Anspruch. Er setzt sich über alles hinweg, was von mir zur Sache vorgebracht worden ist; er behauptet die kindischesten Dinge aus der «Personen- und Sachkenntnis» heraus, die ihm eben möglich ist. Wenn ein solcher Mann dann sagt: «Dr. Koegel, Dr. Steiner und Gustav Naumann (Verfasser des albernen Zarathustra-Kommentars mit den gassenbubenhaft ungezogenen und hämischen Einleitungen) haben den Ruf der deutschen Wissenschaftlichkeit, Bildung und Ritterlichkeit schwer geschädigt» (auf S. 374 der «Gesellschaft»), so kann ich über einen solchen Satz nur mitleidig lächeln. Zudem brauche ich ja nicht zu beweisen, daß Herr Michael Georg Conrad - den ich als Lyriker und Romanschriftsteller bis zu einem gewissen Grade schätze — mit der deutschen Wissenschaftlichkeit nichts, gar nichts zu schaffen hat. Denn das weiß jeder, der mit «deutscher Wissenschaft» irgend vertraut ist.

Ich glaube Herrn Michael Georg Conrad, daß es ihm recht wäre, wenn man meine Stimme im Nietzschestreite mit einem der Sache so fernliegenden Gerede, wie das seinige es ist, aus der Welt schaffen könnte. Denn dann könnte er, dem ein Urteil in der Sache nicht zukommt, irgend etwas ausrichten.

Traurig bleibt es immerhin, daß ein Artikel, wie der Michael Georg Conrads überhaupt möglich ist. Man setzt sich für eine Sache ein, und irgendein Beliebiger, der zufällig persönliche Beziehungen zu den in die Sache verwickelten Menschen hat, kommt und wagt es, in der gehässigsten Weise zu schreiben — zu schreiben mit Aufrechterhaltung einer absolut widerlegten Behauptung — zu schreiben, ohne sich zugleich verpflichtet zu fühlen, irgendwie auf den Inhalt dessen einzugehen, worauf es ankommt.

Und ein Mann, der so verfährt, hat zugleich die - Naivität, ein Urteil über Gefährdung der «deutschen Bildung» zu sprechen. -— Man müßte denn doch recht bitter werden wenn die Sache nicht so grenzenlos lächerlich wäre. Also lassen wir Herrn Michael Georg Conrad.

Mit Herrn Dr. Arthur Seidl, der im ersten Maiheft der «Gesellschaft» mit ebensolcher Geschwätzigkeit wie Einsichtslosigkeit nachgesagt hat, was er in Weimar sich hat vorsagen lassen, der meine Behauptung, daß Frau Elisabeth Förster-Nietzsche heute blau nennt, was ihr gestern rot war, nicht etwa leugnet, sondern aus dem Satze des alten Heraklit erklärt, daß «alles fließt», - mit diesem Herrn Dr. Arthur Seidl habe ich mich genug beschäftigt in meinem Aufsatz: «Frau Elisabeth Förster-Nietzsche und ihr Ritter von komischer Gestalt» (2. Maiheft der «Gesellschaft»). Da sich aber in etwas veränderter Form auch in Michael Georg Conrads Auslassungen wieder ein Satz findet, den schon Herr Dr. Seidl zu schreiben wagte, so will ich hier wenigstens wiederholen, was ich diesem Herrn auf S. 208 der «Gesellschaft» geantwortet habe. Herr Seidl erdreistete sich, zu schreiben: «Und es darf nicht übersehen werden, wie in dem ganzen, vom Zaune gebrochenen Kampfe die eigernützigen und persönlichen Motive durchaus nur auf Seiten ihrer (der Frau Förster-Nietzsche) Gegner lagen, welche sich als Nietzsche-Herausgeber doch pekuniäre Vorteile schaffen wollten.» Ich antwortete diesem Herrn: «Da Sie im Plural von Nietzsche-Herausgebern sprechen, so unterstellen Sie, daß ich jemals nach pekuniären Vorteilen in dieser Sache gestrebt habe. Ich war nie Nietzsche-Herausgeber; wollte es nie werden, habe mir also niemals pekuniäre Vorteile verschaffen wollen. Sie werden für diese Ihre Behauptungen den Beweis nicht erbringen können. Sie setzen also Verleumdungen in die Welt.»

Frau Elisabeth Förster-Nietzsche selbst hat sich in einem Artikel «Der Kampf um die Nietzsche-Ausgabe» in Nr. 29 der «Zukunft» (vom 2ı. April 1900) gegen meinen Angriff gewendet. Sie stellt einfach die Behauptungen auf: «Er (Dr. Rudolf Steiner) hatte im Herbst 1896 den leidenschaftlichen Wunsch, Nietzsche-Herausgeber zu werden, da er nach Vollendung seiner Mitarbeit am naturwissenschaftlichen Teil der Goethe-Ausgabe ohne Stellung war.»

«...So lange Dr. Steiner noch die geringste Möglichkeit sah, daß ich ihn an der Gesamtausgabe beteiligen könnte, schwieg er. Erst jetzt, wo er aus Horneflers Schrift sieht und wohl auch sonst gehört hat, daß er ganz überflüssig ist und im Nietzsche-Archiv philologisch sowohl als philosophisch alles in bester Ordnung vor sich geht, sucht er sich zu rächen.» Trotzdem ich Frau Elisabeth Förster-Nietzsche kenne, hätte ich doch nicht vorausgesetzt, daß sie durch Behauptungen, die so völlig aus der Luft gegriffen sind wie diese, meinem Angriff häßliche, persönliche Motive unterzulegen versuchen werde. Ich habe mich niemals um die Stelle eines Nietzsche-Herausgebers beworben, habe niemals einen in dieser Richtung gehenden Wunsch der Frau Förster-Nietzsche ausgedrückt. Ich habe vielmehr im Herbst 1896 die fortwährenden «seltsamsten Versuche» dieser Frau, mich zum Herausgeber zu machen, abwehren müssen. Trotzdem ist sie heute imstande, Sätze wie die zitierten hinzuschreiben. So gern ich das vermieden hätte, muß ich jetzt mit Worten, die die Sachlage noch derber beleuchten, als meine bisher gebrauchten, auf Frau Förster-Nietzsches Bestrebungen, mich in irgendeiner Form zu den Arbeiten des Nietzsche-Archivs heranzuziehen, zurückkommen. Jahrelang hat diese Frau mich damit molestiert, für mich irgendein Ämtchen im Nietzsche-Archiv zurecht zu zimmern. Im Frühjahr 1895 fing sie damit an. Ich sollte zunächst doch wenigstens auf einige Tage nach Naumburg kommen - dort war damals das Nietzsche-Archiv, - um Nietzsches Bibliothek zu ordnen und zu katalogisieren. Ich entzog mich, so lange ich konnte, auf jede Weise, zuletzt mit Berufung auf den in solchen Fällen so beliebten «geschwächten Gesundheitszustand». Dann kam ich diesem ihrem Wunsch doch entgegen und katalogisierte die Bibliothek. Ich glaubte dadurch, Ruhe zu haben. Ich hatte mich geirtt. Das Molestieren hörte nicht auf. Als Frau Förster-Nietzsche im Herbst 1896 nach Weimar übersiedelte, wo ich damals auch wohnte, gebrauchte ich sogar ein deutliches Zeichen der Unhöflichkeit, um allen Weiterungen zu entgehen. Ich machte Frau Förster-Nietzsche in Weimar zunächst keinen Besuch. Sie schrieb mir, ich möchte doch kommen. In welcher Lage ich war, als der Streit mit Dr. Koegel losbrach, habe ich mehrfach geschildert. Ich wäre damals ganz sicher von Weimar abgereist, um vor Frau Förster-Nietzsche sicher zu sein, wenn es mir nicht Herzensbedürfnis gewesen wäre, an der Stätte, wo ich jahrelang über Goethes Naturanschauung gedacht und geforscht, mein abschließendes Werk über «Goethes Weltanschauung» zu vollenden. Ich habe nur einen Fehler gemacht. Ich habe mich durch die Wichtigkeit der Sache Nietzsches immer und immer wieder davon abhalten lassen, der Frau Förster-Nietzsche den Stuhl vor die Tür zu setzen. Und diese Frau spricht nun davon, ich wollte mich rächen, weil ich eine Stelle im Nietzsche-Archiv nicht erhalten habe. Ja sie bringt es fertig in Nr. 33 (vom ı9. Mai 1900) der «Zukunft» sich den Satz zu leisten: «Es scheint mir unwesentlich, daß Herr Dr. Steiner durchaus beweisen will, ich hätte ihm die Stellung angeboten, er habe sie aber gar nicht in Betracht gezogen. Ich weiß nicht, ob es irgendwo Menschen gibt, die es für möglich halten, daß ich einen Herausgeber ins Auge fasse, der überhaupt nicht will.» Ja freilich sollte man es nicht für möglich halten. Aber Frau Elisabeth Förster-Nietzsche hat das Unmögliche halt doch getan. Sie behauptet ja so vielerlei. Z.B. sagt sie auch (indem sie in einer Auslassung vom 19. Mai die vom 21. April übertrumpft): «Seit dem Frühjahr 1894 war es Dr. Steiners leidenschaftlicher Wunsch, Nietzsche-Herausgeber zu werden; und als ich, die damals nicht daran denken konnte, ihn zu wählen, weil er noch am Goethe-Archiv angestellt war, Herrn Dr. v. d. Hellen anstellte, der gerade seine Tätigkeit am Goethe-Archiv beschloß, hat Herr Dr. Steiner Herrn v. d. Hellen eine schreckliche Scene gemacht und ihm in der peinlichsten Weise vorgeworfen, daß er ihm diese Stellung, für die er prädestiniert gewesen wäre, weggenommen habe.» Ich will natürlich nicht auf den knüppeldicken Widerspruch aufmerksam machen, der darin liegt, daß Frau Förster-Nietzsche behauptet: sie hätte doch nicht daran denken können, mich anzustellen, weil ich anderwärts beschäftigt war, ich aber hätte sehr wohl doch daran gedacht, trotz anderwärtigem Gebundenseins die Stellung im Nietzsche-Archiv anzustreben. Denn solche Widersprüche sind ja in allem, was Frau Förster-Nietzsche schreibt, übergenug. Aber es ist das so recht ein Beispiel davon, wie sie Tatsachen wieder erzählt. Ich hatte einmal das Malheur, nicht von mir, wohl aber von einer Reihe anderer Menschen für den geeignetsten Nietzsche-Herausgeber gehalten zu werden. Diese Meinung hatte damals auch Dr. von der Hellen. Er hat deshalb in durchaus vornehmer und wohlwollender Absicht einen Schritt getan, den ich, von meinem Gesichtspunkte aus, doch übel nehmen mußte. Er, der eine Stellung am Nietzsche-Archiv erhalten, kam zu mir, um sich bei mir deswegen zu entschuldigen. Ich hatte eben auch damals nicht im entferntesten daran gedacht, die Stellung anzustreben, und empfand es recht unbehaglich, daß man mir zumutete, mich beschwichtigen zu müssen. Die Tränengeschichte, die Frau Förster-Nietzsche ebenfalls am ı9. Mai in der «Zukunft» zum Besten gibt, ist zwar ebenso unrichtig, wie die «peinliche» Scene mit v. d. Hellen; dafür aber noch um ein gutes Stück lächerlicher.

Vorläufig dürfte das genügen. Denn mit der Grundfabel, daß ich den leiderischaftlichen Wunsch gehabt habe, Nietzsche-Herausgeber zu werden, zerfallen alle andern Fäbelchen von selbst.

German original of On the Alleged “Battle for the Nietzsche Edition” · ← Previous · Next →