113. C. Andresen «Die Entwicklung des Menschen»

Nur der unseligen Manie, um jeden Preis schriftstellerisch tätig sein zu wollen, können Bücher wie dieses ihren Ursprung verdanken. Auf 124 Seiten stellt der Verfasser alles zusammen, was ihm an Einfällen über menschliche Fähigkeiten, Kulturzweige, Gott, Religion, religiöse Entwicklung, Staat, Bildung, Gesittung, über Rechts- und Völkerleben aufgestoßen ist. Daß er uns dabei auch mit sozialreformatorischen Ideen nicht verschont, ist erklärlich, denn wie sollte der nicht auch über die Zukunft etwas zu wissen glauben, der über alle Verhältnisse der Vergangenheit urteilen zu können vermeint. Aber wir sind der Ansicht: irgend etwas hat wohl jeder Gebildete schon über die oben bezeichneten Begriffe gedacht; dies ist aber noch kein Grund, solche zufällige, zusammenhanglose Einfälle ohne leitende Gesichtspunkte, ohne einheitliche Weltanschauung in einem Buche aneinanderzureihen und drucken zu lassen. Wir wollen nicht sagen, daß unter diesen Einfällen nicht auch mancher gute ist, aber daneben finden wir Sätze, von denen wir nicht begreifen können, wie sie ein Mann, der in der Bildung der Gegenwart aufgewachsen ist, niederschreiben kann, so z.B. Seite 73: «Leiden, welche jemand durch die Sünden der Eltern erduldet, leidet er nicht ungerecht, weil er das Fleisch und Blut seiner Eltern ist.» Verdienstlicher, als dieses Buch zusammenzuschweißen, wäre es gewesen, wenn der Verfasser seine wirklich guten Gedanken über die Stellung der bäuerlichen Bevölkerung im Staatswesen und über das Hypothekenwesen im wirtschaftlichen Leben weiterverfolgt und für sich verarbeitet hätte. Denn der vollständigen Verkennung des Grundsatzes, daß (siehe Seite 64) «eine möglichst kräftige und gesunde Bauernbevölkerung durch ihre Entwicklungsfähigkeit eine Hauptstütze der Nation ist», von seiten vieler sogenannter freisinniger Volksmänner kann nicht oft genug durch die Klarstellung der richtigen Ansicht begegnet werden. Ebenso ist es notwendig, daß sich die Erkenntnis von der Reformbedürftigkeit des Hypothekenwesens, das in seiner gegenwärtigen Gestalt der Landwirtschaft schwere Schäden zufügt, immer mehr Bahn bricht. Diese Fragen müßte der Verfasser gesondert behandeln, wenn seine gerade in dieser Beziehung richtigen Bemerkungen auf fruchtbaren Boden fallen sollen.

German original of C. Andresen “The Development of Man” · ← Previous · Next →