113. Jürgen Bona Meyer «Temperament und Temperamentbehandlung»
Jürgen Bona Meyer gehört zu denjenigen philosophischen Schriftstellern, deren einzelne Leistungen nicht das Gepräge tragen, das sie einem bestimmten Systeme am gehörigen Orte einreiht, dabei aber doch den unerläßlichen Hintergrund einer genau erkennbaren philosophischen Denkweise und Gesinnung nicht verkennen lassen. Wir möchten ihn in dieser Hinsicht in eine Reihe stellen mit Moriz Lazarus. Solche Gelehrte eignen sich in hervorragendem Maße dazu, Fragen von allgemeinem Interesse für ein größeres Publikum zu behandeln. Das letztere nimmt dann unbewußt gewisse philosophische Anschauungen mit in den Kauf, die es sich aus streng philosophischen Schriften doch niemals aneignen würde. Wegen dieses Umstandes wünschten wir diesem kleinen Schriftchen die weiteste Verbreitung, wenn wir auch nicht leugnen können, daß uns manches sehr Engherzige in demselben abgestoßen hat. Was soll es zum Beispiel heißen, wenn Schopenhauer und Leopardi als Beispiele angeführt werden, wie durch fehlerhafte Erziehung sich Individuen bilden, deren Temperament krankhaft genannt werden muß, und wenn dann des näheren ausgeführt wird, was die Erzieher der beiden Männer hätten tun sollen, um geistig gesündere Menschen aus ihnen zu machen. Es scheinen aber doch noch immer wenige Menschen zu wissen, daß die bedeutenden Charaktere der Kulturentwicklung die Fehler ihrer Tugenden haben. Aber abgesehen davon ist das kleine Heft voll von wissenswerten psychologischen Beobachtungen über Temperamente und beherzigenswerten Winken für die Bildung derselben.