114. Eduard Kulke «Zur Entwicklungsgeschichte der Meinungen»

Als wir den Titel dieser Schrift lasen, freuten wir uns sehr. Wir wissen heute in höherem Maße als früher, daß ein weites Feld im Reich der menschlichen Anschauungen liegt, das einem fortwährenden Wandel in der geschichtlichen Entwicklung unterworfen ist. Friedrich Nietzsche hat es in seiner grotesken, nervösen und deshalb auf- und anregenden Weise weiten Kreisen unlogisch aber wirksam zum Bewußtsein gebracht. Eine Entwicklungsgeschichte der Meinungen müßte nun zeigen, von welchen Gesetzen die Veränderungen der menschlichen Anschauungen bewirkt werden, in dem Sinne wie etwa die Naturwissenschaft die Gesetze der Verwandlung einer organischen Form in die andere oder die Geschichte die eines Staates in den andern festzustellen sucht. Von alledem finden wir freilich in Kulkes Buch wenig. Über ' die Entstehung der Meinungen wird nur gesagt, daß der Instinkt die Quelle gemeinsamer, die Phantasie jene der bei Individuen und Völkern differierenden Ansicht sei. Die Bedürfnisse, die der Instinkt schafft, sind bei einer Menge von Menschen, die dieselbe Gegend bewohnen, dieselben. Über die beste Weise, sie zu befriedigen, entsteht kein Streit. Was dagegen diesem Gebiete entzogen ist, dessen bemächtigt sich die Phantasie, und die wirkt bei verschiedenen Menschen verschieden. In ziemlich breiter Art zeigt nun die Schrift, wie die Meinungen in bezug auf politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche, künstlerische, religiöse, wissenschaftliche Dinge voneinander abweichen. Statt nun zu untersuchen, nach welchen Gesetzen sich die eine aus der andern herausentwickelt, stellt der Verfasser Erwägungen darüber an, wodurch zuletzt sich die veränderlichen Meinungen in feste Erkenntnisse, in praktisch unanfechtbare Maximen verwandeln. Diese Korrektur wird, nach seiner Ansicht, in bezug auf die theoretischen Meinungen in dem Augenblicke vollzogen, in welchem sie Resultat einer Wissenschaft werden und innerhalb derselben durch unanfechtbare Beweise gestützt werden. Mit den ethischen Maximen aber vollzieht sich der Übergang von der Wandelbarkeit zur Dauer dann, wenn der Staat sie in der Weise formuliert, daß mit der besten Sorge für das Gesamtwohl sich die freieste Beweglichkeit der Individualität verbindet. So hat Kulke eigentlich nur Anfangs- und Endpunkt in der Entwicklungsgeschichte der Meinungen bestimmt, die Mitte aber, also gerade das Gebiet, wo sich die Gesetze für die ewige Metamorphose der Ansichten finden lassen müßte, völlig unberührt gelassen. Der Inhalt dieser Schrift hält also nicht, was der Titel verspricht.

German original of Eduard Kulke “On the History of the Development of Opinions” · ← Previous · Next →