137. Ernst Ziel «Von Heute»
Gedanken auf der Schwelle des Jahrhunderts
Bei alledem zweifle ich nicht, daß Nietzsche auch Ernst Ziel unter die Kategorie der «Bildungsphilister» gereiht hätte. Denn erschütternde Meinungen, solche, die sich als Heilmittel großen Stiles gegen eingewurzelte Vorurteile ausnehmen, finden sich in dem Büchlein nicht. Aber wenn man dies ‚behauptet, darf man nicht übersehen, daß Nietzsche den Ausdruck «Bildungsphilister» im Hinblick auf David Friedrich Strauß geprägt hat. Hätten wir nur recht viele «Bildungsphilister» solchen Schlages! Und hätten diejenigen, die es sind, nur auch unter allen Umständen den Freimut Ernst Ziels. Wie mancher denkt heute: «Die Bretter, mit denen in Deutschland heute die Vernunft der oberen Klassen vernagelt ist, heißen nationale Überhebung und Königlich preußische Unterwürfigkeit. Und die Nägel dazu? Bureaukratismus, Dogmatismus, Militarismus nebst einigen anderen ‹-ismus›.» Wie mancher fühlt: «Wenn der Herr Leutnant sein stolzestes Wort spricht, dann sagt er mit Betonung: «Ich diene!» Kann man bedientenhafter denken? Selbst Byzanz hätte ihn ausgespien vor Übelkeit. Aber dem heutigen Deutschland liegt er nicht schwer im Magen — durchaus nicht — ganz im Gegenteil!» Wieviele aber sprechen solches frei und offen aus. Hier ist einmal einer. Wieviele werden sich in dem Büchlein recht porträttreu gezeichnet finden? Klopfet an eure Brust, die es euch trifft. Ihr seid zahlreich. Hört: «Ein literarischer Redakteur vom allerneuesten Schlage muß alle Literaturschikanen, Literaturparolen und Literaturpraktiken — Gott wie vieles! - am Schnürchen haben - von der Literatur braucht er nichts zu wissen.» Oder: «Die Zahl der deutschen Fürsten ist seit 1866 erheblich kleiner geworden — nämlich auf den Thronen. - In manch einem illustrierten Preßorgan dagegen ist sie bedeutend gewachsen. Heute der junge Prinz von Reuß und seine «hohe Braut, die blutjunge Prinzessin von Meiningen, im Bilde, morgen der von Lippe und die von Waldeck oder gar alle vier lieblichen Hoheiten in einer Nummer - interessant! gelt? Unsere allersubmissesten Herren Redakteure wissen eben genau, woher in dieser imperialistischen Zeit der Wind weht und wie sie die Abonnenten, gerade ihre Abonnenten einzubeuteln haben...» «Wind weht!» und «einbeuteln» ist gut gesagt! Diese Herren Redakteure sind die reinen Windhunde geworden.