138. Gegen Die «Lex Heinze»
Es war eine imposante Kundgebung der Berliner Kunstund Literaturwelt, die wir am 4. März erlebten. Gustav Eberlein, Hermann Nissen, Hermann Sudermann erhoben kräftig Einspruch gegen den unerhörten Gesetzentwurf, der, zur Wirklichkeit geworden und im Sinne ihrer Urheber gehandhabt, jede Entfaltung des Geisteslebens im modernen Sinne einfach unmöglich machen würde. Was alles unmöglich würde, dafür fanden die Sprecher scharfe, ironische, aber durchaus zutreffende Worte. Es ist ja kein Zweifel - wieder einmal stehen in widrigster Art: Finsternis gegen Licht, Autorität gegen Geistesfreiheit, Unvernunft gegen Vernunft. Die deutschen Geister sind keine politischen Raisonaire. Sudermann hat es scharf betont. Jahrelang saßen sie ruhig, allem politischen Getriebe abgewandt, in ihren Ateliers, in ihren Schreibstuben. Die Vertreter mittelalterlicher Institutionen haben heute die Unpolitischsten zu regsamen politischen Agitatoren gemacht. «Nehmen wir an, daß das Gesetz einmal geschaffen ist» sagte Sudermann. «Wie würden sich die Dinge ausnehmen? Große dramatische Ahnengalerien würden auf der Bühne erscheinen. Wie viele Fürstenhäuser gibt es in Deutschland! Alle ihre Ahnen würden auf den Brettern zu unserer Bewunderung vorüberziehen. In einen Nebel von Vorurteilen will man unsere Kunst einhüllen, damit die Wahrheit verborgen bleibe. Denn die, welche dieses Gesetz machen, wollen nicht die Wahrheit. Sie wollen ihre jahrhunderte alten Vorurteile.»
Es ist nicht genug mit diesem einen Proteste. Er muß sich wiederholen. Denn so wahr es ist, daß auf die Dauer der Unsinn nicht die Wahrheit auf der Welt vertreiben kann, so wahr ist es, daß die Unvernunft für lange Zeiten siegen kann. Aber auch das können wir nicht vertragen. Das Leben ist zu kurz. Wir haben keine Zeit für das Spiel täppischer Hände, die uns das Licht verhüllen wollen.