Aufsätze aus «Deutsche Wochenschrift»
Die Woche, 18.-25. April 1888
Die erste Woche der österreichischen Budgetdebatte ist vorüber. Ihr Verlauf gestaltete sich bewegter und stürmischer, als der gelassene und vielleicht resignierte Ton der ersten Redner erwarten ließ. Schon die Rede des Abgeordneten Dr. Gregr rief wegen ihrer leidenschaftlichen, gegen die Politik der Regierung gerichteten Spitze anhaltende Bewegung hervor. Aber dem Dr. Lueger, diesem Demokraten von Fall zu Fall, blieb es vorbehalten, durch seine häßlichen Verdächtigungen der Linken einen Skandal zu provozieren, wie man ihn selbst in diesem Abgeordnetenhause selten erlebt hat. Unter dem Eindrucke einer höchst unwürdigen Szene schritt das Haus zur Abstimmung über den Dispositionsfonds. Die noch zweifelhaften Stimmen des Coronini-Clubs vereinigten sich nunmehr mit denen der Opposition und der Jungtschechen, einige Polen taten das gleiche, und der Dispositionsfonds wurde zu Fall gebracht. Darum bleibt jedoch Graf Taaffe ruhig weiter Minister.
Am 23. erfolgte die Begegnung zwischen dem Kaiser Franz Josef und der Königin Viktoria von England. Nicht nur die österreichischen, sondern auch die deutschen und englischen Blätter widmen derselben äußerst sympathische Betrachtungen. Ein Gleiches gilt von dem Besuche der Königin in Charlottenburg und Berlin.
Die Nachrichten über das Befinden des deutschen Kaisers Friedrich lauten wieder günstiger und erwecken die Hoffnung, daß er die jetzige Krise glücklich überstehen werde.
In Frankreich ist Boulanger noch immer der Held des Tages und der Gasse. Sein erstes Erscheinen in der Kammer, dem man mit Spannung und Besorgnis entgegensah, hat sich freilich nicht zu einem Siege des plebiszitären Generals gestaltet. Er kam gerade zurecht, als das Ministerium Floquet mit 379 gegen ı77 Stimmen ein Vertrauensvotum erhielt, dessen Spitze gegen den zukünftigen Diktator gerichtet war. Es wurde der Regierung das Vertrauen ausgesprochen, daß sie es verstehen werde, den republikanischen Einrichtungen in entschiedener Weise Achtung zu verschaffen, sowie die vom Lande verlangte Politik des Fortschritts, der Reform und der Freiheit zur Geltung zu bringen. Indes dürfte dieser Sieg des Ministeriums nicht von langer Dauer sein und die Gefahr für die Republik noch nicht beseitigen, da die Opportunisten und der Senat wieder gegen Floquet Mißtrauen hegen, weil er die Frage der Verfassungsrevision ins Rollen gebracht hat.
Es ist jetzt klar, auf welchen Einfluß die Bauernunruhen in Rumänien, die übrigens schon im vollen Abnehmen begriffen sind, zurückzuführen sind. Der offiziöse «Telegraphul» veröffentlicht einen scharfen Angriff gegen den russischen Gesandten Hitrowo. Man erwartet in Bukarest die Ab. berufung Hitrowos.
Auch die Bauernunruhen in Bulgarien, die ebenfalls unter dem russischen Protektorate in Szene gesetzt wurden, wurden durch die Energie der Regierung im Keime erstickt. «Eine Besserung der politischen Lage ist wohl nicht zu verzeichnen», meinte Stambulow in einem politischen Gespräch, «aber es ist vielleicht besser, daß die Krise länger dauert, da der Fürst mit der Zeit um so leichter die gesetzliche Sanktion erlangen wird.»