Aufsätze aus «Deutsche Wochenschrift»

Die Woche, 11.-18. April 1888

Im Österreichischen Abgeordnetenhause wurde am 16. d. die Generaldebatte über das Budget eröffnet. Der Ausgang derselben kann wohl für niemanden mehr zweifelhaft sein. Das Budget wird bewilligt werden trotz der durch die Jungtschechen und den Abgeordneten Gregorez verstärkten Opposition der Linken. Übrigens hat die Budgetdebatte angesichts der Spiritus- und Wehrvorlage viel an Interesse eingebüßt. Die bisherigen Redner der Opposition scheinen auch unter diesem Eindrucke zu stehen. Man vermißt in ihren Reden die wuchtigen Schwertstreiche, welche sonst von oppositioneller Seite gerade bei der Budgetberatung gegen die Regierung geführt zu werden pflegen, und es scheint, als ob die Opposition ihre ganze Kraft sich für die Debatte über die Spiritusvorlage aufsparen wollte. Die Polen haben in derselben den oppositionellen Standpunkt, mit dem sie noch bis in die letzte Zeit paradierten, ungeachtet des Petitionensturmes aus ihrem Lande aufgegeben. Diese Nachgiebigkeit ist übrigens nicht ein Verdienst der Regierung, sondern dem Einflusse des höchsten konstitutionellen Faktors zuzuschreiben. Man kann nunmehr darauf gefaßt sein, daß die Polen aus ihrer Entsagung, eine oppositionelle Rolle zu spielen, mit der sie es allerdings niemals gar zu ernst genommen haben, Kapital schlagen werden. Auch der ungarische Landesverteidigungsminister hat im Reichstage eine mit der österreichischen identische Wehrvorlage eingebracht. Nur weist der Motivenbericht der ungarischen Wehrvorlage im wohltuenden Gegensatze zu der Dürftigkeit des österreichischen eine lobenswerte Ausführlichkeit auf. Die beunruhigenden Verhältnisse an unserer nordöstlichen Grenze rechtfertigen die in das soziale Leben der Monarchie tief einschneidende Maßregel. Der österreichische Justizminister hat am 16. d. einen Gesetzentwurf eingebracht, durch welchen die Wirksamkeit des noch bis ro. August d. J. geltenden Anarchistengesetzes bis 31. August 1891 verlängert werden soll.

Deutschland ist von seiner beängstigenden Kanzlerkrise wohl auf eine lange Zeit hinaus befreit, aber der unerquickliche Eindruck, den dieselbe durch die gewissenlose Ausbeutung seitens gewisser Kreise hinterlassen hat, wird so bald nicht verwischt werden. Dagegen versetzt die plötzlich eingetretene Verschlimmerung in dem Befinden des Kaisers Friedrich das deutsche Volk in Besorgnis und Trauer. Das Leiden ist kein örtliches mehr, es hat auch andere edle Körperteile ergriffen. Alle Mitglieder des kaiserlichen Hauses sind fast den ganzen Tag im Charlottenburger Schlosse versammelt.

Zum dritten Male hat Boulanger gesiegt. Am 16. d. wurde er mit ungeheurer Mehrheit zum Abgeordneten des Nord-Departements gewählt. Seinen Sieg hat er auch diesmal den Bonapartisten zu danken. Der «wackere» General hat ein Manifest an die Wähler des Nord-Departements erlassen, in welchem er die Beseitigung der Kammer, des Präsidenten und des Ministeriums sowie die Einberufung einer Constituante fordert. Quousque tandem, Catilina! Ein Gutes hat die Boulanger-Torheit aber dennoch zutage gefördert: die republikanischen Parteien haben sich angesichts der Gefahr, welche der Republik droht, enger zusammengeschlossen. Nur durch ein solches Festhalten kann die Gefahr beseitigt werden.

Die Lage im Orient hat keine Veränderung erfahren, Die Revolten, die in einigen Orten Rumäniens ausbrachen, werden wohl durch die Energie der Regierung bald ganz niedergedrückt werden. — Von einer bevorstehenden Abreise des Fürsten Ferdinand von Bulgarien nach Bukarest ist in gut unterrichteten Kreisen nichts bekannt.

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