Aufsätze aus «Deutsche Wochenschrift»
Die Woche, 3.-10. Mai 1888
Schwere Tage hatte das Ministerium Taaffe in der vorigen Woche durchzumachen. Die Regierungspartei tat so, als habe sie nicht übel Lust, dem Herrn von Gautsch das Unterrichtsbudget zu verweigern. Es hätte auch leicht dazu kommen können, wenn die Opposition sich ihrer Pflicht nicht entzogen hätte. Der größte Teil des Deutsch-Österreichischen Klubs aber ging in das regierungsfreundliche Lager über und rettete so das Ministerium Taaffe oder doch den Herrn Minister für Kultus und Unterricht. Ob das Kabinett sich aber recht seines Sieges erfreuen wird, ist sehr fraglich. Der Liechtensteinsche Schulantrag und das Spiritusgesetz werden allem Anscheine nach der Regierung noch manche Unannehmlichkeiten bereiten, und es wird sich zeigen, ob das Kabinett denselben auch in Zukunft gewachsen sein wird. Über die sonstigen Vorkommnisse im österreichischen Parlamente bleibt nur wenig Erfreuliches zu sagen. Die Skandalsucht steigert sich von Tag zu Tag. Ein Mißbilligungs-Ausschuß folgt dem andern. Das ist die Tätigkeit des Österreichischen Abgeordnetenhauses, dem das Volk dafür wenig Dank wissen wird.
Die große Verstimmung, welche die Ernennung des Generals Bogdanowitsch im Deutschen Reiche hervorgerufen hat, dauert fort. Während man in Deutschland jeden Anlaß meidet, durch den die Empfindlichkeit des Zaren irgendwie verletzt werden könnte, hat man in Rußland wenig Verständnis für ein gleiches Entgegenkommen. Daß durch diese zum. mindesten unzeitgemäße Ernennung des Generals Bogdanowitsch die boulangistische Bewegung in Frankreich, welche in der letzten Zeit einigermaßen im Abnehmen begriffen zu sein schien, wieder eine neue Anspornung erhalten hat, ist begreiflich. Die republikanischen Blätter eröffnen jetzt einen Feldzug gegen die Minister Lockroy und Freycinet, welche das Manifest der Deputierten und Senatoren der Seine gegen Boulanger nicht unterzeichnen wollten. Die Erklärung des Ministerrates, daß Lockroy und Freycinet das Manifest nicht zu unterschreiben hätten, weil das Ministerium in allen Handlungen solidarisch sei und die im Parlamente über den Boulangismus abgegebenen Erklärungen Floquets genügten, hat allem Anscheine nach wenig Eindruck gemacht. Die erste Lieferung des Buches «L’invasion allemande» aus der Feder Boulangers, in welchem er die Ereignisse und die Männer des Jahres 1870 «analysiert und studiert hat», soll in den nächsten Tagen erscheinen. 2½ Millionen Exemplare desselben würden gratis verteilt werden.
Nun rüstet auch England. Der Kriegsminister Stanhope hat eine Vorlage zur Verbesserung der nationalen Verteidigung eingebracht, welche vom Unterhause in erster Lesung angenommen wurde. Überall in Europa beugt man sich dem ehernen Gebote: si vis pacem, para bellum.
Der italienische Ministerpräsident hat der «Irredenta» auf der apenninischen Halbinsel gründlich heimgeleuchtet. Er betonte in einer bedeutsamen Rede, daß Italien mit Deutschland und Österreich verbündet sei, aber einzig deswegen, weil dies am besten den Interessen Italiens entspreche. Crispi gab auch zu, daß neben dem Bunde Italiens mit Deutschland und Österreich auch ein solcher zwischen Italien und England bestehe.
Auf der Balkanhalbinsel ist alles ruhig. Fürst Ferdinand von Bulgarien ist in Tirnowa angelangt und mit begeistertem Jubel empfangen worden. Der Fürst hielt bei einem ihm zu Ehren veranstalteten Bankette eine Ansprache, in welcher er auf die moralische Stärke Bulgariens hinwies, die ihn hoffen lasse, daß es sich von allen schädlichen fremden Einflüssen bald unabhängig machen werde. «Diese Stärke flößt mir» — so schloß der Fürst seine Ansprache — «ein starkes Vertrauen auf eine glänzende Zukunft Bulgariens ein.»