Aufsätze aus «Deutsche Wochenschrift»
Die Woche, 11.-16. Mai 1888
Das Befinden Kaiser Friedrichs bessert sich in erfreulichster Weise wieder von Tag zu Tag; Fürst Bismarck ist nach Varzin abgereist.
Seit einigen Tagen ist im Österreichischen Abgeordnetenhause die Budgetdebatte in ein ruhigeres Fahrwasser getreten. Die Krisengerüchte, die in der letzten Zeit wiederholt auftauchten, sind nun auch verstummt. Ernst hat sie ohnedies kaum jemand genommen. Wie vorauszusehen war, haben sich die Polen dem Rate Grocholskis, des «klügsten Mannes», ganz gebeugt und in der Spiritusfrage einen mehr oder weniger geordneten Rückzug angetreten. Auch Prinz Liechtenstein hat dareinwilligen müssen, daß die erste Lesung seines Schulantrages auf die nächste Session verschoben werde. Dagegen erfährt man, daß der von der Opposition so sehr verhätschelte Minister für Kultus und Unterricht sich mit der Vorbereitung eines neuen Volksschulgesetzes beschäftige. Wahrhaftig, die Volksschule darf sich nicht darüber beklagen, daß man sich ihrer zu wenig annehme. Die lex Liechtenstein, lex Lienbacher, lex Herold und lex Gautsch, sie alle bezwecken mit ihrer eigentümlichen Fürsorge, die arme Volksschule zu erdrücken. Zur Bewältigung des massenhaften, noch unerledigten Arbeitsmateriales werden schon in den nächsten Tagen Abendsitzungen stattfinden. Man spricht auch von der Notwendigkeit einer Fortdauer der Session bis in die Sommermonate. Am 13. Mai wurde das Denkmal der Kaiserin Maria Theresia auf dem herrlichen Platze zwischen den beiden Hofmuseen in Wien im Beisein des Kaiserpaares feierlich enthüllt; am folgenden Tage eröffnete Franz Josef persönlich die Jubiläums-Ausstellung, welche der Niederösterreichische Gewerbeverein im Prater bzw. in der Rotunde zur Feier des vierzigsten Regierungsjubiläums veranstaltet hat.
Endlich ist auch England aus der Reserve eines stillen Beobachters herausgetreten. Am 14. ds. begab sich eine Deputation, deren Mitglieder den angesehensten Persönlichkeiten des Landes angehören, zum Kriegsminister Stanhope, um ihn zu bitten, die nötigen Vorsichtsmaßregeln zur Verteidigung des Landes zu treffen, und zur Zeit zirkuliert ein Aufruf unter den Kaufleuten, Bankiers und sonstigen leitenden Kreisen der City, in welchem dieselben ersucht werden, sich an einer großen Versammlung zu beteiligen, deren Zweck es sein soll, Englands gegenwärtigen Verteidigungszustand zu Land und zur See zu ermitteln, da ein Krieg mit einer ausländischen Macht in naher Zukunft nicht unmöglich sei, und die bisherige Politik hinsichtlich der Defensivmaßregeln nicht länger fortdauern könne.
England versieht sich aber der Kriegsgefahr nicht so sehr von Seite Rußlands als von Seite Frankreichs, das, wenn einmal Boulanger seine ehrgeizigen Pläne verwirklicht, eher das unvorbereitete Inselreich als das wohlgerüstete Deutsche Reich überfallen dürfte. Ja, Boulanger und kein Ende! Er feiert Triumphe überall, wo er sich zeigt. In Lille hielt er bei einem Bankette eine Rede, in welcher er auf die Ohnmacht und Unfähigkeit der aus 500 souveränen Nichtstuern zusammengesetzten Kammer hinwies. Er nannte die Abgeordneten Urheber der Kolonialkriege, Schwindler, schimpfte auf die Verfassung, beschuldigte die Volksvertreter, daß sie das Volk prellten, und schmeichelte in plumper Weise den Wählern. In Douai beklagte er sich darüber, daß die Verfassung kein Mittel angebe, den Präsidenten zu beseitigen. Das ist doch deutlich genug gesprochen.
Fürst Ferdinand von Bulgarien ist am 16. ds. von seiner Reise, die eine fortgesetzte Kette von herzlichen und begeisterten Ovationen für ihn bildete, wieder nach Sofia zurückgekehrt.
König Milan von Serbien traf am 14. ds. in Wien ein, woselbst seine Gemahlin mit dem Kronprinzen schon seit einigen Tagen weilt.