Aufsätze aus «Deutsche Wochenschrift»

Die Woche, 17.-123. Mai 1888

In der Hauptstadt Mährens hat in den Pfingstfeiertagen die Hauptversammlung des Deutschen Schulvereins stattgefunden. Trotz der seit Wochen fortgesetzten Bemühungen tschechischer Agitatoren, namentlich der Sokolisten, die Versammlung zu stören, verlief dieselbe in glänzender und erhebender Weise, und nicht der geringste Mißton hat dieses schöne Fest, welches geeignet ist, die Einigkeit und Widerstandsfähigkeit der Deutschen zu erhöhen, gestört. Die Hauptversammlung fand im städtischen Redoutensaale statt und war von mehr als 800 Delegierten aus allen österreichischen Ländern und mehreren hundert Gästen, von denen auch einige aus Deutschland kamen, besucht. Aus dem Berichte über die Geschäfts- und Geldgebarung des Vereins entnehmen wir folgende interessante Daten: Das Ortsgruppennetz umfaßt 1035 vollständig im Gange befindliche Ortsgruppen, darunter 93 Frauen- und Mädchen-Ortsgruppen (fünf mehr gegen das Vorjahr), und sind mehr als 6000 Mitglieder an der Gruppenverwaltung tätig, darunter mindestens 600 Frauen. Die Zahl sämtlicher Vereinsmitglieder kann wieder mit etwa 120000 angenommen werden, wovon beiläufig 30000 auf Frauen und Mädchen entfallen. Die reinen Einnahmen im Gewinn- und Verlustkonto weisen eine Gesamtsumme von Gulden 291 814.38 aus. Die Gesamteinnahmen des Vereins beliefen sich seit seiner Gründung (Juni 1880) bis 1. Mai 1888 auf fl. 1 761 537.91 gegen fl. 1 462 218.35 am gleichen Tage des Vorjahres. Die für Schulzwecke verausgabte und gewidmete Gesamtsumme betrug fl. 296 684.51. Abends fand eine Festvorstellung im Theater und nach dem Theater die Begrüßung in der Turnhalle statt. Es wurden kernige deutsche Reden unter dem stürmischen Beifalle der Teilnehmer gehalten. Nur die Rede des ersten Vizebürgermeisters von Wien, Dr. Prix, brachte eine polemisierende Geschmacklosigkeit, zumal im Hinblick auf jüngst verflossene Gerichtsverhandlungen. «Daß unser Kaiser Franz Josef heiße», ist doch im Munde eines Österreichers etwas Selbstverständliches. Die servile Liebedienerei und Aufdringlichkeit, die eher geeignet ist, an höchster Stelle zu verletzen denn zu gefallen, beginnt platt zu werden. Auch für Reibereien zwischen Herrn Dr. Prix und Herrn Dr. Lueger, über dessen Deutschtum man nachgerade die Akten geschlossen hat, sind die Hauptversammlungen des Schulvereins nicht der Ort, welche durch einen Rückblick auf die Vergangenheit zu neuer werktätiger Arbeit für die Zukunft anspornen sollen. Höchst verdienstlich war der Antrag des Herrn von Dumreicher betreffs der Gründung eines Schulbaufonds. Dumreicher hat im Laufe dieses Jahres bereits mehrfach Gelegenheit gehabt, unter den deutschen Abgeordneten in bemerkenswerter Weise hervorzutreten, alle seine Ausführungen sind von hohem sittlichen Ernst getragen, sein Blick dabei immer auf das Wahre und Schaffende gerichtet, sein Wort eine Erquickung in der Dürre der Phrase, seine Reden ein Quell politischer Bildung und Erziehung für die deutsche Jugend Österreichs. Es kann sich mancher an dem Abgeordneten der Klagenfurter Handelskammer ein Beispiel nehmen.

In der nächsten Zeit stehen Veränderungen in der Dislokation der Truppenkörper bevor. Es werden die galizischen Regimenter, die bisher ihre Standquartiere noch außerhalb Galiziens hatten, nach Maßgabe der Verhältnisse in ihre Ergänzungsbezirke verlegt werden. Diese Maßregel erscheint, wie das diesbezügliche offizißsse Communique bemerkt, dadurch dringend geboten, weil durch die mannigfachen militärischen Objekte und Fortifikationen, die in den letzten Jahren in ganz Galizien errichtet worden sind, der militärische Dienst an Ausdehnung und Anstrengung beträchtlich gewachsen ist und Ansprüche stellt, für welche die in diesem Landesteile bisher nicht vermehrte Truppenanzahl ferner nicht als ausreichend betrachtet werden kann. Es wäre überhaupt eine Anomalie — fährt das Communique fort -, wenn gerade in jenem Grenzlande, welches seiner geographischen Lage und Beschaffenheit nach am exponiertesten ist, die für die schnelle Entwicklung der Wehrkraft so vorteilhafte Verlegung der heimatlichen Regimenter in ihre Ergänzungsbezirke nicht durchgeführt würde.

Kaiser Friedrich III. befindet sich andauernd besser. Nachdem die Gehversuche so gut geglückt sind, hat der Kaiser auch schon Spazietfahrten im offenen und geschlossenen Wagen unternommen, bei denen ihm immer vom Publikum begeisterte Huldigungen dargebracht wurden. Das Communique, welches die «Norddeutsche Allgemeine Zeitung» anläßlich der Grenzvexationen, denen deutsche Untertanen in der letzten Zeit ausgesetzt sind, veröffentlicht hat, wird seine Wirkung in Frankreich nicht verfehlen. Deutschland hat sich schon oft über französische Übergriffe solcher Art hinweggesetzt, aber die Provokationen häuften sich allzu sehr, um nicht die französischen Heißsporne energisch in die gebührenden Schranken zu verweisen, wie es jetzt geschehen ist. Die angedrohten Repressalien werden also wohl die Gemüter in Frankreich bald zur Vernunft bringen.

Ob der Boulangismus im Zu- oder Abnehmen begriffen ist, läßt sich heute nicht mit Sicherheit feststellen. Wohl behaupten die anständigen französischen Journale, daß die Herrlichkeit des braven Generals den Zenit überschritten habe. Das mag bei den oberen Zehntausend der Fall sein, von den breiten Volksmassen weiß man dies aber noch keineswegs sicher.

Prinz Ferdinand von Bulgarien richtete an den Ministerpräsidenten Stambulow ein Reskript, in welchem er ihn bittet, der Bevölkerung für den ihm bereiteten Empfang den Dank auszudrücken. Er sei von seiner Reise entzückt und werde sich demnächst nach Kazanlik begeben, um einige Tage im Rosentale zuzubringen.

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