Aufsätze aus «Deutsche Wochenschrift»

Die Woche, 23.-30. Mai 1888

Das Befinden des Kaisers Friedrich ist fortdauernd ein sehr günstiges. Am 24. fand die Vermählung des Prinzen Heinrich mit der Prinzessin Irene von Hessen, der Enkelin der Königin Viktoria von England, in Charlottenburg statt. Am 27. ist Fürst Bismarck aus Varzin wieder nach Berlin zurückgekehrt. Am 26. hielt das Preußische Abgeordnetenhaus seine letzte Sitzung, in welcher das Volksschullastengesetz gemäß den Beschlüssen des Herrenhauses angenommen wurde. Richter hielt gelegentlich der Verhandlung über die Wahlprüfung eine scharfe Rede gegen das Verhalten der konservativen und nationalliberalen Presse in der Kanzlerkrise und der Kaiserin gegenüber, so daß sich die Konservativen und Nationalliberalen gezwungen sahen, in energischster Weise Protest gegen diese Anschuldigungen einzulegen. Die «Norddeutsche Allgemeine Zeitung» und andere dem Fürsten Bismarck nahestehende Organe bringen in Erwiderung auf einen Aufsatz der «Moskauer Zeitung» heftige Artikel gegen das feindselige Verhalten Rußlands in politischen und wirtschaftlichen Dingen Deutschland gegenüber; zugleich wird die Notwendigkeit von Gegenmaßregeln betont. Man sprach sogar von Zollrepressalien gegen das Zarenreich. Doch soll es vorläufig nur bei der Drohung bleiben.

Im Österreichischen Abgeordnetenhaus wurde die Budgetdebatte am 25. geschlossen, nachdem Abgeordneter Derschatta den Justizminister wegen der geheimen Grundbuchordnung für das Grazer Oberlandesgericht in heftiger Rede angegriffen und Abgeordneter Pernerstorfer auf die schreienden Mißstände in der galizischen Gerichtspraxis hingewiesen hat. Die Vorlage betreffend die Subvention des ÖsterreichUngarischen Lloyd wurde angenommen. Gegenwärtig ist das Branntweinsteuergesetz Verhandlungsgegenstand. Am 26. Mai beantwortete Tisza die Interpellation Helfy betreffs die Beschickung der Pariser Weltausstellung von Seite der ungarischen Industriellen dahin, daß der Staat den Ausstellern keinerlei Unterstützung gewähren könne, und daß er überhaupt von jeder Teilnahme abrate. In Paris hat diese Rede begreiflicherweise großes Aufsehen hervorgerufen, und man sucht nach politischen Beweggründen Tiszas.

In Frankreich wurde von Clemenceau, Ranc und Joffrin eine Versammlung einberufen, die die Bildung einer «Gesellschaft der Menschenrechte» beschließt. Die Republik soll durch sie «gegen Diktaturgelüste geschützt werden». Auch sonst scheinen sich die Stimmen gegen Boulanger zu mehren. Die deutsche Reichsregierung hat verfügt, daß alle von Frankreich nach dem Elsaß kommenden Ausländer mit einem von der deutschen Botschaft in Paris bescheinigten Paß versehen sein müssen. Diese Maßregel wird mit dem Treiben der französischen Revanchepartei gerechtfertigt. Eine Reihe weiterer Bestimmungen sucht den Aufenthalt von Franzosen im Elsaß zu regeln.

Prinz Ferdinand von Bulgarien ist am 27. in Sofia eingetroffen; der Empfang war ein überaus glänzender. Prinzessin Clementine traf am 29. zum Namenstage des Fürsten (der auf den 30. fällt) ein. Es sind große Festlichkeiten für diesen Tag in Aussicht genommen.

In England wurde eine britisch-ostafrikanische Gesellschaft, welche die weitere Erforschung und Zivilisierung Afrikas bezweckt, gegründet und von der Regierung mit dem Rechte versehen, Zölle und Steuern zu erheben und eine bewaffnete Macht zu organisieren.

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