Aufsätze aus «Deutsche Wochenschrift»

Die Woche, 14.-20. Juni 1888

Als am Freitag, den 15., der Welt kund wurde, daß Kaiser Friedrich ausgerungen, da ging ein Zug tiefster Bewegung durch alle Welt. Allüberall empfand man es, was Friedrich dem deutschen Volke hätte sein können, wenn ihn nicht die tückische Krankheit daran gehindert hätte. Niemand kann sich verhehlen, daß dieser Kaiser auf dem Throne eine ethische Größe bedeutet hätte, die das Größte hätte hoffen lassen. Aus allen Teilen der Welt laufen Stimmen ein, die die tiefste Teilnahme für den edlen Herrscher bekunden. Die Bestattung fand Montag vormittag ½II Uhr statt. Wilhelm II. hat nach seiner Thronbesteigung das erste Wort an die Armee gerichtet. Wir wollen nur die markantesten Stellen hervorheben: «In der Armee ist die feste, unverbrüchliche Zusammengehörigkeit zum Kriegsherrn das Erbe, welches vom Vater auf den Sohn, von Generation zu Generation geht; und ebenso verweise ich auf meinen Großvater, das Bild des glorreichen und ehrwürdigen Kriegsherrn, wie es schöner und zum Herzen sprechender nicht gedacht werden kann; auf meinen teueren Vater, der sich schon als Kronprinz eine Ehrenstelle in der Armee erwarb... ich gelobe dessen eingedenk zu sein, daß die Augen meiner Vorfahren auf mich herniedersehen.»

Die Proklamation des neuen Königs von Preußen wollen wir als die wichtigste Kundgebung desselben dem Wortlaute nach hierhersetzen:

An mein Volk! Gottes Ratschluß hat über uns aufs neue die schmerzlichste Trauer verhängt. Nachdem die Gruft über der sterblichen Hülle meines unvergeßlichen Herrn Großvaters sich kaum geschlossen hat, ist auch meines heißgeliebten Herrn Vaters Majestät aus dieser Zeitlichkeit zum ewigen Frieden abgerufen worden. Die heldenmütige, aus christlicher Ergebung erwachsende Tatkraft, mit der er seinen königlichen Pflichten ungeachtet seines Leidens gerecht zu werden wußte, schien der Hoffnung Raum zu geben, daß er dem Vaterlande noch länger erhalten bleiben werde. Gott hat es anders beschlossen. Dem königlichen Dulder, dessen Herz für alles Große und Schöne schlug, sind nur wenige Monate beschieden gewesen, um auch auf dem Throne die edlen Eigenschaften des Geistes und Herzens zu betätigen, welche ihm die Liebe seines Volkes gewonnen haben. Der Tugenden, die ihn schmückten, der Siege, die er auf den Schlachtfeldern einst errungen hat, wird dankbar gedacht werden, so lange deutsche Herzen schlagen, und unvergänglicher Ruhm wird seine ritterliche Gestalt in der Geschichte des Vaterlandes verklären. Auf den Thron meiner Väter berufen, habe ich die Regierung im Aufblicke zu dem Könige aller Könige übernommen und Gott gelobt, nach dem Beispiel meiner Väter meinem Volke ein gerechter und milder Fürst zu sein, Frömmigkeit und Gottesfurcht zu pflegen, den Frieden zu schirmen, die Wohlfahrt des Landes zu fördern, den Armen und Bedrängten ein Helfer, dem Rechte ein treuer Wächter zu sein. Wenn ich Gott um Kraft bitte, diese königlichen Pflichten zu erfüllen, die sein Wille mir auferlegt, so bin ich dabei von dem Vertrauen zum preußischen Volke getragen, welches der Rückblick auf unsere Geschichte mir gewährt. In guten und in bösen Tagen hat Preußens Volk stets treu zu seinem König gestanden. Auf diese Treue, deren Band sich meinen Vätern gegenüber in jeder schweren Zeit und Gefahr als unzerreißbar bewährt hat, zähle auch ich in dem Bewußtsein, daß ich sie aus vollem Herzen erwidere als treuer Fürst eines treuen Volkes, beide gleich stark in der Hingebung für das gemeinsame Vaterland. Diesem Bewußtsein der Gegenseitigkeit der Liebe, welche mich mit meinem Volke verbindet, entnehme ich die Zuversicht, daß Gott mir Kraft und Weisheit verleihen werde, meines königlichen Amtes zum Heile des Vaterlandes zu walten. Potsdam, ı8. Juni 1888. Wilhelm.

Durch kaiserliche Verordnung wird der Reichstag auf Montag, den 25. Juni, einberufen. Der Kaiser wird denselben selbst mit einer Thronrede eröffnen.

In Österreich sind es gegenwärtig die Delegationen, auf die das politische Interesse gerichtet ist. Da ist vor allem der freundlichen und von tiefem politischen Takte getragenen Art zu erwähnen, mit der von den ungarischen Staatsmännern das Bündnis mit Deutschland behandelt wird, so daß Graf Kalnoky mit Recht sagen konnte, es sei wohl kaum früher geschehen, daß ein als geheim abgeschlossener Staatsakt auf diese Weise in die Öffentlichkeit gebracht, mit so allseitiger Billigung begrüßt wurde. Auch auf die Wichtigkeit des Bündnisses mit Italien wurde hingewiesen, und es muß gewiß auch mit Befriedigung erfüllen, daß Kalnoky sagen konnte, der Abschluß des letzten Handelsvertrages mit diesem Reiche, das die handelspolitischen Beziehungen auf eine sichere Grundlage stellte, habe gezeigt, wie der leitende Staatsmann Italiens, Crispi, mit Energie und erleuchtetem Verständnisse die Politik im Sinne des engsten Zusammengehens seines Landes mit Deutschland und Österreich-Ungarn lenkt. In bezug auf die politische Situation Europas haben wir wohl nichts Neues erfahren. Auch Graf Kalnoky betonte, daß von den Ursachen, die im letzten Winter und früher den Frieden als gefährdet erscheinen ließen, keine geschwunden ist. Die Besorgnisse entspringen nicht allein aus den Zuständen auf der Balkanhalbinsel, als vielmehr aus der allgemeinen eutopäischen Lage, aus den Machtverhältnissen der einzelnen Staaten und den tiefgehenden Differenzen der Auffassung nicht so sehr der Kabinette als der Bevölkerungen. In bezug auf Bulgarien trat deutlich genug die Sympathie Österreich-Ungarns für den Fürsten Ferdinand hervor, dessen offizieller Anerkennung von Seite der Monarchie nur der Umstand entgegensteht, daß die Türkei, der die Initiative zusteht, diese noch nicht ergriffen hat. — Bei der Besprechung des Kriegsbudgets hob Reichs-Kriegsminister Bauer hervor, daß in Zukunft in den Ausbildungsschulen mehr Sorgfalt auf die Pflege der ungarischen Sprache bei Offizieren gelegt werden soll, wodurch aber der gemeinsamen Armeesprache kein Eintrag geschehen soll. Das Ordinarium wurde einstimmig bewilligt.

Der Empfang, der dem österreichischen Kronprinzenpaare überall in Bosnien wurde, ist ein außerordentlich erfreulicher.

Fürst Ferdinand von Bulgarien dürfte nach den neuesten Nachrichten die Affäte Popow in einer dem letzteren günstigen Weise erledigen. Die Minister scheinen sich dem Willen des Fürsten anzuschließen, und es kann wohl nicht mehr von einer Kabinettskrisis gesprochen werden. Der Fürst reist mit Prinzessin Clementine nach Philippopel ab, wo ihn Ministerpräsident Stambulow erwartet.

Die Stichwahlen in Belgien brachten den Katholiken sämtliche acht Sitze im Senat und einen in der Kammer.

In Madrid hat infolge der Differenzen, die zwischen dem einflußreichen Marschall Martinez Campos und dem Kriegsminister bestanden, dessen Militärreform sich der letztere widersetzte, eine Ministerkrise stattgefunden. Das neugebildete Kabinett Sagasta hat in der Kammer erklärt, nur eine Fortsetzung des vorausgegangenen sein zu wollen.

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