Aufsätze aus «Deutsche Wochenschrift»
Die Woche, 6.-13. Juni 1888
Im Vordergrunde der Ereignisse steht der am 8. erfolgte Rücktritt Puttkamers. Wir bringen eine Beleuchtung dieses Ereignisses an leitender Stelle. Die bis jetzt verbreiteten Mitteilungen über den eventuellen Nachfolger beruhen lediglich auf Kombinationen. Die Ernennung desselben verzögert sich wohl wegen des Befindens des Kaisers, in dem leider in den letzten Tagen eine bedauerliche Verschlimmerung eingetreten ist.
Am 9. ist die Delegations-Session in Pest eröffnet worden. Den Delegierten sind folgende Vorlagen unterbreitet worden: der gemeinsame Voranschlag für 1889, der außerordentliche Kredit für die Truppen in Bosnien, die Nachtragskredite des Ministeriums des Äußern und der Kriegsmarine, der Spezialkredit für militärische Vorsichtsmaßregeln, eine Vorlage betreffend die Erstreckung von Krediten für die Kriegsmarine, die Schlußrechnung für 1886, der Gebarungsausweis für 1887 und das bosnische Budget. Das Nettoerfordernis, das sich aus diesen Vorlagen ergibt, ist 192 Millionen. Bringt man hiervon den Betrag von 17,6 Millionen in Abschlag, der der gemeinsamen Regierung für den Fall dringenden Bedarfes — sie hat bei eventueller Verwendung das Einverständnis der österreichischen und ungarischen Regierung einzuholen - zur Verfügung gestellt wird, so verbleibt noch immer die namhafte Summe von 175 Millionen. Davon entfallen ungefähr 96°/s Prozent auf die militärischen Auslagen und davon 29,7 Millionen auf den außerordentlichen Rüstungskredit (davon sind ı6 Millionen infolge Beschlusses des Kronrates zu Weihnachten schon in Verwendung gelangt). Das ordentliche Erfordernis des Heeres beträgt 115,9 Millionen, das außerordentliche 23,1 Millionen, der bosnische Okkupationskredit 4,5 Millionen. Diese Ziffern werfen ein nur allzu helles Licht auf die politische Situation Europas, die in der Ansprache des Kaisers an die Delegationen mit folgenden Worten berührt erscheint: «Die Beziehungen der Monarchie zu den auswärtigen Mächten tragen einen durchaus freundschaftlichen Charakter; wenn aber trotzdem meine Regierung gezwungen ist, in ihrer pflichtgemäßen Sorge für die Sicherung unserer Grenzen und Förderung unserer Wehrkraft bedeutende Kredite in Anspruch zu nehmen, so liegt der Grund hiervon hauptsächlich in der fortwährenden Unsicherheit der politischen Lage Europas.» Mit Worten sprechen unsere Regierungen eben die Hoffnungen, mit Zahlen die Befürchtungen aus.
Das Kronprinzenpaar hat sich nach Bosnien begeben und ist heute in Serajewo eingetroffen.
Zwischen Italien und dem Sultan von Zansibar ist ein Konflikt ausgebrochen; der Sultan hat sich geweigert, den von seinem Vorgänger mit Italien abgeschlossenen Vertrag, der die Abtretung der Küste zwischen Kap Delgado und dem Äquator an Italien verfügte, auszuführen.
Die Universität Bologna feierte am 12. ds. das Fest ihres achthundertjährigen Bestandes.
Ein überraschendes Ereignis ist der Sturz des ägyptischen Premierministers Nubar Pascha, der selbst für England, wo man gewohnt war, in ihm den Förderer englischer Interessen zu sehen, überraschend gekommen zu sein scheint. Als unmittelbare Ursache werden die Reformen angegeben, die Nubar bezüglich der Landsteuer und des Agrarwesens verlangte, bei denen Nubar von dem englischen Vertreter Baring, der seit langem sein Gegner war, keine Unterstützung erhalten konnte. Der tiefer liegende Grund dürfte aber die Gegnerschaft Frankreichs gegen Nubar sein, das letztere durch seine vor einigen Jahren beabsichtigte Unterdrückung des französischen Journals in Ägypten «Bosphore», sowie durch eine Äußerung, die er über Frankreich getan haben soll, das «seit 1870 eine Leiche ist, die man mit Füßen treten kann», gereizt hat. Frankreich scheint bei seinem Sturze mitgewirkt zu haben.
Am 12. haben in Belgien die Wahlen zur Erneuerung der Hälfte der Kammer- und Senatsmitglieder stattgefunden. Die Liberalen haben eine vollständige Niederlage erlitten. Sie haben nicht nur keinen einzigen Sitz erobert, sondern sogar zwei verloren. In Brüssel ist eine Stichwahl zwischen dem Kandidaten der gemäßigten Liberalen und der Independenten notwendig.
Fürst Ferdinand von Bulgarien steht vor der Entscheidung über den Prozeß Popow. Er hat das kriegsgerichtliche Urteil nicht sofort bestätigt, sondern die Prozeßakten dem Kriegsminister mit der Erklärung zurückgestellt, er müsse sich die Sache noch überlegen. Die Meldungen, daß sich das Ministerium in zwei Parteien gespalten habe, von dem die eine oder die andere, je nachdem die Entschließung des Fürsten ausfalle, demissionieren wolle, erklärt die «Agence Havas» für erfunden. Der Fürst und Prinzessin Clementine beabsichtigen, einige Zeit in Ostrumelien zuzubringen.