Aufsätze aus «Deutsche Wochenschrift»
Die Woche, 11.-18. Juli 1888
Kaiser Wilhelm trat am ı3. Juli mit großem Gefolge seine Reise nach Rußland an, Samstag vormittag traf er in Kiel ein, um von da aus mit der kaiserlichen Yacht «Hohenzollern» die Reise zur See fortzusetzen. Die Begegnung des Kaisers mit dem Zaren soll Donnerstag am 19. auf der See stattfinden. An demselben Tage wird der deutsche Monarch in Kronstadt eintreffen, wo er während seines Aufenthaltes in Rußland wohnen wird.
Eine interessante Beleuchtung erfährt das Charakterbild Kaiser Wilhelms durch eine eben erschienene Schrift seines ehemaligen Erziehers Hinzpeter.
Der deutsch-politische Verein von Saaz hielt am 15. eine Wanderversammlung in Kolleschowitz ab, in welcher Abgeordneter Krepek seinen Rechenschaftsbericht erstattete. Er tadelte in entschiedener Weise die finanziellen Maßnahmen der Regierung und bedauert, daß zur Abhilfe der traurigen Lage der Bauern nichts geschehe. Abgeordneter Steinwender legte am 9. Juli vor seinen Wählern in Bleiberg-Kreuth seinen Rechenschaftsbericht ab, wobei er das Vorgehen der Resierung in der Branntweinsteuerfrage auf das schärfste angriff. In Brünn fand am 16. Juli unter dem Vorsitze des Reichsrat-Abgeordneten Promber die Jahresversammlung des Deutschen Vereins statt. Hierbei wurde das Bestreben des Vereins als unter der Devise stehend bezeichnet: «National, staatstreu und einig»; der Liechtensteinsche Schulantrag wurde in der entschiedensten Weise zurückgewiesen.
Der serbische Kronprinz ist in seine Heimat zurückgekehrt. Königin Natalie mußte den Sohn auf das entschiedene Begehren der deutschen Behörden ausliefern. Königin Natalie verweilte von Sonntag abends bis Dienstag in Wien und hat sich von hier aus nach Paris begeben.
Aus Sofia wird mitgeteilt, daß demnächst Zankoff aus Konstantinopel nach Bulgarien zurückkehren und zu einer Verständigung zwischen sich und Stambulow die Hand bieten wolle.
Am 12. stellte Boulanger in der Französischen Kammer neuerdings den Antrag auf Verfassungsrevision und Auflösung der Kammer. Die Art, mit der er es tat, und die unerhörten Insulten, die er den Gegnern ins Gesicht schleuderte, führten zu argen Auftritten. Schliesslich überreichte der General sein fertig mitgebrachtes Schreiben mit dem Inhalte, daß er sein Mandat niederlege. Die Folge von Boulangers Auftreten war ein Duell auf Degen zwischen Floquet und Boulanger, wobei der letztere am Halse schwer verwundet wurde.
Am 13. fand die Enthüllung des Gambetta-Denkmals auf dem Karussellplatze statt. Floquet hielt eine die Bedeutung Gambettas beleuchtende Rede. Freycinet pries besonders die Standhaftigkeit, die Gambetta in allen Stadien des Krieges bewahrte, und die Hingabe, mit der er sich der Armee widmete.
Am 14. Juli fand das Fest des 99. Jahrestages der Erstürmung der Bastille in Paris statt. Präsident Carnot hielt eine Rede an die versammelten Maires, in der er erklärte, daß die Geschicke des modernen Frankreichs von der Republik nicht zu trennen seien.
Im Englischen Oberhause beantragte Argyll ein Vertrauensvotum für die Regierung wegen ihrer in bezug auf Irland verfolgten Politik. Dasselbe wird einstimmig angenommen.
In den letzten zehn Tagen des Juli findet in Kiew das Fest des neunhundertjährigen Bestandes des Christentums in Rußland statt. Vor einigen Tagen wurde ein Ukas des Zaren veröffentlicht, der das bestehende Wehrgesetz wesentlich abändert. Die Gesamtdienstzeit wird nun ı8 Jahre dauern, und zwar fünf Jahre in der aktiven Armee, 13 in der Reserve. Die russische Armee erfährt dadurch eine Erhöhung von 500 000 auf 600 000 Mann.